Es ist nicht lustig

17. April 2026. Wenn Forced Entertainment auf die globale Lage schaut, bleibt keine Kehle trocken: Zwischen Unmengen leerer Flaschen ehemals geistigen Inhalts philosophiert sich die Performance-Truppe aus Sheffield durch die Gegenwart. Die gibt sich rätselhaft.      

Von Martin Krumbholz

"Everything Must Go" von Forced Entertainment in Essen © Hugo Glendinning

17. April 2026. Die Kostüme sind schön. Schön nicht im Sinn von schön, sondern von originell, hübsch-schäbig, schräg, "weird", wie es im Englischen heißt, und so wird dann auch der ganze Abend. Die Garderobe für die sechs Performer, drei Herren, drei Damen, ist unerschöpflich. Jeans in allen Varianten, schwarze Röcke, Leopardenblusen, ärmellose Hawaiihemden, Jogginghosen, Abendkleider, Arbeitsjacken über nackten Bäuchen, Dinnerjackets, Armeejacken, große Größen, kleine Größen, zottelige Perücken aller Art und aller Farben.

In einer Tour wird sich umgezogen, wie auch die Bühne im PACT Zollverein in Essen ständig umsortiert wird: Es ist weniger eine Bar, die wir hier sehen, sondern eine ärmliche Kantinensituation, Stühle und Tische, vor allem aber Unmengen von leeren Flaschen ehemals geistigen Inhalts und durchsichtige Plastikbechern, die immer wieder zu Boden purzeln, eingesammelt und von neuem fallengelassen werden.

Anarchie und Redundanz

Wir sind bei Forced Entertainment, der nun schon seit 40 Jahren bestehenden Performancegruppe aus Sheffield. Es geht um, ja was eigentlich, offenbar ums Prekariat und seine Redensarten. Die Reden werden eingespielt, KI-Stimmen, dazu bewegen die Sechs auf der Bühne die Lippen, nicht immer perfekt synchron. Das ist auch gar nicht so einfach. Das dramaturgische Motto des Abends ist Anarchie und Redundanz. Die Redensarten, Alltagsphrasen, wie sie vielleicht Betrunkene in einer Spelunke von sich geben, sind erschöpflicher als die Outfits.

Forced Entertainment 1 Hugo GlendinningSpelunkenfeeling mit Monitor-Fenstern zur düsteren Welt: Forced Entertainment im Bühnenbild von Richard Lowdon © Hugo Glendinning

"What do I owe you for that damage", sagt einer. Die anderen lachen sich kaputt. So beträchtlich ist der Schaden nicht. Nicht hier, draußen in der Welt schon. Auf vier Monitoren im Hintergrund sieht man Sport- und Musikszenen, Roulette, Schnipsel aus Filmen, alles im Zeitraffer. "Es ist nicht lustig", sagt eine Frau mahnend. "Ich mag nicht, wie du mit mir sprichst", erklärt ein Mann. "Ich mag nicht den Ton und ich mag nicht den Inhalt." Er rauft sich die langen Haare. Eine Frau: "Du hörst mir nicht zu!" – "Du musst vorsichtig sein." – "Gib nicht auf. Du schaffst es."

Bahnt sich etwas an?

Tabletts fallen krachend zu Boden, Flaschen werden in Kisten geräumt, die Kisten wieder ausgeschüttet. Nach einer Stunde sitzen plötzlich alle an einer Tafel. "Du hast den Job", sagt eine Frau. "Die Bezahlung ist ziemlich schlecht." – "Es gibt ein Gerücht, du wolltest mich abservieren." Ach nein, das ist ein Dylan-Song, aber es hätte auch nicht schlecht gepasst. Als aufsässige Redensart. Die Stimmen sind, ja was eigentlich, schwer zu beschreiben. Nicht unbedingt betrunken, eher betont explizit. "Von unserer Geburt an sind wir Teil eines Systems." Wird es mit einem Mal politisch? Bahnt sich etwas an? Wird es Zeit, dass sich was dreht? Dann aber beruhigend: "Mach mal Pause."

Im Modus des Rätselhaften

Dieser Abend ist alles in allem, sagen wir mal, ein wenig rätselhaft. Oder ein wenig beliebig. Andere würden vielleicht sagen: Verstörend. Positiv verstanden. Was das alles mit "kapitalistischem Begehren" zu tun hat, hat sich dem Rezensenten nicht ganz erschlossen. Es gibt ja die Theorie, dass Kuratorentexte den eigentlichen, ambitionierten "Content" liefern, mit einem eher losen, fast zufälligen Kontakt zu dem, was auf der Bühne oder auf den Wänden eines Museums so geboten wird. Möglicherweise ist das hier, bei diesem Auftritt der altehrwürdigen Truppe Forced Entertainment (heißt das nicht: angestrengte Unterhaltung?), auch so. Mag schon sein. Lassen wir's getrost so stehen.

Everything Must Go
von Forced Entertainment
Regie: Tim Etchells, Text, Musikkomposition, Sounddesign: Tim Etchells, Lichtdesign: Nigel Edwards, Bühnenbild: Richard Lowdon, Produktionsmanagement: Jim Harrison, Producer Eileen Evans.
Entwickelt mit und performt von: Robin Arthur, Seke Chimutengwende, Richard Lowdon, Claire Marshall, Cathy Naden, Terry O’Connor.
Premiere am 16. April 2026
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.pact-zollverein.de

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