Studenten sind Champions

7. März 2025. Sogar Tennis-Star Novak Djokovic solidarisiert sich: In Serbien wächst eine Studentenbewegung, die der Fakultät für darstellende Kunst Belgrad entsprang, zur landesweiten Protestbewegung an. Man fordert Rechenschaft für ein Unglück in Novi Sad und das Ende der Korruption. Heute ist großer Aktionstag.

Von Natasha Tripney

Protest in Kragujevac © Faculty of Dramatic Arts, Belgrad

6. März 2025. Vorgestern am Dienstag war der hundertste Tag der Besetzung. Studenten haben die Fakultät für darstellende Kunst in Belgrad okkupiert. Der Unterricht fällt aus, im Fakultätsgebäude sind Schlafsäle und eine Küche eingerichtet. Die Studenten sind nicht allein. Zahlreiche Fakultäten in ganz Serbien sind in ähnlicher Weise besetzt, als Teil einer breiteren Welle von Anti-Korruptions-Protesten, die das Land erfasst haben.

Auslöser der Proteste war der Einsturz einer Betonüberdachung am Hauptbahnhof von Novi Sad, der zweitgrößten Stadt Serbiens, am 1. November 2024. Fünfzehn Menschen kamen dabei ums Leben. Der Bahnhof war erst kurz zuvor renoviert worden. Viele Beobachter führen die Tragödie auf eine tief verwurzelte Kultur der Korruption und Vetternwirtschaft zurück. Zum Gedenken an die Toten finden seither täglich ab 11.52 Uhr, dem Zeitpunkt des Einsturzes, 15-minütige Mahnwachen statt.

Ein Protest wächst an

Am 22. November hielt eine Gruppe von Theaterstudenten der Fakultät für darstellende Kunst in Belgrad eine dieser Mahnwachen ab, als sie von vorbeifahrenden Autofahrern angegriffen wurde. Es stellte sich heraus, dass einige der Täter Verbindungen zum Staat hatten. Die Studenten besetzten daraufhin ihr Fakultätsgebäude und stellten eine Reihe von Forderungen: Sie verlangten, dass Dokumente über die jüngste Renovierung des Bahnhofs von Novi Sad veröffentlicht werden und dass die Verantwortlichen für den Einsturz des Vordachs ebenso wie jene, die die Angriffe auf sie durchführten, strafrechtlich verfolgt werden. "Dies ist ein Kampf für Gerechtigkeit", erklärt Vanja Šević, Studentin an der Fakultät für dramatische Künste in Belgrad. "Wir wollen, dass die Institutionen ihre Arbeit machen."

Was an der Fakultät für darstellende Kunst begann, weitete sich schnell aus. Andere Fakultäten sind dem Beispiel gefolgt, aus den 15-minütigen stillen Mahnwachen wurden Massenversammlungen. Am 22. Dezember versammelten sich über 100 000 Menschen in der Belgrader Innenstadt zu einem der größten Proteste, die das Land seit den 1990er Jahren erlebt hat. Bei den Demonstranten handelte es sich nicht mehr nur um Studenten; auch die Bauerngewerkschaften waren aktiv beteiligt.

Viele der Anwesenden waren Bürger, die ihren Frust über die Regierung von Präsident Aleksandar Vučić zum Ausdruck bringen wollten. Die regierende Serbische Fortschrittspartei (SNS) ist seit 2012 an der Macht, und Vučić war in den letzten acht Jahren Präsident. Wie Freedom House berichtet, wurden in dieser Zeit die politischen Rechte und die bürgerlichen Freiheiten kontinuierlich ausgehöhlt. Der berufliche Aufstieg hängt in hohem Maße von Parteibindungen ab, und viele junge Menschen haben Schwierigkeiten, sich eine Zukunft unter dem derzeitigen Regime vorzustellen.

Die Studenten haben sich von Anfang an bemerkenswert gut organisiert. Ihre Bewegung funktioniert ohne Führung. Jede Entscheidung wird von den Studenten im Plenum getroffen. Sie haben sich deutlich von der zersplitterten serbischen Opposition distanziert, die in dieser Woche während der Eröffnungssitzung des Parlaments in einer ungelenken Solidaritätsbekundung mit den Studierenden Fackeln und Rauchbomben zündete.

Mit Wärme und Humor Sympathiepunkte sammeln

Die Studenten hingegen waren insgesamt zurückhaltender. Sie räumen nach jeder Aktion und jedem Protest peinlich genau auf, wohl wissend, dass ihr Handeln hinterfragt werden wird. Sie verstehen es, die sozialen Medien als Instrument zu nutzen, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Theaterstudenten haben während der Proteste eine Vorreiterrolle gespielt, und sie wissen, wie wichtig es ist, Geschichten zu erzählen. Sie haben Wärme, Humor und Spaß in viele ihrer Proteste eingebracht. Als sie eine 24-stündige Blockade einer wichtigen Autobahnkreuzung in Belgrad inszenierten, zelteten sie, spielten Musik und Ballspiele und grillten Fleisch, um eine fröhliche Atmosphäre zu schaffen. Doch ihr Ziel ist ernst: Sie fordern Rechenschaft und einen Systemwandel.

Gelegentlich erfuhren die Studenten auch hier Aggressionen. Bei mehreren Gelegenheiten wurden sie mit Autos angefahren und eine junge Frau wurde in Novi Sad gewaltsam angegriffen. Aber diese Vorfälle wurden weithin verurteilt und haben die öffentliche Unterstützung für die Studenten eher noch verstärkt. Sogar der serbische Tennisspieler Novak Djokovic wurde fotografiert, als er ein Sweatshirt mit der Aufschrift "Students are Champions" trug.

Serbia1 Natasha Tripney uProtest in Kragujevac © Faculty of Dramatic Arts, Belgrad

Von Beginn der Proteste an hat die Theatergemeinde die Studenten lautstark unterstützt. Zunächst wurden nach Aufführungen Unterstützungsbekundungen verlesen, aber die Darsteller trugen auch rote Handschuhe, um ihre Unterstützung zu signalisieren – der blutige rote Handabdruck ist zum Symbol der Proteste geworden. Vom 10. bis 17. Februar traten serbische Schauspieler in einen siebentägigen Streik, den ersten Streik dieser Art in der Geschichte Serbiens. In ganz Belgrad und im ganzen Land blieben die Theater geschlossen.

Am 11. Februar, dem zweiten Tag des Schauspielerstreiks, begaben sich die Studenten auf eine "Wandertheater"-Tour durch die Straßen Belgrads. An jedem Theater, das sie passierten, wurden sie von den Ensembles begrüßt und angefeuert. Vor dem "Atelje 212", einem der renommiertesten Theater der Stadt, in dem seit jeher Avantgarde-Stücke aufgeführt werden, sang das Ensemble "Let the Sunshine In" aus dem Musical "Hair", das eine historische Verbindung zu diesem Theater hat. Die Belgrader Produktion des gegenkulturellen Musicals wurde 1969 im "Atelje 212" aufgeführt, ein Jahr nach der Broadway-Premiere.

"Dieser Tag war einer der wichtigsten und emotionalsten in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn", sagt der Schauspieler Ivan Mihailović, der zum Ensemble des "Atelje 212" gehört. Die Schauspieler haben sich auffallend lautstark für die Studenten eingesetzt, denn "wir haben eine besondere Macht in der Öffentlichkeit, die es uns ermöglicht, eine große Anzahl von Menschen leichter zu erreichen", sagt er. Einige Schauspieler sind auch für die Studenten aufgetreten und haben in den Fakultätsgebäuden Produktionen aufgeführt, die Teil eines umfassenderen Programms kultureller Aktivitäten sind, das die Studenten organisiert haben. Für die Studierenden der Fakultät für darstellende Kunst war der Schauspielerstreik besonders wichtig, denn, so Šević, "wir sind Kollegen. Wir hoffen, den gleichen Karriereweg einzuschlagen".

Der Streik war mehr als nur eine Geste der Solidarität. Die Studenten haben die Menschen aufgefordert, sich mit ihren eigenen Institutionen auseinanderzusetzen, um, wie Mihailović es ausdrückt, "unsere eigenen Höfe zu reinigen". Der Schauspielerverband stellte einen eigenen Forderungskatalog auf, in dem er Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und der Bezahlung im Theaterbereich sowie eine Aufstockung des serbischen Kulturetats forderte. Die Forderungen wurden letztendlich nicht erfüllt.

Die Schauspieler gehörten zwar zu den ersten, die sich zur Unterstützung der Studenten äußerten, sagt Mihailović, aber sie sind nicht allein. "Viele haben aufgehört zu schweigen und sich zu fürchten, das auszusprechen, was sie schon lange denken. Die Studenten haben uns allen neue Kraft gegeben." Auch in anderen Bereichen wurde gestreikt. Am 24. Januar fand ein Generalstreik statt, bei dem viele Buchläden, Bars und Kultureinrichtungen ihre Türen schlossen. Ein weiterer ist für den 7. März geplant.

Der lange Marsch von Stadt zu Stadt

In den letzten Wochen sind die Protestierenden von Stadt zu Stadt gezogen. Dies begann Anfang Februar, als Studenten aus Belgrad beschlossen, 80 km zu Fuß zu gehen, um sich ihren Kommilitonen bei einer Protestaktion in Novi Sad anzuschließen. Dieser zweitägige Marsch führte sie durch verschiedene kleinere Städte, in denen sie oft herzlich empfangen wurden. Eine der größten Herausforderungen, mit denen die Studenten konfrontiert waren, ist die Tatsache, dass die meisten serbischen Medien staatlich kontrolliert werden und der wichtigste staatliche Sender RTS nur sehr wenig über die Proteste berichtet. (Um dem entgegenzuwirken, haben die Studierenden unter anderem ihre eigenen parodistischen Nachrichtensendungen gedreht). Ihre Entscheidung, zu Fuß nach Novi Sad zu gehen, hatte die unbeabsichtigte Folge, dass sie direkt mit den Menschen in Kontakt kamen und mit ihnen von Angesicht zu Angesicht sprechen konnten. Dies hat zu emotionalen Szenen geführt. Viele ältere Menschen waren von der Ankunft der jungen Leute in ihren Städten sichtlich bewegt.

Einige Wochen später machten sich die Studenten zu Fuß auf den Weg nach Kragujevac in Zentralserbien, wo sie am 15. Februar, dem serbischen Nationalfeiertag, ankamen. Der Tag war mit Bedacht gewählt. Man erinnerte damit an die erste serbische Verfassung, die 1835 in Kragujevac verabschiedet wurde. Während der Proteste haben sich die Studenten als Bewahrer der Verfassung dargestellt.

Serbia2 Natasha Tripney uProtest in Kragujevac © Faculty of Dramatic Arts, Belgrad

Am 1. März, vier Monate nach dem Einsturz des Vordachs, wurden die Studenten in Niš in Südserbien wie Helden empfangen. Viele von ihnen waren müde und humpelten, nachdem sie tagelang zu Fuß unterwegs gewesen waren. Obwohl die Stimmung ausgelassen war, vergaßen die Demonstranten nie, dass bei der Tragödie von Novi Sad 15 Menschen ihr Leben verloren und zwei weitere schwer verletzt im Krankenhaus liegen. Wo auch immer sie hingehen, sorgen sie dafür, dass es 15 Schweigeminuten gibt.

Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht irgendeine Form von Aktion oder Protest stattfindet. Der Klang entfernter Trillerpfeifen ist zu einem Teil der Musik des täglichen Lebens geworden. Es beginnt, Wirkung zu zeigen. Seit Beginn der Proteste wurden einige der Dokumente über die Renovierung des Bahnhofs freigegeben. Es gab auch mehrere Rücktritte, darunter den des Ministerpräsidenten Miloš Vučević, sowie mehrere Verhaftungen, unter anderem des ehemaligen Bürgermeisters von Niš.

Gleichzeitig bezeichnet Präsident Vučić diese Proteste weiterhin als das Werk "ausländischer Einmischung" und hat Gegenkundgebungen veranstaltet, von denen die jüngste nicht in einer der großen Städte, sondern in der relativ kleinen Stadt Sremska Mitrovica stattfand. Vučić sprach von einer "farbigen Revolution" und Kräften, die Serbien zerstören wollen. Die Studenten zeigten ihrerseits kein Interesse, sich direkt mit Vučić auseinanderzusetzen. Stattdessen bekräftigen sie, dass sie darauf warten, dass ihre Forderungen erfüllt werden.

Wissen und Arbeit statt Gehorsam

Es bleibt die Frage, wie lange die Studenten dies durchhalten können. Es wird bald der Zeitpunkt kommen, an dem sie vielleicht ein Studienjahr opfern müssen, was einigen leichter fallen wird als anderen. Trotzdem scheinen die Studenten fest entschlossen, weiterzumachen, bis ihre Forderungen erfüllt sind. In Niš gaben sie ein Edikt heraus, in dem es heißt: "Wir wollen Institutionen, die im Interesse von uns allen arbeiten und nicht zu unserem Nachteil. Wir wollen ein System, das Wissen und Arbeit wertschätzt, nicht Gehorsam".

Die Studenten zeigen, wie Widerstand aussehen kann und was man gemeinsam erreichen kann. Sie verändern die öffentliche Stimmung und durchbrechen das Klima der Unterdrückung und Angst, das Serbien in den letzten Jahren umhüllt hat. Wie Mihailović sagte, geben die Studierenden den Menschen Kraft – sie stärken diejenigen, die vielleicht die Hoffnung aufgegeben haben, dass ein Wandel möglich ist.

 

Der Text ist eine Übersetzung des Beitrags von Natasha Tripney, den Sie hier im englischen Original lesen können. Übersetzung: Christian Rakow

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