Fußnote zur Menschheitsdämmerung

von Christian Rakow

Berlin, 24. April 2009. "Schön ist der Mond über Polen, / einen Genickschuss lang". Einer der Lieblingsverse Heiner Müllers kommt in den Sinn, wenn man in der Eingangsszene des Films den Vollmond malerisch über syrischen Hügeln aufgehen sieht. Doch der Genickschuss bleibt, Krisenregion Vorderasien hin oder her, dieses Mal aus. "Schön ist der Mond über Syrien, / eine Reifenpanne lang", dürfte es heißen, rechnet man die Hintergrundanekdote zu diesem Bild ein, die Kulturstaatssekretär André Schmitz in seiner deutungsfreudigen Eröffnungsrede preisgab. Aber Profanierung ist wirklich das Letzte, was dieses Kunstprojekt will.

Geraume drei Jahre hat Heiner Müllers letzte Frau, die Fotokünstlerin Brigitte Maria Mayer, mit ihrer Produktion "Anatomie Titus Fall of Rome" zugebracht. "Nach Shakespeare und nach Heiner Müller", wie es heißt. In Ghana, Ägypten, Dubai, Syrien und China hat man gedreht, um der globalisierten Gegenwart auf den mythischen Zahn zu fühlen. Ein Mammutunternehmen mit Auslandsjournalflair. Von heute an ist es als gut 60-minütige filmische Installation auf drei großen Leinwänden in der Akademie der Künste zu sehen.

Texte in Großbuchstaben

"Nach Heiner Müller" ist de facto Heiner Müller pur. Zumindest in der Textfassung. Der Shakespeare'sche Rachetragödien-Plot wird in einer kurzen Synopse zu Anfang eingeblendet. Danach hört man Müllers Titus-Kommentare, die Texte in Großbuchstaben. Gemessen, weihevoll rezitieren sie Jeanne Moreau (als rauchige, grollende Tamorafigur), der im Stil der Peking Oper aufkostümierte Tänzer Zhao Jila (mit spitzen Obertönen) und Erdal Yildiz (als schnaubender Titus im Gladiator-Look).

Im Mittelpunkt aber steht Brigitte Maria Mayers und Heiner Müllers 16-jährige Tochter Anna Müller als Lavinia, bewältigt die größten Textmengen und hält ansonsten Hofstaat, umspielt von männlichen und weiblichen Tänzergruppen. Mit einem zum Globus aufgespannten Kleid gemahnt sie an die Renaissancemonarchin Elisabeth I. Die Aufmachung will allegorisch sein. Die Fragilste repräsentiert das weltumspannende Empire; ihre – zumindest vom Plot angedachte, hier aber wohltuender Weise unbebilderte – Schändung steht für das unentrinnbare Leiden der Welt.

Verlassene Amphitheater im Abendrot

Der stillen hochabstrakten Textandacht, die in hermetischen Studioräumen ausgeübt und durch Mozart- und Bachchoräle nochmals veredelt wird, treten konkretere Weltreisebilder von außen hinzu. In Ghana wohnt man einer Tieropferung bei; in den Wolkenkratzern von Dubai und China entdeckt man das neue Rom, die "HURE DER KONZERNE". Wo sich megalomane Staudämme in die Tiefen ergießen, bekundet auch die Filmemacherin den unbedingten Willen zur Überwältigungsdramaturgie. Verfallene römische Tempel sehen wir in Vorderasien, verlassene Amphitheater stehen im Abendrot.

In der zweite Hälfte erhält die Welt auch eine Stimme, wenn etwa junge Islamgelehrte in der Uni Kairo skandieren: "DER WAHNSINN ESKALIERT ZUM KRIEG DER STERNE". Das aber klingt konfrontativer als es ist. Mayer bleibt ästhetisch distanziert, ausschnitthaft, vertraut in ihrer Motivbebilderung, die immer wieder auf Riten und ritualisierte Ausdrucksformen zuläuft, auf eine fast meditative Kameraarbeit. Von einem plumpen Dualismus, der den Imperialismus Roms/Europas/der USA gegen die zerstörerische Vitalität der Dritten Welt antreten sieht, hält sie sich fern. Das ist durchaus ein Schritt über Müller hinaus.

Verklärung des Beklagenswerten

Aber der Preis dafür ist kein geringer. Denn der sanfte Bilderstrom, der hier das Felsmassiv "Titus" umspielt, gerät dann doch etwas zu wohlig, gemessen an dem Zustand des globalen Kapitalismus und seiner Politiken. Mayer hat die selbst auf zeitlose Klassizität drängende Metaphorik Müllers noch einmal bereinigt und überhöht. Und herausgekommen ist eine sentimentale, aber nicht wirklich schlimme Fußnote zur Menschheitsdämmerung. Alles entsteht, alles vergeht, nun gut. Die Verklärung des Beklagenswerten, in der sich Historie leichthin gegen vermeintliche mythische Konstanz austauscht, will die ganze Welt bedeuten und wird tatsächlich weltenthoben.

Nicht von ungefähr mündet der Film am Ende in den "Römerbrief" von Müller mit seinem Appell an die allerletzte Gerichtsbarkeit: "Ich hab dir Vater etwas mitgebracht / In Deinen ewigen Tag aus meiner Nacht / Nichts war nichts ist und nichts wird jemals gut / Siehst du das Kreuz es wartet auf dein Blut". Danach geht die Sonne auf, nicht blutrot, eher gelblich.

 

Anatomie Titus Fall of Rome
nach William Shakespeare und nach Heiner Müller
Filmische Inszenierung von Brigitte Maria Mayer. Mit: Jeanne Moreau, Anna Müller, Erdal Yildiz, Zhao Jia.

www.adk.de
www.anatomie-titus.net , dort auch Trailer zum Projekt


Mehr lesen? Mit Heiner Müllers Shakespearevariation Anatomie Titus Fall of Rome befasste sich im November 2007 auch Dimiter Gotscheff im Berliner Deutschen Theater.

 

Kritikenrundschau

"Das ist eindrucksvoll", schreibt Julia Encke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (26.4.) und meint das Gesicht von Jeanne Moreau als Gotenkönigin Tamora ebenso, wie die Betrachtungen dieser Veranstaltung zur Frage, wer hier eigentlich die Barbaren sind: diejenigen, die vom Westen als solche bezeichnet werden oder nicht doch die Westler selber. Wie Brigitte Maria Mayer hier alle Zuordnungen auflöst, und die Blutrunst des Dramas beiseite läßt, imponiert der Kritikerin sichtlich. Am meisten, wie gesagt, allerdings Jeanne Moreau.

Deutlich unterkühlter zeigt sich Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (26.4.), der schon mit merklich spitzer Feder beschreibt, wie Jeanne Moreau ihre lila geschminkten Lippen um den Filter einer Zigarette schließt. Die Veranstaltung kommt ihm insgesamt ein wenig hochtrabend vor, ohne dass er ihren Anspruch wirklich eingelöst sieht. "Ein Mal um die Welt fliegen. Das ergibt zwar einen Kreis, garantiert aber nicht automatisch Sinnhaftigkeit. Afrikanische Auszubildende, die vor der Arbeit zum Morgenappell antreten. Asiatische Bauarbeiter, die vor einer atemberaubenden Wolkenkratzer-Kulisse die Schippe in den Sand von Abu Dhabi stoßen (...) Kommentarlos rahmen diese Bilder, denen man das ratlose Staunen der Regisseurin ansieht, die hochartifizielle Statuarik im Mittelteil des Triptychons ein." Dass Mayer-Müller-Tochter Anna hier als Lavinia auch noch das junge Gegenstück zur greisen Jeanne Moreau als Tamora ist, bereitet dem Kritiker sichtliches Unbehagen: "Irgendwie soll der Bombast natürlich etwas evozieren, das mit Heiligkeit oder – um mal die Kitschrhetorik des Abends aufzugreifen – mit der Hohlform ihrer Abwesenheit zu tun hat. Statt zum Heiligen öffnet sich die Tür aber zu einem Familienraum, dessen Privatheit nur bedingt etwas mit Kunst zu tun hat."

Mayer finde "für die komprimierten Wortgebilde" Müllers "neue, nicht weniger verwegene Bilder", lobt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.4.). Dabei stelle sie die Frage, "welche Obrigkeit mit welcher Ideologie mittlerweile die Funktion jenes einst allmächtigen Rom übernommen haben könnte", und schaffe "luzid assoziierende, bei aller mitschwingenden Bedrohlichkeit bestürzend schöne Filmsequenzen". Das "abenteuerliche, souverän gestaltete Bildwerk über den Prozess der Zivilisation, die Kollateralschäden des Fortschritts und die alltägliche mediale Überflutung" sei eine "Heiner-Müller-Interpretation für das einundzwanzigste Jahrhundert", deren "pathetisch suggestive Bildcluster mit unversehrten wie industrialisierten Landschaften" sich zusammen mit den Studioaufnahmen in "prächtig bemalten Dekorationen" in ihrer "kontrapunktischen Eleganz tatsächlich zu einem bewegenden Triptychon über Allmacht, Ohnmacht und Weltmacht" ergänzten. Dabei werde "der Mythos zum Schnittpunkt postkolonialer Erfahrungen", hinter denen Mayer "das Risikopotential der Moderne" phantastisch zutage bringe.

 

 
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