Das Lied von der Stagnation 

von Lena Schneider

Berlin, 23. Februar 2008. Dass es ein schwieriges, oft schwammiges Unterfangen ist, ein Jahrzehnt in einem Abend zu fassen, hat die Schaubühne seit der Premiere der "50er Jahre" gezeigt – und tut es weiter. Auch die "Achtziger" haben Lücken: Das Aufkommen von Aids, die ersten Computer, die Grünen. Dennoch offenbarte sich ein Vorteil der wacker weiter walzenden Chronologie: Mit jedem Jahrzehnt scheinen sich die jungen Autoren der eigenen Zeit, sich selbst, zu nähern. Während sie bisher über Erzähltes schrieben, betreten sie jetzt vertrautes Terrain.

Diese Nähe war in den "Achtzigern" zu spüren. Wo die Autoren sich zuvor eher an Geschichtsbüchern entlang hangelten, halten sich Andreas Liebmann, Anne Nather und Thomas Freyer an Geschichten, versuchen nicht das Große Ganze, sondern beobachten Details. Das macht die in ihrer Kürze nur als Fragmente möglichen Stücke lebensnaher, glaubwürdiger, vielseitiger.

Während an den 70er Jahren etwa nur das Phänomen RAF interessierte, umspielen die Autoren der "Achtziger" unterschiedlichste Facetten, referieren nicht Geschichte, sondern finden persönliche Bilder und Momente.

Am besten gelingt das Andreas Liebmann (Jahrgang 1972) mit "Die Mechanik der Ereignisse". Das Unfertige macht er zum Prinzip: Anstatt sich an einer kohärenten Geschichte abzurackern, konfrontiert sein Stück (Regie: Robert Borgmann) das Publikum mit vier verschiedenen Fragmenten. Gleichzeitig.

Überfütterung und Lebenshunger 

Als lebendige Ausstellungsstücke präsentieren sich die Geschichten, wiederholt in "Loops": Sie haben kein Ende oder Ziel, sondern beißen sich in den Schwanz, werden zur Replik ihrer selbst. Die Postmoderne, die dominierende Geistesströmung der Achtziger Jahre, lässt grüßen.

Auch die Idee von Linearität verabschiedet sich. Die Zuschauer wandeln nach Lust und Laune zwischen den Exponaten herum, bauen sich den Text selbst zusammen. Neben dem formalen Knicks vor der Postmoderne porträtiert Liebmanns Stück eine Gesellschaft zwischen innerer Ödnis und neu aufflammender politischer Paranoia, zwischen Überfütterung und Erlebnishunger.

Während Felix Römer – "Die eine Seite" – nackt bis auf eine Mullbinde, an der eigenen Durchschnittlichkeit verzweifelt und durch Wäscheklammern am bloßen Leib das Gefühl für sich selbst sucht, suchen Ursula Doll und Niels Bormann – "Die andere Seite" – künstlerische Selbstverwirklichung in orgiastischen Farbschlachten. Abseits sitzt Lore Stefanek vor einem blattlosen Bäumchen, die Gummistiefel in Sand aus Beton. Erzählt von ölverschmierten Möwen und wunschdenkt das Ende der Lügen. Man redet; die Zeit der Revolten ist vorbei.

Hohler Charakter der Dekade 

Liebmanns Achtziger sind ein vielstimmiges Lied der Stagnation, das tatsächlich so etwas wie ein Lebensgefühl herüberwehen lässt. Doch mit diesem überzeugendem Auftakt ist der beste Teil vorbei. Die beiden folgenden Stücke sind sehenswert in ihren Versuchen, andere Aspekte der 80er zu beleuchten, schaffen aber weder sprachlich noch inszenatorisch, was der erste verspricht.

Anna Nather (Jahrgang 1985) spürt mit ihrem Stück "Dilettantendisko" dem hohlen Charakter der Dekade im Geist ihrer Musik nach: Symbolträchtig verdrängt hier die frische Unbedarftheit des jungen NDW-Bubs Acki (Niels Bormann) den aggressiven Anarchismus des Dorf-Punks Zem (Felix Römer). Nach kleineren Raufereien dudeln sie vereint ein Wir-Sind-Helden-Lied: Ein Seitenhieb gegen die seicht-konsumkritische Haltung, die mit den 80igern Mainstream und marktfähig wurde. Aber sehr arglos.

Dröges Warte auf Gewichtigeres

Thomas Freyer (Jahrgang 1981) hat sich an das Thema gewagt, mit dem das graue Jahrzehnt bunt zu Ende ging. Nicht den Fall der Mauer beschreibt er in "Das Hier, das Nichts", sondern ihr Bestehen in den Köpfen. Freyers Stück pendelt zwischen Ost und West der Vorwendezeit – leider aber auch zwischen Klischee und Poesie.

Interessanter als Boris Becker und Pionier-Käppies sind die Frau die in den Westen und der Mann der in den Osten geht. Beide werden mit dem "drüben" nicht glücklich, stoßen auf die gleiche Frage ("Gefällt es Ihnen hier?" ) und wissen keine Antwort darauf. Auch als sich die Maueröffnung andeutet, herrscht keine Entrückung – sondern Stille. In dieser Zurücknahme ist Freyers Text berührend, aber insgesamt lässt er einen ratlos. Vermutlich will er sogar genau das. Das Jahrzehnt als Ganzes zeigt sich hier als die Dekade des drögen Wartens auf Gewichtigeres. Ein teils bürgerliches, teils bohemehaftes Bummeln zwischen den Zeiten.


Deutschlandsaga – Die Achtziger Jahre

Die Mechanik der Ereignisse
von Andreas Liebmann

Das Hier, das Nichts
von Thomas Freyer

Dilettantendisko
von Anne Nather

Regie: Robert Borgmann / Jan-Christoph Gockel, Bühne: Magda Willi, Kostüm: Esther Krapiwnikow, Musik: Alexander Britting, Video: Jochen Schmitt.
Mit: Niels Bormann, Ursula Doll, Felix Römer, Lore Stefanek, Ina Tempel.

www.schaubuehne.de

 

 

Mehr zur Deutschlandsaga an der Schaubühne? Hier geht es zu den nachtkritiken der drei anderen Teile: zu den 50er, den 60er und den 70er Jahren.

 
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