Julia Lochte – Münchner Kammerspiele, Künstlerische Co-Leitung

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Vielleicht weil ich mit den Arbeiten, die letztes Jahr an den Kammerspielen entstanden sind, durch die Proben anders verwoben bin, möchte ich an dieser Stelle von einem in Buenos Aires uraufgeführten Stück erzählen. Zur Zeit wird in Argentinien vor einer Reihe von Strafgerichten einer der brutalsten Diktaturen der letzten Jahrzehnte der Prozess gemacht: Es geht um die 30 000 Verschwundenen der Militärjunta, die von 1976 bis 1983 das Land regierte. Eine ganz andere Art der Aufarbeitung findet in dem Theaterprojekt Mi vida después/My life after statt, das die argentinische Autorin und Regisseurin Lola Arias mit ihrer Compañia Postnuclear im Frühjahr 2009 herausbrachte. Sechs Schauspieler, alle zwischen 1972 und 1983 geboren, erzählen vom Leben ihrer Eltern, zeigen Familienfotos und Gegenstände, an denen Erinnerungen haften, hören Tondokumente und schlüpfen vor den Augen der Zuschauer buchstäblich in die Kleider ihrer Mütter und Väter.

Was vom Sommer blieb

30. Dezember 2009. Die Ereignisse, die im vergangenen Jahr am meisten kommentiert und wahrgenommen wurden, entsprechen zumindest teilweise den Erinnerungen, die Theatermacher ans Jahr 2009 haben. 29 Intendanten und künstlerische Leiter antworten auf die Frage, welches ihr herausragendstes/ schönstes/ beeindruckendstes Theatererlebnis im vergangenen Jahr war. In den Antworten haben Christoph Schlingensiefs Inszenierungen, changierend zwischen Fest des Lebens und Todes-Requiem, die Gemüter genauso bewegt wie Jürgen Goschs letzte Inszenierungen. Die Leistungen einzelner Schauspieler stachen hervor, selbst wenn sie wie in Löschs "Berlin Alexanderplatz" von einem ganzen Chor umgeben sind. Aber es findet sich noch manch andere Perle in den Jahresrückblicken von:

Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

Jan Jochymski – Theater Magdeburg, Schauspieldirektor

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

In aller Kürze: Das Theatererlebnis 2009 war "Eine Kirche der Angst
vor dem Fremden in mir" von Christoph Schlingensief.

Thomas Bockelmann – Staatstheater Kassel, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Berührender, komischer, verzweifelter und intelligenter als von Jürgen Gosch am Deutschen Theater kann ich mir Die Möwe kaum vorstellen. Wie sehr es da ein Regisseur, der über Jahrzehnte seinen Weg gegangen ist, vermochte, Schauspieler zugleich zu sich selbst und in das Mark ihrer Rollen zu begleiten, ist einzigartig. Und wie sein langjähriger Ausstatter Johannes Schütz uns ein Ensemble ohne jeden Schnickschnack nahe rückt, lässt uns das Einfache, was schwer zu machen ist, verstehen.

Barbara Weber – Theater Neumarkt Zürich, Co-Direktorin

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Meine Lieblingsproduktion des letzten Jahres ist Unsterblichkeit kann töten Sterben lernen! (Herr Andersen stirbt in 60 Minuten), eine Versuchsanordnung von Christoph Schlingensief und anderen. Das Stück ist eine faszinierende, verstörende Auseinandersetzung mit Sterblichkeit, Unsterblichkeit und der bedrohlichen Krankheit von Christoph Schlingensief selber. Beeindruckend war neben der Inszenierung auch die unübliche Zusammenarbeit zweier unabhängiger Theater in derselben Stadt – in Zürich.

Amelie Deuflhard – Kampnagel Hamburg, Intendantin

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Beeindruckende Theaterereignissen gab es im letzten Jahr so einige: unvergessen die Adaption des verbotenen Romans von Maxim Biller, Esra, in der Regie von Angela Richter, die wunderbar subtile Arbeit der Geheimagentur Reisen in einen anderen Tourismus, die den Zuschauer zwei Stunden in ferne Welten schickt, und die abgründig-poetische Arbeit Die Melancholie der Drachen von Philippe Quesne, die eine Liebeserklärung an die Kunst und das Theater ist.

Tobias Wellemeyer – Hans Otto Theater Potsdam, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Weniger einzelne Inszenierungen als explizite Schauspielerleistungen haben mich besonders beeindruckt. Zum Beispiel Sebastian Nakajew, der den Franz Biberkopf in Volker Löschs Inszenierung von Berlin Alexanderplatz an der Berliner Schaubühne verkörpert hat. Wie er gegen die Macht des Ensemblechores anspielt, sich verausgabt, um sein Leben spielt.

Matthias Fontheim – Staatstheater Mainz, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Am meisten beeindruckt hat mich im letzten Jahr Jürgen Goschs Möwe-Inszenierung im Bühnenbild von Johannes Schütz, die ich in der Volksbühne gesehen habe. Es war ein hoch konzentrierter Abend mit überwältigenden Schauspielern, allen voran Corinna Harfouch als Irina Nikolajewna Arkadina und Kathleen Morgeneyer als Nina. Der Moment, in dem Nina auf einem tonnenschweren Stein über dem (Bühnen)Abgrund tänzelte, sagt alles über das Leben wie über das Theater aus. Ein so unvergesslicher, anrührender und wahrhaftiger Augenblick.

Kathrin Tiedemann – Forum Freies Theater Düsseldorf, Künstlerische Leitung

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

2009 war für mich kein Theaterjahr wie jedes andere. Im September 2009 feierte das Forum Freies Theater sein 10-jähriges Jubiläum mit einem rauschenden Fest. She She Pop verwandelten die Kammerspiele in eine "Traumfabrik" und viele Künstler, die dem FFT verbunden sind, Freunde und Förderer machten den Abend für mich zu einem der wichtigsten und gelungensten im zurückliegenden Jahr. Bereits im Juni hatten sich mehr als 300 Mitwirkende an unserem einmonatigen Fernseh-Reenactment mit der Gruppe New Guide To Opera beteiligt: "Wir sehen uns morgen wieder" war als kommunikatives Großereignis, das zahlreiche Partner in der ganzen Stadt und viele Orte außerhalb des Theaters in diese einmalige Kunstaktion integrierte, ein besonderer Höhepunkt in der Geschichte des FFT.

Elmar Goerden – Schauspielhaus Bochum, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Das Wunder einer bestimmten Probe, an einem Abend im September, werde ich lange, vielleicht nie vergessen. Eigentlich wollten wir uns nur treffen, um die Szene nochmals in Ruhe zu lesen: Lear im Sturm, allein. Die Fenster des Proberaums zum Hof standen offen, es war noch warm, keine Assistenten, keine Souffleuse, keine Scheinwerfer.

Lars-Ole Walburg – Staatstheater Hannover, Schauspielintendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Wenn viele Häuser eröffnen und das eigene auch noch, läßt die Reisetätigkeit zwangsläufig nach. Zuweilen hab ich es aber um die eigenen Premieren herum doch mal in andere Städte geschafft. Und so sah ich Anfang Oktober eine Vorstellung in Zürich, die mich nachhaltig begeisterte. Warum läuft Herr R. Amok? stand auf dem Programm des Pfauen, ein Fassbinder-Film in der Regie von Heike M. Götze.

Markus Heinzelmann – Theaterhaus Jena, Künstlerischer Leiter

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Herausragend ist für mich 2009 ein spürbares Erstarken der Komödie insgesamt im Theater. Ich finde, dass dadurch die Unterscheidung zwischen Unterhaltungs- und Intellektproduktion, wie schon lange überfällig, im Positiven aufgeweicht wird. Beeindruckend zum Beispiel, wie René Pollesch es schafft, politisches Theater und Komödie zu kombinieren bzw. sich beides immer wieder nicht nur nicht ausschließt, sondern Symbiose wird.

Stephan Märki – Deutsches Nationaltheater & Staatskapelle Weimar/Staatstheater Thüringen, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Den Superlativ, den ich mit meinen Theatererlebnissen 2009 verknüpfe, möchte ich partikularisieren; er verteilt sich auf mehrere Aufführungen und unterschiedliche ästhetische Ansätze. Sie haben aber gemeinsam, dass sie sich aus meiner Sicht durch einen unmittelbaren Zugang zu Theater und seinen Gegenständen auszeichnen und auf neue Formen hinweisen.

Roland May – Theater Plauen-Zwickau, Generalintendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Den Schauspielern bei ihrer Arbeit zuzusehen, machte lange nicht so viel Freude wie bei Eines langen Tages Reise in die Nacht von Eugene O'Neill am Centraltheater in Leipzig in der Regie von Sebastian Hartmann. Trotz ihrer aggressiv–lauernden Grundhaltung wurde der Plot mit einer rotzigen Portion Lakonie und leisem Fatalismus über die Rampe gebracht, dass ich wirklich Lust bekam, da oben mitzuspielen.

Sewan Latchinian – Neue Bühne Senftenberg, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Neben manchem Bemerkenswertem am eigenen Haus, haben mich in diesem Jahr zwei Erlebnisse in der Hauptstadt besonders beeindruckt, die aus guten Inszenierungen an anderen Theatern noch herausragten. Zum einen: Der sehr inspiriert inszenierte und unaufdringlich aktuelle Afghanistan-Schwank Amanullah Amanullah nach Arnold/Bach, Artaud und Zille in der Regie von Frank Castorf an der Volksbühne. Und zum anderen Jürgen Goschs tragikomische, altersweise, aber blutjunge, großartig performte Inszenierung von Die Möwe, die ich erst kürzlich am Deutschen Theater erleben konnte.

Barbara Mundel – Theater Freiburg, Intendantin

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Vier Erlebnisse sind mir in den Sinne gekommen, drei davon betreffen Kollektive.
Das erste Erlebnis ist eine besondere Art der politischen Demonstration und betrifft das Freiburger Publikum, oder noch allgemeiner – die Menschen dieser Stadt:
Das Theater Freiburg und das Theater im Marienbad waren im Juni 2009
Gastgeber der Baden-Württembergischen Theatertage. Eröffnet haben wir diese Tage zusammen mit dem "Archiv der Zukunft" und der Freiburger Initiative "Schule mit Zukunft" mit einem Themen-Wochenende unter dem Titel Theater träumt Schule. Es war eine Stimmung im ganzen Haus, die vor Spannung vibrierte. Man konnte die Bereitschaft und Lust der Menschen, Schule zu verändern – lustvoll radikal zu verändern, – mit Händen greifen.

Andreas Beck – Schauspielhaus Wien, Künstlerischer Leiter

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Christoph Schlingensiefs Mea culpa war für mich rückblickend ein bewegender, und darum der bedeutsamste Theaterabend des zu Ende gehenden Jahres. Warum dem so war, will ich – obwohl ich meine, dass den Leserinnen und Lesern die Hintergründe dieses Theaterabends ebenso wie der Abend selbst bekannt sind – kurz meinem Empfinden nach darstellen: Jede Kunst oder in unserem Fall: jede Theatervorstellung, die uns nicht nur die eigene Vergänglichkeit vorführt, sondern darüber hinaus, ob dieser Tatsache, Trost schenkt, ist bemerkenswert.

Amélie Niermeyer – Düsseldorfer Schauspielhaus, Intendantin

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

"Drei Schwestern" von Anton Tschechow gehört zu meinen Lieblingsstücken. Ich habe es selbst inszeniert, habe es oft auf der Bühne gesehen. Was Karin Henkel mit ihrer Inszenierung am Schauspiel Frankfurt gelungen ist, hat mich deshalb sehr beeindruckt. Sie und die Schauspieler haben genau den Ton zwischen Tragik und Komik getroffen, der Tschechows Stücke für mich so wertvoll macht.

Karin Beier – Schauspiel Köln, Intendantin

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

1. Die Premiere von Kasimir und Karoline in der Inszenierung von Johan Simons und Paul Koek am 25. Juni 2009 auf der Fliegerbasis Soesterberg bei Utrecht. Weil diese Arbeit (hier in flämischer Sprache) weit weg von allen deutsch-österreichischen Horváth-Konventionen angesiedelt war. Weil die Außenspielstätte einen sehr expressiven, dynamischen Spielstil der Schauspieler erforderte. Und weil es ein wunderschöner Sommerabend war, gespielt wurde von der Dämmerung bis zum Einbruch der Dunkelheit, kein Zeppelin, aber Segelflieger flogen beeindruckende Loopings über der Bühne.

Christoph Nix – Theater Konstanz, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Es war nicht mal ein Geheimtipp, und wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte ich präziser die internationalen Spielpläne studiert, so wäre mir das Projekt Mother Courage am National Theatre in London vorher aufgefallen. In der Hauptrolle Fiona Shaw, in der Regie von Deborah Warner, mit einem neuen Text und einer (fast) neuen Musik von Duke Special and the Band konnte man im Dezember des Jahres 2009 noch einmal erleben, wie heutig Brecht in einem Land sein kann, das im Krieg mit Afghanistan steht.