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Leitfaden: Sensible (Bühnen-)Darstellung von Suizid

3. April 2025. Wie man Suizide auf der Bühne, in Film oder Fernsehen sensibel darstellt, ohne zur Nachahmung anzuregen, vermittelt die Arbeitsgruppe Medien im Nationalen Suizidpräventionsprogramm (NaSPro) in einer Broschüre. Auf die Veröffentlichung weist unter anderem der WDR hin.


Charaktere zu zeigen, die effektive Wege zur Bewältigung eines Problems finden, ist eine der Empfehlungen der 17-seitigen Broschüre. Geraten wird auch, die Methode und den Suizid selbst nicht zu zeigen. Suizid wie auch assistierter Suizid sollen "nicht als heroischer Akt, als erstrebenswert oder als einzige naheliegende Handlung dargestellt" werden. Film- und Theaterproduktionen sollten Hinweise auf professionelle Hilfe geben und Trigger-Warnungen in Betracht ziehen.

Bei der Vorstellung des Leitfadens erklärte der Medienpsychologe von der Universität Würzburg Frank Schwab laut epd Medien, dass der "Werther-Effekt" verhindert werden solle, zugunsten eines "Papageno-Effekts". Während sich Werther in Johann Wolfgang von Goethes Briefroman das Leben nimmt, was in realiter zu Nachahmungen führte, wird Papageno in Mozarts Oper "Die Zauberflöte" von seinen Suizidgedanken abgebracht.

Bis zur Jahrtausendwende habe man den Ansatz verfolgt, nicht über Suizid zu berichten, um gefährdete Menschen nicht anzuregen, erläuterte Georg Fiedler von der Deutschen Akademie für Suizidprävention der epd zufolge. Inzwischen gehe es nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie einer Darstellung. Auch stünden nicht mehr ausschließlich reale, sondern auch fiktive Ereignisse im Fokus der Forschung.

Für den 17-seitigen Leitfaden hat die Deutsche Akademie für Suizidprävention von Fachleuten eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übersetzen und bearbeiten lassen, "Preventing suicide: a resource for filmmakers and others working on stage and screen".

(Deutsche Akademie für Suizidprävention, epd Medien / eph)

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Kommentare  
Leitfaden Sensible Darstellung: Bedingt brauchbar
Erstmal Danke für die Arbeit.
Ich bin nach dem Durchlesen allerdings ein wenig enttäuscht. Man merkt, dass der Leitfaden auf naturalistisches Spiel und Psychologischen Realismus abzielt. Für die Postdramatik und beyond ist der Leitfaden eher bedingt brauchbar, resp. sind normative Sätze wie "Die Durchführung oder die Methode des Suizids sollte nicht dargestellt werden" für die künstlerische Auseinandersetzung nicht sehr hilfreich. Sie verhindern meiner Meinung nach eine differenzierte Produktionsbezogene Auseinandersetzung.

Meiner Meinung darf es in den darstellenden Künsten keine Checkliste geben, die man einfach erfüllen kann. Es sollte hingegen Material (wie das vorhandene) zur Verfügung gestellt werden, und noch besser Beratungsangebote und Schulungen, wie ich Produktionsbezogen reflektieren kann. Zudem ist es natürlich hilfreich, wenn es auch dafür Coaches gibt.

Diesen Schritt sind wir bezüglich Diversität und Sexdarstellung schon ein wenig weiter. Es gibt Coaches, die bei Sexszenen (im Film) am Set dabei sind. In den Theatern arbeiten immer mehr mit Diversitätsagent:innen. Das ist gut: Denn Diversität ist eben auch keine Checkliste.

Trotzdem Danke für den Leitfaden. Er ist schon auch hilfreich.
Leitfaden Sensible Darstellung: Ehrenwert, aber...
Ich finde es ein gutes und wichtiges Unterfangen, Bildung über Suizid unter die Leute zu bringen. Allerdings ist die Broschüre für den Anwendungsbereich Theater kaum geeignet, eher an Fernseh- und Filmschaffende und diejenigen, die selbst Erzähl-Stoffe entwickeln.

Interessanter fürs Theater wäre: Was mache ich mit existierenden Erzählungen wie "Romeo und Julia" oder "Frühlings Erwachen"? Was sind bekannte Erzählungen im Kanon und was ist an deren Darstellung von Suizid problematisch?
Wie kann Kunst sich mit diesen Dingen beschäftigen, ohne sich selbst zu zensieren, aber auch ohne bestehende Probleme zu vergrössern?

Das streift natürlich auch die Frage, wie gehe ich generell mit Narrativen um, die Menschen, Beziehungen und der Gesellschaft schaden, angefangen bei romantischen Beziehungsidealen bis hin zu rassistischen oder behindertenfeindlichen Erzählungen?

Das Blockseminar würde ich gern an Schauspiel- und Regieschulen anbieten ;-)
Leitfaden Sensible Darstellung: Kein Moral-Blockseminar
#2 Erzählungen schaden der Gesellschaft nicht, sondern nur ständig wiederholte Behauptungen, das die eine Erzählung z.B. garantiert stimmt und eine andere z.B. garantiert nicht. Das ist eine Machtfrage der öffentlichwirksamen Interpretation. Das Gute an Erzählungen ist ja, dass Menschen in der Lage sind, sie selbst und eigenständig zu deuten, wenn sie gründlich darüber nachdenken und zwar, während undoder nachdem sie stets gründlich beobachten, aus welchen Macht- undoder Ohnmachtpositionen heraus Erzählungen mehr oder weniger öffentlichkeitswirksam interpretiert werden.
Dem Theater schaden weder rassistische noch verromantisierende oder sonst welche Beziehungsideale, weil das Theater alle Mittel und Wege hat, seine Differenz zum rein erzählten Inhalt DARZUSTELLEN. Theater kann sogar gesellschaftspolitisch betrachtet um so wertvoller sein, je größer die Differenz zwischen Erzählungsvorlage und Darstellung erfahrbar gemacht wird!!! -
Ein entsprechendes Moral-Blockseminar sollte man vielleicht besser in den Pädagogenseminaren belassen - ich fürchte dann allerdings zunehmend für die Denkfähigkeit der jungen Menschen, die diese besuchen und die Erzählungen über die gesellschaftlich gut und alternativ schlecht wirkenden Narrative an noch jüngeren Menschen beflissentlich anwenden...
Leitfaden Sensible Darstellung: Menschenrealität
Muss ein gegenwärtiges Theaterstück dann immer einen positiven Ausweg zum Suizid aufzeigen, oder wie? Die Broschüre scheint das zu wollen. Es geht immer wieder darum, ob man unschöne Details einer unschönen Menschenrealität darstellen darf - oder lieber nicht, da die Darstellung das Unschöne noch bestärken könnte.
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