Wir sind nur Schachfiguren im Spiel der Anderen

von Dina Netz

Essen, 23. Juli 2010. Eigentlich sind die drei Produktionen der "Promethiade" in Essen in der falschen Reihenfolge zu sehen: Das Festival endet Anfang August mit der Inszenierung eines Klassikers: der griechische Regisseur Theodoros Terzopoulos bringt Aischylos' "Der gefesselte Prometheus" auf die Bühne. In der Mitte collagiert das Performer-Kollektiv Rimini Protokoll Stimmen von heutigen Athenern zum Prometheus-Mythos. Und begonnen hat das Festival an diesem Wochenende mit der Dekonstruktion, nämlich mit einem "Anti-Prometheus" der türkischen Regisseurin Şahika Tekand.

Die Aufgabenstellung an die Regisseure bzw. Regieteams aus den drei Ländern war, den Prometheus-Mythos auf seine Aktualität zu befragen. Die Ergebnisse waren zuerst beim Athens Festival, dann in der Kulturhauptstadt Istanbul und jetzt eben in Essen zu sehen. Der ganze Titel des Stücks von Şahika Tekand heißt "Vergessen in zehn Schritten (Anti-Prometheus)" - aber "Stück" kann man diesen 50-minütigen Abend eigentlich nicht nennen.

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© Kayhan Kaygusuz

Wie beim Kinderspiel "Himmel und Hölle" hechten sie von Kästchen zu Kästchen, nur dass sie nicht einem Steinchen, sondern den Leuchtröhren folgen. Sie sprechen Deutsch und Türkisch, die türkischen Texte werden auf zwei Leinwänden am Bühnenrand übersetzt. Wobei Lauf- und Sprechgeschwindigkeit zunehmen und die Übertitel nicht ganz mithalten.

Und was reden sie? Einer ringt mit der Erinnerung an seinen Vater, ein anderer kann seinen Onkel nicht vergessen, der in einem türkischen Gefängnis gefoltert wurde. Einer hat Schmerzen, ein anderer denkt über seine Identität nach. Alle sind unglücklich mit dem, was sie sind, und mit dem, was sie herumschleppen. Sie hoffen, dass sich irgendetwas an ihrer Situation ändert, tun aber nichts dafür. Wobei die sechs Darsteller keine kohärente Geschichte erzählen, sondern nur kurze Sätze oder Satzfetzen hin und her werfen wie einen Ball. Sie sind wie Marionetten des Lichts: Immer der, den es anstrahlt, bekommt Redezeit. Meist erlischt es aber schnell wieder und rückt einen anderen für ein paar Sekunden ins Helle.

Schließlich beendet einer den Stuhl-Gang, stellt seinen Stuhl-Turm ab, und auch die anderen befreien sich von ihren. Doch sie wirken nicht befreit, gehen gebückt, und nach kurzer Zeit werden sie von einer tiefen Stimme aus dem Off angezählt, die fortan ihre Bewegungen steuert. Sie drehen sich zu den Zahlen wie Roboter.

Eine Revolte ist nicht denkbar
Später finden sie doch noch ihren "Seelenfrieden", indem sie in einer Reihe jeweils auf einem Stuhl Platz nehmen. Doch die Ruhe ist wieder nicht von Dauer, da sie sich an die Stühle gurten und bald wieder aufspringen und mit den Stühlen auf dem Rücken wie zuvor von Quadrat zu Quadrat hetzen, nur immer schneller. Am Schluss denkt man bei den herum hechtenden Schauspielern nicht mehr an Kinder beim Hüpfspiel, sondern eher an die Trainingsmethoden von Fußballprofis.

Die Botschaft des Abends ist schlicht: Fremde Mächte (Medien, Technik, globale Konzerne...) treiben uns durchs Leben, wir hasten immer weiter ohne Zeit zum Rasten und Nachdenken. Prometheus und seine Utopie vom freien Menschen sind fern, eine Revolte nicht denkbar. Wir sind nur Schachfiguren im Spiel von anderen. Die einzige Frau, die auftritt, muss die entscheidende Frage stellen: Gibt es einen Ausweg? Auch sie weiß zwar keine Antwort, tritt aber immerhin nicht in die leuchtenden Quadrate.

Diese zutiefst skeptische Sicht auf die heutige conditio humana ist so nachvollziehbar wie wenig originell und könnte schnell langweilen. Das Originelle an "Vergessen in zehn Schritten" ist die körperbetonte Spielweise des deutsch-türkischen Teams. Die rasanten Wechsel der Stimmen und der Leuchtquadrate erzeugen einen solchen Strudel, dass man zwischendurch sogar vergisst, die Übersetzungen der türkischen Texte mitzulesen. Wenn Menschen außer sich sind, versteht man das auch ohne Worte.

 

Vergessen in zehn Schritten (Anti-Prometheus)
von Şahika Tekand
Regie und Lichtdesign: Şahika Tekand, Künstlerische Leitung, Bühnen- und Kostümbild: Esat Tekand, Musik: Zeynep Gedizlioglu, Licht- und Soundregie: Verda Habif, Selen Karty, Nilgun Kurtar.
Mit: Stephen Appleton, Cem Bender, Markus Haase, Selen Kartay, Jochen Lengenfelder, Yigit Ozsener, Ahmet Sarican, E. Caglar Yigitogullari

http://www.ruhr2010.de


Kritikenrundschau

Mit Sahika Tekands "Vergessen in zehn Schritten" habe "die Dekonstruktion des Mythos und das wohl pessimistischste Stück gleich am Anfang" der Promethiade bei Ruhr.2010 gestanden, meint Max Florian Kühlem in der Rheinischen Post (26.7.2010). Es erinnere "an die Kindersendung '1,2 oder 3', wie da sechs Darsteller 60 Minuten lang über die Bühnen rennen". Jeder revolutionäre Funke sei "erloschen, ihre größte Hoffnung ist die auf erfolgreiche Anpassung und ein winziges Stück Weiterkommen im vermeintlich undurchschaubaren System." Der Zuschauer lerne: "Die ungeheure Fülle von dem, was man heute zu wissen scheint, glauben kann und tun muss, um sich anzupassen und Schritt zu halten, lähmt jede Bewegung." Schließlich gingen die Zuschauer "etwas unbefriedigt aus diesem Abend, der eher wie eine sperrige Theater-Installation wirkte und bei der deutschen Premiere mit sehr zurückhaltendem Applaus bedacht wurde."

"Rabiat und konsequent" tauche Sahika Tekand "ihre Antithese zum Prometheus-Mythos in Dunkelheit", schreibt Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger (26.7.2010). Plakative Bilder gebe die Inszenierung nicht her, Tekan gehe minimalistisch vor. "Es sind alltägliche Gedanken zu hören, die jeder kennt. Hat man denn noch die Wahl oder ist alles schon Illusion? Mit diesem Kernsatz deutet Regisseurin Tekan ihre Skepsis gegenüber der Mediengesellschaft an, die Freiräume in Bytes erfasst und Möglichkeiten im Internet verlinkt. Heraus kommt ein Individuum, das sich im Strom der Reglementierungen längst verliert. (...) Die Männer sind in einen Diskurs ohne Ausweg gezwungen. Sie fallen auf die Knie, rutschen umher, quälen sich, verbiegen sich. Nur ein paar Motive wie Kohle, Vater, Schwester und Militärputsch erinnern an historische Bezüge. Aber jedes Persönlichkeitsprofil wird im Rasterlicht der Postmoderne egalisiert."

 

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