Das Schweigeverbot brechen

von Katja Berlin

7. Mai 2018. Das letzte Mal im Theater sah ich ein Stück, in dem vier Männer und eine Frau das machten, was sie auf Berliner Bühnen seit Ewigkeiten machen: Sich nackt ausziehen, mit Farbe rumspritzen, brüllen. Die Männer erzählten von ihrem Wirken, die Frau erzählte, wie sie auf Männer wirkt. Nach zwei Stunden bin ich rausgegangen. Das ganze Theater um Chris Dercon habe ich auch vorzeitig verlassen, als ich darüber den fünften ausführlichen Feuilletonartikel las, der keinen einzigen Frauennamen enthielt. Es langweilt mich. Wie interessant oder progressiv kann eine Kulturszene sein, in der so etwas normal ist? Da kann ich ja gleich auf CSU-Parteitage gehen.

Immerhin

Jetzt also zu "Beute Frauen Krieg". Da sind immerhin Frauen im Titel. Und nicht nur das, wie ich auf dem langen Weg zum Spielort nach Schöneweide nachlese. Die Regisseurin ist eine Frau, Karin Henkel, ebenso die Kostüm- und Bühnenbildnerinnen. Juchhu! Das Stück basiert lose auf "Die Troerinnen" und "Iphigenie in Aulis" von Euripides, also lese ich schnell noch den gesamten Wikipediaeintrag über den Trojanischen Krieg. Die Fahrt nach Schöneweide dauert lange.

Aber sie lohnt sich für mich.

BeuteFrauenKrieg2 560 Toni Suter TT Fotografie uHilke Altefrohne als Helena © Toni Suter | TT Fotografie

Die Bühne ist ein Holzsteg, an dessen Rändern das Publikum wie bei einer Fashion Show auf Rängen sitzt. Zwei Trennwände werden heruntergelassen, so dass die Bühne nun aus drei Teilen besteht, in denen unterschiedliche Geschichten parallel abgehandelt werden. Weil jede*r einen Kopfhörer bekommt, hört man nur die (übrigens allesamt guten) Schauspieler*innen, die man auch gerade sieht. Das Publikum wechselt im Laufe des Abends mehrmals seine Plätze, um alle Teile zu sehen. Klingt kompliziert, macht aber Spaß.

Männermythen

Für mich beginnt das Stück mit Helena, die als Schönheitsobjekt so austauschbar ist, dass sie gleich von drei Frauen gespielt wird. Wir bekommen eine kurze Einführung darüber wie das Urteil des Paris zum Krieg führte, was ich natürlich schon weiß, weil die Fahrt nach Schöneweide wirklich lange dauert. Dann geht’s aber sofort ans Eingemachte: weiblicher Körper, männliches Heldentum, Objektivierung von Frauen und den eigentlichen Grund für den Trojanischen Krieg. Dabei sei es nämlich vielmehr um den Zugang zu den Dardanellen gegangen als um die schöne Ehebrecherin. Aber die Mythen werden nun mal von Männern erfunden, wie die Helenas bemerken.

Dann werde ich aufgefordert, zu Kassandras Bühne zu wechseln. Sie wartet noch blutend von ihrer Vergewaltigung durch die Griechen auf Agamemnon, dessen Kriegsbeute sie ist. Angepriesen wie eine Ware tanzt sie puppenhaft auf einer Drehscheibe. Kassandra will aber nicht nur Opfer sein, sondern klammert sich an einen Rest von Machtgefühl. Immerhin weiß sie dank ihrer seherischen Fähigkeiten, dass ihr Peiniger ermordet werden wird. Der für mich dritte Teil besteht aus Andromaches Monolog, deren Ehemann und Baby von den Griechen getötet wurden. Auch sie steht kurz vor ihrer Versklavung. Andromache hat allerdings keine Power mehr, also weder Macht noch Kraft. Die Schrecken des Krieges haben sie am stärksten gezeichnet.

BeuteFrauenKrieg1 560 Toni Suter TT Fotografie uKate Strong (Hetäre) und Dagna Litzenberger Vinet (Kassandra) © Toni Suter | TT Fotografie

Zuletzt erhalten schließlich die Männer das Wort. Odysseus, Menelaos und vor allem Agamemnon, der die Schlachtung seiner Tochter Iphigenie und den damit beginnenden zehnjährigen Krieg mit all seinen Opfern zu rechtfertigen versucht. Natürlich wegen Freiheit, Ehre, Pflichtgefühl und Heimat, womit wir ja fast schon wieder bei CSU-Parteitagen wären. Aber wie soll man solche Grausamkeiten auch sonst rechtfertigen?

Macht und Machtlosigkeit

Mithilfe griechischer Mythologie hat die Historikerin Mary Beard in ihrem gerade populären Manifest "Women & Power" aufgezeigt, wie tief verwurzelt das Schweigegebot für Frauen in unserer Kultur ist. Öffentliche Reden waren in der Antike Männern vorbehalten und diese Denk- und Debattentraditionen lassen sich bis heute finden, wohl auch auf Berliner Bühnen. Henkel gibt mit ihrem Stück Frauen der klassischen Mythologie eine öffentliche Stimme. Sie sprechen über Gewalt, Schuld, Rollenzuweisungen, über Macht und Machtlosigkeit.

Den Perspektivwechsel erlebt das Publikum also nicht nur durch den Sitzplatztausch, sondern auch weil es diesmal nicht in erster Linie um die männliche Sicht geht, so wie wir es gewohnt sind. Natürlich finde ich sofort ältere Kritiken zu dem Stück, die die schwache Persönlichkeit der männlichen Helden beklagen und dass es dabei zu sehr um Frauen ginge. Oh ja.

Und wenn das so klug und aufregend inszeniert wird wie bei "Beute Frauen Krieg", gehe ich auch gerne wieder häufiger ins Theater.

 

 

Katja Berlin 140 Tilmann Pusch uKatja Berlin ist Autorin aus Berlin. Sie hat mehrere Bestseller mit lustigen Infografiken veröffentlicht, darunter "Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt" und "Was wir tun, wenn es an der Haustür klingelt". Darüber hinaus hat sie Grafikkolumnen in der Wochenzeitung Die Zeit und im Handelsblatt Magazin sowie eine Berlinkolumne in der Berliner Zeitung.
(Foto: Tilmann Pusch)

 

Hier die Nachtkritik der Zürcher Premiere von "Beute Frauen Krieg" im Dezember 2017.

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