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Anleitung zur Politikverdrossenheit

von Esther Slevogt

Berlin, 31. August 2011. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ein Tool entwickelt, mit dem der wahlberechtigte Bürger feststellen kann, welche Partei eigentlich zu seinen Meinungen und Haltungen passt. Wahl-O-Mat heißt das Tool, eine kleine Orientierungshilfe durch den Phrasendschungel der Parteiprogramme. Dezente Anleitung zur Selbsthilfe zum Ausstieg aus der selbstverschuldeten politischen Unmündigkeit.

Allein in Berlin stellen sich 22 Parteien zur Wahl für das Abgeordnetenhaus. Da will auch erst mal durchgeblickt sein. Ähnliches hat sich wahrscheinlich auch das Berliner Maxim Gorki Theater gedacht, als es Rainald Grebe beauftragte, doch bitteschön zur Spielzeiteröffnung einen Abend zu den Wahlen in Berlin zu veranstalten. Lustig müsste es natürlich auch sein. Was dabei heraus kam? Eine Nichtwählerhilfe. Ein Abend für den unmündigen Bürger.

Ik wähl nich, ik saufe lieba

Die Szenerie ist trashig und erinnert mit ihrem wohl durchmüllten Chaos, allerlei Schreibtischen mit Papier und diffusem antiquierten technischen Gerät an eine Zentrale für Weltverschwörungstheorien. Eine Rohrpost scheint auch immer die neuesten diesbezüglichen Thesen und Gespinste wie Granaten auf die Szene zu schießen. Da schnellt dann Rainald Grebe stets hoch, hechtet zum Rohr, und fängt die Sendung auf. Hinter einem Vorhang befindet sich ein verkommenes Badezimmer mit Klopodest. Ein Klavier steht auch herum, zwecks melancholischer Berieselung.

Alsbald tauchen ein paar verschrobene Gestalten auf und beginnen, in Berlins Geschichte und das politische System der Stadt einzuführen. Über einen Overhead-Projektor flashen alte Bürgermeisterköpfe auf einer großen Leinwand auf. Ein Faktotum, das wie ein Überbleibsel aus einem totalitären Zeitalter wirkt, malt ungelenk demografische Diagramme.

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In der Wahlverschwörungszentrale: Rainald Grebe am Maxim Gorki Theater Berlin
© Thomas Aurin

Doch macht die überzogen konspirative Miene, der verschwörerische Ton der Akteure von Anfang an klar: Aufklärung ist das letzte, worum es hier geht. Vielmehr wühlt der Abend mit deutlicher Vernebelungsabsicht in eigens zum Wahl-Thema zusammengetragenem Material. Darunter jede Menge Interview-O-Töne von Berliner Bürgern, die man nur als ziemlich krasse Beispiele politischer Unmündigkeit bezeichnen kann. Tenor: Ik wähle nich, weil ik eh nichts ändern kann. Ik saufe lieba. Meinung? Ist das eine neue Biersorte?

Dargestellt werden diese Bürger zwar von hinreißenden Handpuppen aus der Werkstatt der Abteilung Puppenspielkunst der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Doch weidet sich der Abend viel zu sehr an diesen Stammtisch-Statements, stellt sie diffusen wie wahnhaften Wahlprogrammen kleiner Splitterparteien gegenüber und gibt den Nichtwählern damit fast feixend Recht, sich aus dem politischen System auszuklinken.

Im Ironieballon entschwebt

Die beiden aussichtsreichen Kandidaten Künast und Wowereit werden als komische Figuren vorgeführt. Wenngleich man mit einigem Genuss den beiden Schauspielern Sabine Waibel und Wilhelm Eilers dabei zusieht: Waibel/Künast als schmerzensreiche grüne Landesmutter in spe (und am Ende gar als Königin Luise von Preußen herself) und Eilers/Wowereit als koketter und wirkungsbewusster Einseif-Spezialist. Und Hans Krüger, Sänger, Schau- und Puppenspieler ist sowieso ein Wunder an poetischer Verschrobenheit. Was hier sozusagen strafmildernd auch mal gesagt werden muss. Der Höhepunkt des Abends muss ebenfalls protokolliert werden: ein nachgestelltes Interview mit zwei Spindoktoren aus den Werbeagenturen von Grünen und SPD. Mit verzerrter Stimme lassen sie hinter einem Vorhang nur als Schattenrisse tief blicken in Phrasenproduktion und Meinungsmanipulation.

Trotzdem muss man Rainald Grebe übelnehmen, dass er es sich so hübsch bequem macht in Politik- und Politikerklischees. Dass er uns nur erzählt, was wir eh schon wissen: dass Politiker hohl, ihre Botschaften und Programme bloß Produkte von Werbeprofis sind. Dass das Volk, das dumme, es aber scheinbar auch nicht besser verdient. Dass alles eh keinen Sinn hat, Demokratie und Wahlen erst recht nicht. Dass wir ein Recht darauf haben, uns in unserer Überforderung einzurichten. Weil wir nix verändern wollen, nicht mal die Verstopfung in unserer Badewanne. Lieber duschen wir nicht. Und selbst wenn dann und wann ein schräg-poetischer Grebe-Moment die Stimmung kurz hebt oder gar verzaubert. Grundsätzlich nervt diese Künstlergeste, die sich zu nichts bekennt und nur herablassend über allem im Ironieluftballon schwebt. Nö, denkt man sich da. So nicht.

 

Völker schaut auf diese Stadt
Berlin wählt und Rainald Grebe kann sich nicht entscheiden
Regie: Rainald Grebe, Interviews/Recherche: Lucas Vogelsang, Bühne:Janna Skoblin, Kostüme: Kirstin Hassel, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Sabine Waibel, Wilhelm Eilers, Rainald Grebe, Hans Krüger.

www.gorki.de

 

Mehr zu den Theaterregien des Liedermachers Rainald Grebe finden Sie im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"'Berlin wählt und Rainald Grebe kann sich nicht entscheiden' lautet der Untertitel des Stücks – und nichts anderes ist auf der Bühne zu sehen", so Gunda Bartels im Tagesspiegel (2.9.2011). Unwahrscheinlich allerdings, dass die Stimmabgabe bis zum 18. September leichter falle. Zu wenig einleuchtend sei der vollgerümpelte Bühnenkeller, die Horchstation der vier Wahlkampfbeobachter in die auswärtige Welt. "Zu bruchstückhaft sind die Zitateschnipsel aus dem Politbetrieb, die die Textgrundlage bilden. Zu beliebig gesetzt sind die während der zweieinhalbstündigen Aufführung erklingenden Altberliner Couplets." Kurzum: Zu schleppend komme der ganze Abend in Gang. Am besten sei die mit Projektionen und Puppen aufgepeppte Produktion immer dann, wenn sie freidreht und von Satire zu Klamauk wechselt.

"Fragen wir, haben die sich am Gorki gedacht, doch den Rainald Grebe." Blöd nur, weil der "gar nicht wollte, weil ihm nix einfiel und er es mit Parteien, Wahlen und so nicht so hat. Noch blöder ist nun aber, dass er sich dann hat doch überreden lassen", so Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (2.9.2011) über Grebes "Völker schaut auf dieses Welt" und findet: "Zum Trottel macht sich hier nur das Theater: Es tut groß politisch, hat aber nichts zu sagen. Das braucht kein Mensch."

"Nur konsequent, dass der Wahlkampf im Maxim Gorki Theater in gehobenes Dada-Kabarett überführt wird", findet dagegen Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (2.9.2011). Die bühnentaugliche Verdoppelung dieser Show durch Theaterprofis könne schnell in breiten Stammtischhumor und selbstgefälliges Nölen über die Anzugträger da oben abrutschen. "Vor dem Abgleiten ins Schmunzel-Fach schützt den Maniker Rainald Grebe seine akribische Sammelwut, seine Gier nach Details, die er dann, wie ein außer Kontrolle geratener Ethnologe des Inlands, zu immer absurderen Gebilden auftürmt."

 
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