luthersocke

 

Oberammergau des Protestantismus?

von Georg Kasch

Wittenberg, 13. August 2010. Irgendwie verständlich, dass die Wittenberger ihren Luther von Zeit zu Zeit gerne vom Sockel holen. So einen Geschichts-Star tagein tagaus vor der Nase zu haben, kann auch auf den Keks gehen. Gerade treten auf dem Marktplatz statt des berühmten Schadow'schen Standbilds 800 kleine Kunststoff-Luther von Ottmar Hörl (der mit den Dürer-Hasen und Hitlergruß-Gartenzwergen) zum farbenfrohen "Hier stehe ich..."-Rapport an.

Aber auch sonst erinnert man sich im Zentrum der Reformation gerne Luthers weltlicher Seiten – mit Luthers Hochzeit etwa, dem großen Volksspektakel. Und versucht, mit Luther-Bier, Luther-Brot und Luthersocken mit dem Genussmenschen, weniger mit dem Reformator klingende Münze zu machen.

Fäustelnd gereimte Luther-Story
Da ist Luther als Held eines Sommertheater-Komödienkrimis nur ein weiterer Baustein der heiteren Mythos-Dekonstruktion. In Frank Wallis' "Jagd auf Junker Jörg", von der Bühne Wittenberg im Garten des historischen Melanchthon-Hauses losgetreten, muss sich Luther als sinnenfreudiger Kartenklopp-Kumpel von Philipp Melanchton gegen weibliche Zudringlichkeiten und ein Mordkomplott zur Wehr setzen.

Doch eigentlich geht es gar nicht um Luther. "Jagd auf Junker Jörg" ist eine jener Geschichts- und Klassiker-Parodien, an denen man kaum herummäkeln kann, weil sie jeden möglichen Einwand schon selbst erheben. Hier wird Theater auf dem Theater gespielt – "wie ich das hasse", stöhnt der Regisseur, der sich als eitler Provinz-Castorf gebärdet und mit jeder im Ensemble was hatte. Also mit allen beiden.

Der Kultur fehlt das Geld, und damit das Sommerspektakel nicht ausfallen muss, wird eben mit nur fünf Schauspielern in allen Rollen und Gewerken geprobt – live. Ständig bricht in die fäustelnd gereimte Luther-Story die vermeintliche Wirklichkeit ein, was in Sachen Gag schon die halbe Miete ist. Und wenn der Regisseur eben noch vom Schleef'schen Chor-Krawall träumt, dann aber als Friedrich der Weise ungehemmt in den bebenden Großmimen-Ton à la Gründgens verfällt, hat auch der Bildungsbürger was zu lachen.

Mimen in Missionarsstellung
Zwischen Glühweinbude und Dixiklo spannen sich Absperrbänder auf Suse Tobischs krisengerecht recycelter Open-Air-Bühne. Zwei Türen und eine Drehwand klappern vor sich hin; davor werden Kalauer im Dutzend serviert. Aus der Hüfte geschossene Luther-Coolness à la "Wacka wacka Thesen schlagen macht man nicht auf leeren Magen" prallt auf "Theologie auf dem Theater? Mimen in Missionarsstellung" und sonstigem unter der Gürtellinie.

Denn eigentlich geht es gar nicht um Luther und seinen (historisch verbürgten) Kurztrip von Eisenach nach Wittenberg unter dem Decknamen des Junker Jörg, sondern um die seit Menschengedenken weit wichtigere Frage, wer mit wem schlief. Beste Commedia dell'arte-Tradition sozusagen, durch die sich die fünf Schauspieler grell geschminkt spektakeln, mit obszönen Großgesten, vorgeschnallten Körperteilen, Tempo und lautstarkem Hallo. Daran, dass es sich bei der "Jagd" um einen Krimi handeln soll, wird man erst im zweiten Teil der guten zwei Stunden erinnert, als römische Mönche Luther ermorden wollen und plötzlich eine Leiche auftaucht.

Dekonstruktivistischer Größenwahn
Da hat die Spannung allerdings einen bedenklichen Tiefpunkt erreicht. Nach dem temporeichen Beginn ermüden die immergleichen Fäkal- und Sex-Witzchen, wirken die running gags (der übliche Zusammenprall mit dem Türsturz etwa oder das vermasselte Schneien mit Papierschnipseln) allmählich fad. Dazu entfacht Wallis einen Autorendiskurs, der zunächst auf einen der Schauspieler verweist, dann aber den mysteriösen Verfasser im Zwielicht durch die Figuren sprechen lässt. Etwas viel dekonstruktivistischer Größenwahn für eine Sommerkomödie...

Weil wirklich jeder mögliche Kritikpunkt schon im Stück durchgekaut wird, bleibt David Ortmann, Jahrgang 1986 und Regieassistent in Dessau, lediglich übrig, das Ganze zu befeuern. Von den im Programmheft mit seinen launigen E-Mail- und Programmheft-Dialogen angekündigten Strichen ist allerdings zu wenig zu spüren. Da helfen auch die Parodien auf Luther-Songs wie "Ein feste Burg ist unser Gott" nichts: Ein "Oberammergau des Protestantismus", wie von den Veranstaltern behauptet, wird so aus Wittenberg nicht. Nicht mal in der "Das Leben des Brian"-Version.


Jagd auf Junker Jörg (UA)
von Frank Wallis
Regie: David Ortmann, Ausstattung: Suse Tobisch, Lichtdesign: Wencke Bachmann.
Mit: Haye Graf, Frank Roder, Silke Wallstein, Tina Rottensteiner und Dirk Böhme.

www.buehnewittenberg.de

 

Im vergangenen Jahr war der Reformator in Hannover Gegenstand von Peter Ries' szenischer Collage Luther 2009.

 

 
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