Fluchtpunkt Atlantik

von Simone Kaempf

Berlin, 11. Januar 2019. Keine fünf Minuten und Dimitrij Schaad wird schon mit Szenenapplaus belohnt. Dabei hat der Schauspieler nur seinen Oberkörper entblößt, sich einmal auf den herausgestreckten Bauch geklatscht und gefrotzelt, dass dieser Körper für Europa stehe: "Aktuell noch Mittelklasse, aber bald geht es steil bergab." Der mittelprächtige Witz löst lautes Gelächter aus, und das ist natürlich Schaad zu verdanken, der sympathischsten Rampensau Berlins, wenn nicht des ganzen Theaterbetriebs. Ein erstklassiger Improvisator ist er, ein uneitler Selbstdarsteller, der erstmal alle "Applausflittchen" zur Mäßigung ruft. Und wirklich sparen sich alle ihre Zuneigung auf fürs Ende dieser Roman-Adaption von Regisseur Hakan Savaş Mican am Maxim Gorki Theater, für die es einen so satten, mitreißend-ehrlichen Applaus aus dem ganzen Zuschauerraum gibt, wie es selten geworden ist.

Eine Flucht quer durch Europa

Der Begriff Adaption trifft es auch nicht richtig, Überschreibung passt viel besser für das, was Mican mit und aus Remarques Migrations-Roman "Die Nacht von Lissabon" zaubert. Der Kern der Geschichte bleibt in der Inszenierung erhalten: das Schicksal eines Liebespaars, das während des Zweiten Weltkriegs über die Schweiz, Frankreich und Spanien nach Lissabon flieht, die letzte rettende Passage nach Amerika aber nicht antritt. Diese Fluchterzählung passt schon bestens ans Maxim Gorki Theater, wo regelmäßig Migrationserfahrungen untersucht werden. Und Mican reichert sie einfach mitreißend an mit großen und kleinen Gefühlen, mit allgemeinen Ängsten und Selbstbefragungs-Momenten, eigenen biographischen Anekdoten, die abschweifen und wundersam doch zur Remarque-Geschichte zurückfinden.

dienachtvonlissabon2 560 ute langkafel maifoto uDie sympathischste Rampensau Berlins: Dimitrij Schaad © Ute Langkafel / Maifoto

Anfangs wird auf fast leerer Bühne gespielt, aber der Raum füllt sich, und wie. Alles zusammen weitet diesen Abend zu einem sehenswerten Gefühls-Panorama über Abschied, Verlieren und sich Wiederfinden in unruhigen Zeiten. Vier Musiker und ihre Instrumente auf der Bühne, und vorne die beiden Schauspieler Schaad und Anastasia Gubareva. Schaad spielt mit einem Einsatz wie für zwei, übernimmt die Rollen seiner Gegner gleich mit. Im Gerangel mit dem Gestapo-Mann kippt er sich selbst die Flaschen über den Kopf, lässt Kunstblut fließen, wechselt Rollen, und vor allem ist er der Erzähler, der abschweift, aber die Erzählung auch nonchalant weiterführt.

Wie in einem französischen Roadmovie

Anastasia Gubareva neben ihm ein ganz eigenes Ego-Universum: im Rock und Schirmmütze von einer Schönheit wie aus einem französischen Roadmovie entsprungen, mit einem intelligenten Stolz, der alles abperlen lässt, Begehrlichkeiten, aber auch die Angst. Handgreiflich wird sie, als ihr Gestapo-Bruder auftaucht und ihren Mann sucht. Mit einem "Rühr ihn ihm nicht an" geht sie ihm an den Kragen – ein perfekt getimtes Spiel auch bei ihr, das die Emotionen klug dosiert.

Gubareva ist als Musikern mindestens genauso gut. Griechische, portugiesische Lieder singt sie mit samtweicher Stimme und bei aller fast überirdischen Schönheit völlig ungekünstelt. Grundehrlich wird hier gespielt, werden auch die eigenen Schwächen authentisch zum Thema gemacht. Man erfährt, dass Regisseur Mican auch nach zehn Jahren statt Kirche immer noch "Kirsche" sagt, oder wie er in Paris eine Ex-Freundin wiedertrifft, und der Abend nicht die erträumte Wendung nimmt, so sehr er die Zeichen für sich gedeutet hat.

dienachtvonlissabon1 560 ute langkafel maifoto uEin Inselmoment in finsteren Zeiten: Anastasia Gubareva und Dimitrij Schaad (in den grünen Sonnenstühlen) spielen ein Liebespaar, das vor den Nationalsozialisten nach Portugal flüchtet © Ute Langkafel / Maifoto

Wie die Kern-Handlung sich hier mit eigenen Erzählungen und Haltungen anreichert, funktioniert auch deshalb, weil alle die Hosen runterlassen. Schaad macht das buchstäblich, wenn er als Joseph Schwarz die erste Nacht mit seiner wiedergefunden Ehefrau verbringt, aber doch dann doch nur mit heruntergeschobener Hose dasteht, und gleich erstmal ins Publikum gesteht, dass er voll versagt habe. So fädelt sich nach und nach das Ende ein, wie es bei Remarque steht und auf dass der Abend herzzerreißend hinausläuft: zwei Schiffsplätze nach Amerika werden frei, doch die unheilbar an Krebs erkrankte Helen nimmt sich vor der Abfahrt das Leben.

Über diese Extrem-Liebenden erzählt Mican eine ganz eigene Strandung am Rand Europas, die zwar auch dick aufträgt, aber gleichsam zarte Schönheit in sich trägt. Die verfremdeten Videobilder von Benjamin Krieg tragen ihren Teil bei. Auf den Projektionen sieht man Landschaften vorbeiziehen, Autos wie kleine Spielzeuge aus der Vogelperspektive, und immer wieder Wasser und Wellen: ein langsam ablegendes Kreuzfahrtschiff, Kite-Surfer auf rollenden Atlantikwellen, vor denen sich die Schauspieler abzeichnen. Meeres-Bilder voll innerer Ruhe, die vom ewigen Strom, von Aufbruch und Sehnsucht erzählen. Mag das momentweise auch kitschig werden, seicht wird es nie an diesem Abend, der aufs schönste eine Liebesgeschichte erzählt. Und in seinen Bildern eine Zuneigung zu den abgelegenen Ecken Europas erzählt. Auch die nimmt man Mican ohne Widerrede ab.

 

Die Nacht von Lissabon
nach Erich Maria Remarque
Regie und Bühne: Hakan Savaş Mican, Beratung Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Miriam Marto, Video: Benjamin Krieg, Mitarbeit Video: Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Irina Szodruch, Musikalische Leitung und Komposition: Jörg Gollasch.
Mit: Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad. Livemusik: Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Wassim Mukdad, Michael Glucksmann.
Premiere am 11. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Der Einstieg ist lustig, autoreflexiv und grandios (...) Dimitrij Schaad nimmt die Bühne wie ein Showmaster seiner Begabung", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (14.1.2019). Mican lege zwei Zeitfolien über jene Lissabonner Nacht: "Als Prolog zeigt er ein paar Sekunden aus Wim Wenders' Film 'Lisbon Story' von 1994, in dem euphorisch von einem vielsprachigen Heimatland Europa die Rede ist." Das Schönste an dem Abend sei die für das Gorki nicht unbedingt typische Leichtigkeit und Offenheit im Spiel. "Die Selbstironie, die Schaad seiner Begnadetheit und herrlichen Eitelkeit abgewinnt, bereichert Remarques Figur, holt sie vom Sockel und bringt sie uns in den finsteren Momenten näher, als es das Buch vermag." Die Sparsamkeit der Mittel lasse dem Zuschauer Raum, sich immer wieder in die Video-Elegien zu versenken, erhebe "in die poetischen Höhen einer Skizze leichter, kundiger Hand". Und groß werde der Abend durch die Lieder, gesungen mit guter einfacher stolzer nassäugiger Liebe und mit zartmutiger Stimme von Gubareva.

"Wenn das kein denkwürdiger Auftakt fürs Bühnenjahr 2019 ist", so Christine Wahl im Tagesspiegel (14.1.2019). Gleich die Anfangsszenen setzen den Grundton für die Flucht- und Liebesgeschichte, "in performativer Höchstenergie und dem festen Willen, der immensen Dramatik und prinzipiellen Tragik des Geschehens stets auch den sprichwörtlich überlebensnotwendigen Humor abzuringen". Hakan Savas Mican nimmt Kernpassagen des Romans als Ausgangspunkt für eigene Betrachtungen. "Die kulminieren zwar durchaus nicht immer in schlagenden Pointen und sind manchmal auch eher von Privat- als gesamtgesellschaftlichem Interesse". Aber andererseits habe das natürlich den Charme des Glaubwürdigen: "Hier wird garantiert nichts didaktisch aufgepfropft."

"Schon für diese vorsichtige, am Haus unüblich zurückhaltende Art, mit der hier von Flucht und Unfreiheit erzählt wird, lohnt sich der Abend", findet Simon Strauss in der FAZ (14.1.2019). Die Mittel der Regie und der Bühne an diesem Abend sind schlicht und unprätentiös. Zum Ereignis werde er durch die Besetzung. Anastasia Gubareva und Dimitrij Schaad spielen beide so gierig und verschwenderisch, "als wäre diese Geschichte nur für sie". Unter der Leitung ihres "selbsterklärten 'Regieromantikers' seien sie so frei und durchdrungen, dass man gar nicht aufhören will, ihnen zuzusehen."

"Die Inszenierung Micans – die toll ist, so viel sei vorweggenommen – findet auf zwei Ebenen statt", schreibt Jens Uthoff in der taz (14.1.2019). Auf einer ersten Erzähl­ebene werde der Remarque'sche Stoff erzählt. Auf der zweiten wird berichtet, wie sich Hakan Savaş Mican in der Gegenwart mit den Sujets auseinandersetzt. Diese Eindrücke werden gestützt durch die Videoarbeiten Benjamin Kriegs. "Und dennoch gerät die Inszenierung luftig, leicht, so gar nicht finster."

"All das ist klug gemacht, führt aber leider dazu, dass einem stellenweise die Empathie für die beiden NS-Verfolgten verloren geht", findet hingegen Anna Fastabend in Süddeutschen Zeitung (17.1.2018). Der Verzicht auf einen Sympathieträger könne Liebhaber von Micans Inszenierungen enttäuschen, sei aber konsequent. "In einer gefühlskalten Wirklichkeit, wie er sie inszeniert, können Emotionen nur noch über einen Umweg zu haben sein: In Kinofilmen konserviert oder in den russischen, portugiesischen und französischen Liedern, die Gubareva in Frack und Zylinder mit atemberaubend schöner Stimme vorträgt."

 

 
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