Der Tod kann warten. Leider

17. April 2026. Der Monarch als wütendes Riesenbaby in einem Setting zwischen Kindergeburtstag und Militärparade: Klar, da fallen uns direkt Gegenwartsparallelen ein. Doch in Ionescos Text steckt mehr als die Parabel vom infantilen Herrscher. Und genau dort will Jessica Weisskirchens Inszenierung hin.  

Von Daniela Barth

"Der König stirbt" in der Regie von Jessica Weisskirchen am Thalia Hamburg © Katrin Ribbe

17. April 2026. Kein verfallener Thronsaal, kein Vorhang, der sich hebt: Es erwartet uns die "Box" im Thalia Gaußstraße. Das Geschehen wird in der Mitte verhandelt, die Zuschauer blicken von beiden Seiten auf einen überdimensionierten Baukasten, inspiriert von jenen Holzklötzchen, mit denen Kleinkinder Türme bauen, um sie wieder einzureißen. Jessica Weisskirchen inszeniert Ionescos Stück "Der König stirbt" nicht als historische Parabel, sondern als Spielplatz eines größenwahnsinnigen Herrschers – der sich seine Welt nach Gutdünken zusammenbaut, nur um sie im nächsten Moment zu zerstören. Erratisch wie Trumps Politik.

Und vor dem Bauch dieses Mannes: eine riesige goldene, tumoröse Beule, zu groß für bloßes Wohlstandsfett, zu absurd, um nur ein angefressener Wanst zu sein. Der Staat als Körper, der Körper als Staat – einverleibt, aufgeblasen. Tim Poraths König ist ein schreiend komisches Großbaby. Die überdimensionierten Schulterpolster legt er im Verlauf ab wie Machtattribute, die er nie wirklich besessen hat, nur angemaßt. Seine Verleugnung und spätere Angst sind bald physisch greifbar: Er stapelt schwitzend und brüllend meterhohe Türme, gerät zwischendurch in infantile Erschöpfungszustände, die der Hofstaat mit beschwörendem Handauflegen zu heilen vorgibt, die Augen längst auf die Krone gerichtet.

Rollen im Machtapparat

Weisskirchen hat das Personal verschlankt: von sechs auf vier Figuren. Die König*innen tragen keine Namen – sie sind die erste, die zweite, könnten Minister sein, Berater, Hofschranzen, Spiegelbilder des Systems schlechthin. Die Regisseurin entreißt den Figuren ihre individuelle Psychologie und macht sie zu Funktionen, zu Rollen im Machtapparat. Die manierierten Choreografien (Michael Bronczkowski) – wie etwa ein grotesker Ausritt des Tyrannen und seines Gefolges auf den goldenen Bauklötzen – wirken kurios. Eine Mischung aus Kindergeburtstag und Militärparade.

Moné Sharifi als erste Königin dominiert mit kühler Sachlichkeit: analytisch, fast wie ein menschlicher Algorithmus – duckt sich anfangs puppenhaft weg, wird aber immer unausweichlicher. Patrick Bimazubute als zweite*r König*in setzt einen gänzlich anderen Akzent: affektiertes Geheule, das stete Skandieren der "Der König lebt"-Parole, kaum verhüllte Machtgier – komisch-tragisch, fast clownesk. Nicht böse, nicht feige, nicht einmal dumm. Schlicht so sozialisiert. Pauline Rénevier bündelt als Julchen Haushälterin, Arzt und Wächter in einer Figur und bewältigt das mit federnder Präzision, die dem Abend immer wieder Luft gibt, wenn er zu drohen beginnt, in der eigenen Schwere zu versinken.

der koenig stirbt 1 kathrin ribbeAkkurate Kanten, glatte Oberflächen: Das Thalia-Ensemble auf Wanda Traubs Bühne © Katrin Ribbe

Wanda Traubs Bühne setzt auf Gold: akkurate Kanten, glatte Oberflächen, ein grelles Spiegelkabinett. Es symbolisiert Macht und Status – und bekanntlich vergoldet sich der "mächtigste Mann der Welt" eben jene, seine eigene. Der Verfall vollzieht sich dabei nicht als langsames Bröckeln, der Untergang ist lautstark. Klötze werden umgeworfen, die Ordnung kollabiert in Explosionen, nicht in Erosion. Parallel dazu schrumpft der König – die Schulterpolster verschwinden, die goldene Beule wird abgelegt, der aufgeblasene Körper des Staates löst sich in einen gewöhnlichen, erschöpften Mann auf. Macht als Prothese, als Kostüm, als bloße Behauptung. Den stärksten Moment liefert er kurz vor dem Ableben, wenn er ins Publikum fragt: "Seid ihr mein Spiegel? Oder bin ich der Spiegel von allen?" Eine Stelle, an der die vierte Wand kurz eingerissen wird.

Kollektive Bangigkeit

Ionesco schrieb sein Stück 1962 nicht als politische Satire, nicht als Abrechnung mit einem Typus, nicht als Fingerzeig auf die Mächtigen dieser Welt. Er schrieb es aus einer persönlichen, existenziellen Todesangst heraus. Sein König ist kein Trump, Putin oder Kim Jong-un – er ist jeder Mensch. Er ist das Kind in uns, das nicht begreifen kann, dass es aufhören soll.

Und genau hier stellt sich die eigentlich verstörende Frage, die Weisskirchens Inszenierung streift, aber nicht ganz zu fassen bekommt: Können wir diese "trumpeske" Figur als Spiegel unserer eigenen Furcht vorm Vergehen sehen? Als jemanden, dessen Größenwahn vielleicht die extremste Form einer Angst ist, die wir alle kennen – die Angst, die Kontrolle zu verlieren, unbedeutend zu sein, vergessen zu werden, zu verschwinden? Wenn ja, dann funktioniert es nicht trotz Ionesco, sondern gerade wegen ihm. Dann wäre diese Inszenierung keine Satire auf einen Machtbesessenen, sondern die Diagnose einer Gesellschaft, die sich in ihrer kollektiven Bangigkeit vor Endlichkeit jemanden gewählt hat, der stellvertretend für alle das Unvermeidliche verweigert.

der koenig stirbt 2 kathrin ribbeDie trumpeske Figur als Spiegel? Das Thalia-Team in Wanda Traubs Kostümen © Katrin Ribbe

Diese Lesart eröffnet Weisskirchen – aber sie folgt ihr nicht konsequent. Poraths König ist so verlässlich abstoßend, so unermüdlich absurd überzeichnet, dass man sich kaum bei der eigenen Sterblichkeit ertappt. Man wartet. Man hofft sogar, unverhohlen, dass dieses schreiende Riesenbaby endlich das Zeitliche segnet. Es erlaubt dem Publikum, sich außerhalb zu positionieren: als Beobachter, nicht als Mitgemeinte. Und schon gar nicht als Mitleidende.

Das Finale: Der Sterbende wird in einer goldenen Schubkarre herumgekarrt, Erde aus goldenen Säcken über ihn geschüttet – ein überraschend realistischer Effekt, der etwas befremdlich wirkt.

Widerstand gegen das Sterben

Das Premierenpublikum honoriert den anderthalbstündigen Sterbeprozess mit ordentlichem Applaus. Erleichtert? Vielleicht. Was bleibt, ist ein handwerklich sicherer, politisch engagierter, spielfreudig ausgeführter Abend. Das ist nicht nichts – angesichts einer realpolitischen Lage, in der Männer wie dieser König tatsächlich autoritäre Staaten bauen. Aber die eigentliche Zumutung des Stücks fehlt: jene Stille, in der man nicht mehr wegschauen kann von der eigenen Vergänglichkeit; in der der lächerliche König plötzlich der eigene innere Widerstand gegen das Sterben ist.

Der König stirbt
von Eugène Ionesco
Regie: Jessica Weisskirchen, Bühne und Kostüme: Wanda Traub, Choreografie: Michael Bronczkowski, Dramaturgie: Johanna Vater, Regieassistenz: Krümmel Buehler.
Mit: Patrick Bimazubute, Tim Porath, Moné Sharifi, Pauline Rénevier.
Premiere am 16. April 2026
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

Kommentar schreiben