Warten vor weißen Wänden

von Lena Schneider

Edinburgh, 23. August 2007. Das Zimmer ist weiß. Ein unschuldiges, unbeflecktes, geradezu ödes Weiß mit dem Charme eines Warteraumes: Zwei aneinander grenzende Wände, eine Tür, davor ein ovaler Teppich, ein großes Sofa. Jon Bausor hat für "Night Time" ein Bühnenbild gebaut, das nichtssagender, zeitloser kaum sein könnte. In solch einer Leere ist alles möglich oder nichts, eine Leinwand vor Filmbeginn.

Nach einigen Einaktern und dem gemeinsam mit Pamela Carter geschriebenen, ebenfalls beim diesjährigen Fringe inszenierten Text "Game Theory" ist "Night Time" das erste ausgewachsene Stück der in Edinburgh lebenden Kroatin Selma Dimitrijevic. Entstanden ist es im Auftrag des Traverse Theatre anlässlich des diesjährigen Fringe Festivals. Es ist ein Stück über Möglichkeiten, über innere Leere – und über das Warten.

Nett und freundlich, aber bedrohlich
Das vordergründige Thema ist häusliche Gewalt und die Frage wie man ihr entkommen kann. Chris (Kananu Kirimi) hat den ersten Schritt getan. Sie hat das Haus ihres Mannes verlassen, hat bei ihrem Nachbarn geklingelt und ihn um Hilfe gebeten. Zu Beginn des Stückes tritt sie durch die weiße Tür auf die Bühne in das Haus des Nachbarn Frank, verwirrt, erniedrigt, sich umständlich entschuldigend. Es ist spät nachts, Chris ist nicht eingeladen, aber Frank (John Kazek) ist all das, was Chris‘ Ehemann nicht ist: Er hört zu, bietet seine Hilfe an, und vor allem, er kommt ihr nicht zu nahe. Wie zwei Tiere im Gehege umtänzeln sich die beiden, oft diametral einander gegenüber, das Sofa zwischen sich. Obwohl Frank "so nett, so freundlich" ist – etwas, das Chris immer wieder betont – scheint er irgendwie bedrohlich. Ein lauerndes, neugierig äugendes Raubtier mit weichen, geschmeidigen Bewegungen, bereit zum Sprung.

Lyncheske, trügerische Ruhe
Chris will sich sicher fühlen, ist es aber nicht: Sie erfährt, dass Frank sie besser kennt, als er sollte, dass er sie von seinem Fenster aus beobachtet. Als er sie zum Bleiben überreden will ("hier bist du sicher"), geht sie. Eine zweite Bekanntschaft bringt sie jedoch zurück in das – ein anderes – weiße Zimmer. Auch Thomas, Bekanntschaft Nummer Zwei (David Ireland) ist freundlich, hilfsbereit, geradezu liebenswürdig. Die beiden trinken Kaffee, reden über den One-Night-Stand, den sie nicht hatten. Geborgenheit scheint zum Greifen nahe. Nur sind Thomas‘ Lacher einen Tick zu laut, seine Gesten etwas zu groß, zudem kann er sich, obwohl Chris die Nacht bei ihm verbracht hat, an nichts erinnern. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen.

Die seltsam geladene Atmosphäre, die der Regie (Lorne Campbell) besonders im ersten Teil des Abends gelingt, erinnert an die trügerische Ruhe in den Filmen von David Lynch – eine Ruhe, die von Desastern erzählt, noch ehe sie geschehen oder uns Desaster vermuten lässt, wo gar keine stattfinden. Anders als bei Lynch wird diese Spannung, die vage Ahnung, dass etwas passieren muss, in "Night Time" jedoch nicht durch surrealen Horror gelöst – oder gesteigert. Selma Dimitrijevics Stück verweilt im von der Bühne veranschaulichten Vakuum des Möglichen, im Stadium des Ausharrens. "Night Time" verweigert sich beharrlich jeglicher Handlung.

Bloß ein Vorgeschmack
Was in der ersten Hälfte aufhorchen lässt, neugierig macht, erschöpft sich aber zur Stückmitte hin. Weder Dimitrijevics präzise, schlichte und alltägliche Sprache, noch Campbells Bebilderung, noch Kirimis Spiel – so berührend verwirrt, verletzlich, gehetzt sie auch sein mag – kann der weißen Bühne wirklich Leben einhauchen. Sentimentalische Klavierklänge in den Szenenübergängen und vielsagend bedrohliche Schattenprojektionen des stets abwesenden Ehemannes helfen dabei nicht, sondern verstärken den aufkommenden Eindruck, mit Pausengeplänkel unterhalten zu werden, während das Hauptgericht noch gart. Doch es bleibt beim vielversprechenden Vorgeschmack.

Sicher kann man für die vage, (alp-)traumgleiche, mit seiner Leblosigkeit irritierende Atmosphäre des Stückes gute Gründe finden. Das weiße, in seiner Sparsamkeit unwirkliche Zimmer etwa bleibt nicht umsonst das gleiche: Das Ende lässt vermuten, dass Chris ihre Wohnung nie verlassen hat, dass die männlichen Bekannschaften Chris‘ imaginäre Helfer aus der Not sind. So gesehen zeigt Dimitrijevics Stück den Versuch einer Frau, sich aus einer ausweglosen Situation herauszudenken und lässt auf beklemmende Weise ahnen, wie schwer der innere Schritt aus Abhängigkeit und Gewöhnung sein muss. Am Ende hat sich das Sofa einmal um die eigene Achse gedreht. Was folgen könnte, bleibt Mutmaßung, vielleicht Chris’ erster realer Schritt. Die weiße Bühne schweigt dazu; sie bleibt zurück, als sei nicht geschehen.

 

Night Time
von Selma Dimitrijevic
Regie: Lorne Campbell, Ausstattung: Jon Bausor, Licht Designer: Jon Clark, Musik: Philip Pinsky, mit: David Ireland, John Kazek, Kananu Kirimi, Benny Young.

www.traverse.co.uk

 
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