Planlos mit dem Rasenmäher 

20. November 2024. Sparen, kürzen, weg damit: Nachdem der Bund im Sommer die Gelder für Kulturfonds gekürzt und für Produktionshäuser ganz gestrichen hat, ziehen die Kommunen nach. In Berlin, München oder Köln. Was bedeutet das? Ein Gespräch mit Heinrich Horwitz und Carena Schlewitt.

Von Susanne Burkhardt und Elena Philipp

Frontalattacke gegen die Kultur © ChatGPT Dall E 3

20. November 2024. In Berlin haben sie nun doch den Rasenmäher angeworfen. Die Hauptstadt muss sparen und den Kultureinrichtungen fehlen ab Januar 2025 im Schnitt 10 Prozent in ihren Etats. Die Kampagnen und Demonstrationen der Theaterszene haben nichts bewirkt, der Kultursenator hat wohl nicht genug für sein Ressort gekämpft.

Auch aus München werden Kürzungspläne bekannt, die ganze Theater in die Insolvenz treiben könnten. In Köln steht das Impulse Festival vor dem Aus.

Heinrich Horwitz, Regisseur*in, Choreograf*in und Schauspieler*in, aktivistisch für die Freie Szene engagiert, und Carena Schlewitt, die Leiterin des Europäischen Zentrums der Künste in Hellerau, sprechen über die Einschnitte und die Folgen für die Künstler*innen.

  

 In Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur.

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Kommentare  
Theaterpodcast Kulturkürzungen: Kunst-Detox?
Ich mag diese Kürzungen. Sie geben mir ein angenehmes Gefühl. Ich denke, so gibt es endlich eine Chance aus den Zwängen heraus zu kommen. Über achtzig Prozent der Gelder sind schon festgeschrieben als Fixkosten. Das ist zu viel. Die müssen wieder freigesetzt werden. Außerdem besteht so die Hoffnung, dass sich die Bühnen wieder mehr auf ihr Kerngebiet konzentrieren, die Schauspielerei. Weg von Video und Ausstattung. Hin zur Schauspielkunst. Eine leere Bühne, ein leerer Raum. Entgiftung für die Kunst. Abspecken.
Theaterpodcast Kulturkürzungen: KI-Bild
Ist dieses hässliche KI-Bild euer Ernst? Hat die Erniedrigung durch Kürzungen an der Kunst nicht gereicht, dass ihr jetzt ein Symbolbild dazupackt, das genau mit der Angst spielt, die viele Künstlerinnen und Künstler gerade teilen: ersetzt und wegrationalisiert zu werden?
Theaterpodcast Kulturkürzungen: Goethe
Ich finde nicht falsch, was Hr Baucks oben schreibt. Um Goethe zu zitieren: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.
Ich bin gespannt, wie sich die Berliner Theater in den Spielzeiten 25/26 und 26/27 präsentieren.
Theaterpodcast Kulturkürzungen: Elite unter sich
@martinbaucks: O.k., dann können sich die Theater auf ihr Kerngeschäft beschränken, sprich Sprechtheater. Ausstattung, Bühnenbild und Medien lassen wir dann auch schön weg, spielt eh keine Rolle. Es können ja auch Menschen in Alltagskleidung auf der Bühne stehen und einfach nur sprechen. Schon mal was von künstlerischer Freiheit gehört? Oder Vielfalt? An den Theatern sind Menschen beschäftigt, die freie Szene lebt sowieso schon prekär und kann deshalb auch wegfallen. Dafür sparen wir dann zusätzlich noch an Zugängen und Barrierefreiheit, an der Vermittlungsarbeit, dann ist doch alles o.k. mit den Kürzungen. Achja, die Preiserhöhungen habt ihr vergessen zu erwähnen. Dann bleibt die Elite dann einfach unter sich. Und das mögt ihr?
Theaterpodcast Kulturkürzungen: Nicht gleich
Schauspielkunst ist jetzt aber nicht gleich Sprechtheater, liebe Jutta.
Theaterpodcast Kulturkürzungen: Gewaltiges Problem
@martin baucks: Es ist mir unbegreiflich, wie man diesen Ausgabenexzess eines Hauses wo jemand "Schauspiel" betreibt noch verteidigen kann. 88% der Deutschen können adäquat lesen, wozu muss das wer auf einer Bühne verkünsteln? Weg vom ganzen Firlefanz, wir besinnen uns aufs Lesedrama. Zuhause, im stillen Kämmerlein. Entgiftung für die Kunst. Abspecken.

Jetzt mal Scherz beiseite. Das kann man vielleicht in Berlin versuchen - und selbst da verstärkt man vermutlich damit nur die Frage, warum man zwei dutzend verschiedene Häuser braucht, die alle erzwungermaßen die selbe Minimal-Ästhetik bedienen. Eine Bühne kann nur auf eine ziemlich begrenzte Anzahl von Arten leer sein, bevor einem die Ideen ausgehen.
Außerhalb der Metropole verdirbt man es sich ja jetzt schon mit bewusst gesetztem Minimalismus. Wir haben ein gewaltiges Problem, überhaupt noch irgendwen fürs Theater zu gewinnen, und wenn man anschaut, was denn überhaupt noch funktioniert, ist das nicht "die reine Schauspielkunst".
Wenn man also nur noch den eigenen Niedergang verwalten will bis zur völligen Irrelevanz, ja, dann lasst es doch gerne nochmal mit "Konzentration aufs Kerngebiet" versuchen. Einfach immer weiter reduzieren, bis man irgendwann ganz weg ist, ganz leise, der letzte macht das Licht im leeren Raum aus, damit sich auf dem Weg auch bloß keiner davon gestört fühlt.
Theaterpodcast (74): Freie Szene statt Apparat
@M.G.: ja, schon. Aber Hr. Baucks spricht zu recht von 80%+ Fixkosten, die runter müssen. Da ist über Jahre niemand rangegangen, weil zu kompliziert, jedenfalls komplizierter, als in der Kunst zu kürzen und die Politik von der allgemeinen "Wichtigkeit" von Kunst und Kultur zu überzeugen.
Da liegt jetzt die Chance.

Um ein bisschen mehr zu polarisieren: was könnten wir für tolle Theaterkunst sehen, wenn das Geld, das heute vor allem in den Apparat Theater und Oper geht, in die freie Szene ginge!
Theaterpodcast (74): Aussprechen, was es heißt
@Realitycheck: Diese 80%+ Fixkosten repräsentieren, wie allgemein bekannt, zu einem großen Teil Lohnkosten. Wenn die runter gehen sollen, dann heißt das Entlassungen oder eben Lohnkürzungen.
Das kann man verlangen, sollte dann aber auch zu stehen.
Und hoffentlich einen besseren Plan haben als drauf zu hoffen, dass ein Haufen Freie durch ihre fortwährende Selbstausbeutung den Job billiger machen können als ihre festangestellten Kolleg_innen, die sich selbst schon am Rande des Prekariats bewegen. Ich jedenfalls bezweifle ernsthaft, dass die Freie Szene so schöne Dinge macht WEIL sie nicht das bisschen finanzielle Stabiltät hat, das eine Festanstellung bietet; sondern eher nichtsdestotrotz. Über diese Absicherung wäre wohl jede_r Freie sehr dankbar.
Billig, sozial, gut - suchen Sie sich zwei aus.
Theaterpodcast Kulturkürzungen: Managerqualitäten zeigen
Ja, klar. Ich finde das nicht einfach im Rahmen einer Kommentarspalte zu diskutieren, aber natürlich heißt Fixkosten runter starke Veränderungen bei Infrastruktur und auch Entlassungen! Das ist halt neu, weil im gewerblichen Bereich ist wegen der starken Gewerkschaftsvertretung bislang kaum was passiert, Stellen dort sehr sicher und auch angemessen gut bezahlt (im Vergleich zu anderen Branchen).
Und weil dieser Apparat vorhanden ist und daher auch benutzt werden muss, entsteht dafür Arbeit, man hätte ja sonst für Minimalbühnenbilder viel zu viele Leute... Also machen wir groß und aufwändig, und brauchen dafür dann auch die Headliner, die teuren Regisseure und Sänger:innen.
Das Geld wurde in den letzten Jahren beim Bühnenbild und den Budgets der kleinen Spielstätten eingespart, bei den freien Künstler:innen und Gästen.
Das geht jetzt nicht mehr.
Bitte nicht missverstehen, mir gefällt die Gesamtlage nicht. Ich denke nur, dass man dann jetzt bitte an die Strukturveränderungen ran muss, z.B. an den Repertoirebetrieb. Dass jetzt die Theaterleitungen ihre Managementqualitäten zeigen dürfen, und nicht immer nur die harten Entscheidungen da hin schieben, wo ihnen wenig Widerstand entgegen gesetzt wurde.
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