Startschuss für eine neue Ära

von Georg Kasch

6. November 2020. Das ist eine Überraschung: Iris Laufenberg wird von der Spielzeit 2023/24 an Intendantin des Deutschen Theaters Berlin (DT). Wer sich zuletzt durch die Gerüchteküche hörte, vernahm Namen wie Ersan Mondtag, Hasko Weber, Thomas Oberender. Auch Anna Bergmann galt mal als Anwärterin, nachdem die hoch gehandelte Karin Beier sich zu Hamburg und dem Deutschen Schauspielhaus bekannt hatte und Shermin Langhoff (die ihre Ambitionen selbst öffentlich gemacht hatte) am Maxim Gorki Theater verlängert wurde. Manche wetteten auf einen Mensch mit Ost-Biografie. Aber jemand mit Station in Graz? Es gibt wenige Häuser im deutschsprachigen Gebiet, die weiter von Berlin entfernt liegen. Aber diese Grazerin ist eine Heimkehrerin.

Das DT ist ja ein Haus mit besonderer Aura. Adolph L'Arronge, Otto Brahm, vor allem Max Reinhardt haben hier um 1900 mit ihren Reformen die Art revolutioniert, Theater zu denken und zu erleben. Heinz Hilpert schmuggelte im Nationalsozialismus humanistische Gedanken ins Programm, später Wolfgang Langhoff in den frühen Jahren der DDR auch subversive. Aus dieser Zeit stammt auch der Ruf des DT, inoffizielles Staatstheater des Landes zu sein, den das DT und viele seiner Zuschauer*innen anschließend aufs vereinte Land ausweiteten. Einen Ruf, den Thomas Langhoff in den 90er Jahren befestigte in seinem Bemühen, das Haus in Gesamtdeutschland ankommen zu lassen. Eine Übergangsgesellschaft, die das Feld für Bernd Wilms und Ulrich Khuon bereitete.

Voranbringen, ermöglichen

Jetzt übernimmt erstmals eine Frau die Intendanz. Und zwar eine, die sich früh damit positioniert hat, andere Frauen zu fördern. Als Leiterin des Berliner Theatertreffens 2002 bis 2011 scharte sie vor allem Frauen um sich. 2011, als das noch kaum ein Thema war, initiierte sie im Rahmenprogramm des Festivals die Theaterfrauen-Ausstellung.

Iris Laufenberg 280 Lupi Spuma uIris Laufenberg © Lupi Spuma Als Schauspielchefin und Intendantin förderte sie neben Regisseuren wie Jan-Christoph Gockel und Alexander Eisenach auch Regisseurinnen wie Claudia Bauer, Lily Sykes und Mina Salehpour. In Graz führte sie zudem einen Betriebskindergarten ein. Sie gehört selbst zu denjenigen Frauen, die Leitungsjobs und Familie erstaunlich konfliktarm unter einen Hut kriegen.

Pro Gegenwartsdramatik

Beim Theatertreffen mit seinem Stückemarkt, später in Bern und Graz förderte sie zudem kontinuierlich neue Dramatik – was zum DT passt, das sich von den Anfängen bis heute immer als Uraufführungstheater verstand (Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Peter Hacks, Heiner Müller, Dea Loher, um nur wenige zu nennen) und mit den Autorentheatertagen auch in neueren Tagen eine starke Marke ausgebildet hat. In Bern gelang es ihr, mit gelungenen Uraufführungen auf sich aufmerksam zu machen.

Graz war zuletzt eines von zwei Partner-Theatern der Autorentheatertage, die bei ihr vermutlich weiter in guten Händen sein werden. In ihre Zeit als Theatertreffen-Leiterin fiel auch die Gründung der Festivalzeitung (heute: Festivalblog), einer Nachwuchsplattform, aus der mittlerweile zahlreiche Kulturjournalist*innen hervorgegangen sind.

Langer Atem

Laufenberg ist Politikerin, Vermittlerin, Ermöglicherin, Entdeckerin von Talenten. Aber kann sie auch Glanz, Exzellenz, Überraschung, die beim notorisch anspruchsvollen Berliner Publikum unabdingbar sind? Werden wir sehen. Das, was auf den Dramen-Festivals in Heidelberg und Mülheim aus Bern und Graz zu sehen war, wirkte vielversprechend, ohne die ganz großen Akzente zu setzen. Beide Häuser haben allerdings auch ungleich geringere Mittel als die Hauptstadtbühne.

Anders als ihr Vorgänger Ulrich Khuon, der mit den größtmöglichen Vorschusslorbeeren aus Hamburg abgeworben wurde und es dann in den ersten Spielzeiten schwer hatte, Tritt zu fassen, beobachtet man diese Personalie mit ehrlichem Interesse, ohne gleich die ganz großen Erwartungen zu schüren. Das kann für Laufenberg von Vorteil sein. Schon andere brauchten am DT einen langen Atem: Die Großtaten von Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff und dem jungen Michael Thalheimer überstrahlten erst in der zweiten Hälfte die mauen Anfangsjahre der Intendanz Bernd Wilms.

Mit Berlin-Erfahrung

Die Berufung von Iris Laufenberg kommt spät, die Suche war offenbar nicht einfach. Entsprechend verlängert Ulrich Khuon seine Intendanz um eine Spielzeit, um der Nachfolgerin die notwendige Vorbereitungszeit zu geben. Die Berlin-Erfahrung wird Iris Laufenberg die nötige Robustheit mitgeben, aus ihren Jahren an Bühnen in Bonn, Bremen, Bern und Graz kann sie Perspektiven in den Metropolentheater-Betrieb hineintragen und die Frage ansteuern, was ein Deutsches Theater im Herzen von Berlin heute sein kann und muss: nicht nur Spielort für ein Luxusensemble und Schaufenster für Regie-Exzellenz. Sondern ein Ort, an dem die inhaltlichen Belange unserer Zeit verhandelt werden: Wer erzählt von wem? Welche Narrative brauchen wir? Wie divers sieht eine Bühne für die wandelbare Stadtgesellschaft von heute aus? Und: Wie laut muss es auf der Bühne knallen, damit alle wach bleiben? Der Startschuss für eine neue Intendanz ist gefallen. Vielleicht läutet er eine neue Ära ein.


Mehr: Iris Laufenberg wird Intendantin am Deutschen Theater Berlin (Meldung, 6. November 2020)

 

Presseschau

Für den Intendantenposten am Deutschen Theater Berlin erfüllt Iris Laufenberg aus Sicht von Margarethe Affenzeller in der Wiener Tageszeitung Der Standard (7.11.2020) alle Voraussetzungen. "Sie war nie eine Sesselkleberin und scheut keine Veränderungen." "Mit ihrem Spirit und einer nicht selbstverständlichen Risikofreudigkeit – ein Teil des Grazer Ensembles reiste beispielsweise für eine Produktion nach Burkina Faso – konnte sie das steirische Landestheater auf der internationalen Landkarte relevant halten."

Zunächst einmal ist es erfreulich, dass sich die Zahl der Theaterleiterinnen in der Stadt erhöht," schreibt Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (7.11.2020). "Neben Shermin Langhoff am Maxim Gorki Theater und Annemie Vanackere am HAU gibt es nun drei Chefinnen in den Intendantenzimmern von Berliner Bühnen. Bisher waren es zwei an den kleinsten der größeren Hauptstadtbühnen. Mit Iris Laufenberg steht erstmals eine Frau an der Spitze eines der ganz großen Häuser." Und doch: "So überraschend sie sein mag, auf dem Papier klingt diese Wahl, pardon, erstmal weniger aufregend. Das hat leider auch schon Tradition am DT. Aber wer weiß, vielleicht wird Iris Laufenberg alles auffahren, was in der Nische Graz nicht möglich war, und mit einem großen Aufschlag an der Schumannstraße verblüffen."

"Nun also wieder keine Glanz-, sondern eher eine Arbeitslösung. Kein Aufbruch in neue ästhetische Sphären, sondern eher ein behutsames Weitergehen," schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (7.11.2020). "Ist es verwunderlich nach den Erfahrungen, die diese Stadt nach den Abgängen der Großmannskünstler Frank Castorf und Claus Peymann gemacht hat? Nach dem schrillen und protzigen Move von Lederers Vorgänger, der für einen Paukenschlag die Existenz der Volksbühne riskierte? Also nach dem kulturpolitischen Harakiri von Tim Renner mit Chris Dercon? Davon hat sich die Stadt noch lange nicht erholt."

Die Berufung von Iris Laufenberg sei "ein gutes Zeichen für die Gegenwartsdramatik" und lasse in Berlin doch "nicht die Korken knallen", schreibt Barbara Behrendt in der taz (19.11.2020). "Laufenberg ist keine strahlende Künstlerpersönlichkeit, keine Intendantin, die mit eigenen Regiearbeiten ästhetische Akzente setzt oder vor innovativen Ideen sprüht."

 
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