Heimat, was ist das?

von Theresa Valtin

Edinburgh, 16. August 2009. Dass in diesem Jahr, in dem Schottland mit dem Motto "Homecoming" um seine Auswanderer in aller Welt wirbt und das Edinburgher Festival insgesamt die Aufklärung zum Thema hat, in deren Rahmen Großbritannien zur größten Seefahrtsnation der Welt wurde, ein Stück names "Diaspora" auf dem Programm steht, dürfte nicht weiter verwundern. Dass sich dieses Stück anstatt mit der eigenen Nation jedoch mit asiatischen Immigranten beschäftigt, kann schon eher überraschen.

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"Migration ist heutzutage weniger die Geschichte einzelner Individuen", sagt Autor und Regisseur Ong Keng Sen. "Heute ist es oft einfach Teil der Lebensqualität zu reisen, sich zu entscheiden, wo man leben möchte – während sich andere Menschen eben gerade nicht selbst entscheiden können, aufgrund von Krieg oder anderen Faktoren. Viele Menschen leben heute auch in bestimmten Ländern, weil ihre Eltern dorthin reisten." Diaspora ist für ihn also ein viel größeres, ein globales Phänomen, das sich seit der Vertreibung der Juden aus Israel stark weiterentwickelt hat.

Meeresnomaden und Multimedia
Ong Keng Sen stammt aus Singapur, einem Land, in dem die meisten Einheimischen als Nachfahren von Immigranten geboren wurden. Der Überlieferung nach waren die ersten Bewohner des Fischerdorfes, aus dem Singapur entstand, Meeresnomaden. Vor drei Jahren begann er sein Projekt, indem er sechs Künstler aus Exilgesellschaften bat, ihren Umgang mit der Verstreutheit darzustellen. Zusammen mit Videokünstler Choy Ka Fai folgte er ihnen in die Länder ihrer Vorfahren, und sprach mit ihnen und ihren Familien. Entstanden ist eine vielschichtige Multimedia-Installation, die Videoprojektion, Musik und Live-Erzählung kombiniert, um Vorstellungen von Heimat und Identität vor dem Hintergrund der Diaspora zu untersuchen.

"Diaspora" erzählt die Geschichten von vietnamesischen und indonesisch-chinesischen Migrantenkindern, von in Südostasien lebenden Indern und den Orang Laut, den Meeresnomaden. Die entstandenen Videobeiträge sind keine bloßen Dokumentationen, sondern semi-fiktionale Kunstwerke, die als traumartiges Spektakel die persönlichen Erfahrungen der Künstler widerhallen lassen.

Zur Auflockerung Bollywood
Tintin Wulia aus Bali etwa erzählt die düstere Parabel seines rätselhaft verschollenen Großvaters, der in der Mitte der Sechziger Jahren verschwand, als die indonesiche Regierung die chinesische Minderheit vor die Wahl stellte, die indonesische Staatsangehörigkeit anzunehmen und ihre chinesische Identität aufzugeben oder das Land zu verlassen. Die direkte Erzählung im Stil eines Interviews ist in ihrer Schlichtheit besonders eindrucksvoll inmitten der aufwendigeren Videobeiträge anderer Künstler.

Zai Kuning liefert Bilder der Orang Laut-Nomaden, die auf dem Meer zuhause sind. Navin Rawanchaikuls Beitrag hingegen ist ein ironisches Musikvideo über seine Suche nach Namensvettern in Mumbai. Der in Thailand lebende Künstler indischer Abstammung begibt sich in dem kurzen Film mit Gesang- und Tanzeinlagen à la Bollywood auf eine Reise "nach Hause", nach Indien – eine willkommene Auflockerung.

Bei allem drängt sich die Frage auf, was Heimat eigentlich bedeutet: Ist sie ein konkreter Ort, den wir erreichen können? Oder ist sie eine Reise zum Ich, ein Prozess, der zum Erkennen der eigenen Identität führt? Die meisten beitragenden Künstler suchen ihre Identität tatsächlich in ihrem Abstammungsland, obwohl dies mit Schmerz verbunden ist und sie sich oft bewusst sind, ihre Herkunftsorte zu idealisieren.

Doppelte Erbschaft
Für die europäischen Premiere von "Diaspora" bei diesem wichtigsten schottischen Festival arbeitete Ong Keng Sen auch mit einer jungen Künstlerin aus Edinburgh zusammen. Rabiya Choudhry, die in Glasgow als Tochter einer zum Islam konvertierten Schottin und eines Pakistaners geboren wurde, trägt in einer Mischung aus Erzählung, Video und Live-Gemälde ihre sehr persönlichen Reflektionen bei. Rabiya sagt klar, sie sei schottisch, ebenso wie ihre Kunst. Doch im Kreis ihrer Familie lebt sie eine andere Existenz, sie trägt eine doppelte Erbschaft. Im Gegensatz zu den anderen Exilkünstlern, zog sie jedoch aus dem Elternhaus aus und nach Edinburgh, gerade um sich von den vorgegebenen Banden zu lösen. Ohne ihre Herkunft zu verneinen, ist es ihr gelungen, ihre Identität im Hier und Jetzt und nicht in der Vergangenheit der Abstammung zu finden. Das schildert sie in ihren eigenen, wunderschönen Worten – eine besonders ergreifende Darstellung.

Rabiya Choudhrys Beitrag erscheint als fast aufmunternde Botschaft am Ende der Stückes. Der Regisseur Ong Keng Sen selbst wertet keine der Kunstwerke, er vergleicht sie nicht miteinander, alle bleiben sie skizzenhafte Impressionen – und sollen auch nichts anderes sein. Ein Versuch, die Bedeutung von Abstammung, Erinnerung und Assimilation für Diasporagesellschaften in einer großen Bandbreite darzustellen.

Obwohl die Inszenierung diverse Medien und Effekte nutzt, gelingt es Ong Keng Sen doch immer, die Geschichten im Vordergrund stehen zu lassen. Das Singapore Chinese Orchestra untermalt die Erzählungen sowohl mit traditioneller asiatischer Musik als auch mit zeitgenössischen Kompositionen Michael Nymans wunderbar effektvoll, aber komplementär. Die Videoprojektionen symbolisieren hingegen die medienvermittelte Kommunikation: Die Massenmedien sind es, die uns gemeinhin von Migration und Diaspora berichten. Für diesmal ist es das Theater, mit dieser bereichernden Produktion von Ong Keng Sen.

Diaspora
von Ong Keng Sen
mit dem Singapore Chinese Orchestra
Konzept und Regie: Ong Keng Sen, Dirigent: Tsung Yeh, Videoinstallation: Choy Ka Fai, Elektronische Komposition: Toru Yamanaka, Lichtdesign: Scott Zielinski, Videokünstler: Rabiya Choudhry, Ariani Darmawan, Zai Kuning, Dinh Q. Le, Navin Rawanchaikul, Tintin Wulia.
Mit: Koh Boon Pin, Janice Koh, Lim Kay Tong, Nora Samosir.

www.eif.co.uk


Mehr über das Edinburgh-Festival 2008 hier.

 

 

 
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