Lars-Ole Walburg – Staatstheater Hannover, Schauspielintendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Wenn viele Häuser eröffnen und das eigene auch noch, läßt die Reisetätigkeit zwangsläufig nach. Zuweilen hab ich es aber um die eigenen Premieren herum doch mal in andere Städte geschafft. Und so sah ich Anfang Oktober eine Vorstellung in Zürich, die mich nachhaltig begeisterte. Warum läuft Herr R. Amok? stand auf dem Programm des Pfauen, ein Fassbinder-Film in der Regie von Heike M. Götze.

Es waren Herbstferien und der Pfauen war schlecht besucht. Mich beschleicht in solchen Fällen im Foyer immer so ein Sektengefühl, dass dem Hirn Fluchtgedanken signalisiert. Und meistens setzt sich dieses Gefühl im Innern des Theaters fort. In Zürich war es völlig anders. Ich kam hinein, wurde von der reizenden Schauspielerin Lilith Stangenberg mit Umarmung begrüßt und nahm meinem Platz ein. Auf der Bühne lief Markus Scheumann schon auf einem Laufband und - man ahnte es – auch bald um sein Leben.

Ich will jetzt gar nicht den Abend in seinen Einzelheiten beschreiben. Er war kraftvoll, sehr klug und handwerklich wirklich gut, aber richtig erwischt wurde ich durch die tragisch-anrührende Geschichte des in seiner Superdurchschnitt- lichkeit geradezu monströsen Herrn R. Und neben der tollen Bühne von Bettina Meyer oder der umwerfend komischen Nadine Geyersbach empfand ich plötzlich so ein kleines Glück. Ich fühlte mich wohl in meinem Sitzplatz und beschenkt. Und später dachte ich darüber nach, wie oft ich mit vielen Menschen in einem vollen Haus sitze ohne dieses Gefühl. Und dass ich an einem wichtigen und richtigen Abend ein Gemeinschaftsgefühl genieße, dass Theater für mich ausmacht.


Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

 
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