Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet - Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Überwiegend unheiter
18. April 2026. Vom sinkenden Wasserpegel wollen sich die Urlauber eigentlich nicht die Laune vermiesen lassen. Als auf dem Grund des Badesees Leichen zum Vorschein kommen, wird es mit dem Ignorieren indes schwierig in Anna Neatas Stück, das Theresa Thomasberger als Totentanz inszeniert.
Von Ruth Fühner
"Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet" in Wiesbaden © Maximilian Borchardt
18. April 2026. Nein, dies ist nicht das Weiße Rössl. Obwohl – Ähnlichkeiten sind da schon: ein Hotel am idyllischen See, das Personal und seine Gefühlsverstrickungen, die Stammgäste und die Fremde aus der Stadt, ja selbst der Besuch des Staatsoberhaupts. Aber sonst ist doch alles ziemlich anders in Anna Neatas Stück, das Theresa Thomasberger als deutsche Erstaufführung inszeniert. Vor allem der See. Der nämlich heizt sich immer weiter auf und verschwindet zusehends vor den Augen von Einheimischen und Urlauber*innen.
Politik stört
Die ignorieren den sinkenden Pegelstand zunächst so gut wie möglich. Ohnehin sind sie jeglicher Veränderung abhold (auch in erotischen Dingen, wenngleich wir "ja nicht mehr in den 50ern leben!"). Und da, wo sich tatsächlich nichts verändert, obwohl sich Gott behüte doch vielleicht was verändern könnte, ist es auch wieder nicht schön ("Wahlen! Schon wieder die Wahlen!" ist einer der häufigsten Sätze des Stückes). Politik jedenfalls stört nur, außer wenn das schon durch seine Titel Kontinuität verbürgende Staatsoberhaupt – der Bundeskanzler a.D. in spe – zu Besuch kommt und die Dinge auf den Nenner bringt: "Der Klimawandel ist auch keine Lösung des Problems" (auch das mehrfach und dankbar wiederholt). Zu derlei mäßig witzigen Wortspielen gesellt sich noch das "auf den Grund gehen". Das Dauerversprechen von Politik und Kriminalistik bleibt, klar, eine Phrase, denn Klimawandel und Overtourism "auf den Grund" zu gehen, würde nur dem Geschäft schaden.
Lückenvolle Liebesdialoge: Trang Dông und Klara Wördemann im Zwiegespräch © Maximilian Borchardt
Allerdings: Sobald, diesmal im Wortsinn, der Grund des Sees begehbar geworden ist, finden sich dort mehrere Frauenleichen – womit Neata nach dem Klimawandel ein zweites Thema aufgreift, das Aufmerksamkeit garantiert: Femiziden, dem Mord an Frauen durch ihre (Ex-)Partner. Womöglich ist auch Else, die verschwundene Hotelmitarbeiterin, unter den Opfern. Ihrem Chef Edi (Jonas Grundner-Culemann) jedenfalls hat es gar nicht gepasst, dass sich zwischen Else und der über das Verschwinden des Sees recherchierenden Journalistin Ava (Trang Dong) eine Liebesgeschichte entsponnen hat. Die Szene, in der Edi Else per Mansplaining und zunehmend aggressiv erklärt, dass das doch gar nicht sie sei, so sei sie doch nie gewesen, gehört zu den besseren des Stücks – indem sie männliche Besitzvorstellungen und scheinbar "nur" sprachliche Gewalt als mögliche Vorstufe zu tödlicher Tätlichkeit kenntlich macht.
Preis der Offenheit
Ob Else "nur" verschwunden ist oder tot, was das Doppeldeutige, sie sei wieder "aufgetaucht" bedeutet – so die gefügige Urlauberin (Evelyn Faber) zu ihrem unerschütterlich selbstgewissen Mann (Martin Plass) – bleibt offen. Preis dieser Offenheit ist allerdings, dass das Thema Femizid dramaturgisch eher spekulativ angehängt als entwickelt wirkt.
Dunkles Dräuen über dem Wetterhäuschen: Ensemble und Kinderstatisterie des Wiesbadener Theaters auf Anna Bergemanns Bühne © Maximilian Borchardt
In Theresa Thomasbergers Inszenierung weicht die heimelige Alpenfolklore des Beginns bald dunklem Dräuen (Sound: Oskar Mayböck). Die Ausstatterin Anna Bergemann verzichtet auf fast alle Anklänge an Postkartenidylle, Tracht inklusive. Doch immerhin: In einen Prospekt, der auf den ersten Blick an dicht stehende Bäume, dann aber immer mehr an eingetrockneten Schlamm erinnert, hat sie das Gerüst eines Wetterhäuschens gestellt. Darin werden die unauffällig kostümierten Personen – nicht immer sinnvoll, aber in unterschiedlichen, gern katastrophalen Lichtstimmungen – auf einer Drehbühne nach vorn befördert. Manchmal sieht das aus wie ein Totentanz, manchmal klettern sie auch einfach nur auf dem Häuschen herum. Am Ende sind die Kulissenwände effektvoll umgestürzt, das Gerüst nackt, das System kollabiert.
Ophelias Schwester
Sprachlich erweist sich das Stück als Herausforderung für die Wiesbadener Schauspieler*innen. Die lückenhaften Dialoge – Sätze, die, mit Leichtigkeit und Haltung gefüllt, eigentlich schweben müssten – fallen immer wieder bleischwer und aus zu großer Distanz zu Boden.
Wenn da nicht Klara Wördemann wäre. Sie spricht den zentralen Text von Else, der von Schönheit und Schrecken, Naturnähe und einem hüpfenden Herzen erzählt, so unpathetisch innig, dass er erschrecken lässt über die versteckte Wendung, die er nimmt: Else (nun also doch?) als eine der vielen tot im Wasser treibenden Schwestern Ophelias, untergetaucht auf immer.
Ein bisschen brav, ein bisschen trist und öfter unfreiwillig als absichtlich komisch ist Thomasbergers Inszenierung. Immerhin macht sie neugierig auf das, was aus diesem reizvoll gebrochenen Stück noch herauszuholen wäre.
Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet
Von Anna Neata
Regie: Theresa Thomasberger, Ausstattung: Anna Bergemann, Sound: Oskar Mayböck, Licht: Benjamin Leber, Dramaturgie: Cosma Corona Hahne, Abendspielleitung / Regieassistenz: Paul Ansmann, Kostümassistenz & Künstlerische Mitarbeit Kostüm: Dea Bejleri, Vermittlung: Valentina Eimer.
Mit: Trang Dông, Klara Wördemann, Martin Plass, Evelyn M. Faber, Jonas Grundner-Culemann, Süheyla Ünlü und Statisterie des Hesssichen Staatstheaters Wiesbaden.
Premiere am 17. April 2026
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-wiesbaden.de
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