Der Himmel als Dach

von Martin Thomas Pesl

20. April 2019. Wer bei der Probe nicht dran ist, schläft. Das ist ganz normal in einer Stadt, in der das Thermometer selten weniger als 30 Grad anzeigt. Ohne Klimaanlage sind nachts nur zwei, drei Stunden Schlaf drin, der wird tagsüber nachgeholt, wann immer es geht. Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Die Szene ist gewohnt, neben laut brummenden Generatoren zu performen. Wenn es regnet – infolge des Klimawandels geschieht das seltener, dafür umso heftiger –, müssen Proben und Aufführungen unterbrochen werden. Unübertönbar hämmert der Regen dann auf die Wellblechdächer der Handvoll an überdachten Spielstätten ein. An den Seiten strömt das Wasser in den Raum, die Füße werden nass, die Technik wird hastig, aber routiniert abgeschirmt. Nach einer halben Stunde oder auch nach drei Stunden geht es weiter.

Willkommen in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Anlass für den Besuch ist die Theaterproduktion "Fluss im Bauch". Mit Geldern des bundesdeutschen "Turn"-Fonds hat das hiesige Goethe-Institut die Inszenierung nach einem Text des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila verwirklicht. Ensemble und Team sind ein kongolesisch-mitteleuropäischer Mix, der Abend wird im Sommer auch im Schauspielhaus Wien und am Nationaltheater Mannheim zu sehen sein. Eine Eigenproduktion dieser Größe, die acht Wochen lang vor Ort geprobt wird, ist für dieses kleine Verbindungsbüro des Goethe-Instituts höchst ungewöhnlich, die Unterstützung von Kulturprojekten auf Initiative der unzähligen lokalen Initiativen und Künstler*innen hingegen ist seine Kernaufgabe und wichtig für den Kulturbetrieb in "Kin", wie die Stadt hier genannt wird.

Kinshasa 560 MartinThomasPesl uBlick auf Kinshasa oder "Kin" © Martin Thomas Pesl

An schaffensfreudigen "Kinois" mangelt es nicht. "Kinshasa hat 24 Bezirke, und in jedem davon gibt es neben zehn selbstgegründeten Kirchen mindestens zehn prägende Künstler", sagt Dada Kahindo, Schauspielerin bei "Fluss im Bauch" und Leiterin der Plateforme Contemporaine, die Kunstschaffende in Kinshasa mit Technik, Infrastruktur und Administrativem unterstützt. "Die Szene hier ist wahnsinnig lebendig, hat große Strahlkraft und eine beeindruckende Dynamik. Wenn es nur die Mittel gäbe, hätten wir hier in Kongo die besten Vorstellungen der Welt."

Im Schatten der Ausbeutungslogik

Die Premiere von "Fluss im Bauch" fand Ende März in der Halle de la Gombe statt, auf einem Areal im Regierungs- und Geschäftsviertel, die sich das Goethe-Institut mit dem viel größeren Institut Français teilt. Die "Halle", das sind drei Mauern mit einem Wellblechdach darüber. Dass die vierte Wand fehlt, ist kein postdramatisches Signal, sondern notwendig, damit die sich körperlich verausgabenden Spieler*innen bei der Hitze nicht kollabieren.

FlussImBauch 560 WillieSchumann uSzenenbild aus "Fluss im Bauch" © Willie Schumann

Die wichtigsten Orte für zeitgenössische Dramatik haben gar nicht erst ein Dach. Dada Kahindo erklärt: "Die Écurie Maloba ist das einzige Theater, dem es über viele Jahre hinweg gelungen ist Aufführungen zu zeigen, für die die Leute bezahlen, egal, was es kostet." Drei Kompagnien haben die Institution 1988 gemeinsam ins Leben gerufen, der Ort ist ein Hinterhof im Bezirk Bandal. Ein anderer Hinterhof in Kitambo im Nordwesten der Stadt nennt sich "Tarmac des Auteurs". Hier bemüht man sich um die Förderung junger Literat*innen, veranstaltet Lesungen, Konzerte und Inszenierungen.

Wenn dabei auch durch die europäische Intellektuellenbrille betrachtet das Rad nicht neu erfunden wird, die Suche nach neuen Formen ist virulent. Von Sinzo Aanza, einem aufstrebenden jungen Autor, kamen jüngst die Stücke "L'histoire générale des murs" und "Le jour du massacre" als Doppelabend zur Aufführung, ein "Romeo und Julia"-Drama über ein homosexuelles Coming-out und eine Textfläche mit Kriegsthemen. Heikle Stoffe, aber Sinzo meint im Interview, fast enttäuscht über den Mangel an Zensur: "Wir können absolut sagen, was wir wollen, weil die zeitgenössische Kunst in diesem Land nicht als bedeutsames Ausdrucksmittel gesehen wird. Hier gelten immer noch die politischen Formen aus der Kolonialzeit, die eine Zeit der Ausbeutung war. Da der heutige Staat diese weiterführt, bleibt die Logik der Ausbeutung aufrecht, was der Bevölkerung schadet. Und das darf ich sagen, weil sich die Politiker dadurch nicht bedroht fühlen." Nach den Wahlen Ende 2018 herrscht eine verdächtige Ruhe im Land. Erstmals hat ein Oppositionskandidat die Präsidentschaft erlangt. Obwohl man Wahlfälschung vermutet, weil eigentlich ein anderer Oppositioneller mehr Stimmen erhalten haben soll, hielten sich Proteste in Grenzen. Das Volk wurde in der Vergangenheit wohl zu oft zu schnell von seinen Revolutionen frustriert.

Keine staatliche Kunstförderung

Aber der Durst der Menschen nach gesellschaftspolitischem Austausch ist zumindest in Kinshasa groß. Dada Kahindos Vernetzungsinitiative Plateforme Contemporaine ist ein Epizentrum der Kulturszene von Kinshasa – denn es gibt hier nur die Freie Szene, keine festen Häuser oder Ensembles, auch keine staatliche Förderung für Kunst, obwohl am gigantischen Boulevard du Juin 30, einer der wenigen betonierten Straßen der Hauptstadt, ein gemütlich schattiges Kulturministerium steht. Die einzige Form der indirekten Kunstförderung durch Staatsbeamte besteht in der Beauftragung von Dichter*innen oder Maler*innen für Werke, in denen den Funktionären gehuldigt wird. So landet hin und wieder Geld auf dem Konto von Künstler*innen – oder in ihrer Hand, denn ein Bankkonto eröffnen in der an Korruption gewöhnten Gesellschaft nur wenige.

DadaKahindo 560 WillieSchumann uDie Schauspielerin und Netzwerkerin Dada Kahindo im Interview mit Martin Pesl
© Willie Schumann

Dada Kahindo ist mit einem Belgier zusammen, arbeitet viel in Europa (unter anderem mit Monika Gintersdorfer) und sieht das alles nicht so dramatisch. "Nein, hier gibt es kein Kulturbudget", sagt sie, "aber die Kulturbudgets werden auf der ganzen Welt gekürzt. Eigentlich sind die Probleme überall die gleichen." Ihr schauspielerisches Handwerk hat sie bei Mwambayi Kalengayi gelernt, den sie eine "große Ikone" nennt. Der Leiter des Centre de Recherche d’Art Africain (CRASA) ist nach wie vor aktiv, sie wird noch dieses Jahr wieder mit ihm arbeiten. Er bildete schon Schüler*innen aus, als das Land noch Zaïre hieß (1971-1997). Das Präsentieren und das Weitergeben der Kunst gehen in Kongo auffällig oft Hand in Hand – auch Dada Kahindo entwickelt in ihrem Brotberuf Lehrpläne und unterrichtet Kinder in der Provinz rund um Kinshasa. Gefragt nach wichtigen Theaterfrauen nennt sie auch den Namen Starlette Matata, Direktorin einer nach ihr benannten Schule, die junge Schauspieler*innen ausbildet.

Eintritt frei

In der 13-Millionen-Metropole Kinshasa gibt es geschätzt einmal pro Woche Theater an einem der dafür bekannten Orte, dazwischen immer wieder spontane Straßenperformances. Das ist – etwa im Vergleich zu Wien – wenig, aber die Vielfalt der Ausdrucksformen ist erstaunlich. Die sozialen Medien, die neue Form der Mundpropaganda, sorgen in einem Land, in dem wenig schriftlich kommuniziert wird, für Publikum. So finden sich auch zur Vorstellung von "Fluss im Bauch" erstaunlich viele Zuschauer*innen ein. In der darstellenden Kunst spielt der Tanz eine große Rolle, auch weil er die unzähligen Sprachen obsolet macht, die in Kongo aufeinandertreffen. Wenn Text auf der Bühne gesprochen wird, dann in der Regel auf Französisch, der Amtssprache. Aufführungen erfolgen meist bei freiem Eintritt, sonst käme niemand. Expats freilich werden gerne zur Kasse gebeten, und an manchen Abenden – etwa im Centre Wallonie de Bruxelles, einem Überbleibsel des belgischen Kolonialismus – herrscht im Publikum eine hohe Weißendichte.

KinMusiker 560 MartinThomasPesl uDer Musiker Lova Lova bei einem Auftritt in Kinshasa © Martin Thomas Pesl

Bei der Musik, vor allem dem Soukous, der kongolesischen Rumba, ist die Lage anders: Da gibt es Stars, die Konzertkarten kaum unter hundert US-Dollar anbieten – die auch gekauft werden. Nicht nur in dieser Hinsicht ist Kinshasa gleichzeitig eine der teuersten und eine der ärmsten Städte der Welt. Außer in Kinshasa findet Theater in Kongo noch in Lubumbashi und Kisangani statt, wobei es zwischen den weit auseinanderliegenden Metropolen kaum zum Austausch kommt – das Reisen innerhalb des Landes ist teuer und praktisch nur mit dem Flugzeug möglich. Lubumbashi ist die Heimat des Tänzers und Choreografen Dorine Mokha (auch Teil des "Fluss im Bauch"-Ensembles), der sehr erfolgreich reist und sich international vernetzt. In Kisangani wirkt Faustin Linyekula, das große Aushängeschild des kongolesischen Tanzes. Linyakula erlebte vor einigen Jahren einen Festival-Hype (etwa mit Sur les traces de Dinozord), entschied aber, statt in Europa bequem Karriere zu machen, die Priorität auf die Nachwuchspflege in seiner Heimat zu setzen – auch ein Künstler, der gleichzeitig Lehrer ist.

Dieses Jahr sollte eigentlich eine neue Arbeit von Faustin Linyekula an Milo Raus NT Gent herauskommen und dann auch bei den Wiener Festwochen gezeigt werden. Das Projekt kam nicht zustande, weil die kongolesischen Beteiligten keine Visa für Belgien erhielten. Ein zynischer Dämpfer für die anhaltende Afrika-Begeisterung des europäischen Festivalzirkus. Dem Team von "Fluss im Bauch" ist jedenfalls zu wünschen, dass es problemlos in Europa auftreten kann.

Offenlegung: Die Kosten für Martin Pesls Reise trug zum Teil das Goethe-Institut.

 

 
Kommentar schreiben