Geld essen Seele auf

von Klaus M. Schmidt

Krefeld, 12. Juni 2010. Ein großes Regal mit vier schiefen Böden, an die acht Meter hoch. Hier hocken sie manchmal ganz verloren wie Püppchen, die berühmten Figuren aus Thomas Manns Roman "Die Buddenbrooks". Der Konsul und seine Frau, ihre Kinder Tony, Thomas und Christian. Regisseurin Bernarda Horres nimmt in ihrer Inszenierung von John von Düffels Dramatisierung des Romans die Püppchen aus dem Regal und jagt ihnen auf der Bühne davor den Staub aus den Kostümfalten. Hier wird nicht mehr das Bürgertum melancholisch verabschiedet, hier wird manchmal derb, manchmal komisch und am Ende tragisch die emotionale Verkrüpplung der Menschen durch die Diktatur der Ökonomie vorgeführt.

Gruselig-burleskes Vorspiel
In der Woche vor der Premiere hat Jens Pesel, scheidender Intendant des Gemeinschaftstheaters Krefeld Mönchengladbach, mit Rückblick auf seine 14-jährige Amtszeit in der Lokalpresse bedauert: "Wir hätten uns mehr trauen müssen." Nun kann er sich freuen, dass diese Inszenierung noch in seine Amtszeit fällt. Denn Bernarda Horres hat sich etwas getraut: Eine derart brutale Zuspitzung eines Stoffs gab es an diesem Theater schon lange nicht mehr.

Der Konsul (Joachim Henschke) ist ein grobschlächtiger Neureicher, der genau weiß, wann und wo er sich die Finger schutzig gemacht hat. Gelockerter Schlips über halb geöffnetem Hemd, eine recht fiese Baritonlache und die Al-Bundy-Hand im Schritt oder grapschend am Hinterteil der Gemahlin: Der Vater als Macho, der ohne Skrupel seine Tochter Tony (Esther Keil) an den Gecken Grünlich (Ralf Beckord) verschachert. Er entzieht sie ihm wieder, als Grünlich vom alerten Bankier Kesselmeyer (Frederik Leberle) in den Bankrott getrieben wird: Das gruselig-komische Vorspiel zur Tragödie des Buddenbrook-Sohns Thomas.

Das Joch der Pflichterfüllung
Christopher Wintgens als Thomas wird schließlich zum Antihelden des Abend – in seinen Widersprüchen, Befangenheiten, Ressentiments, seinem hoffnungslosen Versuch, im Erfolg der Firma sein persönliches Heil zu finden, in seiner Unfähigkeit, die Fehler und Nachlässigkeiten der Familienmitglieder zu kompensieren. In seinem Scheitern spiegelt sich das Scheitern der ganzen Kaufmannsfamilie, obwohl er sich dem Joch der Pflichterfüllung am meisten unterwirft.

Wintgens ballt die Fäuste, um nicht zu platzen, tänzelt vor Anspannung. Die Aggressionen steigen in ihm hoch, während er krampfhaft um Contenance ringt. Gleichzeitig ist Wintgens auch ein abgebrühter Pragmatiker. Ohne Umstände fischt er dem gerade tot erstarrten Vater das Testament aus dem Jackett. Die Geschäfte müssen schließlich weitergehen. (Fast) sympathisch jungenhaft freut er sich, als er mit Gerda (Floriane Kleinpaß) nicht nur eine schöne Braut, sondern mit ihr auch für die "Firma einen bedeutenden Kapitalzufluss" erobert hat. Kein Gefühl, das nicht von Anfang an bereits vom Geld korrumpiert ist.

Verlorene im Raum
Die Inszenierung ist sehr körperlich, raumbezogen. Dialogpartner werden mit maximalem Abstand voneinander platziert. Ihr Gegeneinander-An- oder Aneinander-Vorbeireden muss so den Raum füllen. Vor allem die Männer des Ensembles nutzen die Breite der Bühne auch zu langen Anläufen für kurz-heftige Attacken. Ensembleszenen sind so geschickt arrangiert, dass man die Individuen in der Weite des Raums stets auch in ihrer Vereinzelung wahrnimmt.

"Ich sehne mich nach einem Zuhause", das sagt einmal beinahe am Rande Christian Buddenbrook (Ronny Tomiska), das schwarze Schaf der Familie. Der hypochondrische Zucker und in seinen eigenen Geschäften immer wieder Scheiternde hat noch den besten Kontakt zu seinen Gefühlen. Und so darf er mehrmals auf einem Klavier hinter dem Regal Debussys "Claire de Lune" als Sehnsuchtsmotiv in die Handlung tropfen lassen.

Spirale der Verrohung
"Genug!" brüllt am Ende Thomas, als auch noch das schöne Haus der Familie verkauft werden muss. Und dann ist es auch genug. Die Spirale der Verrohung und der Verluste ist zu einem Ende gekommen, den Tod des letzten Stammhalters Hanno, der im Roman das Familienende markiert, muss man nicht mehr zeigen.

Bernarda Horres, die einst als Regieassistentin von Einar Schleef in Frankfurt am Main begann, und bisher an den Theatern Dresden, Oberhausen, Darmstadt, und Heidelberg inszeniert hat, wurde in Krefeld bisher für ihre präzisen wie einfühlsamen Psychogramme geschätzt. Für die "Buddenbrooks" hat sie nun einmal das Skalpell in die Hand genommen. Alles Bürgerliche hat sie ihren Figuren weggeschnitten, und ihre Geldseelen offengelegt. Ein fesselnder Abend.

 

Die Buddenbrooks
von John von Düffel, nach dem Roman von Thomas Mann
Regie: Bernarda Horres, Bühne: Anja Jungheinrich, Kostüme: Stephanie Geiger, Dramaturgie: Ulrike Brambeer.
Mit: Ralf Beckord, Joachim Henschke, Esther Keil, Floriane Kleinpaß, Ines Krug, Frederik Leberle, Ronny Tomiska, Christopher Wintgens und Crispin Neumann.

www.theater-krefeld.de

 

 

Kritikenrundschau

Die Regisseurin Bernarda Horres verdichte die von John von Düffel "komprimierte Vorlage" in ihrer Krefelder "Buddenbrooks"-Inszenierung noch weiter, schreibt Petra Diederichs in der Rheinischen Post (14.6.2010). Sie richte "ihre Lupe vor allem auf den Mikrokosmos" und blende das Thema der wirtschaftlichen Krise aus. Stattdessen messe sie "den Druck, der im Inneren des Hexenkessels Familie erzeugt wird - durch die Erwartungen, die jeder an die anderen stellt, aber auch an sich selbst". So sehe man nicht mehr "Thomas Manns hanseatische Kaufmannsdynastie", sondern "die Buddenbrooks von nebenan". Der Konsul sei hier auch "kein würdiger alter Herr, sondern ein Boss mit fleischlichen Gelüsten", seine Frau "kichert, reagiert hysterisch und zeigt ihre Hilflosigkeit". Die Regisseurin führe die "Einsamkeit hinter der Fassade wirtschaftlicher Sorglosigkeit vor: Die Kinder, die dem Wind der Wirklichkeit nicht standhalten". Thomas Zweifel an Gerda und seine Ängste vor dem Konkurrenten lasse Horres weniger dezent als im Roman "in Gewalt kulminieren" - eine "Übersetzung in die Familien des 21. Jahrhunderts". Esther Keils Tony habe jedoch "den größten Freiraum zur Entwicklung", da stimme "jeder Wimpernschlag".

Wenn Konsul und Konsulin auf dieser Bühne sterben, "bleiben sie wie Mahnmale auf der Bühne liegen oder sitzen, reglos, wie versteinert". So beschreibt es Christoph Elles in der Westdeutschen Zeitung (14.6.2010). Wer bei Horres nicht vorn "gegen die Einsamkeit anspielt, spukt durch die drei Stockwerke des Hauses oder bleibt im Dunkeln dahinter erahnbar". Bühnenbildnerin Anja Jungheinrich habe die Villa Buddenbrook "als schiefes Skelett eines Gebäudes entworfen, in dem es keine privaten Winkel gibt. Jedes Gefühl, jeder Blick ist sichtbar, die Figuren sind nackt". Die Regisseurin lasse ihre Darsteller "mit großer Körperlichkeit agieren: Sie attackieren sich aggressiv, bedrängen sich sexuell, boxen sich spielerisch, kichern, schreien wie Affen". Horres lege die "Krankheitsherde in dieser Familie gnadenlos frei: Ihre Inszenierung ist eine grausame Autopsie am lebenden Objekt". Die Schauspieler wiederum ließen "diese schmerzhafte Prozedur zu, sie stellen sich mit großer handwerklicher Präzision und emotionaler Hingabe in den Dienst der Inszenierung". Der "konzentrierte, gewaltsame und irritierende" Abend habe dem Roman "etwas voraus: Intensität und Direktheit". Den Niedergang einer Familie, den Thomas Mann "quälend langsam schildert, erlebt man hier wie einen Unfall ohne Knautschzone".

 

 
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