Freeclimbing in Richtung Hölle

von Andreas Klaeui

Avignon, 5. Juli 2008. Erkundungen des Dunkels. Viel mehr ist aus Romeo Castelluccis Annäherung an Dantes "Inferno" im Theaterfestival von Avignon nicht geworden, aber auch nicht weniger. Castellucci ist in diesem Jahr - gemeinsam mit der Schauspielerin Valérie Dréville - Artiste associé des Festivals. Zur Eröffnung inszenierte er im Ehrenhof des Papstpalasts den ersten Teil von Dantes "Divina Commedia", "Purgatorio" und "Paradiso" folgen dieser Tage an andern Spielstätten, im Ausstellungspark von Châteaublanc und in der kleinen, mystischen Eglise des Célestins.

Zunächst gibt es eine Rückkoppelung: Beim Einlass tummeln sich Touristen auf der leeren Bühne, mit Audioguides und Videokameras wie am Nachmittag, als gäbe es da nicht gleich eine Vorstellung, und lassen sich das Monument erklären - und tatsächlich ist ja die Zeit, in der die Gegenpäpste in Avignon residierten und den Papstpalast erbauten, auch die Zeit, in der Dante seine Göttliche Komödie schrieb. Es sei lang sein Traum gewesen, in der Cour d‘honneur zu inszenieren, beteuert Castellucci, und gewiss, das sagen alle, aber wenige bespielen den gotischen Innenhof mit seinen furchterregend hohen Mauern dann tatsächlich so wie Castellucci.

Aufstieg bis zur Rosette und höher
Und: Man könne Dante eigentlich gar nicht inszenieren, auf jeden Fall nicht illustrieren, meint Castellucci - was tut er stattdessen? Er setzt sich sozusagen an die Stelle Dantes und erfindet mit seinen Mitteln die Jenseitsreise noch einmal. Kein Wort von Dante ist zu hören, keine "selva oscura" zu sehen. Dafür tritt der Autor auf, stellt sich vor: "Je m'appelle Romeo Castellucci", schützt sich mit einem wattierten Kostüm und lässt sich von drei kläffenden Hunden anfallen wie Dante von Panther, Löwe und Wölfin.

Vergil, der Dante den "andern Weg" aus der Wildnis wies, ist ein Freeclimber. Ein zottiges Fell auf dem Rücken, klettert er die gotische Fassade hoch, ins Spitzbogenfenster, da setzt er sich kurz in die Rosette und schaut hinunter, wir sind bei etwa dreißig Metern, dann weiter, höher, vierzig Meter, fünfzig Meter, bis zu den Zinnen, selten haben wir die unglaublich steile, unglaublich hohe Palastfassade so empathisch wahrgenommen.

Das Dunkel ausleuchten
Castellucci geht in die Extreme, er geht an die Grenzen, um Dantes Bilder in neuen Aggregatzuständen herbeizukitzeln. Er lotet die Tiefen des Dunkels aus, auf der Bühne, versuchsweise auch im Publikum; und dies Dunkel kann dann zum Beispiel auch an der Oberfläche einer konsumistischen Welt liegen, wie sie Andy Warhol festgehalten hat. Dieser schält sich gegen Ende des Abends weissperückt aus einem Crash-Car und fotografiert die Hölle mit der Polaroidkamera. Das ist natürlich interessant, doch bleibt gerade dieser Ansatz auch ein Fremdkörper im Ganzen.

Meist erstrecken sich die Höllenerfahrungen doch nur wieder auf explodierende Lichter und eine Tonspur zwischen Gregorianik und Nürburgring. Sie gehen auf Publikumskitzel, wie beim Freeclimbing oder wenn aufs Mal ein Tuch über alle Zuschauerköpfe gezogen wird, sie erzeugen beeindruckende Bilder, aber auch langatmige Momente. Es ist im Übrigen interessant zu sehen, wie gerade bei einem derart offensiven Theater vertuschte technische Handgriffe ablenken können, eine Öse, die heimlich noch rasch gelöst werden muss, dergleichen; der Teufel steckt tatsächlich auch in der Hölle im Detail.

Der Zerfall alles Göttlichen in Einzelbilder
Es gibt die nachwirkenden Bilder. Die Hölle als trostlose Abfolge serieller Bewegungen, den choreografierten Liebsten-Mord, wieder- und wiederholtes Halsabschneiden, den abgefackelten Flügel auf leerer Bühne, eine Höllenmaschine, die die Schauspieler unter Zischen quer über die rutschige Bühne spuckt. Doch bleiben es Einzelbilder. Und wenn am Ende von der Leuchtschrift "Etoiles" hoch oben an der Fassade ein Buchstabe nach dem andern scheppernd zu Boden fällt, bis nur noch "toi" da hängt, dann ist dies als Botschaft doch höllisch plakativ. Von der Dante-Lektüre jedenfalls enthebt es nicht.

 Inferno
von Romeo Castellucci nach Dante
Regie, Bühne, Licht, Kostüme: Romeo Castellucci, Musik: Scott Gibbons, Choreografie: Cindy Van Acker, Romeo Castellucci.
Mit: Alessandro Cafiso, Maria Luisa Cantarelli, Elia Corbara, Silvia Costa, Sara Dal Corso, Manola Maiani, Luca Nava, Gianni Plazzi, Stefano Questorio, Sergio Scarlatella, Silvano Voltolina. Statisten aus Avignon.

www.festival-avignon.com


Zur Kritik des zweiten Teils von Romeo Castelluccis Dante-Trilogie, Purgatorio, geht es hier.

Kritikenrundschau

Kaum fünf Minuten dauere der Anfang von "Inferno", bei dem erst eine Touristengruppe auftritt, Castellucci sich von drei Hunden anfallen lässt und ein Fassadenkletterer die 30 Meter hohe Wand hochkraxelt. "Es ist atemberaubend", schreibt Eberhard Spreng im Tagesspiegel (9.7.) und fragt "aber ist es Theater?" Castellucci mache sich den weltberühmten Bau zu "Material", "er ist eben kein Theatermann, sondern bildender Künstler". Seine Abend sei ein "unmögliches Projekt, weil Dantes Werk eigentlich nicht aufführbar ist", und so inszeniere er auch nicht Dantes Höllenreise unter der Anleitung des Vorbilds Vergil, "sondern Träume, Allegorien, Metaphern". Castellucci entfalte zu Beginn seiner Dante-Trilogie in Avignon eine "äußerst starke, zeitgenössische und doch auch zutiefst katholische Bilderwelt.  Aber eine alte große Frage bleibt ungeklärt: Können Bilder andere Bilder läutern, ist die durch Massenkultur besudelte und korrumpierte Anschauung noch einmal für die Metaphysik zu retten?"

In einem Überblicksartikel in der Süddeutschen Zeitung (11.7.) erwähnt Jürgen Berger den zeitgleich zum Festivalbeginn stattgefundenen Austritt radioaktiver Flüssigkeit aus einem in der Nähe von Avignon gelegenen Atomkraftwerk in die umliegende Flussläufe. Auf ein Inferno dieser Art beziehe sich Castelluccis Arbeit jedoch ebenso wenig wie auf Dante, den er "als Vorwand benutzt, um die Verfasstheit heutiger Kunst zu hinterfragen und sich" – etwa als Watte-Dummy, der von Schäferhunden zerfleischt wird – "selbst zur Disposition zu stellen." Die private Hölle mit Namen Andy Warhol vorzuzeigen, dessen Readymade-Ästhetik den Künstler entthront habe, sei lediglich ein Lamento auf hohem Niveau, urteilt Berger. Trotzdem gelängen Castelllucci immer wieder "berückende Bilder", was fasziniere und in ästhetischer Hinsicht offensichtlich auch versöhnt.

 

Während die Off-Sparte in Avignon immer mehr "die Züge eines immensen szenischen Karnevals" annehme, habe sich das System der vor fünf Jahren eingeführten Artistes associés bewährt, schreibt Andreas Klaeui in der taz (14.7.). Bisher habe noch jeder eingeladene Künstler-Programmmacher dem Festival "seinen Stempel aufgedrückt", "manchmal kontrovers, manchmal ärgerlich, aber immer anders". Die diesjährigen Artistes associés Valérie Dréville und  Romeo Castellucci zögen zwar künstlerisch nicht an einem Strang, hätten aber als gemeinsame Linie viel Performance, Zirkus und Tanz ins Programm aufgenommen. Johann Le Guillerm etwa bändigt statt Löwen Drahtrollen und reitet auf einer riesigen Metall-Bürste. Derweil sich einer der Kung Fu-Mönche aus dem Shaolin-Kloster Henan angelegentlich einer Kampfchoreographie von Sidi Larbi Cherkaoui plötzlich in einen Vogel verwandele, was bezaubernd sei. Bemerkenswert auch die Wiederentdeckungen: neben dem Deutschen August Stramm, der Däne Kaj Munk, dessen "aberwitziges Glaubenswunderstück" "Ordet" Lars von Trier für "Breaking the Waves" inspiriert hat. "Regisseur Arthur Nauzyciels steht staunend davor und macht das Wunder einer Auferstehung - nichts weniger ereignet sich hier! - zum kleinen Auferstehungswunder des Autors."

Die Liebe stünde im Mittelpunkt der ersten Woche von Avignon, bemerkt Joseph Hanimann in der FAZ (14.7.): In Romeo Castelluccis als Künstlerqual inszeniertem Inferno flüsterten 50 Statisten "platonisch" "Je t'aime", derweil ein Fassadenkletterer an der Palastfassade fast 40 Meter hinauf steige. Castelluccis freie Gedanken- und Bilderassoziationen zu Dantes "Göttlicher Komödie" in drei Teilen wirke trotz "schockhafter Pointen" so "schön wie belanglos".  Stärker beeindruckt hatHanimann n Valérie Drévilles Inszenierung der Claudelschen "Mittagswende". Hier werde nicht "um Individualglück gespielt, sondern im Staub mit dem Jenseits gefochten". Die Körper der vier Schauspieler "werden in ständigen Zuckungen - ist es der hohe Seegang oder das innere Beben der Claudelschen Sätze? - übereinander und wieder auseinander geworfen. Allerdings komme die Aufführung nicht vom Fleck. Es fehle die "akzentsetzende Hand". Auch an "Ordet" von Kaj Munk freut sichHanimann n. "Leben und Lieben wird in dieser Aufführung fehlerlos aus dem Text in die Realität zurückbuchstabiert." Bei der Inszenierung von August Stramm - unter dem Titel 'Feux' haben Jeanneteau und Soma Stramms Texte 'Rudimentär', 'Die Haidebraut' und 'Kräfte' zu einer unterkühlten Psycho-Trilogie zusammengefasst - komme es dagegen zu Realismus-Missverständnissen. Doch JosephHanimann n ist auch dafür "schon dankbar", in einem "Festival, das uns mit seiner Textscheu der letzten Jahre auch jede Fehldeutung versagte."

In der Süddeutschen Zeitung (15.7.) schreibt Eva Elisabeth Fischer: die "höchst gegensätzlichen beratenden artistes associés", Valérie Dréville und Romeo Castellucci steckten mit ihren künstlerischen Profilen - Protagonistin des konventionellen Sprechtheaters sie, Verfechter eines "Theaters des Erleidens und der Bilder" er -  ganz "prächtig" das "ästhetische Spektrum der vergangenen dreißig Jahre auf dem Theater" ab. In "Inferno", schreibt Fischer weiter, führe Castellucci "einen folgenreichen Sündenfall unserer Zeit vor: die Profanisierung von allem und jedem, eine Gleichmacherei, die das Erhabene tötet." Castelluccis "krude Bilderwelten" ließen es erst einmal nicht vermuten, aber er predige doch "Moral". Durch seine Hölle schöbe sich eine "anonyme Masse Mensch". Ein Gesicht habe nur der sich als Einzelner daraus löst. Allein aber das Sich-Erkennen im Anderen durch die Liebe weise den Weg aus der Hölle. Und so sehe man, anders als bei Dante, "keine wollüstigen, sondern einander zärtlich zugeneigte Männer und Frauen. Und gleich darauf Väter und Söhne, die einander in ebenso zärtlicher Umarmung die Kehle durchschneiden."

In der Frankfurter Rundschau (15.7.) schreibt Stefan Tigges: "Statt Dantes 'Inferno' öffnet Castellucci autoreferentielle Bildräume und dekliniert avantgardistische Kunstströmungen durch. Das erste Bild [wenn Castellucci von einer Meute Hunde angefallen wird – d.V.], das an eine Aktion Joseph Beuys' von 1974 erinnert, in der er sich für drei Tage mit einem Coyoten in einem Raum einschloss, versinnbildlicht neben der Verletzbarkeit des Künstlers auch den Aufbruch Dantes, der im ersten Gesang in einem Wald von einem Luchs, einem Löwen und einer Wölfin angegriffen wird, bevor er von Vergil auf seiner Wanderung durch das Jenseits ins Paradies geführt wird."

 

 

 

 
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