Versuchsstation des Weltuntergangs

16. Mai 2019. Seine Dankesrede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Literaturpreises der Österreichischen Industrie hat der Schrifsteller Daniel Kehlmann für einen politischen Appell genutzt, wie der Standard meldete.

"Die Demokratie ist in Gefahr in der westlichen Welt. Sie ist besonders in Gefahr in Österreich", sagte der in München geborene und in Wien aufgewachsene Daniel Kehlmann anlässlich der Preisverleihung. "Draußen in der Welt wird Österreich inzwischen zuverlässig neben Trumps Amerika, Orbáns Ungarn und Bolsonaros Brasilien genannt", stellt er fest und fragt den österreichischen Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP): "Wollen Sie die Farce nicht beenden?

Grundkurs in Spott und Skepsis

Aufgewachsen in Wien, thematisiert Daniel Kehlmann in der Dankesrede sein literarisches Österreichisch-Sein und bemerkt, "man wächst nicht ohne Folgen hier auf, noch dazu als Sohn eines auf Ödön von Horváth und Joseph Roth spezialisierten Regisseurs". Geprägt sei er von diesen beiden Schriftstellern, "die immerzu unsichtbar anwesend waren in meinem Elternhaus", aber auch "vom Humor Nestroys, von Schnitzlers Dialogmusik, von Musils und Doderers Sprachkraft, von Karl Kraus' grammatikalisch perfekt gefügter Wut, von der traumdunklen Poesie Georg Kreislers", so Kehlmann. Seinen Humboldt-Gauß-Roman "Die Vermessung der Welt" hätte er nicht schreiben können "ohne den Grundkurs in Spott und Skepsis, den die österreichische Tradition jedem angedeihen lässt, der in ihr heranwächst".

Politische Prägung: ein langer Doppelschatten

Geprägt habe ihn Österreich nicht nur literarisch, sondern auch politisch – "durch den langen Doppelschatten Kurt Waldheims und Jörg Haiders“, so Kehlmann: "Karl Kraus nannte Österreich die 'Versuchsstation des Weltuntergangs' – und ebendas war dieses Land auch wieder in meiner Jugend, wenngleich wir es nicht wussten." Es komme ihm vor, als habe er "einen unverdienten Erfahrungsvorsprung vor Amerikanern, Engländern, Ungarn, Italienern und Polen, deren Sorge vor dem Zerfallen der westlichen Demokratie ich manchmal ganz automatisch mit dem wenig hilfreichen Satz beantworte: 'Ich kenne das schon. Ich bin aus Österreich'."

Kommentare zur politischen Lage habe er nie abgeben wollen – seine literarische Vorbilder seien Beckett, Borges und Nabokov, "Autoren, von denen man nie eine tagespolitische Meinung zu hören bekommen hätte". Solange die Demokratie nicht in Gefahr sei, so bislang seine Einstellung, solle man sich als Kulturschaffender lieber politisch zurückhalten, "um das Gewicht der eigenen Stimme nicht zu mindern – denn man brauche diese Stimme ja noch, wenn einmal der Ernstfall eintrete".

Sagen, was man nicht verschweigen darf

Dieser Ernstfall sei nun eingetreten, so der Autor. "Und darum möchte ich unseren schweigenden Kanzler ganz sachlich fragen, ob er sich darüber klar ist, dass künftige Geschichtsbücher ihn als den Mann bewahren werden, der es einer rechtsextremen Partei ermöglicht hat, diesem Land in seinem äußeren Bild und seinem inneren Gefüge Schaden zuzufügen, der so bald nicht mehr in Ordnung zu bringen ist. … Möchten Sie, würde ich den Kanzler gerne fragen, wirklich der Mann sein, der das bewirkt hat, möchten Sie tatsächlich von künftigen Historikern beschrieben werden als jener Regierungschef, der einen das parlamentarische System, den Rechtsstaat und die Pressefreiheit offen verachtenden Innenminister ermöglicht und neben sich einen ehemaligen Neonazi als Vizekanzler geduldet hat?"

"Jetzt habe ich mich tatsächlich zu einem Appell verstiegen", beendet Kehlmann seine Rede. "Dieses Land hat es wohl an sich, dass es einem beibringt, österreichischer Autor zu sein – das zu tun, was man vermeiden wollte, und zu sagen, was man nicht verschweigen darf."

Veröffentlicht ist Daniel Kehlmanns  Ansprache zur Verleihung des Anton-Wildgans-Literaturpreises ungekürzt im Standard.

(Der Standard / eph)

Kommentar schreiben