Irgendetwas ist passiert - Volksbühne Berlin
Rein in die Verzweiflung
31. Januar 2026. Vor fast zwei Jahren starb René Pollesch. Seine letzte Inszenierung war eine Zusammenarbeit mit Fabian Hinrichs, der diese Arbeit nun fortsetzt. Und mit seiner Frau Anne Hinrichs als Co-Autorin und -Regisseurin eine eigene Bestandsaufnahme des apokalyptischen Lebensgefühls in unserer krisengeschüttelten Gegenwart schafft.
Von Esther Slevogt
Fabian Hinrichs in "Irgendetwas ist passiert" © Apollonia Theresa Bitzan
31. Januar 2026. Irgendwann an diesem denkwürdigen Abend geistert Fabian Hinrichs, oder vielmehr die Figur, die er spielt, wie eine Mischung aus Darth Vader und Anonymous-Aktivist durch das eigene Leben. Im dunklen Cape, auf dem seltsame Embleme blinken, umrundet er auf einem Elektroroller immer und immer wieder das Häuschen, in dem er sein kleines Leben lebt. Oder läuft, schreit, ruft. Paul heißt er hier, es ist dunkel, ganz buchstäblich, aber auch in jedem anderen denkbaren Sinn. Weil die Welt dunkel ist. Aber was ist eigentlich passiert?
Es hatte als banaler Beziehungsstreit begonnen: Claudia und Paul, ein Allerweltspaar im Dauerclinch, spielte beim gemeinsamen Joggen die wohl immer gleiche Platte der gegenseitigen Verwerfungen ab. Noch hat sich der Eiserne Vorhang nicht gehoben, sehen wir Fabian Hinrichs zwischen beiden Rollen hin und her switchen. Wer hat jetzt zu wem "Fick dich!" gesagt? Warum lässt sie ihn immer warten? Hat er schon wieder ihren Schlüssel verloren? Sie will, dass er aufhört, mit seinen ewigen Selbstmorddrohungen. Das sind keine Drohungen, sagt er. Hinrichs redet sich in beiden Rollen in einen Verzweiflungsmodus, joggt hilflos, rennt, hüpft auf der Stelle und kommt nicht raus aus diesem Beziehungskäfig.
Ehekrieg als Spiegel
Dann hebt sich der Eiserne Vorhang und besagtes Häuschen erscheint. Die Bühne drumherum ist weit und leer – und plötzlich scheint dieser banale wie quälende Privatkrieg eines Paares nur der Nukleus aller weiteren Verwerfungen der Welt zu sein, die aktuell die Perspektiven so verdüstern. Bloß: wie fing das alles einmal an? "Irgendetwas ist passiert" haben Fabian Hinrichs und Anne Hinrichs den gemeinsam entwickelten Abend überschrieben, der an die letzte Arbeit von Hinrichs und René Pollesch anschließt "ja nichts ist ok", die zwei Wochen vor Polleschs Tod im Februar 2024 herauskam.
Erschlagende Bilderflut © Apollonia Theresa Bitzan
Polleschs Tod ist eines dieser Dinge, die "passiert" sind. Sein Bild klebt an der Hauswand, neben anderen, darunter auch ein Plakat für den gerade herausgekommenen Trump-Film "Melania". "Er wird nicht wiederkommen", sagt Hinrichs. Und macht alleine weiter – jetzt mit seiner Frau Anne Hinrichs, die als Psychotherapeutin und Analytikerin arbeitet. Und nun als Co-Autorin und -Regisseurin ihr Theaterdebüt gibt.
Apokalyptische Existenzfragen
Auf dem Display einer Werbestele vor dem Haus laufen unentwegt Anzeigen für Luxusprodukte, während drinnen in der Küche Fragen wie "Haben wir noch Paprika?" den immerwährenden Alltag vor die apokalyptischen Existenzfragen schieben, die die Welt gerade zum Unort machen.
Ums Haus herum © Apollonia Theresa Bitzan
Fabian Hinrichs lässt die Verwerfungen der Welt durch seinen Körper laufen, spricht von den Bildern, in denen sich diese Verwerfungen verdichten: der kleine Alan Kurdi, der 2015 am Strand von Bodrum angeschwemmt wird, ertrunken auf der Flucht aus Syrien, die Toten in der Ukraine, in Gaza oder im Sudan, die ausgehungerten israelischen Geiseln. Die Körper, die 2001 aus den brennenden Türmen des New Yorker World Trade Centers stürzten. Die fast zwei Millionen Tonnen Trümmer, an denen nicht nur Reste der Toten klebten, sondern auch ihre Angst. Hat damals alles angefangen? Aber er ist ja keiner dieser Toten, sagt Hinrichs immer wieder. Er kocht, schläft und lebt sein unbedeutendes Leben. Wird aber darin zunehmend unbehaust.
Ein Haus, das nicht mehr behaust
Schon wie das geschrieben ist, in dieser Verdichtung von Alltagsbeobachtung und Reflexion, ist atemberaubend – und dann, wie Hinrichs diese Texte durch seinen Körper jagt, ausstößt, daran würgt. Wie er mit diesem typischen flirrenden Hinrichs-Sound zwischen Staunen und Verzweiflung den Schmerz der Welt auf seinen Spielerschultern balanciert.
Fabian Hinrichs © Apollonia Theresa Bitzan
Nina von Mechow hat ein Häuschen aus dem Geist von Edward Hopper und Bert Neumann auf die Bühne gestellt. Erst wirkt es noch wie die ideale Kulisse für den properen Traum vom guten Leben. Zunehmend sieht es dann wie eine Ruine aus. Irgendwann türmen sich in den gigantischen Rundhorizont projizierte Bilder von den Krisengebieten dieser Welt darüber auf – Trümmerlandschaften, soweit das Auge reicht, endlose Flüchtlingsströme, Panzer oder Putin beim Angeln und Trump beim Golfen. Im letzten Bild liegen Claudia und Paul in einem Schlafsack hinter ihrer Garage neben einem Schutthaufen. Ein Soldat läuft vorbei. Die Bilder von der Welt im Krieg haben sie aus ihrem Leben vertrieben. Und jetzt?
Aber vielleicht auch: Und René Pollesch? Was ist das für ein Abend, der so aus seinem Geist gestrickt, aber dann doch etwas ganz Eigenes ist? Der auch noch einmal stark verdeutlicht, wie groß Hinrichs' Anteil an den gemeinsamen Abenden stets war. Letztlich hätten sich Nähe und Vertrauen dieser Arbeitsbeziehung mit niemand als der eigenen Frau wieder herstellen lassen, hat Fabian Hinrichs im Interview gesagt. Und so formuliert dieser Abend in der ganzen Fatalität, mit der er ein apokalyptisches Lebensgefühl abzubilden versteht, am Ende auch so etwas wie eine Utopie. Zumindest auf dem Theater könnte die Welt also gerettet werden. Vielleicht.
Irgendetwas ist passiert
von Fabian Hinrichs und Anne Hinrichs
Konzept, Text und Regie: Fabian Hinrichs, Anne Hinrichs, Bühne: Nina von Mechow, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Frank Novak, Künstlerische Assistenz: Lara Weidemann.
Mit: Fabian Hinrichs. Statisterie: Jean-Baptiste Riese / Aimé Oschatz.
Premiere am 30. Januar 2026
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.volksbuehne.berlin
Kritikenrundschau
"Sowohl auf politischer als auch auf moralischer, philosophischer und analytischer Ebene bleiben die Befunde reichlich banal. Dass Fabian und Anne Hinrichs inszenatorisch zudem kaum andere Mittel zur Hand haben als Nachrichtenbilder und Bombenhagel, wirkt dann gänzlich hilflos", sagt Barbara Behrendt im rbb Inforadio (31.1.2026). "Ein Abend, der keinen einzigen neuen Gedanken wachsen lässt. Und der dennoch vom treuen Hinrichs-Fanpublikum stehend gefeiert wird."
"Der begeisterte Applaus in der Berliner Volksbühne ist der gerechte Lohn für eine Show, die sympathisch, intelligent und komisch ist, aber auch ein Abenteuerausflug in die holprigen Wüsten der Banalität," schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel.de (31.1.2026). Höbel spricht vom grellem Entertainment und fragt: "Kann es sein, dass Theaterleute in Berlin derzeit finden, man könne der schrecklichen Realität nur noch mit den Mitteln der Boulevardkomödie beikommen?" Vor allem aber ist diese Aufführung aus Sicht dieses Kritikers "eine sehnsuchtsvolle Verbeugung vor dem Theaterverbündeten René Pollesch, von dem Hinrichs nun auf der Bühne sagt, dass er ihn 'geliebt' habe. Und schrecklich vermisse – gerade jetzt, 'wo ich ihn nicht mehr ärgern kann'."
"Gegenwärtiger als diesen Sekunden wird Theater in diesem Jahr kaum werden," schreibt Sören Kittel in der Berliner Morgenpost (31.1.2026). "Es geht um eine Gesellschaft, die es sich angewöhnt hat, mit Oberflächen, mit Abbildern der Realität über eine lange Zeit zufrieden zu sein. Und jetzt ist es zu spät, etwas ist gekippt – oder wird bald kippen – und alles, was wir gelernt haben, ist: liken, sharen und sich empören, aber keine echte Auseinandersetzung, weder miteinander noch mit anderen." Irgendwann jedoch stellt sich für den Kritiker das Gefühl ein, "das alles schon einmal gesehen zu haben."
Von einem verzweifelten "Trippeltanz auf der Klinge des Paradoxen" berichtet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (31.1.2026). Vieles an diesem Abend erinnere an die Produktionen, die Fabian Hinrichs gemeinsam mit René Pollesch entwickelt hat. "Doch dann ist dieser Abend auch ganz anders, weil Hinrichs erstmals zusammen mit seiner Frau Anne Text und Regie erarbeitete und man vom ersten Moment an merkt, dass hier niemand mehr aus einer eigenen Klarheit heraus spricht, wie Pollesch das tat als kritischer Materialist und eingefleischter Poststrukturalist", erklärt die Kritikerin. "Anne und Fabian tasten in alle Richtungen, suchen nach Sprache und Weg, schaffen in diesem suchenden Kampf hin zu eigenem Denken einen menschennahen, Wärme verbreitenden Hinrichs-Abend in eiskalten Zeiten."
Was Fabian und Anne Hinrichs aus dem Mikrokosmos einer Paarkrise heraus entwickeln, sei "nicht weniger als eine präzise philosophische Gegenwartsdiagnose – vielleicht die klügste, die bis dato auf einer Bühne zu sehen war", urteilt Christine Wahl im Tagesspiegel (31.1.2026). Alles sei "Zeichen geworden", attestiere Hinrichs an diesem Abend der Postmoderne in ihrem Endstadium, "auch das Morden". Die Paarbeziehung verschalte sich "dialektisch mit dem Epochenwechsel, den wir vielleicht gerade erleben", so die Kritikerin. "So düster, melancholisch und schonungslos ehrlich haben wir uns selbst womöglich noch nie auf der Bühne gesehen – gerade weil Hinrichs es schafft, jedwedes Einkuscheln in Kitsch oder Pathos zu vermeiden."
"Großes Weltschmerztheater, eine Performance der Verzweiflung und der Ratlosigkeit" sah Jakob Hayner von der Welt (31.1.2026) in der Volksbühne. "Doch es ist noch mehr: Weil das Stück nicht ausspart, wie sich auch die über Krisen, Kriege und sonstige Katastrophen, aber vor allem um sich selbst besorgten Mittelklassenmilieus in ihren immer offensichtlicher beschädigten Lebens- und Erfahrungsformen einzurichten versuchen, ist es nicht nur eine der Selbstvergewisserung dienende Anklage, sondern ein bemerkenswerter Versuch, sich über die eigene Lage rücksichtslos aufzuklären", so der Kritiker. "Es ist zugleich ein weiterer umwerfender Soloabend von Fabian Hinrichs, der mühelos allein die große Bühne bespielt, und ein gelungenes Debüt für Anne Hinrichs, die eigentlich als Psychotherapeutin arbeitet. Irgendetwas ist geglückt an diesem Abend."
"Hinrichs’ Monolog wird zum Bewusstseinsstrom aus dem Krisengebiet der Wirklichkeit," schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (2.2.2026). "Am Ende ist nur die Liebe ein Halt, wenn sich Hinrichs in einem roten Schlafsack an die erste Begegnung mit der Geliebten erinnert: 'Das warst du für mich, eine neue Welt.' Eine Theatertreffen-Jury, die so borniert wäre, diese ratlose, verletzliche, komische, kluge Inszenierung nicht zum Theatertreffen einzuladen, wäre übrigens ein schlechter Witz der Ignoranz."
"Pollesch war ein Meister darin, die Abgründe unseres Daseins in hintersinnige Pointen zu verpacken. Bei 'Irgendetwas ist passiert' kommt die Kritik an der Wohlstandsgesellschaft nicht durch die Hintertür, sie ist direkt vor dem Haus platziert," schreibt Beate Scheder in der taz (2.2.2026). Und die Moralkeule schwingt unerbittlich. Kurz nachdem Paul und Claudia darüber zanken, wer wie viel Burrata haben soll, hört man Maschinengewehrsalven aus dem Off. Später werden Bilder der Zerstörung von internationalen Kriegsschauplätzen über die Szenerie projiziert." Nicht nur irgendetwas, sondern ziemlich viel ist aus Sicht dieser Kritikerin passiert. "Irgendetwas fehlt dabei aber, ein bisschen Leichtfüßigkeit in der Art und Weise, wie der Spiegel vorgehalten wird."
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Wieder geht es Hinrichs um das Gefühl der Überforderung. Vor allem als Fortsetzung von „Geht es dir gut?“, aber auch von "ja nichts ist ok" kann diese neue Volksbühnen-Produktion gelesen werden. Eingekrümmt und eingemümmelt lamentiert Hinrichs in seinem unverkennbaren Leier-Ton über das Ende der Wohlfühlblase in den westlichen Gesellschaften. Gerne arbeitet "Irgendetwas ist passiert" auch mal mit dem sprichwörtlichen Holzhammer arbeitet zunächst tritt Hinrichs selbst als schwarzes Gespenst auf und beschwört raunend den Epochenbruch, in den eine auf ihre privaten Alltagssorgen fokussierte Gesellschaft hineintaumle. Nach Bildern von Ruinen kommt zum Schluss auch noch ein Statist in Kampfmontur auf die Bühne.
Wie schön war es dagegen 2011? In einer gemütlichen Biedermeier-Welt machte es sich das frisch verliebte Paar Claudia und Paul in der Altbau-Wohnung nett, die Gefahren und Krisen wirkten ganz weit weg. Natürlich gab es auch damals genug Ereignisse, die wachen Zeitgenossen Sorgenfalten machten. Den GAU von Fukushima erwähnt das Theaterstück selbst. Aber das sei in Japan gewesen, also ganz weit weg von Paul und Claudia. Aber es gab noch so viel mehr negative Schlagzeilen: ein hilfloser Rettungsversuch in der Euro-Schuldenkrise, die weite Teile der griechischen Bevölkerung in wirtschaftliche Not stürzten, jagte den nächsten, der Rechtsterrorist Anders Breivik mordete in einem Jugendzeltlager in Norwegen und in Deutschland wurde die Mordserie des NSU enttarnt.
Doch von all diesen Dingen wollten Claudia und Paul nichts wissen, die Decke bis über die Ohren gezogen, aneinander gekuschelt. Umso hysterischer und um so weniger resilient reagieren sie nun auf die aktuelle Welt-Unordnung, in die Trump und Co. uns stoßen.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2026/01/30/irgendetwas-ist-passiert-volksbuehne-theater-kritik
Das Leben als dunkle Materie. Auch das ein Bild, das Hinrichs in den Saal wirft und gegen Ende bebildert. Da tigert er ruhelos über die Bühne, im Dämmerlicht, rätselhafte Symbole auf der Jacke gespenstisch schimmernd. Er irrt durch die Düsternis einer vom Menschen zerstörten Welt, durch die dystopische Gegenwart, die ihre Zukunft verschlingt. Das leiden der anderen, es ist, wie es einmal heißt, in die Welt der Privilegierten „hineingetropft“ und hat sie überflutet. „Das einzig Unglaubliche in meiner Welt warst du“, sagt der Erschöpfte Paul gegen Ende zu Claudia. Nicht mehr. Unglaublich ist jeder Tag, unglaublich schrecklich, unglaublich entmutigend. „Der Rest unseres Lebens soll nicht nur grausam sein und furchtbar“, lautet sein letzter Satz. Da hat sich Hinrichs bereits im Schlafsack vergraben, beschwört Paul und Claudia herbei und wohl auch René und Alan Kurdi und die Ermordeten von Butscha. Und da ist sie plötzlich, kaum wahrnehmbar und doch nicht zu leugnen: die Hoffnung. Die Hoffnung, dass sich die Lücken füllen ließen, durch Nähe, Vertrauen, vor allem aber auch durch die Anerkennung und Aufnahme der Abwesenden. Theater, die Kunst des instantanen Verschwindens und Gegenwärtigmachens vermag das. Und so pressen sie sich alle aneinander im roten Schlafsack, der vom Abschottungs- zum Schutzraum wird. All die Verlorenen, all die Toten, die Privaten wie die Fremden, lebendig werdend in ihrem Fehlen. Ein erschütternder, bewegender, großer Abend.
Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2026/01/31/die-gegenwart-des-verlorenen/
"Die klügste Gegenwartsdiagnose, die bis dato auf einer Bühne zu sehen war", "großes Weltschmerztheater, umwerfend". Highlight, jetzt schon
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Werte*r Jason K., wir aktualisieren die Kritikenrundschauen fortlaufend und haben inzwischen auch die von Ihnen genannten Medien aufgenommen. Herzliche Grüße aus der nachtkritik-Redaktion!
Was sich uns präsentiert ist die Larmoyanz eines wohlstandsverwahrlosten, alternden Cis-Mannes, der uns seine Selbstgefälligkeit als Weltschmerz verkaufen will. Die Selbstanklage als patriarchales Motiv dominiert die europäische Kultur aber seit mindestens 2500 Jahren und steht heute vor allem für intellektuelle Ödnis.
Was ist denn das für ein Paar, das da im gutbürgerlichen Eigenheim eine toxische Beziehung führt und zur Identifikation einladen soll? Sollen das die Durchschnitts-Volksbühnenbesucher*innen sein? Vermutlich. Die Volksbühne verschickt dann auch zwei Tage vor Vorstellung eine markante Email, in der es heißt: „Bitte halten Sie beim Einlass Ihren gültigen Ermäßigungsnachweis bereit. Der Abenddienst ist angehalten, diese Nachweise sowohl an den Eingangstüren als auch an den Saaltüren zu kontrollieren. Sollte ein entsprechender Nachweis nicht vorliegen, bitten wir um Verständnis, dass der Differenzbetrag zum regulären Vollpreisticket an den Kassen nachgezahlt werden muss. Vielen Dank für Ihre Mithilfe. Wir wünschen Ihnen einen anregenden und eindrucksvollen Abend in der Volksbühne.“
ALG-2-Empfänger*innen möchten ihren Nachweis samt Adresse und Einkommenshöhe bitte zwei Mal vor den Augen der weltschmerzgepeinigten Besserverdiener*innen präsentieren. Dabei stünde es der Volksbühne viel besser, wenn sie den Steuerbescheid des Vorjahres kontrollierte, um die Privilegierten zur Nachzahlung anzuhalten, sollte aus dem Bescheid hervorgehen, dass auch der Erwerb eines teureren Tickets auf einem der besseren Plätze möglich gewesen wäre.
Wofür Pollesch nur Verachtung hatte, stellt Hinrichs sympathisierendes Einverständnis zur Schau und will, völlig ironiebefreit, gar in den (bedrohten) „demokratischen Institutionen der Freiheit eine Sternstunde der Menschheit“ erkennen. Hier offenbart sich der reaktionäre Konservatismus in seiner ganzen Pracht. Es reicht gerade so zur Konsum- und Medienkritik auf dem Diskurslevel der 70er Jahre. Die Gen-Z-Sitznachbarin fasste es sehr passend zusammen: „Politisches Theater auf Krampf und der Typ ist einfach Abf*ck.“
Es geht mir nicht um ein Heraufbeschwören der guten alten Pollesch-Zeiten und seinem Sound, aber ein wenig mehr zwischen den Zeilen und Uneindeutigkeit hätte dem Stück meiner Meinung nach sehr gut getan. Die Publikumsreaktionen waren sehr spannend zu beobachten: Während die einen zum Applaus direkt aufsprangen, verließen viele andere schon mitten im Stück und während des Applauses den Saal.
und fühlte mich erinnerte mich, 14 Jahre zurück ins HAU.
"Doch „Die Zeit schlägt dich tot“ kennt keinerlei Erzählung, keine Authentizität, die Inszenierung kreist ausschließlich um das eigene verobjektivierte Selbst, Phrasen einer innerlich leidenden Künstlerboheme als dem besseren Menschenwesen. Das ist zu viel der selbstbezüglichen Schauspielerhirnsuppenregiebastelei – auch wenn’s von einem außergewöhnlichen Künstler ist."
Andreas Fanizadeh in der TAZ vom 22.10.2012
Alles Automaten?
Finde es übrigens völlig normal, das auf äusserst scharfe (aber auch in ihrem groben Holismus auch ziemlich hohle?) Angriffe (#13 u #18) scharf und deutlich von Fans reagiert wird. Da von Mustern zu raunen ist vielleicht etwas problematisch, weil schwurbelig? Hat halt das Theater verändert, der Mann, ob man will oder nicht. Scheint ja auch ein theaterinternes Forum hier zu sein, vielleicht hat nicht jeder/jede den Weg gemacht, den er/sie wollte in dem Milieu? Ist im Literaturbetrieb beispielsweise ähnlich. Die höchste Form der Anerkennung aber auch. Einfach entspannen.
Ich habe mal vor etlichen Jahren eine Schüleraufführung von „In der Sache Robert Oppenheimer " gesehen, in der am Ende auf einem Video eine Atomexplosion zu sehen war und dazu die „Air" von Bach eingespielt wurde. Das war toll und wir haben alle geweint. Jetzt würde ich sagen es war platt.
Muss ich auch sagen, weil ich jetzt ja auch älter und weiser bin.
Gruß
Wenn man das Wahl-Behrendt-Gespräch hört, wird diese Frage immer zentraler; was mich zu meinen Kommentar #1 zurückbringt. Die Begriffe "plump" (bei #25: "platt") und "lamoryant" sind im Lager der Enttäuschten, Verärgerten, Gelangweilten, Unterforderten - wie erwartet - zur hauptsächlichen Wertungsnote herangewachsen.
Insofern die folgerichtige Folgefrage: Wenn Sie einen Abend "plump" finden und jemanden treffen, der ihn "bewegend" findet, wären Sie dann nicht neugierig, einen Weg zu finden auch bewegt zu sein? Oder ist Ihr Lustgewinn größer, wenn nach "erfolgreicher" Debatte die/der zuvor Elektrisierte nun die elende Plumpigkeit einsieht und seine eigene Bewegtheit als eine einem inszenatorisch-gedanklichen Potemkinschen Dorf auf den Leim gegangene einsieht. (NB: Die Welt ist glücklicherweise nicht rein dual-polar.)
Dann denkt man, die anderen bauen sich ein ästhetisches Ereignis und beklatschen sich am Ende selbst, und vermutet einen fulminanten "Verblendungszusammenhang", gar eine Scharlatanerie. Sie haben aber Recht, an sich wäre man gerne "dabei". Und wenn man versucht, seine Nichtberührtheit und Ablehnung irgendwie darzulegen, fühlt man sich sogar wie ein Spielverderber. Also: Ja, eine berührte Teilnahme wäre eher ein Lustgewinn, sie ist aber diskursiv und im Nachhinein nicht zu haben. Das sind Grundeinstellungen des Geschmacks und des Intellekts.
ich mag hinrichs als schauspieler ja ganz gerne,
als autor, ohne pollesch input,bleibt es lauwarm.
da hilft auch die hilfe aus dem engsten familienkreis nicht.
nur meine meinung