Toxische Atmosphäre

Köln, 28. Mai 2018. Schwere Vorwürfe erheben Mitarbeiter*innen und ehemalige Mitarbeiter*innen des Schauspiel Köln gegen die Schauspielerin und Regisseurin Melanie Kretschmann sowie ihren Ehemann, den Kölner Intendanten Stefan Bachmann. Das meldete Spiegel Online am Wochenende. Heute werden die Mobbing-Vorwürfe von WDR und Kölner Stadt-Anzeiger untermauert.

Ehrabschneiderische Gerüchte

Demgemäß habe Melanie Kretschmann im Jahre 2014 verbreitet, der Lebensgefährte der damaligen Hausregisseurin Angela Richter sei heroinabhängig; Stefan Bachmann habe das nicht unterbunden. Die Schauspielerin Julia Riedler, die inzwischen Köln verlassen hat und an die Münchner Kammerspiele wechselte, sei von Kretschmann "beschimpft und fertiggemacht" worden; Stefan Bachmann habe die Schauspielerin nicht geschützt.

Immer wieder habe Kretschmann bösartige und ehrabschneiderische Gerüchte gestreut, falsche Vorwürfe gegen Kollegen und Mitarbeiter erhoben. Ein Regisseur soll sich vertraglich zusichern haben lassen, nicht mehr mit der Schauspielerin arbeiten zu müssen.

Der Regisseur Adam Traynor spricht, laut Spiegel Online, von einer "toxischen Atmosphäre". Kretschmann "habe Proben torpediert, sei immer wieder ausgerastet, hätte Requisiten zerstört, ihn beschimpft oder sei nicht aufgetaucht". Stefan Bachmann habe dieses Gebaren hingenommen. Angela Richter spricht von einer "Atmosphäre der Angst", die am Schauspiel Köln herrsche.

Falsch informiert

Der Kölner Stadt-Anzeiger schreibt, Stefan Bachmann und Melanie Kretschmann hätten durch ihren Anwalt mitteilen lassen, dass der Spiegel "mitunter falsch und / oder nicht vollständig informiert sei". radiokoeln.de meldet, bei der Spielplanpressekonferenz heute morgen habe Stefan Bachmann die im Spiegel ausgebreiteten Mobbingvorwürfe als "Zerrbilder" bezeichnet, die Vorwürfe würden "weder die kreative, respektvolle und offene Arbeitsatmosphäre in seinem Hause noch, die Professionalität und Ernsthaftigkeit wiedergeben".


Mehrere aktuelle und ehemalige Mitarbeiter des Schauspiel Köln hätten indes gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger ausgesagt, dass sie ebenfalls von der 2013 mit ihrem Ehemann Bachmann ans Haus gekommenen Kretschmann "gemobbt" worden seien. Bei "Beschwerden" seien sie Stefan Bachmann "ignoriert oder gemaßregelt worden".

Als Belege für die Triftigkeit der Vorwürfe werten die Medien die ungewöhnlich hohe Fluktuation in allen Abteilungen des Hauses. So habe etwa Chefdramaturg Jens Groß Köln bereits anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt wieder verlassen und sei ans Schauspiel Bonn gewechselt. Ein "offizielles Statement des Ensembles" solle es am Dienstag geben, so Radio Köln.

(Spiegel Online / Kölner Stadt-Anzeiger / radiokoeln.de / WDR1 / jnm)


Update vom 29. Mai 2018. Die Berliner Zeitung zitiet auf ihrer Online-Seite die Stellungnahme der Schauspieler*innen, Regieassistent*innen, Dramaturg*innen und Hausregisseure des Schauspiels Köln, die sich mit ihrem Intendanten solidarisieren. "Wir befinden uns nicht in einer 'Angstblase'. Hier werden fünf Jahre meist lustvoller, mitunter streitbarer Arbeit diskreditiert. Dagegen verwahren wir uns entschieden!" Unterzeichnet haben 38 Mitglieder des künstlerischen Ensembles des Schauspiels Köln.

Update vom 31. Mai 2018. Laut Kölner Stadt-Anzeiger beabsichtigt Intendant Stefan Bachmann einen Mediator am Schaupiel Köln einzusetzen, "um eine vertrauensvolle Atmosphäre für alle Beteiligten zu gewährleisten".


Weitere Pressestimmen

Für Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (28.5.2018) und ebenfalls in der taz (29.5.2018) ist "die Kölner Schmutzwäsche momentan vor allem eins: das Symptom einer schwelenden Stadttheater-Krise". Zwar besitze der "Vorgang, ein künstlerisch zurzeit nicht eben herausragendes, aber doch grundsolide und erfolgreich arbeitendes Haus in Verruf zu bringen, auch etwas von einer mutwilligen Beschädigung, deren schmutzige Details den allgemeinen Voyeurismus bedienen. Zweifellos steckt im Bild der im Hintergrund intrigierenden Intendantengatten manches fragwürdige und frauenfeindliche Klischee." Doch offenbarten "die Vorwürfe ein grundsätzliches, massives Strukturproblem in deutschen Theatern: Ein Intendant vereint auf sich eine immense Machtfülle und kann beschäftigen oder absägen, wen er will. Die Hierarchien sind so steil, wie kaum woanders. Der in Deutschland herrschende Glaube an den Geniekult verhindert, dass gleichberechtigte Kollektive – die vermutlich auch viel frauen- und familienverträglicher wären – als Leitungsteams eingesetzt werden."

"Spätestens durch die #MeToo-Kampagne sollte man gelernt haben, dem Argument zu misstrauen, diese oder jene im Zivilleben verpönte Verhaltensweise sei unter Künstlern halt so Usus, da werde es schon mal laut oder der Scherz derber", kommentiert Christian Bos den Fall für den Kölner Stadt-Anzeiger (29.5.2018). Mit Blick auf die Zustimmung, die Bachmann von Teilen seines Ensembles auf der Spielzeitpressekonferenz erhielt, kommentiert Bos: "Aber leider geht es hier gar nicht um die – zumindest vorgeblich – zufriedene Mehrheit. Um die geht es nämlich beim Mobbing nie. Sondern um diejenigen, die schikaniert, asozial behandelt und in ihrer Würde verletzt wurden." Die "im Theater oft anzutreffende Vermengung von Privat- und Berufsleben" (die es auch unter Intendanz-Vorgängerin Karin Beier gegeben habe) berge Konfliktpotenzial. Bos schließt mit einem optimistischen Ausblick: "Der neue Spielplan zeigt, dass Bachmann Köln noch drei gute Schauspieljahre bescheren könnte. Wenn er sich denn den ernstzunehmenden Vorwürfen stellt, anstatt nur beleidigt 'fake news' zu rufen."

Die Vorwürfe seien "zu wenig Munition für die große Machtmissbrauchsgeschichte, als die das Ganze nun präsentiert wird und seine Kreise zieht", kommentiert Ulrich Seidler den Fall für die Berliner Zeitung (29.5.2018). "Kein (Theater)-Betrieb funktioniert ohne Konflikte, Verletzungen, Kränkungen und zerstörte Requisiten (auch wenn das in diesem Fall dementiert wurde). Aber man braucht seit Metoo auch nicht viel, um den langen Hebel der Medien zu aktivieren. Es könnte ja was dran sein." Fazit: "Der Pranger der Öffentlichkeit ist das letzte Mittel und genauso asymmetrisch und anfällig für Missbrauch wie das absolutistische Machtgefüge am Theater. Solange es keine funktionierenden kontrollierenden und vermittelnden Instanzen in der Stadttheaterstruktur gibt, ist das System selbst verletztlich − und kann aus dem Nichts angegriffen werden."

Auf Zeit online (29.5.2018) kommentiert Peter Kümmel und fände es aus gegebenem Anlass "den Sitten an den Theatern zuträglich, wenn sich zumindest die leitenden Herrschaften dazu verpflichteten, auf die Anstellung ihrer Verwandten, Geliebten und Lebenspartner möglichst zu verzichten. Es wäre ein recht einfacher, plausibler erster Zug beim Versuch, den Machtmissbrauch einzudämmen", so Kümmel. "Und dann könnte man weitermachen mit dem großen Projekt, das unter dem Arbeitstitel "Abflachung der Hierarchien" an vielen Häusern diskutiert wird."

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