Einfach nur die Wahrheit sagen

4. Oktober 2022. Für viele queere Menschen gibt es in unangenehmen oder gefährlichen Situationen eine Tarnkappe: das Passing. Kann funktionieren. Warum Sichtbarkeit dennoch wichtig ist.

Von Georg Kasch

4. Oktober 2022. Malte C. ist tot. Er starb vor einem Monat, am 2. September. Eine knappe Woche zuvor hatte ihn ein junger Mann attackiert, als der trans Mann versuchte, beim CSD in Münster eine Gruppe von Frauen zu verteidigen, die der Angreifer als "Lesbische Hure" beschimpfte. Beim Angriff wurde der 25-jährige so stark verletzt, dass er wenige Tage später im Krankenhaus starb.

Jeder Angriff ist einer zu viel

Es gibt ja Stimmen, die regelmäßig fragen: Warum seid ihr immer so präsent, so laut, so bunt? Warum braucht ihr immer eine Portion Extra-Aufmerksamkeit? Warum existieren heute noch Coming Outs? Paraden? Queere Safe Spaces? Wo es doch ein Antidiskriminierungsgesetz, eine Ehe für Alle und in Politik und Medien eine hohe queere Sichtbarkeit gibt? Und niemand mehr mit irgendwas ein Problem hat?

Vielleicht, weil auch in Deutschland immer noch mit größter Regelmäßigkeit Menschen angegriffen werden, wenn sie nicht heteronormativen Vorstellungen entsprechen. Hier ein kleiner Auszug der gemeldeten, als queerfeindlich registrierten und vom Onlinemagazin queer.de gesammelten Fälle im September:
29. September: Chemnitz – Schwules Paar nach Angriff verletzt
25. September: Berlin – Schwules Paar homophob beleidigt und angegriffen
25. September: Döbeln – Drei Teilnehmer*innen des CSD im sächsischen Döbeln beleidigt und mit Steinen beworfen
11. September: Berlin – Jugendlicher greift trans Frau mit Pflasterstein an
10. September: Frankfurt/Main – Queerfeinlicher Angriff bei der Frankfurter "Dippemess"
6. September: Frankfurt/Main: Neuer homophober Übergriff an der Konstablerwache
5. September: Bremen – 57 Jahre alte trans Frau von Jugendgruppe beleidigt und schwer verletzt worden
5. September: Berlin – Homophobe Attacke in Schöneberg

Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen, weil viele Übergriffe nicht zur Anzeige kommen oder von der Polizei nicht konsequent als queerfeindlich aufgenommen werden. Bei diesen genannten Beispielen ist niemand gestorben, nein. Aber jeder Angriff, selbst wenn er "nur" mit einem Schrecken endet, ist einer zu viel. Jedes "Scheiß Lesbe" und jedes "Fahrt zur Hölle", im Vorbeigehen zugezischt, gräbt sich ins Gedächtnis. Jedes Anrempeln. Jedes viel zu nah hinter einem herlaufen. Und nicht jeden Tag verfügt man über eine Teflonhaut, an der so etwas abperlt.

Fake it until you make it

In solchen Situationen, wenn man sich nicht stark genug fühlt für die Konfrontation, hilft oft nur die Tarnkappe: das Passing. Es ist ein aktiver Prozess, in dem man sich in ein Mitglied der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft verwandelt. Vermutlich weiß jeder queere Mensch, was es heißt, als nicht-queer durchzugehen. Als schwuler Mann kann das zum Beispiel so aussehen: die Hand des Partners loslassen, breiterer Gang, Hände in die Hosentaschen (wegen möglicherweise lackierter Fingernägel), entschlossener Blick.

Passing ist nicht per se gut oder schlecht und auch keine rein queere Angelegenheit (zum Passing bei PoC in Deutschland hat zum Beispiel Aischa Ahmed geschrieben). Es ist eine Spielform, in der man bewusst mit Geschlechterstereotypen jongliert, um als heteronormativ durchzugehen. Es ist Theater, schönstes Als ob. Für viele trans Menschen gilt zudem während des Transitionsprozesses, an dessen Ende das biologische dem sozialen Geschlecht angepasst ist: Fake it until you make it. Heißt: So lange so überzeugend das soziale Geschlecht zu performen, bis es nach Abschluss der Transition mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt. Es ist aber auch eine Überlebenstechnik: Wenn eine trans Person in kritischen Situationen als biologische Frau oder biologischer Mann durchgeht, reduziert das enorm die Gefahr, aus transphoben Motiven angegriffen oder erniedrigt zu werden. Die Serie "Pose" hat das in allen erdenklichen Varianten durchgespielt.

Wenn der Mob kommt

Nur hat diese Tarnkappe mehrere Haken. Zum einen grenzt sie an Selbstverleugnung – und je weniger Menschen in ihrer Besonderheit sichtbar werden, desto weniger spielen sie im Diskurs eine Rolle. Zum anderen ist sie ein ungeheures Privileg: Unzählige Menschen können sich wegen ihrer Hautfarbe, ihres Akzents, ihrer Behinderung nicht verstecken, selbst wenn sie sich in Bewegung, Akzent, Mode anpassen. Auch eine Dragqueen kann nicht einfach Makeup und Kleid verschwinden lassen, wenn der Mob kommt. Zum dritten setzt sie die weiße, heteronormative Mehrheitsgesellschaft einmal mehr ins Recht, das dominierende Narrativ zu sein und zu bleiben. Und dann war da auch noch der perfide Umkehrschluss deutscher Behörden, dass queere Asylsuchende in ihrem Heimatland ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität verstecken könnten und deshalb kein Recht auf Asyl hätten (das "Diskretionsgebot" wurde erst vor wenigen Tagen gekippt).

Aus all diesen Gründen ist es wichtig, dass alle, die die Tarnkappe des Passings besitzen, dennoch so oft wie möglich sichtbar werden. Auf Paraden, in den Straßen, in Cafés. Mit Regenbogen- und Transpride-Flaggen, mit Nagellack und Lederjacke, mit Hüftschwung und angeklebtem Bart. Zumal das temporäre Verstecken etwas mit einem macht, einen erniedrigt, verletzt. "Wer ringen musste, die Wahrheit über die eigene Lust zu erkennen, wer ringen musste, sie auszusprechen und sie oder sich nicht für eine Zumutung zu halten, der reagiert empfindlich auf die Konvention des Lügens", schreibt Carolin Emcke in "Wie wir begehren".

Diese nahezu körperliche Freude

Queere Menschen sind damit nicht allein. Weiter heißt es bei Emcke: "[A]lle, die sich nach etwas gesehnt haben, das sozial inakzeptabel war, die sich ihre ästhetische, existenzielle oder politische Freiheit erst gegen den Widerstand einer Familie, einer Religion, einer Gesellschaft erobern mussten, alle, die unsichtbar oder unhörbar zu sein hatten, die sich verschleiern oder verstellen mussten für eine Weile, verstehen diese nahezu körperliche Freude, die es bereiten kann, einfach nur die Wahrheit zu sagen über sich selbst, einfach nur ohne Kopftuch auf der Straße zu laufen oder einfach nur mit Kippa, als Frau in einem Restaurant eine andere Frau zu küssen oder einfach nur Kleider zu tragen als Mann".

Passing kann also eine Spielform sein mit Lust an der Verwirrung ebenso wie ein Notfalltool, mit dem man in brenzligen Situationen der Faust im Gesicht entgehen kann. Es ist aber kein Heilmittel gegen Homo- und Transphobie, Rassismus, Frauenhass, (religiösen) Fanatismus. Da hilft nur Sichtbarkeit.

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