Medienschau: BLZ, FAZ, SZ, ND – Eine Pressemitteilung der Berliner Schaubühne

Umerziehungsmaßnahmen?

Umerziehungsmaßnahmen?

20. Februar 2022. Verschiedene Zeitungen beschäftigt ein Vorfall an der Berliner Schaubühne. Ein Mitglied des Ensembles postete auf seinem privaten Facebook-Account Gedanken, die ein Fernsehabend über Kolonialismus in ihm auslösten. Daraufhin brach ein Shitstorm los, auf den das Theater mit einer Pressemitteilung reagierte. 

In seinem Post hat der Schauspieler den Berichten zufolge laut darüber nachgedacht, was geschehen wäre, wenn sich die sogenannten "Indianer" gegen die Einwanderer aus Europa behauptet hätten. Dann nämlich, so gibt in der Berliner Zeitung der Kritiker Ulrich Seidler tiefere Einblicke in die Ausführungen des Schauspielers, gebe es die Vereinigten Staaten nicht. Doch wer hätte dann Europa von den Nazis befreien sollen?

Verharmlosung von Massenmord

Nach Protesten gegen diesen privaten Post sei es dann zu besagter Pressemitteilung der Schaubühne gekommen, wo unter anderem zu lesen war, "der Schauspieler verharmlose den Massenmord an der indigenen Bevölkerung Amerikas, sein Text sei rassistisch und diskriminierend, man entschuldige sich. Der Schauspieler entschuldige sich ebenfalls. Er habe sich auf Facebook und auch 'intern' entschuldigt und sich zudem entschlossen, an einem 'Einzelcoaching zum Thema Rassismus und Diversität' teilzunehmen", referiert in der FAZ Jürgen Kaube aus der Pressemitteilung und verleiht seiner Irritation über deren "polizeilichen Ton" Ausdruck. Im Grunde werde in dem Post Kaubes Einschätzung zufolge doch gefragt, "ob die Errungenschaften der Zivilisation überhaupt ohne ungerechte Gewalt zu haben waren".

"Damit wir uns recht verstehen, wir wollen die Ausführungen des Schauspielers gar nicht verteidigen", so Kaube weiter. "Aber bedarf es Umerziehungsmaßnahmen, wenn sie gefallen sind? Von der Bühne herab hat er sie nicht vorgetragen." 

Bloß kein Shitstorm

Auch Peter Laudenbach kritisiert in der SZ das Vorgehen der Schaubühne. Er deutet die Presseerklärung als Angstreflex. "Aus Furcht vor einem Shitstorm greift sie zu einer drastischen Rhetorik, ohne Rücksicht auf den Schauspieler zu nehmen, der seit 22 Jahren im Ensemble ist". So werde aus einem "peinlichen, dummen, anmaßenden, aber auch belanglosen Facebook-Eintrag ein Aufreger-Thema" und das Theater verwechsle sich dabei mit einem moralischen Weltgericht.

Laudenbach betont dabei, dass Antirassismus-Workshops sinnvoll sein können, damit sich Priviligierte ihren Vorurteilen und Ressentiments stellen. Im Fall der Schaubühne wirke das angekündigte Coaching jedoch wie eine Marketingmaßnahme.

"So weit, was der Presse zuging. Doch fehlt da nicht was?", fragt Jakob Hayner im Neuen Deutschland. "Während überall zu lesen war, wie man den Fall zu beurteilen hat, war dieser nur mühselig in Erfahrung zu bringen. Der Schauspieler selbst war dem Vernehmen nach an noch mehr Öffentlichkeit nicht interessiert. Man kann es ihm kaum verübeln, denn dass die private Meinungsäußerung eines Angestellten von den Dienstherren zum Politikum gemacht wird, dürfte den Bedarf an Rampenlicht selbst für solche Menschen stillen, die das aus beruflichen Gründen gewöhnt sind."

(sle)

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Medienschau Schaubühne: nun ... den SalatStefan Bock 2022-02-19 21:39
Ein typisches Elaborat, wie es zuhauf in sozialen Medien zu finden ist. Vielleicht hätte Robert Beyer es als ausgearbeitetes Essay an die FAZ schicken sollen, dann wäre es vermutlich sogar veröffentlicht worden. Nun hat er den Salad. Viel Spaß bei der "Umerziehung".
#2 Medienschau Schaubühne: polizeiliche PolizeikritikJakob Ranciere 2022-02-21 19:48
Erstaunlich an der Medienreaktion ist, dass Jürgen Kaube der Schaubühne ankreidet, dass sie einen 'polizeilichen Ton' anschlägt. War es nicht die FAZ, die z.B. Daniel Loicks Polizeikritik vehement kritisiert hat? Steht die FAZ nicht ohnehin ganz allgemein eher der Polizei nahe als denen, die unter ihr leiden? Und ist es nicht die FAZ, die derzeit gerne die Freundin und Helferin aller ist, die irgendwo womöglich der 'Cancel Culture' unterliegen? Ist das also nicht eine sehr polizeiliche Polizeikritik? Und wie sollen wir in diesem Zusammenhang die zitierte Frage verstehen, ob "die Errungenschaften der Zivilisation überhaupt ohne ungerechte Gewalt zu haben waren"? Als Hinweis auf Kaubes eigene Ungerechtigkeit und die FAZ als fünfte Gewalt im Dienst der Zivilisation? Wohl kaum. Es geht halt nur mal wieder darum, dass man in diesem Land doch mal wieder sagen muss, dass man doch bitte alles sagen können sollte.
Auch wenn man ein ordentlich versorgter weißer alter Mann in Europa ist und die, über deren Leid man witzelt, eine kleine Minderheit in einem Land, das zur Hälfte von Leuten bewohnt wird, die dieser und allen anderen Minderheiten im Land die letzten verbliebenen Rechte klauen wollen.
No pasaran!
#3 Medienschau Schaubühne: Gute FrageThorsten Weckherlin 2022-02-22 10:25
Weiter fragt Peter Laudenbach in der SZ - und das finde ich am besten bei der ganzen Debatte: "Weshalb hat die Leitung der Schaubühne nicht einfach mit dem Schauspieler gesprochen und ihn gebeten, den schrillen Post zu entfernen und sich bei seinen wenigen Facebook-Followern dafür zu entschuldigen? Stattdessen richtet sie ihn öffentlich hin und lässt die Öffentlichkeit wissen, dass ihr Ensemblemitglied 'an einem Einzelcoaching zum Thema Rassismus und Diversität teilzunehmen' hat."

Eine Antwort der Schaubühne wäre gut.
#4 Medienschau Schaubühne: öffentlicher RaumHerr Albrecht 2022-02-22 16:38
Lieber Herr Weckherlin,

der Schauspieler hat seine Ausführungen veröffentlicht. Auch wenn es seine private Facebook-Seite ist, geschah das im öffentlichen Raum.
Wenn sich ein/e Mitarbeiter/in in der Öffentlichkeit mit drastischen Beispielen Kolonialismus verharmlost, kann ich gut verstehen, wenn der Arbeitergeber eine Stellungnahme aufsetzt, um eine Gleichsetzung mit der Instutition zu vermeiden.

P.S. Die Teilnahme an dem Coaching scheint außerdem freiwillg zu sein.

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