Attacke auf das moderne Theater

17. Oktober 2018. Am heutigen Mittwoch beginnt der Prozess gegen die russischen Theatermacher Kirill Serebrennikow, Alexej Malobrodskij, Jurij Itin und Sofia Apfelbaum. Ihnen wird vorgeworfen, Fördergelder in Höhe von umgerechnet etwa 3,3 Millionen Euro unterschlagen zu haben.

Teilweise seien die Vorwürfe skurril, schreibt Julian Hans in der Süddeutschen Zeitung, dessen Text zum Teil auf einem Gespräch mit dem mitangeklagten Theatermacher Alexej Malobrodskij beruht. Zum Beispiel sei das Theaterstück "Ein Mittsommernachtstraum" nie produziert worden, dabei steht es bis heute auf dem Spielplan von Serebrennikows Gogol-Zentrum in Moskau. Eine ehemalige Buchhalterin des Gogol-Zentrums habe nach Monaten in Untersuchungshaft ein Geständnis abgelegt. "Ihr Fall wurde in ein eigenes Verfahren ausgegliedert. Kurz zuvor hatte die an Diabetes, Bluthochdruck und einem Herzfehler leidende Frau zu Menschenrechtlern gesagt, die sie in der Zelle besuchten: 'Ich bin zu allem bereit, ich werde mit den Ermittlern zusammenarbeiten, wenn ich nur hier rauskomme.'"

"Viele in Moskau vermuten Bischof Tichon hinter der Attacke auf das moderne Theater. Tichon, der manchmal als Beichtvater Putins bezeichnet wird, ist zweiter Vorsitzender im Rat für Kultur beim Moskauer Patriarchat. Das kirchlich-staatliche Gremium gibt ideologisch seit einigen Jahren den Ton an in Russland. Ein offen schwuler Regisseur, seine verstörenden Inszenierungen oder Klerus-kritische Stücke wie 'Der Märtyrer' von dem Berliner Autor Marius von Mayenburg kommen dort nicht gut an. Dazu kommt, dass alle vier Angeklagten Juden sind."

(sle)

 
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