Ohne Garantieschein

von Hannah Eßler

Berlin, 14. Mai 2013. Er ist klein, gerade so groß, dass er auf einer Handfläche sitzen kann. Feuerrotes Haar, eine ebenso rote Knollennase, grüne, gewitzte Augen und nur Flausen im Kopf – Pumuckl ist der bekannteste Kobold Deutschlands. Seine Schöpferin Ellis Kraut und die späteren Verfilmungen seiner Streiche haben das Koboldbild in Deutschland über Generationen hinweg geprägt. Für fremde Augen ist der Pumuckl unsichtbar, nur der Schreinermeister Eder, dem er im wahrsten Wortsinne auf den Leim gegangen ist, kann ihn sehen. Pumuckl lebt in Eders Werkstatt, versteckt die Feilen, wirft mit Nägeln um sich und bringt den alten Herrn an den Rand der Verzweiflung.

So treibt dieses Wesen sein Un-Wesen. Das ist mythologisch verbürgt: Als Hausgeist kann der Kobold sich in Gestalt einer Kerze, einer Feder oder einer schwarzen Katze erscheinen. Meist neckt er seinen Besitzer, verhilft ihm jedoch zu Wohlstand und schützt Haus und Hof mit allen Mitteln. Einen ähnlichen Zweck erfüllt – Pumuckl möge verzeihen – der Heinzelmann, der nachts still und heimlich den Haushalt erledigt.

Auf und unter Deck der großen Schiffe tritt der Kobold als blauer Klabautermann in Erscheinung und hilft den Seemännern Pfeife rauchend aus der Misere. Eine weitere Koboldform lebt unterirdisch, häufig in Minen. In unregelmäßigen Abständen buddelt sich diese hässliche und stinkende Unterart einen Weg zur Erdoberfläche und stiftet Chaos. Das nächste Auftauchen dieser Gattung wird übrigens für den 14. Mai 2013 vorhergesagt: Wie diversen Quellen nahelegen, entern gleich zwei Koboldvölker die Bühne des Theater an der Parkaue (hier gibt's Informationen zur ungarischen, hier zur zypriotischen Version des Kobold-Motivs).

Wurde auch Zeit! Mit diesem öffentlichen Auftritt wird der jahrelangen Verdrängung des Kobolds ein Ende gesetzt. Aus dem alltäglichen Sprachgebrauch fast vollständig verbannt, lebte der Kobold als Phänomen zwar noch immer über- oder unterirdisch in unserem Bewusstsein weiter; er wurde jedoch Schritt für Schritt durch Haushaltsgeräte ersetzt. An seiner Stelle bevölkern nun Staubsauger, Waschmaschinen und Co. unser Heim. Zwar versagen auch diese uns im ungünstigsten Augenblick den Dienst, aber immerhin gibt’s einen Garantieschein mitgeliefert. Die Unterdrückten rächen sich leise: Gläser fallen urplötzlich aus den Regalen, Lebensmittel verschwinden spurlos, und den verflixten Schlüssel, den hab ich doch grade noch…

Warum aber wehren sich Erwachsene häufig dagegen, Kobolde als Teil ihres Haushalts zu akzeptieren, wo Kinder oft toleranter sind: "Die Kekse? Das war der Pumuckl!"? Die Vorstellung, mal nicht für alles verantwortlich sein zu müssen, ein paar Dinge als nicht in unsrer Macht stehend anzuerkennen, ist in unsrer vernunftbestimmten Zeit doch eigentlich ganz tröstlich.

 

Der Blog ist ein Kooperationsprojekt von nachtkritik.de und der European Theatre Convention im Rahmen des Young Europe Festivals. Seine Inhalte sind nicht Teil des redaktionellen Kontents von nachtkritik.de: Impressum.

 
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