Rede über die Schauspielkunst – Der Schauspieler Fabian Hinrichs denkt als Alleinjuror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises beim Berliner Theatertreffen über seinen Berufstand nach

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Berlin, 21. Mai 2018. Bevor wir zur Freude des Gebens und der Tugend des Annehmenkönnens gelangen und vielleicht auch dorthin, wo es wehtut, möchte ich mich bei der Alfred Kerr-Stiftung, bei Thorsten Maß und bei Frau Dr. Deborah Vietor-Engländer, bei Peter Böhme, bei Prof. Dr. Peter von Becker, bei Herrn Dr. Günther Rühle und bei Dr. Thomas (Oberender) für das geschenkte Vertrauen bedanken, den diesjährigen Träger des Alfred Kerr-Darstellerpreises auswählen zu dürfen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Berlin, 21. Mai 2018. Bevor wir zur Freude des Gebens und der Tugend des Annehmenkönnens gelangen und vielleicht auch dorthin, wo es wehtut, möchte ich mich bei der Alfred Kerr-Stiftung, bei Thorsten Maß und bei Frau Dr. Deborah Vietor-Engländer, bei Peter Böhme, bei Prof. Dr. Peter von Becker, bei Herrn Dr. Günther Rühle und bei Dr. Thomas (Oberender) für das geschenkte Vertrauen bedanken, den diesjährigen Träger des Alfred Kerr-Darstellerpreises auswählen zu dürfen.

Bist du Künstler oder Service?

Bei einer auch von mir dann und wann besuchten Rhetorikvorlesung offenbarte der diensthabende Professor uns, den Studierenden, der erfolgreichste und kürzeste Weg, sich beim Halten einer Rede, einer Laudatio, die Gunst und das Wohlwollen der Zuhörenden zu sichern sei es, folgendermaßen zu beginnen: "Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich komme zum Schluß." Ich möchte diesen Schluss aber nun doch noch ein ganz klein wenig ausdehnen.

AlfredKerrPreis Hinrichs 560 PieroChiussi uFabian Hinrichs während seiner Rede im Haus der Berliner Festspiele @ Piero Chiussi

Warum sollte jemand Schauspieler sein, sein wollen, wenn er nicht die Kunst anderer Schauspieler würdigen kann? Warum sollte jemand Maler sein, wenn er nicht die Kunst anderer Maler würdigen kann? Sie merken schon, die Reizwörter Kunst und Schauspieler werden tatsächlich in einem Atemzug genannt und dann sozusagen zusammen in ein Separée gesperrt, damit sie sich paaren und hoffentlich auch vermehren können- etwas mehr also als bloß eine sanfte Andeutung der richtigen Antwort auf die wichtigste Frage für Schauspieler im 21. Jahrhundert: Bist Du Künstler oder arbeitest Du im Service?

Ein Fisch namens Conny

Es gibt in der nearktischen und paläarktischen Region, also grob gesagt Nordamerika, Grönland undsoweiter und die Nordhalbkugel, einen Fisch namens Stenodus leucichthys, den Weißlachs, einen Speisefisch, mit festem, öligen, schmackhaften Fleisch. Der Weißlachs hat einen schön-rätselhaften Trivialnamen- er heisst auch "I'inconnu "der Unbekannte" – die Amerikaner machen daraus natürlich etwas anderes, sie nennen ihn einfach "Conny". Als den Europäern dieser Fisch aus Sibirien und Nordamerika bekannt wurde, erweckten die Schilderungen der Reisenden den Eindruck unerschöpflicher Schwärme. Mittlerweile weiß man, dass Riesenschwärme großer Fische in der Arktis wegen temperaturbedingt geringer Produktivität besonders leicht überfischbar sind. Aber noch einschneidender auf die Größe der Weißlachs-Populationen und auf seine allgemeinen Lebensbedingungen wirkten spätere Maßnahmen wie Fluss-Regulierungen, Dämme, Sperren, Begradigungen, Wasserkraftwerke.

Connys Fortbestand ist stark infrage gestellt worden, die Lage wird noch weiter durch die Weigerung von Conny dem Inconnu verschärft, "Aufstiegshilfen" in den Flüssen anzunehmen. Sie ahnen vielleicht, worauf ich hinauswill: es liegt auf der Hand, der Inconnu aus der Arktis, dieses in seinem Da-Sein bedrohte Tier ist das fischige spiegelblidliche Gegenüber, der Sosias des deutschen Schauspielers im 21. Jahrhundert. Hier Conny, der Weißlachs, dezimiert und zurückgehalten durch den Kampf mit Sperren, mit Regulierungen, Mauern, eine gefährdete schmackhafte anmutige wilde Tierart von eigener Schönheit, und dort sein humanoider Verwandter, der Schauspieler als Künstler, ungefähr seit Beginn der Renaissance in einzelnen Exemplaren ausgestattet mit einer ganzen Welt in einem Kopf und in einem Körper, gesellschaftlich zwar geächtet als liederlich, nach seinem Tod verscharrt an Uferböschungen, dessen Lebensräume aber der Himmel und das Darüberhinaus, das nach oben Gespannte waren.

Dar-Steller, Dar-Geher, Dar-Steher

Der künstlerische Schaupieler ist nun heute aber ebenfalls inconnu, ruhmlos, ein Träger von Talenten ohne Heimat, gefangen in den Rückhaltebecken der Regie-Konzepte, in den begradigten Wahrheiten der flachen Ästhetiken, in trostlosen Betonbecken moralischer Selbsgewissheit. Eine gefährdete Spezies, dessen besondere Gefährdung aber auch weitgehend inconnu sein dürfte, unbekannt. Gäbe es so etwas wie den Europäischen Gerichtshof für Theaterrechte, könnten nahezu alle Inszenierungen des diesjährigen Theatertreffens als Beweismittel für die Wahrhaftigkeit derjenigen Zeugenaussage Egon Friedells dienen, die er Anfang des letzten Jahrhunderts zu Protokoll gab: Theater und Militär, dem Anschein nach höchstens durch eine Konträrfaszination miteinander verbunden, sind in Wahrheit Verwandte, Brüder im Geiste, geworden.

Der deutsche Schauspieler des beginnenden 21. Jahrhunderts könnte berichten: so kam ich unter die Theaterregisseure. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt? Ich muß schon sagen, es war ziemlich anstrengend, einen jungen Alfred Kerr-Preis-würdigen Schauspieler aufzuspüren, einen jungen Künstler, einen souveränen Schauspieler, keinen Dar-Steller und Dar-Geher und Dar-Steher, einen, den auch Alfred Kerr selbst vielleicht als Persönlichkeit ausgemacht hätte, keinen, der mit den Fingern schnipst, weil ihm gesagt wurde, er solle jetzt mal schnipsen.

Es war anstrengend!

Und sie waren bestimmt auch da in diesem Jahr, auf der Bühne, bestimmt, ich hoffe es, aber sie waren nicht zu sehen, unsichtbar, inconnu, denn es herrscht anscheinend weitgehend ein stillschweigendes Auftrittsverbot für den künstlerischen Schauspieler (bis auf wenige kräftige mutmachende leitbildhafte Ausnahmen, die allerdings alle schon etwas betagter und somit zwar voller Zukunft sind, aber nicht für diesen Preis infrage kommen: Sophie Rois, Joachim Meyerhoff, Martin Wuttke zum Beispiel) und was Anderes bleibt dem heutigen deutschen Schauspieler zunächst (!) übrig, als sich zu fügen und sich die Uniform anzuziehen, die man ihm in den Spind gehängt hat, wenn er weiter in Lohn und Brot stehen muß.

Am Koenigsweg 4 560 ArnoDeclair uBenny Claessens in Falk Richters Hamburger Jelinek-Inszenierung "Am Königsweg" © Arno Declair

Es war anstrengend und diese Anstrengungserfahrung kann eigentlich nicht überraschen, denn es sind anstrengende Zeiten, auch am und im Theater, nicht zuletzt für Angehörige dieser alten selektionserfahrenen und dennoch stark gefährdeten Spezies der schauspielenden Künstler, der Schauspieler also. Und ich befürchte auch anstrengende Zeiten für ein Publikum? "Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen!" Sagte Friedrich Hölderlin Ende des 18. Jahrhunderts. Die deutschen Bühnendarsteller und Regisseure im Jahre 2018 aber bleiben beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen wenig Freies, Echterfreuliches. So wenig Freies. So wenig Echterfreuliches.

Auf meiner Suche nach dem souveränen Schauspieler mit einer Leitung nach oben begegnete mir preussischer Gehorsam, wohl als erschütterndes, durch die Generationen hindurch gewandertes Erbe des preußischen Militarismus, wackeres Soldatentum, man sah Menschen bei anstrengender Arbeit zu. Denn obwohl sich die Regisseure für die Übermittlung ihrer jeweiligen gut gemeinten Moralnachrichten eine teure abendliche Eskortbegleitung in Gestalt von massivem Einsatz von Ton und Gewerken, von Technik, von Kopfhörern, Verstärkern, riesigen Rädern, Visuals, Pauken, Zaubertricks und vokalem Extremsport engagierten, verschwimmt in der Rückschau das Meiste doch zu einer seltsam gleichförmigen Masse, den gleichaussehenden Autos auf unseren Strassen ähnlich.

Was ist da los?

Und wo war der Schauspieler hin? Wo ist er hin? Gibt es ihn noch? Um nur zwei von unzähligen Beispielen zu nennen: auf dem Theatertreffen vor zwei Jahren wird eine Podiumsdiskussion unter dem Titel abgehalten "Wovon wir sprechen, wenn wir vom Schauspielen sprechen" und es ist nicht ein einziger Schauspieler auf diesem Podium anzutreffen, sondern ausschliesslich irgendwelche anderen Leute. Inconnu! Und niemandem fällt es auf, niemand sagt etwas, niemand stößt sich daran. Man kann natürlich wie bei Markus Lanz eine Diskussion über "Wovon sprechen wir wenn wir über Klavierspielen sprechen" machen und dann Boris Becker und Frank Walter Steinmeier einladen, aber sollte das Theatertreffen wirklich wie Markus Lanz sein? Zweites Beispiel: in diesem Jahr gab es eine Diskussion über Ästhetik im zeitgenössischen Theater und nicht ein einziger ... ich muss den Satz nicht zu Ende schreiben, zu Ende sprechen.

Was ist da los? So sollte man nicht mit der ältesten Theaterkunst, der Kunst des Schauspielers, umgehen. Und so sollte man als künstlerischer Schauspieler nicht mit sich umgehen lassen, als wäre man ein Soldat, der in der Kaserne einsatzbereit auf Befehle zu warten hat, während die selbsternannten und so oft überforderten Offiziere im Kasino Pläuschchen halten. Dieses Identifikationsangebot sollte man ablehnen, wenn man Schauspieler ist. Die Tatsache, dass Schauspieler auch große Intendanten waren, und zwar während sie noch spielten (Kortner, Reinhardt, Weigel, Gründgens), wirkt heute wie eine wie eine Erinnerung, die nicht stimmen kann. Goethe, Moliére und Shakespeare waren Schauspieler. Aber eben nicht nur. Meine Damen und Herren, verstehen Sie mich nicht falsch, es ist ja klar: wer nicht mitmacht, wird entlassen. Und dann wohl lieber ein künstlerisches Auftrittsverbot als gar nicht mehr aufzutreten, denn neben dem Ödipuskomplex gibt es ja auch noch den existentielleren Komplex- den Geldkomplex.

Die Stimmung war also einigermassen im Keller angelangt. "Und dann" – zu meinem, zu unserem Glück – "und dann kam Benny" (vielleicht sogar ein ganz pfiffiger Titel). Benny Claessens. "Mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun". Benny Claessens kam, er sprach, er sang, er tanzte, er war einfach da (in Am Königsweg, Schauspielhaus Hamburg, Text Elfriede Jelinek, Regie Falk Richter). Inmitten all des entfremdeten, austauschbaren und nicht zuende sozialisierten, notgedrungen oder sogar freudig mitlaufenden Servicepersonals auf den Bühnen dieses Theatertreffens gab es jemanden mit Präsenz. Präsenz als erfahrbarer Unterschied zur Entfremdung.

Oradour2 560 LotharReichel uBennie Claessens mit Katja Bürkle in Ouradour von Karen Breece München, HochX, 2018)
  © Lothar Reichel

... wie all die Kulturwissenschaftler, die jetzt den Theaterbetrieb kapern, nicht sein können

Der Begriff "Präsenz" kommt vom lateinischen prae-esse und prae-esse meint "Berührbarkeit". Benny Claessens ist in einem geradezu bedrohlichen Grade berührbar. Man schaut ihn an und da drängt er sich wieder auf, der zwischendurch verlegte, diskriminierte Gedanke, dass ein Schauspieler ein ganzes Theater sein kann. Trotz allem. Trotz allem! Trotz des Korsetts einer Nummernrevue, trotz der bunten Sachen auf den Körpern und neben den Körpern der Schauspieler, die nur umso deutlicher den eigentlich mausgrauen Stein unter dem bunten Farbanstrich zutage treten lassen. Inmitten dieser als bunte Travestieshow getarnten preussischen Kaserne war da eine eigene Stimme, ein eigener Körper, eigene Gefühle. Ja Leute, Gefühle, Soul. Und, schnallen Sie sich an: Denken, eigenes Denken.

Auch wenn es anscheinend verboten ist, verrate ich es Ihnen heute: ein Schauspieler wie Benny Claessens kann fühlen UND denken. Gleichzeitig! Und sich bewegen und sprechen und er kann sogar wild sein! Benny Claessens kann tatsächlich wild sein, chaotisch, irrational. Er kann wirklich so sein, wie all die Kulturwissenschaftler in ihren Proseminaren, die jetzt den Theaterbetrieb kapern, im Büro nicht sein können: wild, zart, ernst, liebevoll, geistvoll. Er kann Gefühlsgedanken haben, man kann mit ihm träumen. Und er kann richtig gut singen. Er kann so singen, dass ich (fast) weinen muss. Ist das falsch? Im Theater zu weinen? Nein, natürlich nicht, wie krank wäre die Verneinung dieser Frage. Warum wäre es falsch, im Theater zu weinen, wenn Benny Claessens singt? Und – ganz ganz wichtig – er langweilt nicht. Man schaut ihm zu, man ist MIT ihm und ein unbewusster Dialog, den er zuläßt, den er anstößt, beginnt und dann – langweilt er einfach nicht. Denn das wissen wir: denen, die langweilen, kann man nur schwer verzeihen.

Was ist denn Theater?

Wenn Benny Claessens die Bühne verlässt, ist man traurig, es hätte ruhig noch viel länger weitergehen können, ganz ohne Frösche und Mikroport. Und er ist widersprüchlich, Benny Claessens, er ist sozusagen nicht bruchfest. Denn ist es nicht so, dass nur bei den flachen Wahrheiten das Gegenteil falsch ist und bei den tiefen Wahrheiten auch das Gegenteil wahr? Benny Claessens ist nicht so furchtbar selbstgewiss, wie es die Inszenierung (und vermutlich auch der Text) selbst war, in der er auftrat, wie es (fast) alle Inszenierungen waren, die ich sehen durfte, er widersteht den Vereinfachungen durch sein Da-Sein, im Theaterraum.

Was ist denn Theater, was kann denn Theater für uns sein? Theater kann ein kultischer Raum sein, ein Raum, in dem für einen Moment die existentielle Einsamkeit jedes Einzelnen in diesem darwinistischen Gesamtalptraum kollektiv spürbar wird, in dem Brücken geschlagen werden, in diesem Raum, für diesen Moment, lauter kleine zerbrechliche Brücken zwischen all diesen Individuierten, in ihrer eigenen existentiellen Notsituation Versammelten und für diesen kurzen Moment kann die Ahnung von Gemeinschaft, von einem gemeinsamen Träumen von Individuen enstehen, die alle in unterschiedlicher Art und Weise Schmerz empfinden, die alle in unterschiedlicher Art und Weise in Reibung zum gesellschaftlichen Kollektiv stehen. Der Schauspieler aber könnte in diesem Sinne dann ein Lebensmedium sein, für alle, die noch nicht erloschen sind und deren Blick nicht Benny Claessens Präsenz verpasst.

Diese erloschenen Leute, denen Benny Claessens vielleicht oft in München an den Kammerspielen begegnet oder eben nicht begegnet ist, sind die, die Friedrich Hebbel im Blick hatte als er sagte: es gibt Menschen, die stehen vor dem Meer und sehen nur die Schiffe die darauf fahren und auf den Schiffen nur die Waren die sie geladen haben. Dieser Blick wirft alles heraus, was keinen Materialcharakter hat und dieser Blick verhindert auch den Dialog. Dabei, so habe ich es EMPFUNDEN, ist doch Benny Claessens dieser Dialog so existentiell wichtig, Benny Claessens kreist nicht um sich selbst, wie das Theater gerade um sich selbst kreist im Moment.

Eine große Verwirrung in den Geisteswissenschaften seit ihrer Entstehung im frühen 19. Jahrhundert liegt in der Annahme, dass weil unsere Instrumentarien die Begriffe, also cartesianische Instrumente sind, müssen auch die Objekte ausschließlich cartesianische sein. Alles, was Gegenstand der Geisteswissenschaften sein könnte, und eben also auch Gegenstand der Theaterkritik, wird durch die Konzentration auf Sinnzuschreibungen, auf Interpretierbares ausgeschlossen, alle ästhetische Erfahrungen, die nicht im Lesen bestehen. Der ästhetischen Erfahrung der Stimme, des Körpers, der eigenen Schönheit von Schauspielern kommen wir mit Sinnzuschreibungen nicht nahe.

Das Poetische ist politisch

Ich könnte jetzt sagen, da wäre bei Benny Claessens etwas Zerbrechliches, Weiches, Berührbares, Grobes, Wildes, Feines, das mag alles sein, das mag alles stimmen oder auch nicht, das ist nicht wichtig, denn darum geht es nicht. Denn es ist eben etwas spürbar, dass zutiefst künstlerisch ist- künstlerisch in dem Sinne, das es das Zweckmässige ohne Zweck ist, etwas, das sich unserer Definition entziehen möchte und auch entzieht. Wenn man Benny Claessens auf der Bühne erfährt, drängt sich vielleicht am ehesten und am verbindlichsten ein Begriff auf, den die Deutsche Gesellschaft für Theaterpathologie, wenn es sie gäbe, erst noch exhumieren musste, damit er überhaupt in dieser Rede auftauchen könnte: Poesie. Denn nicht die möglichst realistische Abbildung von Krisen ist primär politisch, sondern die Poesie ist es.

Nichts scheint momentan politischer zu sein als Poesie. Sie ist da, dann wieder nicht. Sie befreit uns zur Spontaneität, Benny Claessens ist spontan! Und er hat sich den Raum dafür genommen, so wie es eben ging, ob gegen Widerstände, das weiß ich nicht, denn Schauspieler sind strukturell betrachtet nicht die Entscheider. Sollte es sich dann letzten Endes also gar nicht um eine Krise des Theaters, des künstlerischen Schauspielers handeln? Denn was ist eine Krise? Eine Krise ist eine Entscheidung ohne Entscheider. Aber es gibt sie ja, die Entscheider. Sie treffen nur leider anscheinend, im buchstäblichen Sinne an-scheinend, die falschen Entscheidungen, warum auch immer. Poesie aber, hilft uns Max Frisch in seiner eher unbekannten Poetikvorlesung "Das schwarze Quadrat" ist zweckfrei, sie unterwandert ideologisiertes Bewusstsein, das macht sie subversiv. Sie ist unbrauchbar und arrogant.

AlfredKerrPreis Claessens Hinrichs 560 PieroChiussi uBenny Claessens und Fabian Hinrichs nach der Preisverleihung © Piero Chiussi

Eine Theateraufführung, ein Schauspieler muss uns nämlich nicht die Staatsverschuldung oder das Problem eines Endlagers für Atommüll erklären oder die Präsidentschaft Trumps mit Fröschen und Fernsehkommentatoren illustrieren. Denn das sind nur Angebote, sofort damit einverstanden zu sein. Was beschreibt Rilke, wenn er eine Skulptur von Rodin betrachtet: "Keine Stelle, die Dich nicht sieht"? Eine ästhetische Erfahrung, die den Betrachter, die Betrachterin so trifft, hat eine Wahrheit, die ich anders nicht erfahren kann. Und damit wir an der Wahrheit der Welt nicht zugrunde gehen, dafür brauchen wir die Kunst. Als Widerspruch zur Welt, als Beantwortung meiner eigenen Mangelerscheinung. Wir brauchen dafür künstlerische Schauspieler wie Benny Claessens, wir brauchen keine Reenactments, (meinetwegen auch Reenactments, zur Abwechslung dann aber, nicht hauptsächlich) wir brauchen keine Förmchen, wir brauchen Denkformen und Fühlformen, die wir selber nicht aufbringen können.

Welt voller Gefängniswärter

Ich brauche nicht die absichtsbetankte Form eines Regisseurs – denn was sagte Anthony Hopkins nochmal darüber, was ein Regisseur ihm überhaupt für einen Hinweis geben dürfe? Das müssen wir uns wieder ins Bewusstsein rücken: ein Regisseur dürfe ihm nur sagen, ob "schneller oder langsamer". Und das ist natürlich richtig – und falsch. Denn was wir brauchen ist die Begegnung, das Gemeinsame. Wir brauchen nämlich die eigene Form, zum Beispiel von Benny Claessens, seine Ästhetik, seine ganz eigene Schönheit, denn er ist schön, sein Da-Sein, seine spürbaren Bauprinzipien seines Bewusstseins, die dann auf dann auf die Bauprinzipien von Anderen (Bühnenbildner, Autor, Kostümbildner) treffen, damit etwas Drittes entsteht.

Denn was anderes ist Existenz als Da-Sein im Raum? Und wo anders lässt sich Da-Sein so verdichtet erfahren, erleben, erspüren, als Wahrheit, die wie der Blitz grell alles erleuchtet, um einen herum, in einem und eben dadurch und nur dadurch genauso schnell die absolute Dunkelheit erfahrbar macht? In der Musik natürlich, in der Literatur, im Theater. Wenn das in der Kunst schon nicht mehr stattfindet, als Gegenwelt zur durchrationalisierten, durchfunktionalisierten Schein-Wirklichkeit, ja wo denn dann? Jedenfalls nicht in der robotischen Wirkungsmechanik.
Könnte man sich vorstellen, dass Benny Claessens durch einen Roboter ersetzt werden könnte? Nein, nein, nein.

Lieber Benny, es gibt nur eine sichere Methode, die Zukunft vorauszusagen – gib ein Versprechen ab und halte es. Du bist das Versprechen des souveränen Schauspielers, der das Theater rettet, indem er das Theater wieder zu einem Ort der GEGENWELT macht, einem Ort, den eine Spannung senkrecht nach oben kennzeichnet, der voll von Welt ist, weil er Weltfremdheit zulässt, ein Ort, der nicht wie eine Dokumentation auf Arte ist und auch keine nachgestellte Tagesschau, kein selbstgewisser Leitartikel, keine ostelbische Kaserne, kein Proseminar, keine schlechtgelaunte kritische Theorie, kein Regie-Gefängnis. Nur Gefängsniswärter haben etwas gegen Eskapismus. Die Welt ist voll von Gefängniswärtern, denn die Welt ist voll von Kerkern. Das Theater aber – der Schauspieler, der Bühnenbildner, der Autor – das Theater könnte ein Fenster sein in diesen Kerkern, ein vergitterte Fenster zwar, aber immerhin. Das könnte das Theater sein.

Und das Theater, das bist Du, Benny.

Herzlichen Glühstrumpf, Benny Claessens, zum Alfred Kerr-Darstellerpreis 2018!

 

Der Text ist die ungekürzte Fassung der Rede, die Fabian Hinrichs in seiner Eigenschaft als Alleinjuror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises am 21. Mai 2018 im Rahmen des Theatertreffens im Haus der Berliner Festspiele gehalten hat. Hinrichs selbst erhielt den Preis im Jahr 2012.

 

Mehr dazu:  sehr viel, viel und eingeschränkte Zustimmung erntete Fabian Hinrichs mit seiner Rede bei den Regisseure Milo Rau, Herbert Fritsch und Thomas Ostermeier. Kritisch reagierte dagegen der Basler Schauspieler und Kerr-Preisträger 2017  Michael Wächter.

 

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Fabian Hinrichs' Laudatio: HandwerkerBürokraft 2018-05-23 14:26
Handwerker sind aber auch Menschen.
#2 Fabian Hinrichs' Laudatio: Beschimpfung von berufener Wartecoolibri 2018-05-23 15:38
Das war sicher eine unterhaltsame sache im haus der berliner festspiele - der man aufgrund der anachronistischen weigerung der berliner festspiele solche ereignisse live zu übertragen nun nur noch per lektüre folgen darf. daß bei hinrich die perfomance selbst und der gesprochene text ein eigenes ergeben - davon darf man ausgehen - auch wenn man nicht dabei war. den ehrfurchtsvollen gesichtern in der reihe ists anzumerken, daß ein bühnenweihespiel gegeben wird, dem man gebannt lauschen darf.
lieblingsveranstaltung in der korporierten, burschen- und schwesternschaftlichen welt der deutschen Schauspieltheaters: die beschimpfung des eigenen ladens von berufener warte. das Stück heute: die zerknechtung des emanzipierten schauspielers durch die regie und intendantenlandsknechte und bühnenvereinswallensteins. die belobhudelung des presiträgers erfordert aus hinrichs sicht erstmal daß die anderen im schatten stehen müssen, damit das licht des präsenten, unabhängigen Spielers um so heller erstrahle. soweit so gut - aber stimmt das jetzt? oder nur konfettikanone für den preisträger?
oder ist die unterstellte unmündigkeit des Schauspielers nicht einfach selbstverschuldet? sind die gequälten schauspielerseelen, die in hinrichs rede und im ensemble netzwerk zombiegleich erstöhnen bloss opfer der "alten herren" in der theaterburschenschaft germania? oder sind sie nicht selbst gierig sich unterzuordnen unter den zampano - oder bei gewährten freiheitsrechten - sogleich aus zorn den gewährer zu zerreißen? schnell, zurückkriechen ins reich der ansagen, ins theater der wilsons und mondtags, wo denken nicht nötig ist - 2 schritt nach rechts einen nach hinten und dreimal verbeugen?
und sorry, bei aller wertschätzung, was schauspieler und andere nicht - regisseure so verzapfen, wenn nicht wenigstens mal einer/ eine vorn vorne draufschauen kennen wir ja zu Genüge aus freien szenen oder wenn mal wieder ein solches dreamteam sich im hau z.b. zu marx äussern möchte.
#3 Fabian Hinrichs' Laudatio: Liebe fürs TheaterToms 2018-05-24 12:27
Ich finde das eine Rede,die aus der Liebe fürs Theater heraus geschrieben ist. Eine Polemik. Ist doch gut,wenn dieses Thema: was ist der Schauspieler, was kann er, soll er, will er, so grundsätzlich zur Debatte gestellt wird. Außerdem hat er das theatertreffen aufgemischt, oder? So lese ich das: www.deutschlandfunk.de/berliner-theatertreffen-niedergang-der-debattenkultur.691.de.html?dram:article_id=418440
Die Gespräche nach den Aufführungen fand ich lahm. Aber weiß jemand, was bei dem Gespräch zu Kunst und redefreiheit los war? Und kann das Festival die Kosten seiner Gastspiele geheim halten?
#4 Fabian Hinrichs' Laudatio: Gordon CraigSamuel Schwarz 2018-05-24 14:13
Hinrichs Rede spiegelt sich bereits in dem berühmten Schiff von Gordon Craig. Der deutsche Theaterbetrieb ist zu grössten Teil immer noch auf hoher See. Es wäre Zeit, mal an Land zu gehen - Link auf den Auszug aus dem berühmten Text von 1905:
derpolder.tumblr.com/post/174202682940/schauspielerin-40-das-craigsche-schiff
#5 Fabian Hinrichs' Laudatio: traurigAnders denkend 2018-05-24 17:31
Was Herr Hinrichs haben Ihnen die Regisseure des sogenannten modernen Regietheaters angetan, dass sie zu einem solchen Kahlschlag ansetzen müssen? Sie glauben, es herrsche 'ein stillschweigendes Auftrittsverbot für den künstlerischen Schauspieler'? Welche Theater haben Sie besucht, dass Ihnen all die künstlerischen Schauspieler entgangen sind? Ein Mirko Kreibich, zum Beispiel? Sind Sie allen Ernstes der Meinung, er sei nur ein Dar-Geher, Dar-Steher, Dar-Steller? Ohne eigenes Denken, ohne eigene Ideen, ohne eigene künstlerische Impulse, ohne eigenes Einbringen, nur den Willen eines Regisseur erfüllend wie ein Zombie? Dann rate ich Ihnen dringend, 'das achte Leben' am Hamburger Thalia Theater zu besuchen! Und das ist nur ein Beispiel von so vielen. Und warum soll Theater nicht auch politisch sein dürfen? Es steht Ihnen frei, diese Aufführungen nicht zu besuchen, aber in der Vielfalt einer Theaterlandschaft muss auch politisches Theater Platz haben. Kunst war schon immer auch politisch. Man denke an den wunderbaren Film von Charlie Chaplin, 'der grosse Diktator'. Natürlich löst man keine Flüchtlingskrise damit. Noch irgend ein anderes der aktuellen Probleme. Aber man kann sehr wohl Denkanstösse damit geben, egal ob man der These zustimmt. Oder sie ablehnt. Zu einem Diskurs anregen, so wie die Menschen in einer Boulevard Komödie zum Lachen angeregt werden. Beides hat die gleiche Berechtigung. Beides gehört zu der Vielfalt. Beides hat sein Publikum. Keins ist besser oder schlechter. Wenn Sie überall nur schlechtes Theater und willenlose Zombies auf den Bühnen sehen, sollten Sie vielleicht überprüfen, inwieweit Sie ihr Denken, Ihre Sichtweise nicht in Sperren, Regulierungen, Mauern zwängen, gefangen nehmen im Rückhaltebecken Ihres eigenen Geschmackes. Möglicherweise ist Ihre Offenheit, Ihr Weiterdenken, Ihr auch anderem, als nur Ihrem eigenen Geschmack Raum lassen können, dadurch vom Aussterben bedroht. Ich habe vom Berliner Theatertreffen, das Sie traumatisiert zu haben scheint, nur die Odysee gesehen, kann also nichts über die übrigen Stücke sagen. Aber nehmen wir die Odysee. Ja, der Abend unterläuft die Erwartungen, die man bei dem Titel hat. Und ja, man kann sich fragen, warum die beiden den ganzen Abend über eine Skandinavisch anmutende Kunstsprache sprechen müssen. Aber wenn man sich nicht auf den Titel versteift, wenn man die Frage, warum diese Sprache gewählt wurde, bei Seite schiebt und sich einfach darauf einlässt, kann man durchaus mit einem herrlichen Theatererlebnis beschenkt werden, das mehr Tiefgang bietet, als man das auf den ersten Blick denkt. Sie können den Abend natürlich trotzdem schrecklich finden, die Geschmäcker und Sichtweisen sind verschieden, zum Glück, und einen universalen Geschmack gibt es nicht. Aber deswegen Thomas Niehaus und Sven Schröder abzusprechen, künstlerische Schauspieler zu sein, sondern nur Dar-Steller, Dar-Geher und Dar-Steher, bei dem, was die beiden an Schauspielkunst aufs Parkett legen? Natürlich, es ist ihre Meinung, Meinungen sind verschieden, und das ist gut so. Meine Meinung ist da eine ganz andere. Und das ist auch gut so.
#6 Fabian Hinrichs' Laudatio: Jury@Anders denkend 2018-05-24 18:14
Ich glaube, Herrn Hinrichs hätte "Das achte Leben" sehr gut gefallen, aber es war nun einmal nicht zum Theatertreffen eingeladen, aus dem Herr Hinrichs seine Eindrücke ja primär ableitet. Das Problem liegt doch nicht zuletzt in der Jury, die einen recht eng umrissenen (man könnte sagen: ideologischen) Ausschnitt aus der Theaterwelt eingeladen hat, in der eine große Erzählung wie "Das achte Leben" schlicht nicht vorkommt. Wobei auch die Beobachtung, dass großformatiges Schauspieler-Erzählen a la "Achtes Leben" insgesamt im Rückgang begriffen ist, sicher nicht falsch ist.
#7 Fabian Hinrichs' Laudatio: WoyzeckHüsrel 2018-05-24 22:36
Ich glaube nicht das er über die Odyssee gesprochen hat.Da findet ja wirklich das Gegenteil von dem statt was er beschreibt.
Aber der Woyzeck war nun wirlich das von ihm beschriebene preusische exerzitium und ich habe die Schauspieler für diesen geist und sinn tötenden unsinn zutiefst bemitleidet .
Was an dieser riefenstahl ästhetik bemerkenswert sein soll verschliesst sich mir.es ist jedenfalls eine verdrehung büchners in sein gegenteil.ich finde das nicht erstrebenswert für die beteiligten schauspieler.
#8 Fabian Hinrichs' Laudatio: ohne ZweckSynkretist 2018-05-25 12:49
Ich persönlich verstehe die Rede Hinrichs' auch als Kritik am (tages)politischen Impetus des Theaterbetriebs, der mit seinen bisweilen monstranzartig zur Schau getragenen Platitüden in moralisch belehrender Absicht Schönheit und Intellektualität austreibt. Hinrichs nimmt ja explizit Bezug auf Kants in der Kritik der Urteilskraft entwickelten Begriff der Zweckmäßigkeit OHNE Zweck, ein Leerlaufen der Begriffe, das erst das freie Flottieren der Vernunft ermöglicht. Dies ist heute umso aktueller, als unsere Wirklichkeit eben nicht mehr als erfahrbares wohlgeordnetes Ganzes uns entgegentritt, sondern oftmals in Unverständlichem, Ungleichzeitigem und Aporetischem. Insofern legt Hinrichs meiner Meinung nach den Finger in eine Wunde, die schon der ganze Leib ist: Weg mit dem eindimensionalen Gesinnungstheater!
#9 Fabian Hinrichs' Laudatio: interessante AngeboteOH 2018-05-26 03:32
Obwohl ich Fabian Hinrichs Alfred-Kerr-Rede in ihrer Deutlichkeit sehr begrüsse, erzählt der gute Mann natürlich nur die halbe Wahrheit. Dies wird besonders deutlich, wenn man der Frage nachgeht, wer da spricht. Fabian Hinrichs ist kein Angehöriger des 3.Standes unter den Schauspielern, der beständig zwischen Arbeitsamt und Stückvertrag hin- und herpendelt. Er ist auch kein Angehöriger des 2.Standes mit einem Festvertrag an einem Theater. Fabian Hinrichs gehört zum 1.Stand, also jenen Reisekadern der Top 100, die gar keine Festanstellung an einem Theater wollen, weil sie längst ein festes Standbein ins TV-Serien-Geschäft gesetzt haben.
Die Schaubühne von Peter Stein, Edith Clever, Bruno Ganz und Otto Sander hatte schon in den 80er-Jahren einen ruppigen, trotzdem treffenden Begriff für derlei TV-Auftritte geprägt. Sie nannten es das "Fresse hinhalten".
Nicht um Fabian Hinrichs übel zu wollen, sondern bei dem treffenden Slogan der ehemaligen Schaubühnenheroen zu bleiben, genügt ein Blick in die International Movie Database, um zu erkennen, dass es sich bei Fabian Hinrichs um einen notorischen "Fresse-Hinhalter" handelt, der sich als schauspielernde Teilzeitkraft seit 2004 immer wieder in "Grossstadtrevier" und "Bella Block", "SOKO Leipzig" und "SOKO Stuttgart", "Flemming", "Polizeiruf 110" und zuletzt als "Tatort"-Kommissar verdingt hat.
Fabian Hinrichs Ausführungen in seiner Alfred-Kerr-Rede vom Kopf auf die Füsse gestellt, müssten also in etwa lauten: " Ich, Fabian Hinrichs, werde doch nicht 5 lukrative Drehtage beim ZDF oder der DEGETO sausen lassen, nur um - weitaus schlechter bezahlt - endlos in Einheitstonlage über Ulrich Rasches Drehbühnen zu marschieren. Oder mir für Susanne Kennedy ständig ´ne Gummimaske vors Gesicht zu ziehen."
Ich finde eine solche Haltung für einen Schauspieler legitim. Weder eitel, noch arrogant. Fabian Hinrichs hätte sich mit seine Rede kaum soviel Mühe gegeben, hegte er die Absicht, in Horst Tapperts "Derrick"-Fußstapfen das Ende seiner Tage als Fernsehkommissar zu verbringen.
Die Qualität eines Regisseurs wird also demnächst an der Fähigkeit gemessen werden, interessanten Schauspielern interessante Angebote zu machen. Nun denn. Es gab schon schlechtere Aussichten für das zukünftige Theater...
#10 Fabian Hinrichs' Laudatio: UnlauterNeill 2018-05-26 14:22
Es ist doch immer wieder erstaunlich und auch immer wieder traurig, wie es intellektuellen Menschen widerfaehrt, die sich mit Mut und Rueckgrat in den Wind stellen. Sehr geehrter OH, gestehen Sie Hinrichs keine Laufbahn zu? Im Gegensatz zu Otto Sander, der im „Traumschiff“, im „Fahnder“ und noch mit Ende 60 in „Wolffs Revier“ spielte sind die wohl mit bösartiger und unpräziser Pinzette herausgepickten Beispiele 10 Jahre bis 15 Jahre her (Hinrichs ist wohl Anfang 40) und fallen in eine Zeit, nachdem Castorf ihn entlassen hatte, auf diese Zeit hat er auch öffentlich mehrfach hingewiesen. Mittlerweile sind Manzel und Hinrichs wunderbare Tatort-Kommissare (beispielhaft www.zeit.de/kultur/film/2018-04/tatort-franken-ich-toete-niemand-obduktionsbericht), allein auf weiter Flur, er ist nicht nur einer der radikalsten Bühnenkünstler sondern auch einer der eigensinnigsten Film- und Fernsehendarsteller in diesem Lande und verdient dafür unsere Achtung und ist sich meines Dankes sicher, deswegen nehme ich mir hier auch die Zeit. Er hat mit Laurent Chétouane die wohl radikalsten und poetischsten Arbeiten auf die Bühnen gebracht, oft unter Ausschluß einer breiten Öffentlichkeit. Er hat dem Theater von René Pollesch neues und nachhaltiges Leben eingehaucht. Er war Schauspieler des Jahres, er hat den Kerr-Preis, den Wildgruber-Preis, den Ophüls-Preis, den Grimme-Preis und unzählige Film- und Fernsehpreis-Nominierungen. Will sagen: er ist einer der ganz ganz wenigen in diesem Land, die sowohl auf der Bühne als auch in Film und Fernsehen Großartiges vollbringen und ja, ich bin ein Fan, ich bin noch zur Bewunderung fähig. So jemanden als „notorischen Fresse-in-die-Kamera-Halter“ zu bezeichnen ist respektlos und irgendwie auch hinterhältig. Ich meines Zeichens bin Kunsthistoriker und Philosoph und habe auch nicht gleich mit einem Lehrauftrag in Princeton begonnen. Kommentare wie der letzte helfen einfach nicht. Oder wollen Sie alle Schauspieler, die in Fernsehproduktionen mitspielen mit dieser geborgten Beleidigung diffamieren? Edgar Selge, Matthias Brandt, Ulrich Tukur, Wolfram Koch, Martin Wuttke, Sophie Rois, Axel Milberg, Mark Waschke, Sandra Hüller undwasweißich. Letztlich scheint Hinrichs doch auch genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige gesagt zu haben und das auch noch in einer wunderbaren Sprache, nicht verwunderlich, das Viele nun besorgt sind.
#11 Fabian Hinrichs' Laudatio: EpigonenNeill 2018-05-26 14:49
Ist eigentlich jemandem einmal aufgefallen, dass sowohl Selge, Meyerhoff als auch Koch mit ihren Soloperformances alles Epigonen von Hinrichs sind?
#12 Fabian Hinrichs' Laudatio: nicht ErfinderQualle 2018-05-26 16:12
#11

NEIN...
ganz klares NEIN - Mensch Neill.
WEIL...
Hinrichs ist nicht der Erfinder der Soloperformance...

Auch wurde Grundsätzliches seiner Rede
"über die Schauspielkunst" bzw.
"die Kunst des Schauspielers"
schon Jahre vor ihm geäußert,
nur nicht an so expliziter Stelle
mit garantierter weiter Öffentlichkeitswahrnehmung.

Das sehe ich aber nicht als "Plagiat"
oder "theoretisches Epigonentum" ...
Denn solcherlei Gedanken irren durch den Raum,
Äther oder über Satellitenwellen,
kommen dann irgendwo bei irgendwem wieder an -
und es ist gut wie wichtig, wenn sie jemand aufgreift,
um sie aus gegebenem Anlass zu Gehör zu bringen,
um Diskussionen wie Nachdenken anzuregen.

Oder nicht?
#13 Fabian Hinrichs´ Laudatio: Puls und Hinrichs als Volksbühnen-IntendantenOH 2018-05-26 18:22
@10
Ich möchte überhaupt nicht Fabian Hinrichs heruntermachen, wenn ich auf seine TV-Auftritte verweise. Martin Wuttke, ebenfalls eine Zeit lang Tatortkommissar, hat ja das Richtige getan, als er zur Begründung seines Tatort-Engagement keinen Blödsinn apropos einer "künstlerischen Herausforderung" herbeifaselte, sondern ganz trocken darauf hinwies, nach soundsoviel Jahren Stadttheater das Bedürfnis zu haben, auch mal etwas für seine Altersversorgung zu tun. Wenn Fabian Hinrichs Alfred-Kerr-Rede als Aufruf an die Schauspieler zu werten wäre, am Theater endlich die Macht bzw. die Intendanzen zu übernehmen, möchte man ihm nur zurufen: Dann mal los! -- Gerade was die Neubesetzung der Leitung der Volksbühne betrifft, ist die Vorstellung, Fabian Hinrichs und Wiebke Puls bilden das neue Führungsduo wirklich wunderbar. Vorallem, wenn die beiden sich zuallerst darum kümmern würden, in einer 10-tägigen Open Audition das neue Schauspielerensemble zu finden. Um dann erst, als zweiten Schritt, mit den angeheuerten neuen Schauspielern als Juroren alle Möchtegern-Volksbühnenregisseure zum "Vorsingen" zu bestellen. Ich kann nur sagen: Diese Vorstellung hat erheblichen Charme. Sicherte eine solche Vorgehensweise einer künftigen Volksbühne ersteinmal ein "Alleinstellungsmerkmal" in der Berliner Theaterlandschaft. Sollte sich allerdings herausstellen, dass die geheuerten Schauspieler am Ende aus purer Eitelkeit doch nur den 20. Kirschgarten und den 30.Sommernachststraum zuwege bringen, wäre das ganze allerdings ein Fehlgriff.
Esther Slevogt hat ja vor ein paar Wochen in einer Kolumne der "nachtkritik" das Modell der Berliner Philharmoniker,die ihren Chefdirigenten selber wählen, ins Spiel gebracht. Mehr Uraufführungen und weniger Mozart/Tschaikowski-Routine hat es in der Philharmonie mit diesem Modell allerdings nicht gegeben. Doch vielleich sind Schauspieler ja risikofreudiger und Experiment erprobter als ihre von Partituren angeleiteten Kollegen im musikalischen Fach. Und falls nicht, rücken erneut die Besetzer an und Fabian Hinrichs bekäme anders als Dercon keinen Polizeischutz.
#14 Fabian Hinrichs' Laudatio: Rede wie nie zuvorGrrlll 2018-05-26 18:28
Liebe Qualle! Lies Hinrichs Rede nochmal. Ein solche Rede wurde noch nie gehalten, und wer das Gegenteil verbreitet, der will nur eines, dass sie aus der Welt ist.
#15 Fabian Hinrichs' Laudatio: Poesie und DrillInga 2018-05-26 20:06
@ Anders denkend: keine Handlung geschieht ohne (innere) Motivation. Da kann Hinrichs noch so sehr von der "ästhetischen Erfahrung der Stimme, des Körpers, der eigenen Schönheit von Schauspielern" schreiben/reden. Also von der Präsenz. Ohne innere Motivation, ohne Text (was bewegt diesen Menschen/diese Figur?), ohne Inhalt, der verstanden werden will, ist das alles auch nur blablabla. Poesie empfinde aber auch ich als schöner als militärischen Drill. Wobei es da auch einen gibt, der genau damit nicht nur von der Form her, sondern eben auch und gerade inhaltlich, gearbeitet hat, Einar Schleef nämlich. Anhand von Jelinkes "Sportstück" zum Beispiel.
#16 Fabian Hinrichs' Laudatio: in Deutschlandmarie hanulak 2018-05-27 08:50
#14 ...

* in deutschland



Ein solche Rede wurde noch nie gehalten*, und wer das Gegenteil verbreitet, der will nur eines, dass sie aus der Welt ist.


Ein solche Rede wurde noch nie* gehalten, und wer das Gegenteil verbreitet, der will nur eines, dass sie aus der Welt ist.


Ein solche Rede wurde noch nie* gehalten, und wer das Gegenteil verbreitet, der will nur eines, dass sie aus der Welt ist.

Ein solche Rede wurde noch nie* gehalten, und wer das Gegenteil verbreitet, der will nur eines, dass sie aus der Welt ist.
#17 Fabian Hinrichs' Laudatio: BedingungenSam Sampano 2018-06-05 13:32
Bei allem Respekt für Herrn Hinrichs Schaffen (mal abgesehen vom "Fresse hinhalten"): Dieses Geschwurbel was ein guter Schauspieler sein soll geht mir etwas zu weit. Es gibt leider keine Internationalen Kriterien dafür, nur Schlagworte, und das sind immer dieselben obengenanten. Es gibt sicherlich zahlreiche Schauspieler die diesen Preis ebenso verdient hätten wie Claessens mit ebenso unorthodoxen sinnlichen Spielweisen. Es hängt zum grossen Teil davon ab unter welchen Bedingungen eine Inszenierung entsteht, damit Schauspielkunst aufblühen kann. Als Ganzes betrachtet scheint mir der deutschsprachige Theaterbetrieb ein opportunistischer Kuchen, der Ideale hochhält, die er selbst nicht einhalten kann und somit auch die Kunst der Schauspieler unterdrückt. Schade eigentlich. Doch es gibt sie noch, jene Inszenierungen und Schauspieler die zu überraschen vermögen, sonst käme der Gang ins Theater einem Gang ins historische Museum gleich. Nichtsdestotrotz: Gratulationen an Herrn Claessens!

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