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Angesteckt vom Wagnerwahn

22. Juli 2011. Am Montag eröffnen die Bayreuther Festspiele mit Sebastian Baumgartens Inszenierung des Tannhäuser (es wird Dienstagfrüh eine nachtkritik geben) und in der "Welt" stellt er im Interview schon einmal klar, dass man dort schnell angesteckt werde von einer Art Wagnerwahn. "Der entfesselt ungeheure Adrenalinausstöße. Man ist wie auf Droge. Wahnsinn!"

Nach anderthalb Wochen habe er schon zwei Akte durchinszeniert. "Wer mich vom Theater kennt, weiß, dass das eigentlich nicht mein Tempo ist. Man kann hier sofort die reine Handwerklichkeit, das halmaspielartige Umsetzen eines Regiebuchs hinter sich lassen." Worum es in seiner Inszenierung gehe, das stehe schon im Stück: Um das System Apoll und Dionysos, "bei Wagner auch auf einer anderen Ebene verweiblicht und religiös konnotiert als Maria und Venus".

Jeder kreative Mensch schwebe in Gefahr, im Exzess zu versinken. "Wie gerade die junge Schauspielerin Maria Kwiatkowsky, die gestorben ist, mit der ich zusammengearbeitet habe. Hochbegabung ist eine Gefährdung." Auf der anderen Seite drohe man als Künstler aber auch, zu pragmatisch, zu "apollinisch" zu werden.

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Eine ältere Skulptur von Joep van Lieshout, Bühnenbildner des "Tannhäuser"
© Atelier Van Lieshout

Auch Bayreuth verkörpere dieses System: "Da ist die Sehnsucht nach dem Rausch, und dort wieder das Eingefangenwerden, die absolute Ordnung des Bayreuther Systems." Deshalb dürfe die Politik Bayreuth auf keinen Fall etwas wegnehmen. Er möchte, dass auf der Bühne zu 100 Prozent gelaufen werde, "das muss keine Hollywood-Dimensionen annehmen, aber wir wollen alle zeigen, was wir wirklich können". Und: "Ich will keine Interpretationstheaterlösung", so Baumgarten, "das ist für mich vorbei. Ich will den Kern des Stoffes, wie ihn Wagner gelesen hat, aufspüren. Und wenn dieser Kern für uns heute noch eine Bedeutung hat, dann ist er es wert, es heute noch zu spielen."

(sik)

 
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