An der Endstation Sehnsucht

von Dirk Pilz

Berlin, 21. Dezember 2008. Übrigens basiert das Stück auf einer wahren Geschichte. Aber das spielt keine Rolle. Denn die Story ist nur der äußere Anlass für eine Handlung, die ins Allgemeine, Grundsätzliche strebt.

Das ist die Geschichte: Zwei zehnjährige Jungen entführen aus einem Einkaufszentrum den einhalbjährigen James Bulger und bringen ihn um. Es ist eine schlimme Geschichte, und sie ist wahr. Die Handlung in Klaas Tindemans Stück lässt den Mord auch geschehen, arbeitet sich aber an einem anderen Gegenstand ab: den Ursachen und Gründen für die schlimme Kindertat. Dafür braucht es nicht das Echtheitssiegel der Wirklichkeit, auch wenn das Ganze damit noch ein bisschen schrecklicher wirkt.

Und schuld daran ist die Phantasie

Denn Tindemans, Belgier und promovierter Rechtsphilosoph – "Recht und Tragödie. Die Szene des Gesetzes in der antiken Polis" heißt seine Doktorarbeit – will wissen, wie es kommen kann, dass Kinder etwas tun, das ohnehin ungeheuerlich, aber von Kindern verübt eben umso mehr unfassbar ist. Seine Antwort ist frappierend einfach: Schuld ist die Phantasie.

Dass kindliche Phantasie keine Grenzen kennt (und die der Erwachsenen auch nicht), ist eine Binse; dass jede Phantasie aber keineswegs aus dem Nichts kommt, ebenso – was Kinder so phantasieren, ist immer auch Ausdruck der Welt, in der sie leben. Und wenn sie ihre Phantasien in die Tat umsetzen, wirft das auch ein Licht auf die Umstände, in der diese stattfindet.

Das Beste an Tindemans Stück ist, dass er es sich mit dieser einfachen Antwort nicht leicht macht. Er liefert uns keine soziologischen, psychologischen oder gesellschaftlichen Begründungen. Er erzählt die Entstehung des Verbrechens schlicht aus der Perspektive der Kinder selbst, aus ihrem Gefühls- und Denkinneren. Das ist so überlogisch und sprunghaft wie gnadenlos und sehnsuchtsgeladen.

Im Kinderweltbunker

Jetzt hat die junge Regisseurin Nora Schlocker das Stück inszeniert, im Studio des Gorki-Theaters, das sich in einen Kinderzimmerbunker verwandelt hat. Wir betreten den Raum durch eine tiefe Luke, geduckt, von hinten. An den Wänden Birken- und Wiesentapete, in der Mitte ein Riesentisch und unter der Decke Riesensteckdosen. Es ist eine ins Übergroße aufgeblasene Kinderstubenwelt.

Justine erobert sie sich Kaugummi kauend. Sie steckt in knallig lila Leggins, raucht Marlboro light und stachelt Bruder Ramses an, sich mal was zu trauen. Ramses biegt viel an einem Draht herum und nestelt am Anorak, weil er sich nicht traut, sich mal was zu trauen. Und dann kommt Shanya, sie ist sofort der Star. Grüne Trainingshosen, verwuscheltes Haar und unterm Pulli hat sie einen toten Vogel, den sie Ramses als Maus weismacht, ehe sie erzählt, wie man ordentlich Tiere quält. In Ramses Augen ringt die Entgeisterung mit der Faszination. Justine malträtiert jetzt sehr laut ihren Kaugummi.

"Es ist Krieg", verkünden sie später. "Und sie sind der Feind."; die langen Zeigefinger weisen ins Publikum. Viel ist darauf die Rede davon, wie Eltern gequält werden können. Alle Schrauben im Haus locker drehen, die Möbel verrücken, Rattengift ins Futter vom Hund.

Zwei Szenen später sind die Drei ein Team. Sie besuchen heimlich die Leichenhalle, und wir Zuschauer sind die Toten. Justine erweist sich zusehends als wahre Meisterin der Ey!-Sprache, Shanya wird zur Prinzessin hoch oben auf dem Riesentisch. Erst stopft sie sich Smarties in den Mund, dann speit sie den Schokomatsch wieder aus und schmiert ihn Ramses ins Gesicht.

Der Mord geschieht plötzlich, irgendwo außerhalb. Danach steht Shanya im Brautkleid unter dem Tisch und Ramses und Justine hocken im Publikum. Shanya ist noch im Gefängnis, Ramses studiert, Justine hat einen dreijährigen Sohn, der sich ein Flugzeug mit Kriegsbemalung wünscht.

Ein Trio mit Star

Nora Schlocker hat diese anderthalb Stunden Theater bemerkenswert gelassen inszeniert. Jeder Figur verleiht sie eine klare Kontur, den Darstellern belässt sie ihre Eigenheiten. Hanna Eichel gibt der Justine etwas zackig Derbes, Johann Jürgens dem Ramses eine flatterhafte Nervosität, die sich schon schwer Richtung Frühpubertät neigt und Julischka Eichel umhüllt Shanya mit einer Unergründbarkeit, die sie wahlweise wie eine böse Märchenfee oder eine fiese Rachegöttin aussehen lässt. Sie beherrscht den Wortzischer und das Schnippischsprechen, das höhere Satzschleudertum und das katzenhafte Silbenschnurren.

Julischka Eichel tut es ihrer Figur gleich – sie ist der Star eines Trios, das vor allem viel Spaß am Spiel selbst hat. Entsprechend gern schaut man zu.

"Bulger", die Inszenierung, liefert dabei genauso wenig soziologische, psychologische oder gesellschaftliche Begründungen wie "Bulger", das Stück. Das Stück erforscht die Phantasie als Herd auch des Unzulässigen, die Inszenierung weiß darüber hinaus, dass Spiel-Phantasie seit jeher das ist, wovon das Theater lebt.

So erzählt dieser Abend von Kindern einer trostlosen Gegenwart, der Macht der Phantasie und dem Theater. Ziemlich viel für eine kleine Inszenierung.

 

Bulger, UA
von Klaas Tindemans, aus dem Flämischen von Uwe Dethier
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Steffi Wurster, Kostüme: Marie Roth, Dramaturgie: Nina Rühmeier.
Mit: Johann Jürgens, Hanna Eichel, Julischka Eichel.

www.gorki.de

 

Von Nora Schlocker wurde am Maxim Gorki Theater auch Maria Kilpis plus null komma fünf windstill (gleichfalls mit Julischka Eichel) besprochen, und am Nationaltheater Weimar Ferenc Molnárs Liliom sowie die Uraufführung von Ljubko Dereschs Die Anbetung der Eidechse oder Wie man Engel vernichtet. Außerdem begutachtete nachtkritik.de  bereits die szenische Lesung von Bulger beim Stückemarkt des Theatertreffens

 

Kritikenrundschau

Für Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (23.12.2008) verdeutlicht auch die Inszenierung nicht, was für sie schon in Klaas Tindemans Kindermörderdrama selbst ein blinder Fleck ist: daß es nämlich nur so tut, als blicke es aus Kinderaugen auf Gewalt, obwohl in Wirklichkeit Erwachsenenprojektionen verhandelt würden, ohne wirklich Erklärungen die Ungeheuerlichkeiten zu liefern. Und so findet Meierhenrich die Aufführung und die Schauspieler zwar immer wieder sehr intensiv, aber angesichts des Stoffes insgesamt doch eher unzulänglich.

 

 
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