Damit sind wir doch immer gut gefahren

18. April 2026. Mit ihrem Stück "Späti Paradies" ist die Autorin Juliane Hendes zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Für das Staatstheater Schwerin hat sie nun eine Komödie geschrieben: "Kulturhaus, mon amour". Eine nach Ost und West verstreute Familie kommt darin zu Omas Trauerfeier wieder zusammen. Ausgerechnet in einem muffigen DDR-Bau. 

Von Max-Stefan Koslik

"Kulturhaus, mon amour" von Julian Hendes am Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

"Kulturhaus, mon amour" von Julian Hendes am Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

18. April 2026. Wer kann sich noch erinnern an die oft mondänen, überdimensionierten Kulturhäuser der Landbevölkerung in der vergenossenschaftlichten DDR? In der Schweriner M*Halle des Staatstheaters Mecklenburg holt das Bühnenbild den Besucher direkt ab. Jakob Weiss, der außer für die Bühne in Juliane Hendes Stück "Kulturhaus, mon amour" auch für die Regie verantwortlich zeichnet, hat ein monströses Abbild realsozialistischer Monomentalkultur geschaffen: eine riesige Bilderwand mit Raketen, Bohrtürmen, Industrieästhetik und dem sozialistischen Menschenbild mit sprichwörtlich leuchtenden Augen in staubiger Atmosphäre. Witzig. Man ist sofort mittendrin im vergammelten Kulturhaus. 

Fast märchenhafte Prosa 

Kulturhäuser wurden nach der Wende oft zu Last. Mit viel Glück aber auch zur Lust des fahrenden Volkes aus umliegenden Theatern, wie etwa im nahen Dorf Mestlin, einst sozialistisches Musterdorf. Mitunter blieben sie aber auch nur verfallende Denkmale. "Es war einmal vor sehr langer Zeit ein Kulturhaus. Ein Haus für Kultur. Ein kulturelles Haus. In dem ging man ein und aus. Die Zeiten aber sind längst vergangen. Die Türen sind verrammelt. Und durch alle Räume zieht so ein merkwürdiger Geruch. Menschen wurden hier schon lange nicht mehr gesehen", schickt die Autorin in fast schon märchenhafter Prosa ihre Zuschauer auf eine Zeitreise. Sie versucht, den Hauch und den Fluch der Vergangenheit komödiantisch auferstehen zu lassen. Als ihre Oma-Figur Annemarie Schade stirbt, wünscht sie sich von ihrer nach Ost und West verstreuten Familie eine Trauerfeier ausgerechnet in "ihrem" Kulturhaus. Eigentlich eine für eine Komödie zündende Idee. 

Denn diese Familie hat es in sich. Günther Schade, gut getroffen von Sebastian Reck, lebt irgendwie getrennt von Heike Schade (Katrin Heinrich), hatte aber in seiner Jugend zuerst etwas mit deren Schwester Gabi (Julia Keiling), die danach nach Gütersloh floh und nie mehr gesehen wurde. Beider verpeilter Bruder Olaf, sehr schön von Christoph Götz gestaltet, ist ITler bei der Bahn. Schon das in sich ein Widerspruch – er scheint ständig auf der Flucht vor dem Leben. Hinzu kommt Enkel Daniel (Rudi Klein), der in schöner Überheblichkeit eines neueroberten Berlin-Feelings mit seiner Freundin Fanny (eine sehr muntere Joana Damberg) in dem Ost-Dorf aufschlägt. Von Günther – nicht näher erklärt – als "Clownsfrau" bezeichnet. 

"Ich bin ITler bei der Deutschen Bahn" 

Und sie, die nicht zusammenpassen, aber irgendwie zusammengehören, sollen nach dem Willen der toten Oma Annemarie dem inzwischen auch toten Kulturhaus noch einmal Leben einhauchen. "Was meint sie mit Freude an alten Traditionen? Ich hab keine Freude an alten Traditionen. Ich bin ITler bei der Deutschen Bahn", sagt Bruder Olaf. Immer wieder blitzt solche Situationskomik auf und wird vom Publikum belohnt. Auch wenn Situationskomik allein, wie das Stück zeigt, leider noch keine Komödie entstehen lässt. Man fühlt sich bei dem mit sehr vielen Witzen gefüllten Textbuch irgendwie an Milan Peschels letztes Stück in der M*Halle "Sterni und die Astronauten" erinnert. Peschel sitzt bei dieser Uraufführung im Publikum.

Ausgerechnet in einem mondänen DDR-Kulturhaus wünscht sich die Verstorbene ihre Trauerfeier: Sebastian Reck, Rudi Klein, Joana Damberg, Katrin Heinrich, Christoph Götz, Julia Keiling © Silke Winkler

Im Streit, ob man Oma nun jeden Wunsch – von der Urne aus Waldglas über die Nudeln mit Tomatensauce bis zu den Musikanten der Hagenower Dörpschaft – erfüllen muss, oder ob man sich mit kleinen Tricks durchschlängeln kann, beginnt ein munterer Schlagabtausch mit allerprächtigsten Streitigkeiten. Die Trauergesellschaft wäscht dabei allerhand schmutzige Wäsche. Dem Regisseur Jakob Weiss gelingt es erst mit zunehmender Dauer des Stücks, einen rasanten Erzählfaden zu entwickeln. Es glänzen vor allem Katrin Heinrich und wie so oft Julia Keiling, deren Weggang vom Staatstheater sich in diesem Stück einmal mehr als großer Verlust abzeichnet.

Sehnsucht nach Zusammensein 

Hendes schrieb "Kulturhaus, mon amour" auf Wunsch des Schweriner Ensembles. "Mir geht es nicht darum, den spezifischen Orten nostalgisch hinterher zu trauern oder die Vergangenheit zu verklären, sondern darum, das Gefühl zu erkennen, das die Nostalgie auslöst, und das sind oft Sehnsüchte nach Zusammen- und Zugehörigsein", erläutert die gebürtige Rostockerin, die von sich sagt, dass sie das "Ostdeutschsein" in ihren zehn Jahren in NRW erfahren habe. In einem starken Monolog lässt sie Enkel Daniel über das Gefühl der ostdeutschen Vergangenheit nachdenken – einer der wenigen Ost-Anker im Stück. 

Und doch lassen Autorin und Ensemble das Ende offen. "Wir sollten es gut sein lassen. Mama einfach beerdigen und dann unserer Wege gehen. So wie immer. Damit sind wir doch bisher gut gefahren", lässt Hendes eine Protagonistin sagen. Aber ob das eine ostdeutsche Erfahrung ist? 

Kulturhaus, mon amour
Von Juliane Hendes
Uraufführung
Regie, Bühne und Kostüm: Jakob Weiss, Kostüme: Elena Gaus, Dramaturgie: Katharina Nay.
Besetzung: Sebastian Reck, Rudi Klein, Julia Keiling, Katrin Heinrich, Christoph Götz, Joana Damberg.
Premiere am 17. April 2026
Länge: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.mecklenburgisches-staatstheater.de

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