Christoph Nix – Theater Konstanz, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Es war nicht mal ein Geheimtipp, und wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte ich präziser die internationalen Spielpläne studiert, so wäre mir das Projekt Mother Courage am National Theatre in London vorher aufgefallen. In der Hauptrolle Fiona Shaw, in der Regie von Deborah Warner, mit einem neuen Text und einer (fast) neuen Musik von Duke Special and the Band konnte man im Dezember des Jahres 2009 noch einmal erleben, wie heutig Brecht in einem Land sein kann, das im Krieg mit Afghanistan steht.

Fiona Shaw ist ein Star, eine Frau mit einer unglaublich großen Kraft, einer Bewegungslust, dass es einem Angst machen kann. Diese Courage erzählt uns etwas über die Skrupellosigkeit des Gewinners und die Einsamkeit der Verlierer, wenn nichts mehr bleibt, wenn alle verreckt sind und nur das Geschäft übrig bleibt. Es ist ein Theaterabend, der einem Angst machen kann und dennoch nicht ohne Humor, unweigerlich muss man lachen, wenn der Schweizerkaas, der jüngste Sohn der Courage so ein junger schwarzer Spieler ist, wie Harry Melling, der in den Krieg zieht und nichts vom Bild dieses trögen Jungen erzählen will. Es ist ein emotionaler Abend, in dem man die Bomben hört und das Feuer auf der Haut spürt, zugleich ist Bühne und Bühnenbild streng brechtianisch, weißes Tuch, Brechtvorhang und zwischen jeder der 12 Szenen radikale Brüche ins aus, weg in die Emotion, direkt in den Theaterbetrieb: offener Umbau.

Wer behauptet die Brecht-Erben und Dessau würden nur ein Museum verwalten, hat sich getäuscht: Dort in London, wo Marx im Exil, im 18. Brumaire den Kriegsstaat beschrieben hat, findet ein Bildertheater statt, belehrend, explosiv und emotional zugleich, mit einer experimentellen Zwölfton-Rockmusik, mit der man in diesem Klassiker nie rechnen konnte. Ja, es ist Krieg in Afghanistan, und wir schauen alle zu, und in der europäischen Metropole erzählen uns zwei Frauen, die Courage und Ihre Regisseurin, wie aktuell Brecht, wie politisch und revolutionär er bleibt, wie am jüngsten Tag. Geht man hinaus in die Nacht, will man kein anderes Theater mehr machen: Warner, die Shaw und ihr Ensemble sind ein Traumteam.

Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

 
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