Theaterbrief aus Myanmar - Goethe-Instituts-Arbeit im Schatten des Bürgerkriegs
Bis es wieder hell wird
5. März 2025. Seit das Militär die Macht übernommen hat, fürchten die Menschen in Myanmar die Nacht. Dann kommen die Straßenkontrollen, und wer mitgenommen wird, landet oft an den Frontlinien des Bürgerkriegs. In den Räumen des Goethe-Instituts von Yangon wird trotzdem mutig Theater gespielt. Und für eine andere Zukunft geprobt.
Von Helgard Haug
Im geschützten Raum: Teilnehmer*innen des Workshops am Goethe-Institut Yangon © Helgard Haug
5. März 2025. 'Golden Land' steht mit großen goldenen Buchstaben auf einer tiefblauen Tafel an einer Straßenkreuzung, die den Autoverkehr vom Flughafen in die Stadt leitet. Als ich es leise vor mich hinsage, dreht sich der Fahrer zu mir um und sagt: "Yeah - but the gold is all gone!"
Auf Einladung des Goethe Instituts bin ich nach Yangon gereist, die größte Stadt Myanmars, um mit einigen burmesischen Künstler:innen zusammenzuarbeiten. Eine erste Anfrage erreichte Rimini Protokoll 2020 vom damaligen Leiter des Instituts Martin Wälde, der uns bereits vor über zwanzig Jahren nach Kalkutta eingeladen hatte. Aus dieser sehr offenen Recherche-Einladung sind damals die beiden Stücke "Call Cutta" und "Call Cutta in a Box" entstanden, in denen indische Performer:innen aus einem Call-Center per Skype einzelne Theatergänger:innen durch Berlin lotsten beziehungsweise in Büros in der ganzen Welt in ein Gespräch über Arbeitswirklichkeiten verwickelten.
"Es ist riskant"
Die Pandemie und der Militärputsch machten die Recherchereise unmöglich. Kollege Daniel Wetzel arbeite stattdessen in einem Online-Seminar mit einer kleinen Gruppe von Künstler:innen. Aber es war sehr schwer, die Entfernung zu überbrücken.
Diesen losen Faden greife ich mit Mona Kriegler wieder auf, die seit 2022 das Institut leitet. Die Mittel sind sehr beschränkt (beziehungsweise allgemein für die Goethe-Institute erschreckend gekürzt worden), aber dennoch konnte das Projekt durch institutionelle Gelder in die Planung gehen. "Es ist riskant!", betont sie vorab mehrmals.
Das Auswärtige Amt rät von Reisen ab. Auf der Website steht zu lesen: "Liebe Landsleute, seit der Machtübernahme durch das Militär am 1. Februar 2021 kommt es landesweit weiterhin verstärkt zu vielen weiteren Konfliktsituationen, die oft in Gewalt münden. Das Auswärtige Amt empfiehlt weiterhin allen Deutschen in Myanmar, das Land zu verlassen und warnt vor Reisen nach Myanmar." Über das gesamte Land wurde ein Ausnahmezustand verhängt, und viele Gebiete wurden komplett abgeriegelt. In einigen Regionen des Landes und in einigen Stadtteilen von Yangon gilt das Kriegsrecht, welches den Sicherheitskräften den sofortigen Schusswaffengebrauch erlaubt und die Gerichtsbarkeit dem lokalen Militärkommandanten unterstellt.
Pagode von Yangon bei Nacht © Harish Shivaraman / unsplash
Der Bürgerkrieg zwischen der Junta (den Regierungstruppen 'Tatmadaw') und den zersplitterten Rebellengruppen findet in vielen Regionen tagtäglich statt. Diese Gebiete sind nicht nur für Tourist:innen komplett gesperrt, auch Einheimische dürfen dort nicht hinreisen beziehungsweise müssen überhaupt sehr umsichtig auf ihren Reisen im Inland sein. Im Demokratieindex liegt Myanmar derzeit auf Platz 166 von 167, nur gefolgt von Afghanistan. Sogar Nordkorea steht einen Platz darüber.
Wir konzipieren einen Workshop, der lokalen Künstler:innen eine Möglichkeit geben soll, überhaupt künstlerisch zu arbeiten und zu präsentieren. Denn es gibt kaum öffentliche Events. Viele Veranstaltungsorte haben dichtgemacht.
Von der Wand grüßt der Bundespräsident
Das Flugzeug ist halbleer, das Hotel, das ich beziehe und in dem mit der Demokratisierungsbewegung in den Jahren 2011 bis 2021 unter anderem auch schon mal Obama und Co. abgestiegen sind, wirkt verwaist. Eines Morgens werden einmal zwei junge Frauen aus der Schweiz auftauchen, die für eine NGO arbeiten. Ansonsten sind es wohl eher Geschäftsleute, die hier unterkommen, buddhistische Pilger, auch mal Familien. Niemand bleibt länger als zwei bis drei Tage. Privat dürfen Reisende derzeit nicht untergebracht werden. Es ist beste Reisezeit: 'nur' circa 32 Grad. Ab nun wird das Thermometer täglich steigen, ab März wird es unerträglich. Dann folgt über sechs bis sieben Monate der Monsun mit heftigen und andauernden Regenfällen.
Ich werfe mein Gepäck ab und laufe die zwanzig Minuten an einer recht dicht befahrenen Straße zum Goethe Institut, das hier meist 'Goethe Villa' genannt wird. Ein Kolonialbau, später von einem chinesischen Kaufmann bewohnt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente sie als Hauptquartier der Einheitsliga – ein Zusammenschluss der Armee und der kommunistischen und sozialistischen Parteien, die hier ihre Strategie zur Loslösung von der britischen Kolonialmacht entwickelten. Zu ihnen gehörte damals auch als einer der führenden Köpfe Aung San, der 1947 erschossene Vater der Friedensnobelpreisträgerin und kurzzeitigen Außenministerin Aung San Suu Kyi. Von 1967 bis 2016 fand im großen Salon der Villa staatlicher Kunstunterricht statt. 2014 wurde das Goethe Institut von der damals durch die NLD (Nationalliga für Demokratie) geführten Regierung als Mieter akzeptiert. Auf einem Bild im Eingangsbereich der Villa ist ein heiterer Bundespräsident Joachim Gauck mit dem burmesischen Minister of Culture and Religious Affairs bei der Eröffnung zu sehen. Es wurde umfassend in die Renovierung und drei Neubauten investiert.
Die Anlage ist eine Oase – ein 'safe space' im besten Sinne. Die Bibliothek – samt Zugang zum Internet – kann öffentlich genutzt werden. Es gibt ein Café und einen großen, gut ausgestatteten Veranstaltungsraum, den wir die kommenden Tage für den Workshop beziehen werden.
Ausgedünnte Kunstszene
Viele junge Menschen bewegen sich zu den Unterrichtsräumen in der Villa. Für den Konversationskurs wird eine deutschsprachige Person gesucht. Ich springe ein. Stuhlkreis. Wir spielen ein Spiel. Ich stelle mich mit fünf Sätzen vor, und sie müssen später Quizfragen beantworten. Dann stellen sie sich vor. Fast alle sind ausgebildete Krankenschwestern und -pfleger. Eine bestandene Sprachprüfung kann ihnen den Weg nach Deutschland öffnen. Das ist ihre Motivation, und das ist auch der Hintergrund für die rege Nutzung des Sprachunterrichts. Sie alle wollen weg von hier. Denn vor knapp einem Jahr wurde das 'Conscription Law' (Wehrpflichtgesetz) eingeführt, ein neues Gesetz, das alle Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren und Frauen zwischen 18 bis 35 Jahren zum Kriegsdienst verpflichtet. Ein Braindrain begann, der auch die Kunstszene völlig ausdünnte. Mittlerweile hat sich die Lage weiter verschärft, die Altersbegrenzungen wurden aufgehoben, und es mehren sich die Ereignisse, dass Menschen, die trotz aller Nachweise von Sprachprüfungen oder zugesagter Stipendien und Arbeitsplätze am Flughafen aufgehalten werden und nicht ausreisen dürfen.
Pagode von Yangon © Helgard Haug
Am kommenden Tag beginnt der Workshop. Es sind neunzehn Teilnehmer:innen: eine bunte Mischung aus Performer:innen, Filmschaffenden, Autor:innen, teilweise aus Theaterkollektiven, eines das seit seiner Gründung 2009 seine Aufführungen hauptsächlich an Kinder und Jugendliche richtetet oder ein anderes, das sich bei einer Initiative am British Council formiert und Aufklärungsarbeit für Themen wie HIV/AIDS, Menschenhandel, Gleichberechtigung und Femizide künstlerisch vor allem auch in ländliche Regionen gebracht hat. Ein 2000 geborener Streetdancer und Kurator ist dabei, Puppenspieler, einige sind noch Studierende. Wobei es keine Ausbildung für Theaterschaffende gibt. Der Weg führt über die bildende Kunst, und es gibt einzelne Lehrer, die Schüler:innen aufnehmen und sehr traditionelle Theateransätze vermitteln. Der prominenteste Teilnehmer ist Dichter, Performer, Zeichner und studierter Ingenieur mit Exilerfahrung: Mit der beginnenden Zensur zog er nach Thailand und blieb dort sieben Jahre. Nun ist er wieder da und sagt: "Ich bleibe hier!" Die anderen nicken. Sie alle haben Kolleg:innen, Freund:innen und Familienmitglieder verloren, aber sie möchten in Myanmar bleiben und sich nicht vertreiben lassen.
Für den Workshop gab es keine öffentliche Ausschreibung, die Teilnehmenden wurden alle persönlich angefragt. Ein Dolmetscher ist mit im Team, denn die Englischkenntnisse sind unterschiedlich gut. Es ist klar, dass ich mit einer völlig anderen Theaterästhetik, einem anderen Ansatz und auch völlig anderen Mitteln arbeite. Wir einigen uns auf einen Begriff, der allgegenwärtig ist, uns alle interessiert und zu dem wir in den kommenden Tagen eine Performance entwickeln wollen: "Verschwinden". Wir verabreden auch, dass jeden Tag eine andere Person ein neues Setting mit den flexiblen Bühnenpodesten aufbauen wird.
"Dann bist du weg. Kanonenfutter."
Eine Stunde vor Sonnenuntergang endet der Workshop. Alle wollen schnell aufbrechen. Alle haben Angst vor der Dunkelheit und davor, an Checkpoints angehalten zu werden. Dort werden Taschenkontrollen durchgeführt und die Handys nach unerlaubten Apps durchsucht. Ein Teilnehmer erzählt: "Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass sie sagen 'Come with me'", eine Anweisung, die das Ende bedeutet. Wird sie ausgesprochen, bei den Kontrollen, aber auch von Menschen, die ohne Uniform die Nachbarschaften durchkämmen und auf den ersten Blick nicht dem Militär zuzuordnen sind, dann ist klar, was folgt: Ohne Ausbildung, ohne gutes Material werden sie von den Straßen gefischt und in die Kriegsgebiete gebracht. "Dann bist du weg, 'Kanonenfutter', dann ist es aus", ergänzt eine der Schauspielerinnen. Familien mit Geld können ihre Söhne und Töchter freikaufen. Aber dann wiederholt sich das Spiel oft weitere Male.
Wir sind immer auf der Hut", sagen sie. Wenn wir rausgehen, gehen wir schnell, wir meiden Menschenmengen, und wenn jemand auf uns zukommt, versuchen wir zu verschwinden. Observierungstechniken, die das große Nachbarland China bereitwillig zur Verfügung stellt, engen den Aktionsradius weiter ein.
Ich bewege mich innerhalb einer Zone ohne Checkpoints, in der Dunkelheit werden für mich eher die losen Gehwegplatten und Hunde zum Problem, die schläfrig überall rumliegen und die ich ohne Straßenlampen kaum sehe. Am Rand der Straße stehen Prostituierte – tagsüber: als würden sie auf einen Bus warten, abends offensiv. Eine weitere Herausforderung, tags wie nachts, ist das Überqueren der Straßen. Der Verkehr ist dicht, es gibt kaum Fußgänger-Ampeln. Und dann sind da noch die Moskitos… Das Dengue-Fieber greift vor allem in der Regenzeit um sich. Impfungen sind für die meisten Menschen hier nicht zugänglich.
Mona Kriegler, die Institutsleiterin, sagt, Stimmen wurden lauter, dass in Myanmar keine Kulturarbeit mehr möglich sei und das Institut öffentlich vielleicht gar nicht mehr so richtig agieren könnte. Sie aber wollte nicht kapitulieren und weiß zu gut, was es für die Künstler:innen bedeutet, einen Ort zu haben, an dem sie sich treffen und arbeiten können – ohne Angst. Es gibt ein großes Theater im Zentrum, einen Kolonialbau. Niemand weiß so recht, was darin derzeit geschieht. "Nichts!", sagen die einen. Die anderen sagen: "'Die Chinesen' machen da immer mal wieder Veranstaltungen." Niemand war im vergangenen Jahr dort. Zuvor war es auch für Veranstaltungen vom Goethe Institut hin und wieder genutzt worden. "Wir gehen da nicht mehr hin", sagen alle.
Widerstandsfähigkeit lernen
Am nächsten Tag bauen wir nach Anweisung einer der Teilnehmerin die Bühne in die Mitte des Raumes. Schnell entstehen Improvisationen. Es ist eine große Lust zum Spielen spürbar. Es wird wenig diskutiert – einfach gemacht. Sehr ernst ist es oft, aber es gibt auch Humor. Wir probieren Formate aus, die subversiver sind, keine Bühne brauchen. Schreiben scores – instructional plays – ist das ein Gedanke? Den Menschen auf der Straße kleine Zettel zustecken, damit sie zu Hause und in Vertretung der zensierten Künstler:innen ihre Performances durchführen können? Aber wem kann man trauen und wem nicht? Und wie explizit, wie direkt dürfen wir überhaupt sein?
Ein Teilnehmer führt am zweiten Tag den Begriff 'Resilienz' ein. Darum ginge es: widerstandsfähig zu sein. In einer Improvisation bittet er einen anderen, sehr viel größeren und stärkeren Kollegen, ihn wegzuschubsen. Er fällt zu Boden, steht sofort wieder auf und rückt näher an den Angreifer heran, die Szene wiederholt sich so lange, bis es ihm gelingt, in seinem Sprung zurück auf die Beine den Angreifer an die äußerste Bühnenkante zu drängen, so dass dieser schließlich runterspringen muss.
"Wir werden hier noch gebraucht." Eine Filmszene wird erarbeitet © Helgard Haug
Eine Filmregisseurin stellt die letzte Szene nach, die sie gedreht hat. Der Dreh wurde vom Militär unterbrochen und das Material konfisziert. Bei der zweiten Probe dieser Szene entscheiden sie sich, das Militär nicht darzustellen, sondern die Bedrohung von außen durch steigendes Wasser zu symbolisieren, das in das Filmstudio eindringt. Die dritte Variante der Szene wird unter Wasser in Zeitlupe gespielt.
Der Übersetzer hat jeden Tag ein anderes Buch dabei: französische Poststrukturalisten, er möchte Übersetzungen dieser Texte auf burmesisch machen. Auch er sagt: "Es können nicht alle weggehen! Wir werden doch hier gebraucht." Weitere Szenen entstehen, die diese Resilienz bebildern. Die Performer:innen nehmen unterschiedliche Gestalten an. Werden Tiere, die sich dem Zugriff entziehen, Vögel, Fische, Glühwürmchen, sie werden zu Bäumen und zu Flüssen, immer wieder wandeln sie ihre Gestalt. Das Spiel ist sehr körperlich, stark choreographisch.
Eine Übung in Demokratie
Der dritte Tag ist der 1. Februar. Vierter Jahrestag des Militärputsches und Ende der Demokratisierungsbewegung, die 2010 mit freien Wahlen begonnen hatte. Im Internet ist ein Video zu finden: Mit einer Selfie-Kamera hatte eine Trainerin sich an einem zentralen Platz der absurden und künstlich angelegten Hauptstadt Naypyidaw eingerichtet. Und während sie Beine, Bauch und Po trainiert, rollen hinter ihr die Militärkonvois vorbei, deren Soldaten wenig später den Putsch begehen werden. Wir überlegen, ob es sicherer ist, an diesem Tag zu Hause zu bleiben. Aber alle wollen weiterarbeiten, und wir treffen uns auf der Bühne, um sie nun zu einer Show-Treppe umzubauen.
Eine Übung in Demokratie, während draußen die Diktatur herrscht!
Einige haben lange Anfahrtswege, bis zu einer Stunde. Sie kommen mit dem Bus oder haben sich ein 'Grab' geschnappt, das Äquivalent zu 'Uber'. Bis vor einiger Zeit fuhr noch ein Zug, der 'Circular Train', in einem großen Kreis um die Innenstadt, um den Straßenverkehr etwas zu entlasten. Aber der Betrieb ist derzeit eingestellt. Es gebe nicht mehr genug Zugführer. Einige wohnen auch auf der anderen Seite des breiten Irrawaddy-Flusses. Nur erreichbar mit einer Fähre, die Teilstücke einer großen Brücke, die 2020 fertiggestellt werden sollte, stehen unverbunden im Fluss.
Es bleibt ruhig an diesem Tag, und wir machen im Hinblick auf die Präsentation in der kommenden Woche eine erste Bestandsaufnahme: Welche Szenen wollen wir weiterentwickeln? Welche streichen? Wir geben den Szenen Titel und schreiben sie auf kleine Zettel. Auf einer Pinnwand hängen wir sie immer wieder um, probieren Abfolgen aus und diskutieren die Dramaturgie – zu zwanzigst! Das ist sehr konstruktiv – alle lassen sich ausreden, lassen sich auf Argumente der anderen ein, sind, obwohl die Themen und Szenen so existentiell sind, geduldig und willens, etwas gemeinsam zu beschließen. Eine Übung in Demokratie, während draußen die Diktatur herrscht! Hier setzt sich kein Platzhirsch durch. Die Köpfe sind heiß, aber dann steht sie: die erste Abfolge.
Das Ende der Workshop-Zeit kündigt sich immer durch einen kurzen Stromausfall an. Dann ist die Stromration aufgebraucht, die diesem Stadtviertel zur Verfügung steht, und die, die es sich leisten können, schalten um auf private Generatoren. Auf dem Dach des Veranstaltungsraums wird derzeit eine Photovoltaik-Anlage installiert, um unabhängig zu sein.
Auch am Abend ist das Goethe Café gut besucht. Autos mit Expats rollen an, aber auch viele Einheimische kommen gerne. Hier kann man sowohl asiatisch und "fusion" essen als auch eine deutsche Wurstplatte und Bier bestellen. Am Tisch hinter mir diskutiert ein Österreicher lautstark mit einem Versicherungsvertreter seine private Krankenversicherung. "In Austria, you know – everything is for free." Wer zahlt eine Krebsbehandlung hier, und ist sie überhaupt möglich? Auch das Gesundheitssystem des Landes ist zusammengebrochen, das Militär hat Krankenhäuser besetzt, Versorgungswege sind dicht, so dass Medikamente nicht mehr ins Land gebracht werden können. Der Vertreter weist auf den Sonderpassus der Lebererkrankung hin. Davon sind in Myanmar besonders viele Menschen betroffen.
Regierung hat Künstler*innen auf dem Radar
Am nächsten Morgen fehlen an der Pinnwand einige Zettel. Diese Szenen wollen sie doch nicht zeigen. Die Künstler:innen hatten Sorge, nicht relevant genug zu sein oder aber zu eindeutig. Zum Beispiel hatte eine Künstlerin eine Szene entwickelt, in der eine kleine Gruppe einen Weg durch den Dschungel sucht und damit konfrontiert wird, dass alle Straßen blockiert sind und sie nicht weiterkommen. Sie setzen sich in einen Kreis und beginnen, ein harmloses Kartenspiel zu spielen, während die Bomben unmittelbar neben ihnen einschlagen.
Sehr genau wird in den kommenden Proben abgewogen, was zu gefährlich ist, was geändert und ganz gestrichen werden sollte. Immer wieder müssen die Künstler:innen auch vor ihrem eigenen Mut beschützt werden. Das Imitieren von Artilleriegeschützen geht auf keinen Fall.
Eine Performerin ist Muslima und thematisiert die Diskriminierung und Vertreibung der muslimischen Rohingyas durch die mehrheitlich buddhistische Gesellschaft. Auch das ist heikel… Wir proben weiter, verschränken Ideen und spannen den Lichttechniker ein, arbeiten am Timing.
Bei der Präsentation sind die Goethe-Gastgeber überrascht über den großen Andrang. Freund:innen und Kolleg:innen der beteiligten Künstler:innen kommen, Expats aus anderen Kultur-Institutionen, Instituts-Assoziierte. Die Stimmung ist gespannt, sehr konzentriert beobachten die knapp 150 Zuschauer:innen das Bühnengeschehen. Auch bei den Künstler:innen merke ich, wie angespannt sie sind. Sie überraschen mich mit der aktiven Spielweise – sind viel extrovertierter als in den Proben, fordern Zuschauer:innen auf, ihre Handys zu einem Lichtermeer einzuschalten. Denn auch die nächtliche Dunkelheit ist nur dunkel, wenn man die Sterne ignoriert.
Wir eröffnen den Abend mit den Worten 'Wir sind hier'. Er schließt mit einem kindlichen Versteckspiel. Während sich die Gruppe anfangs unerschrocken auf der Bühne und im Licht positioniert, steht am Ende eine sehr fragile Performerin auf der Bühne und fragt: "Seht ihr mich?". Immer wieder versucht sie, sich auf der Bühne hinter Podesten zu verstecken oder mit den Händen die Augen zu verdecken, in der Annahme, das könne sie unsichtbar machen. Aber der Ruf der anderen Künstler:innen, in den schließlich auch das Publikum einstimmt, besteht darauf: "Wir sehen dich!" Sie sind nicht wegzukriegen, nicht wegzudenken, bestehen darauf: hier zu sein, hier ihre Wirkungsstätte zu haben, gebraucht zu werden.
Und dann glänzt das Gold
Ein paar hundert Meter unweit der Goethe Villa befindet sich die Shwedagon Pagode. Wahrzeichen der Stadt und buddhistische Pilgerstätte, aber auch symbolischer Ort für die Demokratiebewegung: 'The Lady’ Aung San Suu Kyi hielt hier ihre erste öffentliche Rede, nachdem sie aus ihrem insgesamt 15 Jahre währenden Hausarrest entlassen worden war. 2022 wurde die 77-Jährige erneut verurteilt: zu einer 33-jährigen Gefängnisstrafe, die sie nun im Hausarrest verbringt. Vor dem 'Goodbye-Breakfast' am nächsten Morgen gehe ich zum Sonnenaufgang noch einmal an diesen Ort.
"Golden Land": Besucher*innen am Fuß der Pagode von Yangon © Helgard Haug
Auf dem Weg dorthin werden Blumen zum Verkauf angeboten, die dann vor einer der unzähligen Buddha-Statuen abgelegt werden können. Man kann aber auch einen der kleinen Vögel freikaufen, die in hölzernen Vogelkäfigen gefangen gehalten werden. Es ist um sechs Uhr früh ziemlich viel los. Es wird gesungen, rituell Wasser über kleine Statuen gegossen, Fruchtschnitze als Opfer aufgestellt, die schnell von den Krähen weggeschnappt werden. In der aufgehenden Sonne beginnt das Gold zu glänzen. Das Gewicht der Blattgoldplatten, mit denen das zentrale Bauelement, die Stupa, bedeckt ist, wird auf sechzig Tonnen geschätzt. Hier ist es doch, das ganze Gold! Golden Land!
"Wir wollen weitermachen", sagen die Künstler:innen. Nun sind sie vernetzt, haben den Zuspruch des Publikums erlebt, sich selbst aus der Isolation geholt. Ich hoffe so sehr, dass sich ihre Lage bald ändert. Doch wann wird das sein? In fünf Jahren? Niemand kann sich vorstellen, dass es so bald sein wird. Aber in zehn Jahren – vielleicht!
"Ja, das könnte sein", sagen sie.
Helgard Haug ist Regisseurin, Autorin und Mitbegründerin von Rimini Protokoll. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Ermöglichung multipler Perspektiven auf unsere Realität. Sie transponiert Räume oder soziale Strukturen in theatrale Formate und umgekehrt. Darüber hinaus zeichnen sich viele ihrer Arbeiten durch Interaktivität und einen spielerischen Umgang mit Technologie aus. Produktionen finden sowohl in der freien Szene als auch in staatlichen Theatern, Museen und Festivals statt. Zuletzt: "Ever Given. Eine Kipp-Punktrevue" am Wiener Volkstheater und HAU Hebbel am Ufer sowie "ALTER EGO RAUBKOPIE" in der Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlung Dresden.
(Foto © Mara von Kummer)
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