Wir wollen nicht effizient sein

von Anne Peter

Berlin, 13. März 2010. Er ist der geborene "Nö!"-Sager. Eine Wuchtbrumme mit Genervtheitsfuror. Ein rumpeliger Sympathie-Bolzen, der Bodenhaftung und Sturm-und-Drängertum vereint. Ein Elefant-im-Porzellanladen-Typ, dem das weiche Herz aus allen Poren dampft. Die Rolle des Tom Wingfield in Tennessee Williams' "Die Glasmenagerie" scheint auf Ronald Kukulies ebenso zugeschnitten wie das schmuddelige Feinripp-Unterhemd, das ihm überm sich wölbenden Bauche schlabbert.

Milan Peschel, der als ehemaliger Volksbühnen-Schauspieler einst in den Castorf-Abenden "Endstation Amerika" und "Forever Young" auf der Bühne stand, hat am Berliner Maxim Gorki Theater nun mit "Die Glasmenagerie" selbst einen Tennessee Williams inszeniert. Kukulies verkörpert darin in Hartz-IV-kompatiblem Multifunktionszimmer-Setting jenes Autoren-Alter-Ego, das sich an die Zeit der Wirtschaftskrisenjahre erinnert, in der die Familie allein mit seinem Job im Lagerhaus ernährt werden musste. Obwohl Tom doch eigentlich viel lieber Gedichte schrieb oder ins Kino ging.

... wo die Hoffnung von Anfang an danieder liegt

In Williams' 1945 uraufgeführtem Depression-Drama ist der Besuch von Jim die letzte Hoffnung für Amanda Wingfield und ihre beiden erwachsenen Kinder, dass das Leben noch einmal eine Kehrtwende machen könnte. Doch der Held ist angekratzt: Sechs Jahre nach dem Ende seiner glorreichen High-School-Zeit hat er es nicht viel weiter gebracht als Tom. Zwar besucht er einen Abendschulkurs – ob ihn das allerdings jemals in die erhoffte "leitende Position" katapultieren wird, ist mehr als zweifelhaft.

Peschel radikalisiert die Skepsis noch und degradiert den karrierebewussten Rhetorik-Büffler zum blässlichen Stotterer, der vor Hunger auch schon mal vorzeitig in die Brottüte der Gastgeberin langt, die ihn zur Brautschau eingeladen hat. Ob dieser Jim nun schon verlobt ist oder nicht, hier kann keine Welt mehr einstürzen – wo die Hoffnung von Anbeginn danieder liegt, tritt die ganze Erbärmlichkeit des Verkupplungsversuchs erst recht offen zutage.

Das minimiert einerseits die Fallhöhe und verschafft so dem zweiten Teil des Abends, in dem es deutlich ernster zugeht als in der durchlachten ersten Hälfte, kleinere Spannungsabsacker. Andererseits führt diese Lesart konsequenter ins helden- und hoffnungsarme Heute.

Du darfst nicht versagen!

Dabei macht sich Peschel nach Herzenslust, doch durchaus auch mit ernsthaftem Furor über die zeitgenössische Karriere-Paranoia lustig, die – gerade im Angesicht der Krise – nicht wenige erfasst. Cristin Königs Amanda wird unter dem Druck, die Tochter um jeden entwürdigenden Preis in einen Job oder an den (Ehe)Mann zu bringen, immer mehr zum nervlichen Wrack. Panisch versucht sie ihrem Sohn ein "Du darfst nicht versagen!" einzuhämmern und bricht in Heulkrämpfe aus, wenn die weiblichen Opfer ihrer Frauenzeitschriftsanpreisungen einfach den Telefonhörer auflegen. Den offenkundigen Heutigkeitsbezug inklusive Gesundheitswahn (Amanda: "Du rauchst zu viel!"), Sparwut und Medienkritik (Tom: "Die Leute rennen ins Kino, statt selbst was zu erleben.") muss Peschel da gar nicht mehr aufdringlich illustrieren.

Der Wirklichkeits-flüchtigen Tendenz aller drei Wingfields entsprechend und vor allem ob des selbstreflexiven Erzähler-Rahmens, ertönt neben den von Maike Rosa Vogel vertonten und sehr schön gesungenen Williams-Gedichten pathetisch aufdrehende Filmmusik. Die Schauspieler wechseln immer wieder ihre Film-entliehenen Kostüme, in denen verschiedene Bilder von American-Girls and -Boys aufleuchten, ist es doch der amerikanische Aufsteiger-Traum, dessen Scheitern hier ausbuchstabiert wird. Es sind, ganz buchstäblich, düstere Zeiten – dank Toms Stromrechnungs-Verschleppung spielt der letzte Teil weitgehend bei spärlicher Kerzenbeleuchtung.

Wohtuend wider den Strich gebürstet

Einmal mehr erweist sich Peschel, der in den letzten Jahren unter anderem als Inszenator hinreißenden Kindertheaters am Theater in der Parkaue in Erscheinung getreten ist, als einer der engagiertesten Exporteure Castorfianischer Theatermachart. Das Energielevel und die exzessive Spielfreude, die hier vor allem Kukulies und König an den Tag legen, erinnert doch sehr an das, was man am Rosa-Luxemburg-Platz derzeit so heiß und innig vermisst.

Kukulies liefert sich beim Aufhängen der väterlichen Fotografie eine Slapstickschlacht mit dem Sofa. Gnadenlos trocken ranzt er die Mutter an und grimassiert zur Beschimpfungsarie. Cristin König verschwindet hingegen kopfüber im Herd, wenn sie sich die Wut über Lauras Jobversagen buchstäblich aus dem Leibe putzt. Sie zerdeppert einen Tellerstapel, rennt danach noch zig-mal lautstark durch die Scherben und sticht die Zeigefinger zu einem Entrüstungsduell gegen ihren Sohn in die Luft. Dabei spielt König dem Gefühligkeitsklischee ihrer Figur entgegen und treibt sie in hysterische Verzweiflung.

Auch der schluffige Jim von Andreas Pietschmann und die gegen Ende überraschend Initiav-freudige Laura von Ninja Stangenberg geben wohltuend wider den Strich gebürstete Figuren ab. Laura ist es, die die wilde Knutscherei mit Jim anzettelt. Und als der strebsame Hanswurst sie kurz darauf wieder fallen lässt, hat sie das letzte Wort: "Gibt es denn nichts, wofür Sie sich mehr interessieren, als für alles andere?", wiederholt sie seine Frage. Ihre Antwort "wie ich schon sagte – habe ich – meine Glassammlung" ist eine Absage an die geforderte lebenspraktische Zielstrebigkeit, eine Feier des interesselosen Träumens.

In unserer Effizienz-begierigen Welt ist das nicht anders als subversiv zu nennen.


Die Glasmenagerie
von Tennessee Williams
aus dem Englischen von Jörn van Dyck
Regie: Milan Peschel, Bühne und Kostüme: Moritz Müller, Musik: Maike Rosa Vogel, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Cristin König, Ninja Stangenberg, Ronald Kukulies, Andreas Pietschmann, Maike Rosa Vogel (Gesang).

www.gorki.de

 

Der Schauspieler Milan Peschel hat seine ersten Regiearbeiten im Theater an der Parkaue herausgebracht, darunter auch eine höchst eigene Version des Erich-Kästner-Klassikers Das doppelte Lottchen im Mai 2008.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=_91Cot8_rw0&feature=channel}


Kritikenrundschau

Natürlich erinnern Ästhetik und Spiel von Milan Peschels "Glasmenagerie" auch Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (15.3.2010) an die "lange vergangenen, fröhlicheren Verzweiflungstheaterabende" Frank Castorfs, der "ohne Slapstickfrontmann Hübchen und seine würdigen Nachfolger (außer Peschel: Martin Wuttke und Alexander Scheer) (…) einsam, lustlos und unverständlich in irgendwelchen dunklen Wahrheitstiefen" herumgründle. Ohne diese "Castorf'schen Tiefen" sei die "fröhlich-undosierte Spiel-, Sturz- und Stolperwut" jedoch "von durchaus sympathischer", aber auch "ziemlich alberner Seichtheit" sowie zusätzlich getrübt "vom lieblich-quakigen Gesang Maike Rosa Vogels und vom Wissen, dass die Schauspieler das Peschel-Imitieren zwar ziemlich grandios auf die Bühne bringen, es aber mindestens einen gibt, der es noch ein bisschen besser könnte, nämlich Peschel". Trotz allem bestehe kein Zweifel daran, dass Peschel als Spieler wie auch als Regisseur "das Theater seiner weit verbreiteten selbstverliebten schlechten Laune immer wieder entreißen wird - vielleicht sind Stasi- und Psychodramen für solche Aufbrüche einfach nicht die geeigneten Vorlagen".

Christine Wahl vom Tagesspiegel (15.3.2010) möchte Bertolt Brecht, der das Stück "völlig idiotisch" fand, nicht widersprechen: Gender-Drolligkeiten und "Kitschfettnäpfe säumen die rührselige, autobiografisch gefärbte Story". Peschel entdecke in den Wingfields nun "eine hochnotkomische Prekariatsfamilie", die "Volksbühnensozialisation" könne man ihnen deutlich anmerken. Lustvoll schwinge sich Ronald Kukulies "von einer Slapstickeinlage zur nächsten", und Cristin König schaffe es, aus ihrer "schwierigen, verstaubten Rolle eine absolut heutige Unterhaltungskünstlerin herauszuholen". Man amüsiere sich also prächtig, "gern auch unter Niveau". Allerdings spüle Peschel "den bewährten Volksbühnenstil leider auch immer offensichtlicher weich". Die Figuren hätten "die ungebrochene Sympathie des Regisseurs für die sprichwörtlichen 'kleinen Leute'". Dass das "zwar menschlich angenehm, aber künstlerisch nicht gewinnbringend" sei, werde besonders an der Laura-Figur offensichtlich: Peschel lese diese "derart pur als Lichtgestalt", dass Ninja Stangenberg an der Komik nicht teilnehmen dürfe, sondern ihre Figur "eins zu eins mit befremdlicher Sittsamkeit und naturalistischem Hinken spielen muss". Die "Schlusspointe, dass unangepasste Menschen, die sich dem gesellschaftlichen Konformitätsdruck durch ineffiziente Hobbies entziehen, die Welt klarer sehen als alle Opportunisten um sie herum", sei schließlich "reiner Kitsch".

Peschel versuche Williams "mit geradezu verstörender Konsequenz" anders zu lesen als Brecht, meint Christoph Funke im Neuen Deutschland (15.3.2010). Angetan habe es ihm "das Spiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit", "zwischen Gegenständlichem, Fassbarem und dem nur Vorgestellten, Geheimnisvollen hinter den Dingen": "Bravheit, Wohlanständigkeit wird behauptet, und bricht unter Slapstick-Einlagen (...) zusammen. Urplötzlich verwandelt sich das bürgerlich Artige in die knalligen Effekte von Varieté und Music-Hall – und dann wird die Rückwand abgebaut, weggetragen, jeder Rest vertrauter Wirklichkeit verschwindet". Das "düstere Szenarium eines Untergangs" werde dem Stück "aufgebürdet wie ein schwerer Rucksack". Den Reiz des Abends mache Cristin Königs "furiose Gestaltungskraft" aus, deren Amanda "kein Geschöpf aus Fleisch und Blut, sondern ein Kunst-Produkt" sei, "eine Puppe, die sich immer von Neuem aufzieht – und eben doch auch ein Mensch, der bis zum Äußersten um seinen Platz im Leben kämpft". Ninja Stangenberg zeige "bewusst nicht das konventionell (…) überzarte Mädchen", sondern gebe "der hoffnungslos Eingeengten sogar einen Hauch Humor, einen Rest von Bindung ans Alltägliche".

 

 
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