Gartenfest zur Zeitgeschichte

3. Juni 2024. "Welt, Weit, Wolfen": Am ehemaligen Industriestandort Wolfen findet das zweite OSTEN-Festival statt. Der Bericht vom Auftakt-Wochenende.

Von Vincent Koch

Festival OSTEN in Bitterfeld/Wolfen © Vincent Koch

3. Juni 2024. Der Osten ist jetzt eine Wasserrutsche. Gezimmert aus blassrosa gestrichenen Holzelementen, führt sie geradewegs in ein türkisfarbenes Landebecken. Und es wird gerutscht, was das Zeug hält. Unermüdlich rennen Kinder zum Eingang der Rutsche herauf und sausen freudestrahlend ins Wasser. Ringsherum sitzen jede Menge Leute auf Strohballen, mit Cocktails, aus denen glitzernde Schirmchen ragen. Manche Besucher*innen zaudern erst und packen dann doch Handtuch und Badehose aus, um ebenfalls den Weg zur Rutsche zu suchen. Ganz oben, am Geländer des Rutschengerüsts, prangt in dunkelroten Lettern der Schriftzug: "Fragen Fragen". Es ist das Einzige, was hier verrät, dass die Rutsche Teil einer größeren Sache ist.

Vor Ort verankert

Was wirkt wie ein großes Gartenfest, ist das Setting für das OSTEN-Festival. Bereits zum zweiten Mal findet es seit diesem Wochenende in Bitterfeld-Wolfen statt, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt – dreißig Minuten von Leipzig, eine Zugstunde von Berlin. Ein Team aus Kulturschaffenden möchte damit "den Osten" laut Selbstaussage als "Landschaft der Veränderungen für Mensch, Natur und Zusammenleben erforschen und feiern". Über einen Zeitraum von drei Wochenenden schafft OSTEN einen Raum für Kunst und gegenseitiges Interesse. Denn hier wurde nicht einfach Hochkultur von Berlin in die Provinz verfrachtet: Das Festival ist von Anfang an mit der Bevölkerung vor Ort konzipiert, kooperiert teils schon jahrelang mit Institutionen, Gruppen und Vereinen in Bitterfeld-Wolfen. Es ist ein Festival für die Stadt und mit der Stadt, das einen Rahmen schafft für Austausch und Reibung – und das geht auf.

Durchfährt man Bitterfeld-Wolfen mit dem Fahrrad, tauchen am Wegesrand immer wieder gigantische Chemieparks auf: monströse Gebäude, Leitungen, Apparaturen. Sie erinnern daran, dass die Region einst ein riesiger, moderner Industriestandort war – und es heute, in kleinerer Form, noch immer ist. In Wolfen stand die Filmfabrik, die mit dem Agfa-Film in den 1930ern einen der ersten praktikablen Farbfilme herstellte und die Marke ORWO ("Original Wolfen") entwickelte – ein Vorzeigeprojekt der DDR.

Nach der Friedlichen Revolution 1989/90 wurden viele der Betriebe sukzessive eingestampft. Hunderte Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze. Die Natur war durch toxische Chemikalien und den Braunkohleabbau verschmutzt, die Bevölkerungszahlen gingen stetig zurück. Bitterfeld-Wolfen steht also exemplarisch für eine ostdeutsche Stadt der Umbrüche. Eine Region, die sich beständig mit der Transformation auseinandersetzen musste. Nicht nur die Natur holt sich schrittweise ihren Platz zurück, sondern auch die Stadt wandelt sich – und zeigt mit einem Festival wie OSTEN, dass sie weitaus mehr ist als ein Chemie-Moloch.

Kunst in der alten Feuerwache

OSTEN erzählt die Geschichten vom Wandel, der als existenziell erfahren wurde. Das Festival gestaltet die Veränderung aber auch aktiv mit, indem es Kultur etabliert an einem Ort, an dem es davon nicht mehr viel gibt. Vor zwei Jahren wurde der leerstehende Kulturpalast in Bitterfeld bespielt, dieses Jahr hat das OSTEN-Festival das Gelände der ehemaligen Feuerwehrwache Wolfen in Beschlag genommen und legt den Fokus auf das vielschichtige, historische Erbe der Filmproduktion. Über fünfzig Kunstwerke und Installationen sind dort und in der näheren Umgebung zu finden, zum Beispiel im ehemaligen Kino Wolfen, dessen Besuch einer Zeitreise gleicht.

Osten9 Feuerwache Wolfen c Martin NaundorfSpielort von OSTEN #2: die Feuerwache Wolfen © Martin Naundorf 

Die Wache selbst, mit ihren einfarbigen Wänden erst einmal funktional und kahl wirkend, wird durch die Kunst belebt. In einem Raum hat die Künstlerin Anke Heelemann Fotos ausgelegt, die sie in Privatbeständen gesammelt hat: Alltags-Schnappschüsse vom Arbeiten, Feiern und Wandern. Was fehlt, ist der Kontext – die Bildunterschriften können sich die Besucher*innen selbst ausdenken und so die Eindrücke von Bitterfeld-Wolfen zu einem eigenständigen, großen Bild zusammenfügen.

Beim Rundgang durch die Wache entdeckt man immer wieder dort Kunst, wo man sie nicht vermuten würde: hinter den Türen der Abstellkammer, auf dem Boden, durch ein Fenster. Ein Raum sieht aus wie ein Filmset – als hätten ihn die Feuerwehrmänner nach dem Kaffee vor langer Zeit genauso verlassen wie er jetzt eingerichtet ist. Dabei handelt es sich bei dem Ort mit den staubigen Gardinen, der wie von einem Sepia-Filter überzogen zu sein scheint, um die Installation "Kuba-Orangen" der Künstlerin Viviana Medina, die sich darin mit kubanischen Vertragsarbeiter*innen in der DDR auseinandersetzt.

Versteckte Geschichte(n)

In der Halle, wo früher die Fahrzeuge auf ihren Einsatz warteten, hat man eine Tribüne aufgebaut, ein paar Scheinwerfer angeschlossen und die Tore mit Molton verhängt: so einfach ist eine Festival-Bühne errichtet. Dort treten oft Künstler*innen auf, die anstelle fertiger Produktionen kuratiert wurden und zeigen ihre Beschäftigung mit den Themen des Festivals, zumeist als einmalige Show. So eröffnet am ersten Abend die ukrainische Künstlerin Maryna Makarenko mit ihrer beeindruckenden Performance "Green Rivers Tongue-Tied" das Festivalprogramm. Makarenkos Mutter arbeitete in einer Filmfabrik im ukrainischen Schostka. Sie möchte, so macht sie mit ihrer klaren Stimme gleich zu Beginn deutlich, mit all den Mythen aufräumen, die sich um die Arbeit in den Fabriken ranken, speziell was die Arbeit von Frauen angeht. Vor einem roten Vorhang windet sie sich immer wieder in verschiedene Richtungen, während sie von der anstrengenden, stupiden Fabrikarbeit erzählt.

Osten 1 FabianWenzel Maryna Makarenko in ihrer Performance  "Green Rivers Tongue-Tied" © Falk Wenzel

Mal zeigt sie geführte Bewegungen, später tänzerische. Wie ein historischer Metalldetektor surrt die ganze Zeit eine Soundspur, die dann plötzlich in aggressive Beats umschlägt. Dazu übergießt Makarenko ihren Körper mit einer weißen Flüssigkeit, bevor sie auf dem Boden liegen bleibt. Als hätte die Chemikalie sie geschwächt. Mit kleinen Gesten erzählt Maryna Makarenko so von den krassen Folgen der Arbeit für den weiblichen Körper – als "hidden story", wie sie es selbst beschreibt. Eine persönliche, feministische Geschichte im Vergleich zu den vielen glorifizierten Aussagen, die es vor allem zu DDR-Zeiten über diese Arbeit gab. Mit ihrem kraftvollen Auftreten wohnt Makarenkos Performance etwas Empowerndes inne.

Fokus auf Strukturwandel

Der Fokus des ersten Festivalwochenendes liegt klar auf den internationalen Verstrickungen Wolfens. Zunächst scheinen das ukrainische Schostka und das US-amerikanische Rochester, wo die Kodak-Filmfabrik steht, nichts dem Ort zu tun zu haben: aber bei genauerer Betrachtung legen die Performances und Installationen eben doch Schichten frei, die Parallelen mit Wolfen aufweisen. Es sind ähnliche Probleme des Strukturwandels, mit denen die beide anderen Orte auch zu kämpfen haben. Am selben Abend kann man Oscar Olivos irrwitzigen Puppen nach Rochester folgen, wo er mit viel Humor von seiner mindestens genauso absurden Recherchereise nach Rochester erzählt und wie er versucht hat, den Kodak-Managern Blumen mitzubringen, weil ihre toxische Produktion die Natur um sie herum vernichtet.

Osten 2 FabianWenzelOscar Olivo in seiner Performance "From Darkness A Morning Glory" © Falk Wenzel

Eine Tiefenbohrung im Archiv unternimmt am Tag darauf eine, zugegebenermaßen etwas klassisch geratene Lecture Performance im Rathaus Wolfen, der ehemaligen IG-Farben Zentrale Mitteldeutschland. Nataly Hulikova, Alison Shea & Frieda Westphalen fragen zum Beispiel, ob Wolfener Farbfilmverfahren nach dem Zweiten Weltkrieg von US-Amerikanern und Briten für ihre eigenen Industrien quasi entwendet wurden – und stellen dabei fest dass es historische Lücken in der Überlieferung gibt. Der Blick über den Wolfener Tellerrand hinaus versucht sich an einem gemeinsamen Austausch über historische Fakten und Fiktionen und schafft damit eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart.

Familiäre Atmosphäre

Die Performances und Installationen funktionieren wie kleine Impulse, denn OSTEN ist mit seinen vielfältigen Kultur-Parcours als ein riesiges Puzzle kuratiert, das nie fertig werden wird, sich aber kontinuierlich neu zusammensetzt und verdichtet. Um die Weite Wolfens zu erfassen, sollte man deshalb besser ein ganzes Wochenende einplanen. Die Atmosphäre ist familiär, viele Angebote sind kostenfrei und niedrigschwellig. Die Leute aus Bitterfeld-Wolfen kommen in Scharen. Sie rufen dann eben mal rein, wenn sie bei einer Performance nicht mitkommen und blühen auf, wenn Sie ihr Zeitzeug*innen-Wissen rausholen können. Bei ihnen kommt OSTEN jedenfalls an – sie wollen es sogar als ihr Festival verstanden wissen.

Auf dem Weg vom Bahnhof Wolfen kommt man immer wieder an Laternen mit AfD-Wahlplakaten vorbei. Direkt darunter hängen die Wegweiser zum OSTEN-Festival. Eine symbolische Konstellation: Gerade im Kontext der kommenden Wahlen schafft das Festival eine Gegenerzählung zu den AfD-Narrativen. Und sei es zunächst nur die einer Wasserrutsche in Wolfen.

 

Festival OSTEN. Welt. Weit. Wolfen

Green Rivers Tongue-Tied
Konzept: Maryna Makarenko, Dramaturgie: Anne Diestelkamp, Stage Design: Svitlana Selezneva, Sound: Lukas Grundmann
Mit: Maryna Makarenko

From Darkness a Morning Glory
Konzept: Amy Trompetter, Oscar Olivo
Mit: Amy Trompetter, Oscar Olivo, Elsa Saade

Forschen nach Farbfilmmaterialien jeder Art
Lecture Performance
Von und mit Nataly Hulikova, Alison Shea & Frieda Westphalen

1. bis 16. Juni 2024

www.osten-festival.de

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