Rollenfach: Welt

von Nicolas Stemann

Berlin, 9. Mai 2010. Liebe Margit, verehrte Damen und Herren,

die Jury hat mit der Entscheidung, den diesjährigen Berliner Theaterpreis an Margit Bendokat zu verleihen, eine großartige Wahl getroffen.

Wer sonst sollte diesen Preis bekommen?

Wer, wenn nicht eine so tolle Schauspielerin wie Margit Bendokat, die das Theater der letzten Jahre und Jahrzehnte auf so zentrale Art mitgestaltet hat? Und wenn man sich ihre Vita anguckt, all die wichtigen Rollen, Inszenierungen und die schier endlose Liste von Namen legendärer Theaterkünstler, mit denen sie beruflich und zum Teil auch privat verbunden war, dann gewinnt man den Eindruck, sie habe als Schauspielerin die Umsetzung der wichtigsten Theatervisionen der letzten Jahre und Jahrzehnte nicht nur geprägt, sondern geradezu ermöglicht.

Dafür kann man durchaus schon mal einen Preis springen lassen.

Es scheint nicht sehr schwer zu sein, Margit ein Loblied zu singen. Über sie zu sprechen und von ihr zu schwärmen ist eins. Nun ist Margit aber auf eine so entwaffnende Art bescheiden und berlinerisch unsentimental, dass ich davor zurückschrecke, allzu sehr ins Schwärmen zu geraten auch wenn sich Anlass hierfür genug findet.

Aber wird man ihr und dem, was sie als Schauspielerin ausmacht, damit wirklich
gerecht?

Ich habe keine wirkliche Ahnung, wie sie das macht und muss es auch nicht wirklich wissen. Das, was die Größe und Einzigartigkeit eines Schauspielers ausmacht, ist ein Geheimnis, oft sogar für den Schauspieler selbst.

Eine Welt erschaffen

Ich weiß nur so viel: Scheinbar ohne Aufwand, scheinbar mit ihrer bloßen Anwesenheit auf einer Bühne, erschafft Margit Bendokat eine Welt. Man hat dabei den Eindruck, als würde sie gar nicht viel tun, als würde sie bloß Texte aufsagen, oder sie rufen, als würde sie einfach nur stehen, wenn sie steht, gucken, wenn sie guckt. Und dennoch ist sie eine Welt.

Dabei ist nicht unbedingt dezent. Ihr Spiel ist ja alles andere als naturalistisch (obwohl sie das sicher auch kann). In großer Form wird Text Richtung Publikum deklamiert, alles ist ohne Scham übertrieben, jede Bewertung, jeder Schritt scheinen überartikuliert, dabei aber nie hohl oder manieriert.

Auf Proben wird einem schon mal der Kopf weggeblasen, wenn Margit sich einfach so in irgendein Geschehen hineinwirft und loslegt - auch ganz ohne die Absicherung durch irgendeine Figur oder eine definierte Situation. Nicht viele Schauspieler können das mit einem solchen Mut, einer solchen Lust am Risiko: Etwas spielen, ohne vorher zu wissen, wo es herkommt oder worauf es hinausläuft - und dabei dennoch klar zu bleiben. Und immer mit dem Herzen dabei. Genau - ohne dogmatisch zu sein. Menschlich ohne zu menscheln. Gefühlvoll ohne in Sentimentalität zu ertrinken. Und das Ganze auch gerne laut. Man soll sich von Margits zarter Erscheinung, ihrem Ausdruck zwischen mädchenhafter Schüchternheit und mütterlicher Güte nicht täuschen lassen. Wenn man sie so anschaut kann man sich kaum vorstellen, mit welcher Unverwüstlichkeit und welcher Ausdauer sie Text brüllen kann.

 

bendokatMargit Bendokat auf der Probe zu "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" © Arno Declair

Wie auch immer sie das tut, was sie da tut: Es entsteht eine Welt.

Das, was schnell wie ein abgegriffenes Klischee klingen mag – "wenn sie spielt entsteht eine
Welt", entspricht in Margits Fall einfach der Wahrheit und ist ganz konkret wahrnehmbar:

Wenn sie in einer Inszenierung, in einem Bühnenbild, in einem Stück, auf einer Bühne steht - dann steht da nicht einfach eine Schauspielerin, die sich als weitere Figur in diese ganzen Elemente einfügt, nein, dann steht da eine Wirklichkeit, etwas, das von jenseits des Theaters
zu kommen scheint, von jenseits des Stückes, von jenseits der Inszenierung. Etwas, das es aus irgendeinem Grund geschafft hat, diese hermetischen Kunst- und Theatermauern zu durchbrechen, und das durch sein bloßes Auftreten alles in Frage stellt, was bisher dort stattgefunden hat.

Und so habe ich Margit bisher denn auch immer besetzt: nicht als eine Figur, nicht als die Darstellerin eines Menschen, sondern als die Darstellerin einer Welt, eines ganzen Kosmos.

Seit einiger Zeit ist es Mode im Theater, Dinge, Menschen auf Bühnen zu stellen, die nicht aus dem Theaterkontext stammen: Tiere oder Eisenbahnschaffner oder echte Hartz-IV-Empfänger, die man dann als das Authentische bestaunt und dabei oft die eigentliche Pointe gar nicht mitkriegt, dass nämlich die Theatralisierung des Theaterfernen diesem die angestrebte Authentizität geradezu austreibt, und sich diese Abkürzung in die Wirklichkeit im Theater schnell als große Lüge entlarvt. So nachvollziehbar die Sehnsucht nach Schaffnern, Kinder, Haftentlassenen im Theater auch ist - all das ist gar nicht nötig, wenn man Margit hat!
Dabei kommt sie nicht von außen, sie entstammt ja als Schauspielerin dem Zentrum des Theaters. Und sprengt dennoch Raum und Rahmen.

Die Welten, die Margit bislang in meinen Inszenierungen spielte, waren immer jeweils denen entgegengesetzt, die die Inszenierung bis dahin behauptet hatte. Das hatte den (beabsichtigten) Effekt, dass alles, was bisher hergestellt wurde: vom Text, von den anderen Spielern, von der Inszenierung, von mir selber - in ein völlig neues Licht geriet, relativiert oder in sein Gegenteil verkehrt wurde. Toll genug, dass so etwas im Theater möglich ist - kaum zu glauben, dass eine einzige Schauspielerin mit ihrem bloßen Auftritt dazu in der Lage ist. Margit kann das.

Meine Inszenierungen mit Margit lassen sich tatsächlich in zwei Teile einteilen: in den Teil vor ihrem Auftritt, und den danach.

Vor Margit und nach ihr

In der "Heiligen Johanna" etwa findet der erste Teil im Innern des Theaters statt, alles ist Kunst, Show, Unterhaltung, über das Außen wird zwar geredet, doch kommt es nur als Zitat vor, als Zeichen, als Abwesendes - wie ja oft im Theater. Im zweiten Teil wird all dies dann allein durch Margits Auftritt von einem gesellschaftlichen oder historischen Außen konterkariert. Da weht auf einmal etwas durch den Raum, das die verlogene Bequemlichkeit ganzer Theatergenerationen spürbar macht. Margit hat es hergestellt.

Bei "Über Tiere" ist es glaube ich genau andersrum: hier entfaltet sich zunächst ein (Geschlechter-)Diskurs, der dann durch Margits Darstellung einer alternden und sterbenden Frau so massiv mit Welt konfrontiert wird, dass alle einfachen Gewissheiten in einer Explosion weggefegt werden. Und am Ende bleibt nur der Wunsch nach Liebe und Erlösung, und das in einem Stück von Elfriede Jelinek. Auch das hat Margit geschafft.

Wer sich nicht einlassen kann auf eine solche dialektische Schwebung - sprich: wer nicht denken will - fliegt an diesen Stellen raus. So ging etwa ein Berliner Kritiker dem Kampf Margit versus Inszenierung so sehr auf den Leim, dass er schrieb, ich würde in der "Heiligen Johanna" tatsächlich Margit Bendokat ermorden wollen oder zumindest dazu aufrufen!
Natürlich habe ich nicht dazu aufrufen wollen, liebe Margit. (Das wollte ich hier nur noch mal richtig stellen).

(Margits Kommentar hierzu lautete übrigens: Ach weeste, ick les dat ja sowieso gar
nich erst).

Der Kritiker war wohl von Margits Auftritt so irritiert, dass ihm in panischer Suche nach Halt jenseits vom Selber-Denken-Müssen die ganze Dialektik ihres Auftritts entgangen war. Das Politische daran. An Margit lag das sicher nicht.

Der Mensch in Beziehung zur Realität

Soweit ich es überblicken kann, war Margits Haupt-Betätigungsfeld als Schauspielerin nie ein Theater, dem es wesentlich um die feine Auslotung sensibler bürgerlicher Seelenpein ging - sondern immer eines, das sich experimentell, existentiell und mutig in Gesellschaft, Politik und Geschichte geworfen hat.

Sich im Theater mit Politik und gesellschaftlichen Realitäten zu beschäftigen ist ja, wie wir wissen, nicht ganz einfach und bedeutet immer eine besondere Aufgabe für einen Schauspieler, der als Mensch auf der Bühne zunächst ja keine abstrakten Dinge sondern Menschen darstellt. Das bürgerliche psychologische Theater lässt den Menschen nach innen klappen und hermetisch einschnappen. In einem Theater, das sich politisch orientiert und positioniert, geht es, wenn wir es nicht mit bloßen Parolen zu tun haben wollen, natürlich auch um den Menschen, aber anders: es geht um den Menschen in Beziehung zur ihn umgebenden gesellschaftlichen Realität, das heißt, es geht darum, die Schnittstelle auszuloten zwischen diesem subjektiven Innen und einem gesellschaftlichen politischen Außen, die Spannungen zwischen diesen beiden Polen, die durch den einzelnen Menschen hindurchgehen, ihn belasten und zerreißen.

Diese Schnittstelle transportiert Margit auf eine ganz besondere Art, es ist, als dächte sie immer beides mit, Innen und Außen, als spielten ihr Körper, ihre Stimme nie nur eines der beiden.

Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass Margit dieser Preis gerade jetzt zuerkannt wird, zu einer Zeit, da die Theater aus einem langen Schlaf der Innenschau zu erwachen scheinen und sich wieder ein wenig offensiver - wenn vielleicht auch viel zu spät, zu leise oder zu hilflos - für gesellschaftliche Realitäten zu interessieren beginnen. Denn ein Theater, das sich für die sie umgebende Welt interessiert, braucht Schauspielerinnen wie Margit. Wenn sie auftritt, dann gibt es nicht einfach eine weitere Figur mit Seelenpein und sensiblen Gefühlen - dann ist das politisch!

Mag sein, dass das noch von ihrer Zusammenarbeit mit Heiner Müller komme.
Oder von Gosch.
Oder von - die Liste ist wie gesagt lang.

Denn in Margit begegnet uns erlebte Geschichte, und das heißt in ihrem Falle immer
auch: Theatergeschichte!

Diese ganze geballte Ladung Theatergeschichte

Und so ist sie neben all dem, von dem ich bislang gesprochen habe, auch noch ein
wertvoller Erinnerungsschatz für das heutige Theater. Ihr Spiel ist ein lebendes, lebendiges Gedächtnis der Theateravantgarden der letzten Jahrzehnte, ein vitaler Setzkasten historischer Theaterformen.

In dem wir natürlich Brecht finden, dem sie persönlich zwar gar nicht mehr begegnet ist, erstaunlicherweise auch nur wenige seiner Stücke gespielt hat, der sie aber doch sehr geprägt haben muss. Viele Brecht-Vertraute waren ihre Lehrer, Käthe Reichel zum Beispiel, sie bewegte sich von Anfang an in einer von Brecht geprägten Theaterlandschaft. Und das merkt man. Zum Glück.

Dann natürlich Heiner Müller - und hier weiß ich gar nicht, ebenso wie bei Einar Schleef, wer da eigentlich wen beeinflusst hat. Hat Margit wirklich bei Schleef das zärtlich-differenzierte Brüllen und Rufen gelernt? Oder ist das etwas, was aus Schleefs Form geworden ist dadurch, dass er mit Margit gearbeitet hat? Heiner Müller, so erzählt man, ließ sich seine Texte immer gerne von Margit vorlesen, weil er sie erst dann wirklich verstand. Das glaube ich sofort. Wenn sie Texte spricht oder brüllt oder deklamiert, dann versucht sie die Energiezentren dieser Texte auszuloten - da gibt es kein Irgendwie, da gibt es nur klare, vielleicht warme, aber brutale Eindeutigkeit.

Gerade Texten, deren Eindeutigkeit in ihrer Mehrdeutigkeit liegt, wie etwa die Texte Elfriede Jelineks, tut das unglaublich gut.

Die Liste der lebendigen Theatergeschichte, die Margit umweht, ist freilich noch um ein Vielfaches länger: B.K. Tragelehn, Benno Besson, Alexander Lang, Frank Castorf, Jürgen Gosch, (wir nähern uns allmählich der Gegenwart) Konstanze Lauterbach, Dimiter Gottscheff... kaum ein wirklich interessanter Theatermacher, der in ihrer Vita fehlt, und es sind die Experimentatoren, die Suchenden, die "Verrückten" wie Margit selber sagt, die diese Vita prägen. (Die Konventionshüter, die Bewahrer des Status quo, die Beschützer des Mittelmaßes und des Publikums-Konsens gehören auffälliger- und sympathischerweise nicht zu den prägenden Persönlichkeiten ihres Lebenslaufs.)

Wenn Margit heute in einer Inszenierungen also scheinbar "nur" rumsteht und es wieder einmal schafft, eine Welt zu sein, dann steht diese ganze geballte Ladung Theatergeschichte dort mit herum. Was kann es größeres für einen Regisseur geben! Und trotzdem steht sie auf ihren Füßen, und die sind auf der Erde, trotzdem ist sie unglaublich nett und so unkompliziert, dass es einem gar nichts nützen würde, in Ehrfurcht zu erstarren - im Gegenteil käme sicher sofort ein Spruch um die Ecke berlinert, der alles wieder erden und den Erstarrenden beschämen würde ob des lächerlichen Pathos seiner Ehrfurcht.

Wenn man sich all dies vor Augen führt, mutet es ausgesprochen absurd an, dass der heutige Theaterpreis tatsächlich die erste wichtige Auszeichnung ist, die Margit Bendokat als Schauspielerin in ihrem ganzen Leben verliehen wird. Das ist eigentlich ein Skandal und kaum zu glauben.

Um so mehr, liebe Margit, gratuliere ich Dir von ganzem Herzen zu Deinem ersten
Theaterpreis. Mögen noch viele folgen!

Vielen Dank.


Von der Verleihung des Berliner Theaterpreises an Margit Bendokat berichtet auch der nachtkritik-Redaktionsblog samt Sound-Files der Dankesrede von Bendokat und Nicolas Stemanns musikalischer Gratulation am Klavier mit Udo Lindenbergs "Mädchen aus Ostberlin".

 

 
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