Grimmelshausens Einsatzgebiet

von Esther Slevogt

Berlin, 4. November 2010. Schon durchs Foyer wummert ein Ton, der Böses verheißt. Auf der Bühne, wo kaum mehr steht als ein Spind aus grauem Blech und ein Pult mit drehbarer Tischfläche (auf die ab und zu mit abwischbarem Edding Verdeutlichendes skizziert wird), tauchen bald fünf Damen auf. Alle mit dem gleichen kalten Servicelächeln ins Gesicht gefroren. "If you have a real problem leave it to real professionals" sagen sie immer wieder und lächeln dann noch einmal besonders zuvorkommend.

Die "real problems", die hier, in der kleinsten Spielstätte des Berliner HAU, von den Damen mit dem sexy Hüftschwung angesprochen sind, hätte man früher deutlicher benannt: Bürgerkriege, Putschversuche, ja kriegerisch ausartende Konflikte überhaupt, deren gewaltsame Lösungen (oder Intervention) bis vor wenigen Jahren noch unter das Gewaltmonopol einzelner Staaten fielen und nun, in diesen neoliberalen Zeiten outgesourct und aus Kostengründen an private Sicherheitsfirmen delegiert worden sind. "If you have a real problem leave it to real professionals" eben.

Kostengünstige Kriegsdienstleistungen überall

Nationale Berufsarmeen sind teuer und belasten die klammen Staatshaushalte. Auch Verteidigungsminister zu Guttenberg denkt ja über die Abschaffung der Wehrpflicht nach. Privatwirtschaftliche (also nicht im Sinn einer Staatsraison operierende) Kriegs-Dienstleister arbeiten hier, das erfahren wir bei Kroesinger, billiger und effektiver. Der Abend präsentiert immer wieder eindrucksvolle Beispiele aus internationalen Krisenregionen, wie Konflikte kostengünstig in kürzester Zeit gelöst worden sind, dass man sich gelegentlich Augen reibend fragt, ob hier eigentlich nicht heimlich ein leises Loblied auf "Blackwater" und Konsorten gesungen wird.

Denn die Faszination für deren chirurgisch präzise Einsätze und Logistik beim Kampf gegen Guerillas, Putschisten und Aufständische an sich überrumpelt immer wieder die Absicht des Abends: nämlich den Finger in die Wunde zu legen, dass die immer populärer werdende Delegierung militärischer Konflikte an privatwirtschaftlich strukturierte Kriegsdienstleister nicht nur die Souveränität der Staaten langfristig aushöhlt, sondern auch zu einer brisanten Verselbstständigung dieser Konflikte führt.

Verwertungskreislauf freigewordener Ressourcen

"Blackwater" heißt die neue theatralische Krisenlektion von Hans-Werner Kroesinger, nach dem berüchtigtsten privaten Sicherheitsunternehmen benannt, das inzwischen wegen äußerst schlechter Presse seinen Namen in das etwas kryptisch technoid klingende "Xe-Services" geändert hat. Es geht aber auch um andere Unternehmen mit gleichem Geschäftsfeld: Krieg. Der Abend hat drei Teile: im ersten wird die Genese dieser Firmen seit 1989 geschildert, als mit dem Ende der Apartheid in Südafrika die überflüssig gewordenen Streitkräfte als Söldner von einer privaten Sicherheitsfirma aufgefangen wurden, die fortan in anderen Teilen Afrikas kriegerisch aktiv waren. Bald entstanden auch in den Vereinigten Staaten militärische Zeitarbeitsfirmen, die ihre Ausrüstung aus den nach Ende des Kalten Kriegs freigewordenen gewaltigen Ressourcen speziell im ehemaligen sowjetischen Machtbereich einkauften.

Die lächelnden Damen schnurren ihre Furcht erregenden Referate, beispielsweise zu der Entlohnung der Söldner-Firmen mit Diamantenschürfrechten in Sierra Leone (Blutdiamanten!) ab wie Produktinformationen. Das Wort "US-Dollar" sprechen sie dabei meist besonders freundlich lächelnd aus. Und wir wissen, das ist jetzt besonders böse gemeint.

Stuhl-Wurfgeschosse und Theaterersatzhandlungen

Im Hintergrund werden die Lammellen eines weißen Vorhangs immer mal wieder bedrohlich langsam geöffnet und geben kurze Blicke frei auf eine Kommandozentrale mit riesigen Satellitenbildern eines fiktiven Einsatzgebiets. Und eine enorme Formation aus hölzernen Klappstühlen, die bald die Hauptrolle des Abends übernehmen: als schnurgerade ausgerichtete Stuhlarmee, die einzeln immer wieder als abrupt durch die Gegend geworfene Geschosse dienen oder von den Damen per Handstreich umgemäht werden können.

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Svenja Wasser im Einsatz
© David Baltzer/bildbuehne.de

Und während man noch darüber rätselt, ob hier die Ambivalenz, mit der die kriegerischen Aktivitäten der Privaten gegen unprofessionelle wie überteuerte Einsätze (beispielsweise von UN-Truppen) ausgespielt werden, eigentlich Methode hat, sind wir plötzlich im Dreißigjährigen Krieg gelandet. Es kommen Texte aus den Aufzeichnungen des Söldners Peter Hagendorf, neben Grimmelshausen das wichtigste Zeugnis aus dem Dreißigjährigen Krieg. Nüchtern, fast naiv werden Kriegsgreuel und das Sterben von Frauen und Kindern geschildert. Gelegentlich stimmt das Kroesingersche Damenquintett (Judica Albrecht, Ariella Hirshfeld, Ana Kerezovic, Nicola Schößler und Svenja Wasser) dabei Söldnerlieder aus dem großen Religionskrieg an, als ginge es um eine Bewerbung für Peter Steins nächsten Wallenstein.

Gut, wir wissen dann, dass schon im Dreißigjährigen Krieg die wesentlichen Verheerungen von Söldnern angerichtet wurden. Bloß, was haben wir davon? Eine dramaturgische Linie lässt sich nicht ausmachen an diesem zusammengestückelten Abend über ein so wichtiges Thema. In Teil drei werden dann hauptsächlich Stühle geworfen, als Kriegs- und Theaterersatzhandlung. Aufklärung durch Dokumentation und die Herstellung zwingender Zusammenhänge, was die besten Kroesinger-Abende so oft in atemberaubender Weise zu leisten verstehen, ist was anderes.

 

Blackwater. Private Military Companies
von Hans-Werner Kroesinger
Regie: Hans-Werner Kroesinger, Ausstattung: Valerie von Stillfried, Recherche: Regine Dura.
Mit: Judica Albrecht, Ariella Hirshfeld, Ana Kerezovic, Nicola Schößler, Svenja Wasser.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Mehr zu Hans-Werner Kroesinger: zuletzt besprachen wir CAPITAL politics, ein Abend, in dem er sich der Familie Flick widmet.

 

Kritikenrundschau

Als "kluge, unterkühlte, ziemlich beunruhigende Inszenierung" beschreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (6.11. 2010) den neuen Kroesinger-Abend. Der Dokumentartheaterregisseur verzichte auf grelle Bilder. Vielmehr untersuche er "in einer so spröden wie genau recherchierten Inszenierung", wie das Geschäftsmodell funktioniert. Die Bühne sei ein nüchterner Konferenzraum. "Das Personal: fünf kultivierte Damen in Business-Kostümen. Hier ist der Krieg nicht laut, schmutzig und brutal, sondern ein professionell abgewickeltes Geschäft in einem expandierenden Markt. Und funktionieren kann es nur, weil die Militär-Unternehmen als Dienstleister gegenüber konventionellem Militär konkurrenzfähig sind: effizienter, billiger, der politischen Kontrolle entzogen, rücksichtsloser. Zum Beispiel die von ehemaligen südafrikanischen Militärs gegründete Firma 'Executive Outcomes', die Bürgerkriege in Angola und Sierra Leona entschieden hat. 'Executive Outcomes lieferte zwei Dienstleistungen, die in Afrika selten und kostbar sind: physische Sicherheit und wirtschaftliche Kompetenz', erklären die Businessdamen mit gewinnendem Lächeln. Kein Wunder, dass nicht nur afrikanische Putsch-Regime, sondern auch seriöse Auftraggeber die Hilfe des Unternehmens in Anspruch nehmen: 'Auch die Vereinten Nationen bedienen sich bei ihren Einsätzen in letzter Zeit zunehmend der Hilfe militärnaher Dienstleistungsfirmen', erfahren wir im Konferenzraum-Frontalunterricht."

Hans-Werner Kroesinger biete mit zwar wieder einen seiner unaufgeregten politischen Dokumentar- und Erklärtheaterabende, befindet Hartmut Krug in der Sendung Fazit des Deutschlandradios (4.11.2010). Allerdings fände er diesmal keine überzeugende theatrale Form. Krug vermisst auch einen deutlichen Spannungsbogen. "Die geschichtliche Entwicklung des auf Verdienst angelegten Söldnerwesens wird verdeutlicht, auch mit einem Söldnertext aus dem 30jährigen Krieg und mit Soldatenliedern. Krieg und Geld, so lernt man aus zahlreichen Beispielen, gehören untrennbar zusammen." Am Ende fand er den Abend aber doch ganz spannend.

"Wer an Krieg Geld verdient, wird wohl kaum für Frieden sorgen. Also weg damit. Kann es da ein Aber geben?", fragt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (6.11. 2010) "Kroesinger bringt es. Ein Aber, so giftig, konkret und unangreifbar wie die fünf adretten Präsentationshostessen (Judica Albrecht, Ariella Hirshfeld, Ana Kerezovic, Nicola Schößler und Svenja Wasser), die einem im Hau3 mit Zahlen, Fakten und Slogans den Kopf verdrehen." Es passiere nicht viel mehr auf der Bühne, als dass Texte gesprochen würden. Mit dem Verzicht auf theatralische Mittel und dramaturgische Effekte gehe Kroesinger diesmal sehr weit. "Es fliegt zwar ab und zu mal ein Klappstuhl über die Bühne, aber ansonsten überlässt er die kathartische Wirkung den Argumenten und Informationen. Sie ist erschlagend."

"Das ist gut gemachtes Theater. Thematisch dringlich zudem, da die allgemeine Wehrpflicht zugunsten schneller (privater?) Eingreiftruppen bald nicht mehr existiert," schreib Andreas Fanizadeh in der Berliner taz (6.11.2010), besonders von der "über weite Strecken nüchternen Kühle und analytischen Präzision" des Abends angetan. Aber auch Kroesingers Gespür für Rhythmus, Klang und Sprache findet er ungewöhnlich. "Seine fünf sehr zurückhaltend agierenden, doch zugleich sehr präsenten Schauspielerinnen - Judica Albrecht, Ariella Hirshfeld, Ana Kerezovic, Nicole Schößler und Svenja Wasser - sprechen und singen in einer am Business-Talk orientierten Montage von der Geschichte des privaten Söldnertums sowie den jetzigen Firmen und Formen des globalisierten Krieges."

 

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