Medienschau: VAN-Magazin – Barrie Kosky im Interview

Ein schamanisches Ritual

Ein schamanisches Ritual

11. Juni 2022. Der scheidende Intendant der Komischen Oper Berlin Barrie Kosky blickt im Interview mit Ben Miller fürs VAN-Magazin auf seine höchst erfolgreiche Zeit am Haus zurück.

Lob der unverstärkten Präsenz

Die Kombination aus ernstem Musiktheater und der wiederentdeckten Berliner Operette wurde sein Markenzeichen; die Auslastung lag bei herausragenden 90 Prozent und mehr, und das Ensemble sei "eine Familie" geworden. "Jede Theaterkompanie muss eine Familie sein, eine Familie, für die man sich entscheidet, im Gegensatz zu der Familie, in die man hineingeboren wird", so Kosky.

Von der Abwanderung der darstellenden Künste in die neuen Medien hält er wenig: "Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir in Konkurrenz zu Film und Fernsehen stehen. Live-Streams machen Spaß, aber für mich sind sie nur ein Marketing-Instrument. Ich glaube, wir müssen die Leute ermutigen, sich dem grundlegend menschlichen Wunsch zu öffnen, mit 1.000 oder 2.000 Fremden in einem dunklen Raum zu sitzen und einer unverstärkten Stimme zuzuhören, die ein Ritual voll Psychologie, Geschichten und Bildern vollführt, das uns zurückbringt zum antiken griechischen Theater und das die beste Erfahrung bietet, die man außerhalb einer religiösen Institution machen kann. Das ist ein schamanisches Ritual."

Die Verantwortung der jüdischen Diaspora

Kosky weiter: "Außerhalb religiöser Institutionen gibt es nicht viele Orte, an denen man sich absichtlich nicht mit dem täglichen Leben auseinandersetzt. Ich möchte nicht in die Oper gehen, um Alltag zu sehen, ich möchte in mein Unterbewusstsein und in andere Welten, in einen anderen Kosmos eintauchen."

Auch über seine Identität als jüdischer Künstler und Intellektueller spricht Kosky in dem Interview und fordert mehr Aufklärungsarbeit: Es "hilft nicht, wenn in Deutschland die Haltung der meisten deutschen und jüdischen Organisationen lautet, dass Israel nichts falsch machen kann und jede Kritik an Israel antisemitisch ist. Das muss sich ändern, denn das wird katastrophale Folgen für Deutschland und unglaublich katastrophale Folgen für die Jüd:innen haben. Es liegt in der Verantwortung der Diaspora und der Stimmen aus der Diaspora, den Deutschen Alternativen zur Propaganda der israelischen Regierungen zu bieten."

(van-magazin.de / chr)

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