Klingt kühn!

Berlin, 1. Juni 2011. Gestern wurde, wie gemeldet, Annemie Vanackere offiziell vorgestellt als Nachfolgerin von Matthias Lilienthal in der Leitung der Berliner Off-Theaterhochburg HAU. Heute begrüßt die Berliner Journaille die gebürtige Belgierin und derzeitige Leiterin der Rotterdamse Schowburg und zeigt sich voller Vorfreude auf ihre Intendanz ab September 2012:

Andreas Schäfer erwartet im Tagesspiegel (1.6.2011) eine noch stärkere internationale Ausrichtung des HAU: "Wenn Lilienthal Weltmeister in der Drittmittelakquise ist, dann ist es die studierte Philosophin Annemie Vanackere wohl im Vernetzen!" Vanackere sei in der europäischen Szene "bekannt wie ein bunter Hund" und eine "Kandidatin ganz in Lilienthals Sinn", so Schäfer.

Auch für Stefan Kirschner von der Berliner Morgenpost (1.6.2011) klingt die Ernennung von Annemie Vanacker "nach Kontinuität". Und wir erfahren etwas über die Mehrsprachigkeit der neuen Intendantin: Sie plane, einen Deutschkurs zu besuchen; dabei beherrsche sie "die hiesige Sprache schon ganz gut", ebenso wie Englisch und Französisch. Was wichtig sei: "Denn das HAU ist wie kein zweites Theater in Berlin international ausgerichtet."

Mit Vanackere sei eine "eine findige, phantasievolle, mutige Theaterchefin" berufen worden, schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (1.6.2011). Die Wahl in Verbindung mit der Information, dass der Etat des Ballhaus Naunynstraße (dessen Leiterin Shermin Langhoff auch für die Lilienthal-Nachfolge im Gespräch war) aufgestockt werden soll, lässt für den Kritiker allerdings eine Richtungsentscheidung erkennen, die auch Fragen aufwirft: "Das Hau wird internationaler, das Ballhaus Naunynstraße wird größer – und was wird aus der sonstigen reichen, vielfältigen Freien Szene der Stadt? Das Erfolgskonzept des Hau unter Lilienthal bestand ja nicht nur darin, dass es immer supergutes, tolles Theater gab, sondern vor allem sehr viel, sehr verschiedenes und, gerade in den ersten, entscheidenden Jahren, sehr viel mit lokalen Berlin-Bezügen." Die kreative Vielproduziererei unter Lilienthal (die "wirklich Sinn ergibt") dürfte – der Erwartung des Kritikers nach – unter Vanackere zurückgefahren werden: "'Unsere Devise', hat sie in einem Interview zur Arbeit der Rotterdamse Schouwburg kürzlich gesagt, 'lautet: weniger ist mehr. Oder: Mehr für wenige. Also größere Investitionen in weniger Künstler. Konzentration auf Qualität.' Klingt kühn", so Pilz.

Matthias Heine rückt in der Welt (1.6.2011) die Entscheidung in den überregionalen Kontext. Mit Luk Perceval am Thalia-Theater Hamburg, Johan Simons an den Münchner Kammerspielen und Annemie Vanackere am HAU seien nun drei Köpfe aus dem "flämisch-holländischen Kulturraum" in wichtigen Posten des deutschen Theaters. Diese Internationalität könne auch zu Problemen führen, wenn man Unterschiede verkennen würde: "Peinlich wird es, wenn holländische Schauspieler auf der Bühne Deutsch sprechen. Und Regisseure und Dramaturgen begreifen oft nicht, dass das Publikum hierzulande eine andere, quasi-religiöse Einstellung zu Texten und vor allem zu Klassikern hat." Auf solche Probleme dürfte Vanackere gleichwohl nicht stoßen, denn das HAU sei unter Lilienthal "immer ein Hort der Grenzüberschreitung zwischen Sprachkunst, Tanz, Kunst und Musik gewesen." Dass Vanackere an der Rotterdamse Schouwburg "eine ähnliche Philosophie pflegt wie das HAU" ebenso wie "die Internationalität der Personalentscheidung, die der Aufsichtsrat der HAU-GmbH gegen alle provinziellen Verharrungstendenzen getroffen hat", ließen "Gutes hoffen". Fazit: "Wenn Lilienthal überhaupt ersetzbar ist, dann bringt Frau Vanackere gute Voraussetzungen mit."


Annemie Vanackere ist selbst zu hören in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio (31.5.2011). Sie beschreibt das Profil der Rotterdamse Schouwburg, ihre bisherige Zusammenarbeit mit dem HAU und ihr Konzept längerer Produktionsphasen. Hier geht's zum MP-3-Mitschnitt des Deutschlandfunks.

 
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