Feier des Selbstzweifels

von Michael Laages

Jena, 3. Dezember 2009. Ein Text mehr, und eine Uraufführung, bei der Gebrauchsanweisungen durchaus willkommen sind – denn wir wollen ja gern glauben (und im ziemlich amüsanten Textbuch der Uraufführung auch gern nachlesen), dass hier "der Präsident der Vereinigten Staaten auf Wahlkampftour" ist und gerade eine Pressekonferenz vorbereitet, in der er einen ziemlich verstörten Bericht zur Lage der Nation geben und all die offenen oder latenten Veränderungen beim Namen nennen will, auf Grund derer selbst er sich fast schon fremd fühlt im eigenen Land.

 

Zu hören und zu spüren aber bekommen wir von all dem nicht viel. Das liegt auch, aber nicht nur an Meret Matters Uraufführungsinzenierung von Oliver Schmaerings Stück mit dem vielschichtigen Titel "The Making of Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika" – ein Text, der die ferne Fremdheit und Unzugänglichkeit schon selber mitbringt.

"The Making of" schafft Distanz – der Begriff aus dem Fach-Latein des Kino-Marktes benennt ja, dass hier der Bericht über die Entstehung eines Produktes seinerseits zum Produkt geworden ist. Gern beinhaltet ein "Making of"-Film "double takes" und "out-takes", Szenen also, die mehrfach und in verschiedener Fassung gedreht wurden oder in der Schlussproduktion der Schere zum Opfer gefallen sind.

Amerikas gesammelte Ängste
Im Theater lässt sich das Bau-Prinzip nur dadurch beglaubigen, dass ab und zu jemand den Zustand einer Probe simuliert und zum Beispiel fragt, ob er (oder hier: sie) dies oder jenes vielleicht besser noch mal und vielleicht ein bisschen anders sagen oder spielen solle. Die Methode markiert also Unfertigkeit – was aber gerade dann nicht recht abendfüllend ist, wenn der Text selber quasi ohne szenische Vorgaben auskommt.

Wie in diesem Fall: Schmaerings Stück ist eigentlich ein Monolog, suggeriert aber durch Zwischentitel, dass hier berühmte Hollywood-Schauspieler (oder Persönlichkeiten aus Amerikas politischer Geschichte) in Dialog miteinander träten: Washington & Washington, Newman & Newman, de Niro & de Niro undsoweiterundsofort. Wie hieß doch die Anwaltskanzlei der Marx-Brothers in deren Filmen? Genau: Schuster, Schuster und Schuster.

In derlei virtuelle Dialoge verpackt Schmaering nun Amerikas gesammelte Ängste und Psychosen. Der Text ist eher ein ulkiger Essay über den maroden Zustand der Weltmacht als ein szenischer Entwurf. Insofern hat es wenig Sinn, Meret Matters Inszenierung zu benörgeln – sie hat halt matte Chancen. Und die nutzt sie. Irgendwie. Das Theaterhaus in Jena, dessen Leitung seit kurzem durch die andernorts viel gespielte Autorin Rebekka Kricheldorf bereichert wird, zeigt vor allem einen Textbewältigungsversuch.

Vom Präsidenten keine Spur
Der lebt letztlich von Christoph Ernsts eigentlich viel zu eindeutiger Bühne, die die Billig-Version eines antiken kleinen Tempelchens zeigt. Eine Hand voll Säulen im Rund, auf denen kronen- oder kapitellmäßig ein Ring sitzt, besser: über denen er hängt. Wir werden später sehen, warum.

Säulen und Krone sind aus Quadern, die wie kräftiges Mauergestein aussehen, aber eher aus Styropor oder Pappmaché sein dürften. Stein-Imitate wie diese sind auch (neben Popcorn oder Ketchup) die Haupt-Spielzeuge der beiden jungen Schauspielerinnen, die Matters Schmaering-Bearbeitungskonzept zu schultern versuchen. Vom Präsidenten selber keine Spur: Die Regisseurin schickt zwei schmucke Cheerleader-Mädels ins Rennen, präsidenzielle Jubel-Sirenen in Stiefeln, zunehmend beschmuddelten Hemden und knappen Röckchen, die nun den bohrenden amerikanischen Selbstzweifel der nicht vorhandenen Hauptfigur zelebrieren.

Sie tun das laut und grell und nicht unbedingt so, dass die eh schon niedrig justierte Verstehbar- und Verständlichkeit des Textes auf irgendeine Weise erhöht werden könnte. Kaum lesbar rollen auch Schmaerings Doppelnamenstitel (Washington & Washington etc.) per Projektion über Säulen und Krone des Bühnenbildes – nichts wird klarer, es wird immer nur ein bisschen mehr an unentschlüsseltem Bild- und Text-Allerlei. Immerhin treiben die jungen Damen allerhand Gedöns mit ihren Steinblockimitationen: reiten drauf, bauen Mauern und reißen sie ein. Schließlich bringen sie sogar die Säulen (unter der hängenden Krone) in Schief- und Schräglage und hinterlassen ein Popcorntrümmerfeld. So weit, so amerikanisch-psychotisch.

Statt geliebt zu werden, liebt das Theater zurück
Matters Konzept für diesen an sich unszenischen Text hätte auch andere Darstellerinnen oder Darsteller stark ge-, wenn nicht deutlich überfordert; Vera von Gunten und Saskia Taeger leisten, was in ihrer Macht steht. Selbst wenn es mehr wäre, würde es nicht viel nutzen – "The Making of Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika" ist und bleibt vermutlich auch eine mit ganz viel Worten vollgestopfte, theaterstrukturell aber hohle Hülle.

Und es macht manchmal schon staunen, dass Texte wie diese immer noch und immer wieder Begeisterung in den Dramaturgien wecken: Kopfgeburten, deren erkennbare Theatralität gen Null tendiert. Viele junge Autorinnen und Autoren scheinen noch immer die Kunst der szenischen Darstellung gering zu schätzen, und eigentlich mögen sie das Theater wohl nicht wirklich.

Noch aber ist die Leidensfähigkeit des Theaters diesen Texten gegenüber immens – ungeliebt, liebt es zurück.

 

The Making of Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika
von Oliver Schmaering, UA
Regie: Meret Matter, Bühne und Kostüme: Christoph Ernst, Musik: Jacob Suske. Mit: Vera von Gunten und Saskia Taeger.

www.theaterhaus-jena.de

 

Mehr über Oliver Schmaering lesen Sie in der Kritik zu seiner Kleist-Bearbeitung Hermanns Schlacht im Oktober 2007 in Frankfurt/Oder. Meret Matter inszenierte im November 2008 Das kalte Herz von Wilhelm Hauff und im Januar 2008 den "Theatercomic" Popeye, beides in Freiburg.

 

Kritikenrundschau

"Aber wozu?" lautet die Leitfrage der Rezension Frank Quilitzschs in der Thüringischen Landeszeitung (5.12.) zur Jenaer Uraufführung von Oliver Schmaerings "The making of Der Untergang der Vereinigten Staaten". Ein Stück sei das schon einmal nicht, "bestenfalls Stückwerk." Und auch wenn die Regie auf den vom Autor geforderten "Urwald aus Mikrofonen" verzichten würde, flögen dem Zuschauer "schon genug Worte um die Ohren". Insgesamt präge das Unfertige "diesen Abend mit seinen vielen Fragezeichen, die man erst mal rüberbringen muss." Ob, so fragt Quilitzsch abschließend, "Regisseurin Meret Matter wohl eine Erklärung für die sintflutartige Verdoppelung der Namen von Hollywood-Schauspielern hat, die zu jeder Szene über die Säulen flimmern? Was soll das sein? Eine von Gag-Mastern gesteuerte Farce über das amerikanische Präsidentenzeitalter vor Barack Obama? Ein psychotischer Diskurs über die marodierende Ära Hollywood? Oder, um mit der Präsidentendarstellerin Taeger zu sprechen: 'Wird hier was eröffnet oder gesprengt?'"

 

 
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