Theaterparodie und Weltmetapher

von Wolfgang Behrens

Berlin, 8. März 2008. Wer das Glück hatte, vor mehr als anderthalb Jahrzehnten George Taboris Wiener Urinszenierung seiner "Goldberg-Variationen" zu sehen, der wird sie schwerlich vergessen haben. So sehr brannte sich diese Aufführung ins theatrale Gedächtnis ein, so sehr wirkt sie als Modell weiter, dass man bis heute bei Neuinszenierungen kaum die Frage stellt: Wer spielt Mr. Jay, den gottgleichen Regisseur, und wer Goldberg, seinen armen auserwählten Assistenten? Nein, man fragt: Wer spielt Gert Voss und wer Ignaz Kirchner?

Am Berliner Ensemble, der letzten Wirkungsstätte Taboris, wurden jetzt unter der Regie Thomas Langhoffs die "Goldberg-Variationen" neu herausgebracht, wobei Gert Voss nunmehr Dieter Mann heißt und Ignaz Kirchner Götz Schubert. Doch das ist natürlich Unsinn, denn beide, Mann und Schubert, sind so weit als möglich davon entfernt, ihre Rollenvorgänger zu imitieren. Stattdessen entsteht in ihrer Darstellung – indem sie dem Verhältnis Mr. Jays zu Goldberg eine komplett andere Deutung beilegen – ein anderes Stück.

Mr. Jays allerblödeste Bibelshow

Der unverwüstliche Trick der "Goldberg-Variationen", die Quelle ihres unerschöpflichen Witzes, besteht in der Vermischung, Überlagerung, Überblendung zweier Ebenen. Zum einen ist da eine Theatertruppe unter der Anleitung des Regisseurs Mr. Jay, die zuerst alt- und später auch neutestamentarische Szenen für eine offenbar äußerst fragwürdige Bibelshow probt: Theater auf dem Theater.

Zum anderen aber ist da die von Hassliebe, Abhängigkeit und Willkür geprägte Beziehung Mr. Jays (= Jahwe!) zu Goldberg, die nichts weniger sein will als eine Allegorie auf das Verhältnis Gottes zu seinem auserwählten Volk Israel: Theater als Weltmetapher. Zwischen diesen beiden Polen flackert das Stück unruhig hin und wider, mal allerblödeste Klamotte, mal abgründiges geistliches Spiel. Gert Voss spielte 1991 Mr. Jay als aberwitzige Diva. Im geckenhaft weißen Anzug gab er einen unendlich launischen, unendlich selbstverliebten, aber auch einen an seinem unendlichen Liebesbedürfnis unendlich leidenden Gott.

Geprügelter Ersatz-Moses, Ersatz-Jesus am Kreuz

Nichts davon nun bei Dieter Mann: im schwarzen Regisseursmantel, die Hände in den Hosentaschen, eine Wim-Wenders-Brille auf der Nase, knattert er mit knarziger Stimme hart und präzise seine Anweisungen heraus. Mag sein, dass auch sein Mr. Jay selbstverliebt ist, aber er ist es auf eine trockene, fast sachliche Art. Die Art seiner Autorität kennt kein zögerndes Innehalten, beinahe haftet ihm etwas Militärisches an. Wo Voss ein Narziss war, ist Mann – sorry fürs Wortspiel! – ein gestandener Mann.

Götz Schubert als sein Assistent weiß die ruppige Art seines Chefs zu nehmen. Mit Jesuslatschen, Ökostrickjacke und eigenartig hölzernem Gang spielt Schubert einen Goldberg von gebremster Emsigkeit. Einen, der gelernt hat, sich auch unterm Anschein der Eile kein Bein auszureißen. Dessen Revoluzzer-Anwandlungen nur manchmal noch hochkochen, im Grunde aber längst gedeckelt sind. Goldberg ist hier ein höchst professioneller Routinier, der auch noch die größte Pein – immerhin wird er einmal als Ersatz-Moses von den Tänzern ums Goldene Kalb nach Strich und Faden verprügelt, ein anderes Mal als Eratz-Jesus gekreuzigt – erhobenen Hauptes und höchstens mal unter erstauntem Stirnrunzeln und Augenaufreißen hinnimmt.

Tropisches Stoffpflanzenparadies

Konträr hatte vor 17 Jahren Ignaz Kirchner die Rolle angelegt: Aus jeder Geste, jedem Satz war bei ihm das Leid hervorgekrochen. Formte die Körperhaltung Kirchners neben dem großgewachsenen Gert Voss ein beständiges Fragezeichen des Zweifels und der Qual, so steht der hochaufgeschossene Schubert neben dem etwas kleineren Dieter Mann wie ein Ausrufezeichen des sarkastischen Zwischenrufs. Voss und Kirchner waren größenwahnsinniger Demiurg und geknechtete Kreatur, Mann und Schubert sind Regisseur und Regieassistent.

Der Berliner Inszenierung Thomas Langhoffs wird durch das Paar Mann und Schubert der Weg aufgezeigt. Wenn in Wien das Pendel deutlich in Richtung Weltdeutungstheater ausschlug, so schlägt es sich am Berliner Ensemble eher auf die Seite der grundsoliden und robusten Theaterparodie.

Das reicht bis in die Ausstattung hinein: Wo Karl-Ernst Herrmann bei der Uraufführung ein paar zart angedeutete, durch den Bühnenboden geschobene Papppflänzchen zur Paradiesdarstellung genügten, da lässt nun Stefan Hageneier vom Schnürboden ein riesiges tropisches Stoffpflanzen-Gebilde herniederschweben, das scheußlich-schönen Musical-Inszenierungen zur Zierde gereichen würde. Wo in Wien Mr. Jay ein jämmerliches Stofflamm als Agnus Dei mit sich führte, da muss in Berlin ein echtes Schaf her.

Pragmatisch, praktisch, prall

Alles ist hier pragmatischer und praller, erdiger und irdischer. Was nicht ohne komische Kraft ist, zumal es wunderbaren Auftritten wie denen Carmen-Maja Antonis als proletarisch mutterwitziger Putzfrau oder als unbeirrbar forscher Bühnenbildnerin Raum gibt. Doch das Ganze lässt einem kein Lachen in der Kehle gefrieren, und es hebt an keiner Stelle ab. Es nimmt in seiner sympathischen Diesseitigkeit nicht Kurs auf jenen Theaterhimmel, in dem der höllische Witzbold Tabori nun seit einem guten halben Jahr sitzt und – wahrscheinlich – auf seine Zulassung zum Fegefeuer wartet.

 

Die Goldberg-Variationen
von George Tabori
übersetzt von Ursula Grützmacher-Tabori
Regie: Thomas Langhoff, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Hermann Beil.
Mit: Dieter Mann, Götz Schubert, Carmen-Maja Antoni, Marina Senckel, Jörg Thieme, Alexander Ebeert, Michael Rothmann, Rafael Braun, Benjamin Felix Kramme, Marcus Melzwig, Falk Seifert, Matthias Trippner.

www.berliner-ensemble.de


Mehr zu Thomas Langhoff können sie bei nachtkritik.de hier und hier lesen: nämlich über Langhoffs Wiener Wallenstein mit Gert Voss und Henrik Ibsens Klein Eyolf am Münchner Residenztheater. Einen Text zum Tod von George Tabori des in den USA lehrenden Literaturprofessors Martin Kagel finden Sie hier.

 

Kritikenrundschau

Pech für Gott, von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble auf die Bühne geschickt zu werden, konstatiert Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (10.3.2008). Denn da sei von Taboris "Goldberg-Variationen", diesem "theologischen Schwank", bloß "dumpfes Bauerntheater übrig geblieben" und dessen "naiv-kluges Spiel" "ins Infantile gerutscht". Auch wenn wenigstens der Bach-Soundtrack stimme, resümiert die Kürzestkritik: "So tot war Gott lange nicht".

"Einfallslose Hasenfüßigkeit" bescheinigt der Inszenierung Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.3.2008). Auf der "tadellos entrümpelten Bühne" herrsche "höchstens ausgedehnte Flaute" und immer der gleiche "herzlich ungerührte wie hanebüchen betuliche Tonfall", egal, ob es um Auschwitz, Judenwitze, das Pimmelreich oder die Zehn Gebote gehe. Lob verteilt sie lediglich an Carmen-Maja Antoni, die "zu einer trockenen Dreistigkeit in Wort und Tat" finde und damit "vor den Ungeheuerlichkeiten des Stücks" nicht einknicke. Was Thomas Langhoff mit dem übrigen Ensemble treibe, könne "dagegen nur als peinliche Kriecherei bezeichnet werden, die trotzdem zu einer Bauchlandung führt".

Für Andreas Schäfer erklärt sich das Scheitern daraus, dass die Wirkung von Tabori-Stücken eng an die Biographie des Autors "und seine körperliche Anwesenheit", die nun nicht mehr gegeben ist, gekoppelt sei. "Ohne Tabori-Erfahrung", schreibt er im Tagesspiegel (10.3.2008), könnten diese Stücke "ziemlich nackt aussehen". "Zumindest wenn man so hemmungslos auf die Slapstick-Tube" drücke wie Langhoff, bei dem "ein Kalauer ein Kalauer" und "die berühmten Tabori-Zoten (…) nicht mehr Ausdruck augenzwinkernden Liebesleidwissens, sondern schlicht schlüpfrig" seien. Der Regisseur, dessen Methode die Vergröberung sei, bade "genüsslich in albernen Theater-im-Theater-Szenen" und erzähle "die Anekdoten mit aufgesetzter Grellheit, als habe er die Bühne mit einer Reader’s-Digest-Bibel-Show auf RTL 2 verwechselt".

"Keine Angst vor Kalauern" und "großen Spaß am Ungebärdigen einer Backstage-Comedy", bescheinigt im Neuen Deutschland (10.3.2008) auch Hans-Dieter Schütt der Inszenierung, mit der Langhoff "den Grund seiner eher gesitteten Ästhetik grinsend und kalkuliert keck" verließe. "Zwischen all den rabiaten Spaß seiner Passionskomödie und Schmierentragödie" setze er allerdings "immer wieder tragende Momente von Einkehr und stillem Erschrecken". Hinsichtlich Dieter Mann und Götz Schubert lautet Schütts "Befund: Bravour". Mann, "der in seinem geschliffenen Ernst doch immer auch ein genau zirkelnder Komödiant gewesen ist", statte seinen Regie-Gott mit "eisiger, abgeklärter Schöpfungsgewissheit aus", während Schubert als "herantrottelnder Regieassistent" "geradezu flatternd" "die Halbherzigkeit dieses weichen Menschen" spiele.

Katja Oskamp hat sich bei dieser "heiteren Premiere" ziemlich gut amüsiert und vermutet, der Abend hätte auch Tabori gefreut. Denn wie der "Spielmacher" Tabori, so lautet ihre Begründung in der Berliner Zeitung (10.3.2008), zähle auch Thomas Langhoff "zu den Demütigen, die auf Schauspieler und Text vertrauen und sich nicht unnötig in den Vordergrund spielen". Für die "komisch misslungene Schöpfung" greife seine Inszenierung "tief in die Klamottenkiste", aus der gar "herrliche Geschmacklosigkeiten" befördert werden. So erlaube der Abend "einen frischen Blick" auf Tabori und ließe "die alten Geschichten mit freigelachtem Gehirn neu hören".

In der Inszenierung des "freundlichen Thomas Langhoff" erscheint Peter Hans Göpfert von der Welt (10.3.2008) auch der "ruppige Mr. Jay", eine Rolle, die Dieter Mann nicht gerade auf den Leib geschrieben sei, "ein wenig zu liebenswürdig". Mehr als dieser habe Götz Schubert "Gelegenheit, seine komödiantischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen". "Für den feinsten darstellerischen Spaß" sorge indessen Carmen-Maja Antoni, "das komödiantische Goldstück des Hauses". Insgesamt findet Göpfert: "Alles ist sehr sehr lustig". Fast könne man meinen, bei Langhoff, der sich vor allem "an die Wonnen der Theaterklamotte und satirischen Bibelstunde" hielte, träten "die Plattheiten und Kalauer, mit denen Taboris Text nicht gerade spart", "erst richtig als solche hervor". Wohingegen dessen "düster abgründigen, salzsäurigen Anspielungen" auf Deportation und KZ eher untergingen.



 
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