(Un)gewisse Verhältnisse

11. Juni 2022. Mit Körpern, die Macht- und Ohnmachtsspiele tanzen, inszeniert Stephan Kimmig Ingmar Bergmans endlose Streitgespräche über die Kraft der Liebe und Konflikte des Zusammenlebens. Wie geht man mit sexueller Lustlosigkeit um? Und was tun gegen die Doppelbelastung der Frau? Ein Abend voller Variationen.

Von Jens Fischer

11. Juni 2022. Tendenz fallend. Aber es wird weiter geheiratet, knapp 400.000 Paare geben sich jährlich das Jawort, was naturgemäß auch wieder reichlich Neinworte zur Folge hat. Annähernd 40 Prozent aller Ehen in Deutschland werden geschieden. Keine Frage also: Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" (1973) sind als Szenen eines scheiternden Lebensentwurfs weiterhin relevanter Theaterstoff. Und so entsteigen die Duellanten zum Geschlechterkrieg im Foyer des Schauspiels Hannover direkt dem Publikum und gießen verbal Hohn bis hin zu Ekelbekundungen übereinander aus. Auf der Bühne vorm Eisernen Vorhang bekennt dann der trunkene Mann auch seinen Selbstekel. Schnell mal durchatmen. Schon betritt seine Frau, Jahrzehnte später, die Vorderbühne und überlegt, ihren Ex-Gatten mal wieder zu besuchen. Da schießen ihr bereits Bilder in ihren Kopf von einst und jetzt und einer möglichen Zukunft.

Ein Ballett

Jedenfalls hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf ein leicht surreales Sommerterrassen-Ambiente vorm gülden glänzenden Wald-Prospekt. Hereinspazieren auf- und gefallenwollende, grell glitzernd gekleidete Figuren mit betont selbstbewusstem Gehabe. Alle schwofen mit allen im Partner-wechsel-dich-Spiel. Sehr innig. Denn einfach nur die intensiven Dialoge höchst empathisch darzubieten und der Dynamik seelischen Enthüllungstechnik in der Intimität von Kammerspielduetten zu folgen wie hunderte Inszenierungen zuvor, wollte Regisseur Stephan Kimmig nicht. Statt der Worte sollten vor allem die Körper die Macht- und Ohnmachtspiele tanzen. Ein Ballett der positiven wie auch zerstörerischen Aspekte der kapriziösen Kraft der Liebe.

Szenen einer Ehe – Paartänze nach Ingmar BergmannKörper, die die zerstörerische Kraft von Liebe und Zusammenleben tanzen © Kerstin Schomburg

Passend dazu sind die endlosen Streitgespräche in einer Fassung zu erleben, die sich auf Beispiele archetypischer Beziehungsmuster fokussiert. Etwa pointierte Dispute über mangelnde Aufmerksamkeit. "Zärtlichkeit braucht Zeit", heißt es. Daraufhin erklingt ein Song mit "Making love to you"-Lyrics und in unterschiedlichen Konstellationen zappelt das Ensemble diese Sehnsucht. Später übersetzt es auch die Forderung nach mehr Zuneigungsbekundungen in physische Interaktionen, einige wärmen sich also kuschelnd aneinander, andere setzen Erotik-Signale mit Hüftschwüngen oder Pas de deux erstarren in höflicher Verbitterung. Weiter geht's mit Problemen und Konflikten des Zusammenlebens wie der Angst sich zu verlieren, den Umgang mit Schwangerschaft, sexuelle Lustlosigkeit versus außereheliche Affären, Einsamkeit in der Zweisamkeit, das Entlieben, Kommunikationsunfähigkeit, die Doppelbelastung der Frau usw.

Hauptrolle voller Stellvertreter

Sechs Schauspielende sind auf der Bühne, Rollennamen werden ihnen nicht verliehen. Denn sie geben dem Regiekonzept zufolge eben nicht konkrete Figuren wie Bergmans Johan und Marianne, sondern agieren als Chor individueller Stimmen sozusagen stellvertretend für alle Menschen, die sich Gefühlskalamitäten und Seelenschmerzen leisten und zeitaufwändig darunter leiden können. Wo bei Bergman nun die beiden Protagonisten das ganze Hin und Her von Entfremdung und Annäherung bis zur vollendeten Desillusionierung in zermürbender Zweisamkeit erleben, dabei um Wahrheit, Lust und Glück ringen, aber auch die Abstürze in Gewalt durchleben, wechseln in Hannover die Sprecher manchmal gerade mitten im Satz, vollenden oder wiederholen ihn. So werden die Wortgefechte aus unterschiedlich temperierten Gemütslagen und Persönlichkeitsfacetten beleuchtet. Bei sechs Schauspielern sind 15 verschiedene Paarbildungen möglich und werden ausprobiert, so dass der Abend als ein live gespielter Mix aus 15 unterschiedlichen Besetzungen der Hauptrollen daherkommt.

Szenen einer Ehe – Paartänze nach Ingmar BergmannWechselspiele voller Innigkeit © Kerstin Schomburg

Dieser Ansatz ist schlau, die Wirkung aber eher mau. Die Konzentration bleibt dank der rasanten Brüche wach, das fluide Spiel aber emotional flach. Da die Spannung zwischen den gescheiterten, konkreten Lebenspartnern in der Vielstimmigkeit des sechsköpfigen, diversen Ensembles immer wieder verlorengeht. Was nicht an den Spielern, sondern an der Regieidee liegt. Zudem bringt sie kaum neue Erkenntnisse und eröffnet auch keine Diskurse, wenn beispielsweise eine ältere Frau und ein junger Mann, anschließend zwei Männer die Protagonisten für eine Sentenz darstellen. Was aber auch eine beruhigende Erfahrung ist. Zeigt es doch wie egal inzwischen Geschlecht, Alter, Aussehen, Herkunft etc. auf der Bühne sind, alle Textpassagen passen zu allen Spielern.

"Nie wieder Ehe!"

Eingebunden werden schließlich noch Szenen aus "Sarabande" (2003), eine Fortsetzung der "Szenen einer Ehe". 30 Jahre nach der Scheidung, bei Kimmig sind es 20, treffen sich die Streithähne wieder. Erneut vorgestellt in großer Variationsbreite. Das eine Paar steht verunsichert genervt bis resigniert nebeneinander, das zweite geht in gereizter Nachsicht aufeinander zu und kann das Küssen nicht lassen, ein weiteres gibt sich nach außen cool, während innerlich so viel Zuneigung wie Wut auf den Ex-Partner, so viel Verachtung wie emanzipatorischer Behauptungswille toben. So nah und doch so fern sind sie einander. Schmerzlich verbunden. Es folgen Erniedrigungsspiele. Bis der Schlachtruf lautet: "Nie wieder Ehe!" Jetzt schreitet Kimmig ein.

Was Bergman andeutete, macht der Theaterregisseur nun überdeutlich. Nicht nur Bitterkeit und Hass, auch Zuneigung kennzeichnet das Wiedersehen. Beide tragen ihre Ex-Liebe noch im Herzen. So ergeht sich das gesamte Sextett in hingebungsvollen Umarmungen, Rotlicht wird dazu angeknipst. Final setzen sich alle fröhlich an einen Tisch, feiern die Liebe, "irdisch und unvollkommen". Zerbrechliche Gestalten in ungewissen Verhältnissen. Aber wieder lebensfreudig unterwegs mit dem menschlichen Grundbedürfnis nach Nähe, Berührung & Co. Überzeugend sympathisch.

 

Szenen einer Ehe
Paartänze nach Ingmar Bergman
Aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu, in einer Fassung von Mazlum Nergiz
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Choreografie: Bahar Meriç, Dramaturgie: Mazlum Nergiz.
Mit Fabian Dott, Tabitha Frehner, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Torben Kessler und Irene Kugler.
Premiere am 10. Juni 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Im Grunde seien die choreografierten Tänze wichtiger als der Text, schreibt Bert Strebe in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (13.6.2022). "Ohne diese Tänze würde man sich fragen, warum Regisseur Kimmig sich bei Bergman bedient, warum er nicht einfach selbst ein Stück über Beziehungen schreibt, anstatt die Arbeit eines Kollegen zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Aber mit ihnen funktioniert der Abend, und er funktioniert sogar sehr gut."

Niederschmetterndes erzähle der Abend, schreibt Stefan Gohlisch in der Neuen Presse (13.6.2022). "Aber er tut es in einem innigen Reigen der gesten, Blicke und Berührungen und damit von den einzigen Alternativen zur Entfremdung: von Hoffnung und Nähe."

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Szenen einer Ehe, Hannover: Neue BlickwinkelFriedrich Kahre 2022-06-12 13:52
Ingmar Bergmanns Szenen einer Ehe - mehr als ein Kammerkrieg

Zuzustimmen ist Jens Fischer in vielem, etwa in seiner schönen Formulierung von den „Körpern, die Macht- und Ohnmachtsspiele tanzen“.
Zustimmend stellt er heraus, dass nicht noch ein weiteres Mal der Kammerkrieg zwischen Ingmar Bergmanns Marianne und Johan auf die Bühne gebracht wird.
Aber es ist nicht einfach nur das Neue oder das mal Andere, das diese Inszenierung kennzeichnet und so außerordentlich macht. Bergmann hatte ein bürgerliches Ehepaar durch das Säurebad psychologischer und psychoanalytischer Erkenntnisse gezogen. Stephan Kimmig als Regisseur, Mazlum Nergiz, der die Fassung eingerichtet hat, und das Team des Schauspielhauses zeigen mehr als einen Kammerkrieg, sowohl in der Sprache, vor allem aber auch in den Bewegungen der auf sechs Schauspielerinnen und Schauspieler in immer wieder wechselnden Konstellationen und Zuordnungen aufgeteilten und aufgesplitteten Szenen.
Es handelt sich deshalb nicht einfach um ein „Partner-wechsel-dich-Spiel“, wie Jens Fischer meint – das würde ja definierte Figuren voraussetzen. Vielmehr handelt es sich um ein Kaleidoskop von Worten, Haltungen, Bewegungen – höchst intensiv auf der Bühne ausgespielt in – und da kann ich wieder zustimmend Jens Fischer zitieren – „unterschiedlich temperierten Gemütslagen und Persönlichkeitsfacetten“.
Wenn Jens Fischer aber die Wirkung, die dieses Spiel auf ihn hatte, als „eher mau“ und „emotional flach“ bezeichnet, kann ich ihm überhaupt nicht folgen. Klar, es kann bei diesem Ansatz keine Identifikation mit einer der Figuren erfolgen, man kann sich in diesem Beziehungskrieg nicht auf eine, vielleicht sogar die vermeint „richtige“ Seite stellen. Aber gerade das eröffnet den Zuschauerinnen und Zuschauern neue Blickwinkel, eine Vielzahl von Sichtweisen und ganz andere Möglichkeiten, einzelne Sätze nachwirken zu lassen. Denn die Sätze stehen „für sich“, werden nicht sofort durch das Bild, das man von einer Figur hat, überlagert. Die Inszenierung arbeitet insbesondere heraus, wie es immer wieder anders aussieht – und anders ist –, wenn eine Figur dieselben Worte spricht wie eine andere vorher oder wenn sich zwei Figuren umarmen und zwei andere daneben oder im Anschluss daran sich ebenfalls umarmen. Denn die Schauspielenden synchronisieren gerade nicht ihre Daten, also ihre Worte, Gesten, Bewegungen.
Wenn Jens Fischer zum Ende hin meint, hier zeige sich, „wie egal inzwischen Geschlecht, Alter, Aussehen, Herkunft auf der Bühne“ seien, fällt er hinter seine eigene Lesart zurück. Denn dann wäre der Theaterabend nur ein Versuch, sich als woke darzustellen.
Und solch eine Unterstellung hat diese großartige Inszenierung nicht verdient.
Friedrich Kahre

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