Julia Lochte – Münchner Kammerspiele, Künstlerische Co-Leitung

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Vielleicht weil ich mit den Arbeiten, die letztes Jahr an den Kammerspielen entstanden sind, durch die Proben anders verwoben bin, möchte ich an dieser Stelle von einem in Buenos Aires uraufgeführten Stück erzählen. Zur Zeit wird in Argentinien vor einer Reihe von Strafgerichten einer der brutalsten Diktaturen der letzten Jahrzehnte der Prozess gemacht: Es geht um die 30 000 Verschwundenen der Militärjunta, die von 1976 bis 1983 das Land regierte. Eine ganz andere Art der Aufarbeitung findet in dem Theaterprojekt Mi vida después/My life after statt, das die argentinische Autorin und Regisseurin Lola Arias mit ihrer Compañia Postnuclear im Frühjahr 2009 herausbrachte. Sechs Schauspieler, alle zwischen 1972 und 1983 geboren, erzählen vom Leben ihrer Eltern, zeigen Familienfotos und Gegenstände, an denen Erinnerungen haften, hören Tondokumente und schlüpfen vor den Augen der Zuschauer buchstäblich in die Kleider ihrer Mütter und Väter.

Es sind Väter, an die einige von ihnen gar keine leibhaftige Erinnerung haben, weil diese zu den Verschwundenen gehören. Wie Marianos Vater, Perónist und Autonarr, der Waffen in seinem Bugatti schmuggelte und vom Militär entführt wurde, als sein Sohn drei Jahre alt war. Während der Proben stieß Mariano auf ein Tonband. Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er darauf den Vater ihn beim Namen rufen. Nun spult er auf der Bühne mehrmals zu dieser Stelle zurück, während neben ihm sein eigener kleiner Sohn, der jetzt so alt ist wie er, als er seinen Vater zum letzten Mal sah, mit einem Auto spielt.

Carla, die nach ihrem Vater Carlos benannt wurde, der wenige Monate vor ihrer Geburt gestorben war, hatte lange geglaubt, ihr Vater sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Bis sie die Wahrheit erfuhr. Er war als Untergrundkämpfer der Revolutionären ERP in Gefechten getötet worden. Und da auch ihre Mutter damals zu den im Untergrund Aktiven gehörte, hat sie ihr Leben dem Umstand zu verdanken, dass dem Vater nach dem Tod die Hände abgetrennt worden waren, er somit von den Militärs nicht identifiziert werden konnte und daher keine Spur zu ihrer schwangeren Mutter führte. Vanina wiederum, Lieblingstochter ihres Vaters, der jeden Morgen in einem seiner graublauen Anzüge mit Aktentasche das Haus verließ, wuchs in dem Glauben auf, ihr Vater sei Vertreter für einen Pharmakonzern und ihr kleiner Bruder ihr kleiner Bruder. Dabei trug der Vater eine Pistole in der Aktentasche, war Mitarbeiter des Geheimdienstes der Junta und das Brüderchen, das eines Tages plötzlich da war, hatte der Vater den im Militärgefängnis inhaftierten Eltern geraubt. Erst zwanzig Jahre später kommt der Bruder hinter dieses Geheimnis, bricht mit der Familie, in der er aufgewachsen war. Einzig Vanina bleibt seine Schwester. Auch sie hat inzwischen den Kontakt zum Vater abgebrochen und unterstützt ihren Bruder in dem Prozess, den er nun führt, wie so viele der damals geraubten und nun erwachsenen Kinder.

All diese Geschichten, äußerst schmerzvolle, wie auch ganz alltägliche, lose aufgefädelt an den Jahreszahlen dieser noch gar nicht so lange vergangenen Vergangenheit der 1970er und 1980er Jahre sind in "Mi vida después" von Lola Arias wundersam verwoben. Mit ebenso großer Leichtigkeit wie Ernsthaftigkeit wird hier mit einfachen aber eindringlichen Theatermitteln erzählt. Unaufgeregt, mit großer Energie und Konzentration, intelligent, poetisch und dabei nie sentimental meldet sich hier eine Generation der Nachgeborenen zu Wort, lässt die Vergangenheit der Eltern gegenwärtig werden und blickt dabei mit wacher Zeitgenossenschaft durchaus zuversichtlich in die Zukunft.


Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

 
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