Sieh da, ein Mensch!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 19. Februar 2016. Das Schöne am Gorki Theater ist ja, dass man sich als Zuschauer*in auf der sicheren Seite wähnen darf: Hier ist man auf der Höhe des Diskurses, hier herrscht das richtige Bewusstsein! Wo schon auf dem Programmzettel postkoloniale Theorie zitiert wird, da kann ich mich auch dann angstfrei in meinen Sessel plumpsen lassen, wenn "Othello" auf dem Spielplan steht. Dämliches Blackfacing jedenfalls – den Außenseiter zeigen, indem man sich ihn schön äußerlich selbst konstruiert – steht hier nicht zu erwarten.

"Schleim im Arsch Venedigs"

Blöd nur, dass richtiges Bewusstsein nicht automatisch ein Garant für gutes Theater ist. Wenn gleich zu Beginn von Christian Weises Inszenierung jede Menge Commedia dell'arte-Figuren von hinten auf die Bühne rutschen, um sogleich in den Hampelmodus zu schalten, dann kann einem doch wieder angst und bange werden. Wahlweise kann man natürlich auch darüber lachen, und, es sei nicht verschwiegen, viele tun das auch. Man kann es aber auch schlicht quälend finden, den Darstellern (ohne *innen, denn es sind nur Männer) beim marionettenartigen Dauerwackeln zuzuschauen, beim (durchaus denunzierend eingesetzten) Sächseln oder Kölsch sprechen zuzuhören oder ihre forcierten Ausraster samt Fäkalhumor-Ingredienzien (halbwegs lustige Kostprobe: "du zypriotischer Schleim im Arsch Venedigs") zu erdulden.

Othello1 560 Ute Langkafel uTheater-Knallchargen mit Venedig-Löwe: Till Wonka, Thomas Wodianka © Ute Langkafel

Es ist dann geradezu eine Wohltat, wenn Taner Şahintürk als nicht geblackfaceder Othello auftritt, in Jeans und Adidas-Jacke, und eine realistische Figur behauptet: Sieh da, ein Mensch! Nicht wie der Jago Thomas Wodiankas ein Kreuzung aus Harlekin, Gollum und Klaus-Kinski-Zombie. Nicht wie der Cassio Oscar Olivos eine gespreizt schwuchtelnde Charge im Sonnenkönig-Outfit. Und nicht wie die travestierte Desdemona Aram Tafreshians ein eckig und blöde daher staksendes Wesen.

Wutrede eines Realisten

Klar, das gehört alles zum Konzept: Die hübsch anzuschauende Bühne von Julia Oschatz zeigt eine Bühne auf der Bühne auf der Bühne, deren Portale sich nach hinten perspektivisch verjüngen und die Rauten-Vertäfelung aus dem Zuschauerraum neckisch fortsetzen. Überdeutlich bimsen uns Bühne und Figuren ein: "Hey, wir sind Komödianten, wir spielen nur Rollen. Aus denen wir auch fallen können. Was wir auch ab und zu tun werden, seht euch vor!" Othello ist in dieser Welt der Schmieranten der Außenseiter, nicht weil er schwarze Haut hat, sondern weil er eine ehrliche Haut ist, ein frei und souverän sich bewegender Mensch. Ästhetisch gesprochen: ein Realist.

In Soeren Voimas Neufassung des "Othello", die hier zur Uraufführung kommt, hat dieser Realist einen großen Monolog, und Taner Şahintürk macht daraus den Höhepunkt des Abends. Es ist – am Gorki Theater hat das schon Tradition – eine mit authentisch wirkendem Furor vorgetragene Wutrede, in der diesmal ein Rassismus gebrandmarkt wird, der sich als Verständnis des oder gar Liebe zum "Anderen" gibt. Da heißt es: "' Seht mal, der Schwarze ist ein toller Tänzer. Ein toller Liebhaber sicher auch!' Ach, ja? 'Aber ja doch, er hat noch so etwas Ungezügeltes, Animalisches. Nein, er ist poetisch und spirituell. Er steht noch in Verbindung mit der Ewigkeit.'" Und: "Der Weiße (...) nahm mir die Luft mit seiner plötzlichen Umarmung. Mit seiner Liebe zum Schwarzen, jetzt, da ich schwarz sein wollte, machte mir seine Liebe das vollkommen unmöglich."

Wenn der Pinsel mit der Farbe...

Im Brachialkomik-Plunder des Inszenierungsumfelds steht so ein Moment indes seltsam unverbunden da – Konzept hin oder her. Letzteres löst sich nach der Pause immerhin insofern ein, als dass Jago, indem er sich zum Spielleiter aufschwingt, das derb Karikierende seiner Rolle und auch sein Kostüm immer weiter ablegt und anscheinend als einziger von Mensch zu Mensch zu Othello spricht. Während umgekehrt Othello die Trainingsjacke mit einem lächerlichen Soldatenmantel aus dem Theaterfundus tauscht und nach und nach zur Marionette mutiert, um sich so seiner albernen Umwelt zunehmend anzugleichen.

Othello 560 Langkafel uSieh da, ein Mensch: Thomas Wodianka, Taner Şahintürk © Ute Langkafel

Und dann kommt die Farbe doch noch zum Einsatz. Jago nähert sich Othello mit Pinsel und Töpfchen – und es besteht kein Zweifel: Jetzt wird er ihn anmalen! Denn wenn der Othello schon nicht schwarz ist, wird er halt von seinen Mitmenschen zum Schwarzen gemacht. Schon rattert's im Kopf des Zuschauers: Ist unter diesen Umständen Blackfacing tolerabel? Darf der Deutsche Wodianka den Deutschtürken Şahintürk schwarz bepinseln, um zu zeigen, dass er zum Schwarzen gemacht wurde? Hmm, schwierig ... Doch dann die Erlösung: Es ist gold. Goldfarbe. Goldfacing. Gott sei Dank! Man hat's ja gewusst: Am Gorki Theater haben sie das richtige Bewusstsein. Und bestimmt bald auch wieder einen besseren Theaterabend.

 

Othello
nach William Shakespeare von Soeren Voima
Regie: Christian Weise, Bühne und Video: Julia Oschatz, Kostüme: Andy Besuch, Sounddesign und Live-Musik: Jens Dohle, Falk Effenberger, Licht: Jens Krüger, Dramaturgie: Aljoscha Begrich.
Mit: Oscar Olivo, Taner Şahintürk, Falilou Seck, Aram Tafreshian, Thomas Wodianka, Till Wonka.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Christian Weises Inszenierung des Stoffes tue gut daran, "den aktuellen Rassismusdiskurs aufzugreifen, ihn beherzt in das Stück einzubauen und Othello am Ende darauf verzichten zu lassen, Desdemona umzubringen", meint André Mumot auf Deutschlandradio Kultur (Zugriff 21.2.2016). Erstaunlich bleibe aber doch, "dass so viel Freiheit, so viel Bereitschaft zur Verschiebung und Hinterfragung so wenig Funken schlägt und sich immer nur ausbruchsweise artikuliert." Insgesamt sei "das Komödienniveau des Abend erschreckend niedrig." Besorgnis errege gar, dass dem Othello zwar endlich den Klischeezuschreibungen entreiße, "aber nur unter der Bedingung, die meisten Figuren um ihn herum zu billigen Schwulen-, Sachsen- und Machtmenschparodien zu degradieren, die hauptsächlich aus Klischees, aus altbekannten Rollenzuschreibungen, fast nur aus groben Diffamierungen bestehen."

An sich hätten Soeren Voima und Christian Weise "lauter gute, kluge Denkfragen an ein Stück, das sich viel zu oft in Emotion und Kolorit verrennt", sagt Michael Laages auf Deutschlandfunk (Zugriff 21.2.2016) und seufzt: Hätten sie sich "doch nur auf diesen Denk-Raum konzentriert. Weil sie es aber nicht wirklich tun, scheitert dieser 'neue' Othello spektakulär." Den "halben Abend lang" werde "mit Klischees hantiert. Das Schenkelklopfen im Saal nimmt kein Ende", und zuletzt sei dann der Vorhang "(wenn denn es einen gäbe!) zu und alle Fragen offen: an Othello, an uns, an den Alltag des Rassismus." Das sei "in diesem Fall nun mal wirklich platt und ziemlich feige. Mit Blödeleien hat die Othello-Forschung sich hier selbst den Blick vernebelt – und am Ende sieht sie dann gar nichts mehr."

 "(W)ie sich ein postmigrantisches Ensemble dem schwer rezeptionsbelasteten Stoff nähert" war für Christine Wahl vom Tagesspiegel (22.2.2016) die große Frage. "Die Antwort lautet: clever! Und höchst unterhaltsam, bekanntlich eine nicht häufig anzutreffende Kombination.“ Regisseur Christian Weise drehe den „Zuschreibungsspieß“ nämlich einfach mal um. "Das 'Fremde' ist hier die (weiße venezianische) Mehrheitsgesellschaft, die gleichsam seit vier Jahrhunderten in dieser antiquierten Theatergeschichte festhängt; sämtliche ausgeleierten Repräsentationsschleifen inklusive." Der starke Abend sei "an allen möglichen Ecken und Enden repräsentationskritisch unterwegs ist; und zwar zumeist wohltuend krampffrei".

Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (22.2.2016) findet, Othello werde an diesem Abend immer mehr "vom Mensch zur Klischee-Puppe". "Dass sich [dies] aus dem verhängnisvollen Miteinander der Figuren ergeben würde, lässt sich in diesem humorbemühten, kontrollierten, selbstgewissen Behauptungsgeknatter allerdings nicht nachvollziehen".

"Alles ist hier auf Karneval gebürstet, auf Theater im Theater, auf ein Spiel mit vielen Codierungssystemen, mit Comic, Geschichte, Zeichentrick, Puppenspiel," schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (23.2.2016). Doch gebe es so viele Sprünge zwischen den Ebenen des Spiels, "dass sie in diesem Spiegelkabinett zu nicht mehr als Splittern werden. Die Gedanken haben keine Chance, in dieser Inszenierung ihre Wucht zu entfalten, dafür ist sie zu laut, zu aufgedreht und zu verliebt in den Klamauk."

Taner Șahintürk zeige "in seinem sehr direkten, eher kraftvollen als subtilen Spiel, dass das Außenseitertum des Aufsteigers Othello, der von der Mehrheitsgesellschaft gleichzeitig benutzt und verachtet wird, nicht zwangsläufig und ausschließlich eine Frage der Hautfarbe, sondern eine der Blicke der anderen ist", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (26.2.2016). Die übrigen Figuren seien "ohne Angst vor den Freuden des höheren Knallchargentums in die Groteske getrieben". Dies verstehe man, nachdem man den bitteren Hass-Monolog gehört habe, den Voima für Othello geschrieben hat: "Wir sehen all die Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft wie durch einen Zerrspiegel von Othellos Wahrnehmung – lauter grinsende, aufgekratzte, mitleidlose, seltsam eindimensionale Monster."

 
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