Theatermacher Kornél Mundruczó über die Abwahl Viktor Orbáns in Ungarn
Eine Revolution der Jugend
15. April 2026. Der Ungar Kornél Mundruczó ist einer der profiliertesten Theater- und Filmemacher Europas. Wie er die Wahlen am vergangenen Sonntag erlebt hat und welche Hoffnungen er mit der neuen Regierung von Péter Magyar verbindet, erzählt er im Interview.
Von Esther Slevogt
Der Theatermacher Kornél Mundruczó im Selbstportät
15. April 2026. Esther Slevogt sprach mit Kornél Mundruczó im Call via Internet auf Englisch und hat übersetzt.
Wo und in welcher Stimmung haben Sie den Wahlabend erlebt?
Ich war auf dem Vörösmarty-Platz, dem zentralen Platz in Budapest, wo Péter Magyar seine erste Rede vor etwa 500.000 jungen Menschen hielt. Es war überwältigend. Denn es handelt sich hier auch um eine Revolution der Jugend in Ungarn. Ich glaube tatsächlich, dass keine einzige Stimme von Menschen unter 35 Jahren an Orbán gegangen ist. Denn die junge Generation hier fühlt zwar stark ungarisch, empfindet aber an zweiter Stelle europäisch. Diese ganze antieuropäische Kampagne von Viktor Orbán hat bei dieser Generation nicht die geringste Resonanz gehabt. Sie fühlen sich als Europäer, Ungarn ist ein europäisches Land, selbst wenn die EU zentralistisch organisiert sein sollte, wollten sie in der EU bleiben. "Wir sind ein Teil von Europa, wir sind kein Teil des Ostens." Das ist die Haltung. Aber die Botschaft dieser Wahl ist noch größer: Es ist möglich, Freiheit und Demokratie zurückzubekommen. Mit Wahlen!
Welche Erwartungen hatten Sie?
Ich hatte ehrlich gesagt große Angst, denn es waren drei harte Monate. Was Orbán nach russischem Vorbild versucht hat: Einschüchterung durch Geheimdienste, durch enorme Unausgewogenheit der Berichterstattung in den Medien, Fake News, Propaganda – hatte die Lage schwer einschätzbar gemacht. Es war nicht vorauszusehen, wie die Wahl am Sonntag ausgehen würde.
Die Wahl am Sonntag war als Ereignis größer und bedeutender als der Wechsel 1989 vom Kommunismus zur Demokratie.
Als dann das Ergebnis feststand, ergriff nicht nur mich sondern die ganze Stadt, das ganze Land eine unglaubliche Euphorie. Es war unbeschreiblich. Ich habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Nicht einmal im Jahr 1989. Die Wahl am Sonntag war als Ereignis größer und bedeutender als der Wechsel damals vom Kommunismus zur Demokratie. 1989 brach alles zusammen, die Entwicklung war erwartbar. Die Sowjetunion wurde schon von Gorbatschow regiert, das ganze System war am Ende. Aber Orbán und seine Partei schienen so stark wie nie zuvor.
Was verkörpert Péter Magyar für Sie – ist er eine echte politische Alternative?
Ich finde, er hat einen unglaublich guten Job gemacht hat! Wirklich unglaublich gut. Ich habe auch sehr großen Respekt davor, wie er diesen dauernden Versuchen standgehalten hat, ihn zu demontieren. Sechzehn Jahre lang habe ich unter Orbán gelebt und immer mehr Hoffnungen verloren. Jetzt habe ich Hoffnung, dass wir unsere demokratischen Werte zurückbekommen, die Demokratie in Ungarn wiederhergestellt wird. Politisch würde ich Péter Magyar als gemäßigten Konservativen einordnen, so wie in Deutschland vielleicht Politiker von der CDU/CSU. Aber am Sonntag hat er alle Stimmen auf sich vereinen können, linke, liberale, konservative. Weil alle, die ihn gewählt haben, das Ende des Orbán-Regimes wollten. Deswegen setze ich jetzt große Hoffnungen in ihn.
Die Orbán-Jahre sind mit der Verödung einer kreativen und innovativen Theaterszene verbunden, dem Exodus von Ungarns bedeutendsten Theatermachern. Sie selbst haben viel im deutschsprachigen Raum gearbeitet und zuletzt einen Film in den USA gedreht. Welche Veränderungen erwarten Sie für die Theaterszene nach der Wahl?
Wir haben ja immer Witze gemacht: Wir bekommen vom Staat kein Geld, aber dafür Themen ohne Ende. Jetzt ist die Verantwortung natürlich sehr groß. Die Gemeinschaftserfahrung vom vergangenen Sonntag, wie da eine ganze Nation in die Waschmaschine kommt – wir unsere Moral zurückbekommen haben, als Individuen, als Gesellschaft, als Land – die Verantwortung, die Dinge jetzt wieder in Ordnung zu bringen, ist riesig. Es gibt viel zu tun. Besonders auch für die junge Generation, die jetzt für den Wechsel gestimmt hat. Um es noch mal zu sagen: Ich habe 16 + 8 Jahre, also buchstäblich mein halbes Leben unter Orbán verbracht. Jeder muss jetzt erst wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen. Ich hoffe auch die kritischen Stimmen werden im Theater wieder lauter, die unabhängige Szene wieder stark.
In welcher Rolle sehen Sie sich selbst?
Gute Frage. Ich habe das Arbeiten in Ungarn immer sehr vermisst. Mehr als zehn Jahre habe ich keine Förderung erhalten, konnte kaum in Ungarn arbeiten, weil ich auf der Schwarzen Liste stand. Auch, wenn unser Proton Theater nie ganz tot war, konnten wir kaum produzieren. Ich habe auch meine Arbeit für das ungarische Kino sehr vermisst. Jetzt hoffe ich natürlich, dass ich wieder in Ungarn arbeiten, beim Aufbau helfen kann.
Kornél Mundruczó, geboren am 3. April 1975 in Gödöllö, 30 km nordöstlich von Budapest, ist Film- und Theaterregisseur. Er gewann zahlreiche internationale Preise, unter anderem bei den Festivals in Cannes und Locarno oder den Österreichischen Theaterpreis Nestroy. 2009 gründete er in Budapest das unanhängige Proton Theater.
protontheatre.hu
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