Tanz die Aufmerksamkeits-Misere!

von Anne Peter

Berlin, 5. Januar 2008. Dieser Theaterabend beginnt genau genommen eine halbe Stunde zu früh. Um halb acht, und damit dreißig Minuten bevor der Gong zur monochrom-blauen Weltkarte ertönt und das Abendritual so vieler Bundesbürger einläutet: Die Tagesschau.

"Ein Tagesschauspiel" versprechen Helgard Haug und Daniel Wetzel vom Dokutheaterkollektiv Rimini Protokoll dem Publikum mit dem Untertitel ihrer Nachrichten-Collage "Breaking News", die sie im Berliner Hebbel am Ufer vorstellen. Aufgemerkt!, sagt uns schon das kleine Wortspiel: Was wir allabendlich zu sehen bekommen, ist nicht die reine Wahrheit, sondern durchaus auch Fiktion.

Womit der Abend beinahe seine ganze Erkenntnis schon im Untertitel ausplappert. Dass dies nicht nur für die ARD, sondern auch anderswo gilt, zeigen etwa südamerikanische, isländische, pakistanische, russische oder arabische Fernsehsender, wobei Aljazeera zu den ganz Schlimmen gehört. Dort nennt man die Selbstmordattentäter nämlich Märtyrer, was ein besonders deutliches Zeichen von Parteilichkeit ist. Aha!

Kollektive Glotz-Verordnung

Das erzählt uns der aus Kurdistan-Syrien stammende Djengizkhan Hasso, einer der "Experten des Alltags", die Rimini Protokoll wie immer versammelt haben. Vier Journalisten sind dabei, drei Dolmetscher und eine Cutterin. Ausgestattet mit Headsets beschreiben und übersetzen sie simultan, was sich auf den ihnen jeweils zugeteilten Fernsehapparaten abspielt, die gleich dutzendweise die Metallregale auf der Bühne füllen und zunächst auf Live-Empfang eingestellt sind.

Überall laufen die Abendnachrichten, aus allen erdenklichen Winkeln der Erde berichten sie. Das russische Fernsehen zeigt Putin beim Skifahren, in Südamerika vermeldet man die Eröffnung einer spanischen Cellulose-Fabrik in Uganda, in Indien die Cricket-Ergebnisse. Überall kommt die Wahl in Georgien und die Krise in Kenia vor, in Deutschland außerdem der Lokführer-Streik und die CDU. Wenig erstaunlich.

Die Spontan-Übersetzungen der Akteure schrumpft den ohnehin geringen Informationsgehalt der Schnipsel auf das Minimum, was manchen Aberwitz befördert und die Phrasendrescherei der zum O-Ton-kommenden Politiker in ihrer ganzen Banalität ausstellt. Das ist allein nicht abendfüllend, doch an anderweitiger Unterhaltung lässt es diese kollektive Glotz-Verordnung über weite Strecken fehlen.

Aerobic gegen Afrika

Eine Ausnahme ist die Aerobic-Nummer, in der die Rimini-Spieler den Mädels auf Pentagon-Channel, ein Ami-Sender für die Soldaten im Auslandseinsatz, nachturnen. Währenddessen erzählt der bekannte ARD-Korrespondent Hans Hübner von Afrika, von wo er in den 90ern berichtete und dort mit einem Kollegen für 42 Länder zuständig war. "Es ist alles so viel wichtiger als Afrika", beklagt er ernsthaft, und das Rimini-Theater gelingt für einen Moment, weil diese Aufmerksamkeits-Misere anschaulich wird: Man sieht auf das Aerobic-Gehampel, ist amüsiert und unweigerlich abgelenkt. Afrika geht buchstäblich unter.

Hübner darf zudem bisweilen aus einem Reclam-Heft Passagen aus den Aischyleischen "Persern" vorlesen (er war auch mal Theaterkritiker), der einzigen überlieferten griechischen Tragödie, die einen aktuellen Fall der Zeitgeschichte verhandelt. Botenbericht und Mauerschau erscheinen als Vorläufer heutiger Nachrichtenformate, mit dem Unterschied, dass die Zuhörer damals – "Aiaiaiai!", klagt der Chor – noch ordentlich mitgelitten haben. Allerdings wirken die sporadischen Antiken-Einsprengsel insgesamt eher gewollt bedeutungsaufblähend.

Medienkritischer Kopfstand

Die persönlichen Erzählungen der Theaterlaien, in ihrer Suggestion des Authentischen, des Echten und Erlebten typisch für das riministische Theater, treten hier eher in den Hintergrund. Hier ist man viel zu sehr mit dem Übersetzen der Belanglosigkeiten beschäftigt, als von sich reden zu können. Dabei könnte man wetten, dass ihre Geschichten viel spannender wären, als das, was sie dem Bildschirm nachhaspeln.

Gern hörte man außerdem mehr von den Spitzen, die Walter van Rossum gegen die Nachrichten-Geflogenheiten loslässt, während er im Kopfstand einen "Perspektivwechsel beim Betrachten der Tagesschau" fordert. Ihm verdankt der Abend noch die interessantesten Informationen: z.B. dass 90 Prozent der Tagesschau-Meldungen ob der Voraussehbarkeit der Ereignisse schon eine Woche früher feststehen oder dass die Zuschauerquote ihren Höhepunkt beim Wetterbericht erreicht. Demonstrativ wird der "Medienkritiker" schließlich abgewürgt – der Holzhammer muss es plastisch machen.

Mit diesem Abend ist es wie beim Zappen: Er macht kaum klüger. Rimini Protokoll produziert damit wahrlich keine Breaking News.


Breaking News – ein Tagesschauspiel
von Rimini Protokoll
Inszenierung: Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll), Recherche und Dramaturgie: Sebastian Brünger, Bühne: Marc Jungreithmeier, Helgard Haug, Daniel Wetzel, Video und Licht: Marc Jungreithmeier. Mit: Martina Englert, Marion Mahnecke, Sushila Sharma-Haque, Símon Birgisson, Djengizkhan Hasso, Carsten Hinz, Hans Hübner, Andreas Osterhaus, Walter van Rossum.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Am 9.1. und 10.1.2008 schreibt Rainald Goetz in seinem "Klage" genannten Blog für Vanity Fair: "Der Anfang war sofort riminimäßig toll". Leider ahme die Inszenierung später "allzu mimikrihaft den Live-Schalte-Irrsinn des echten Fernsehens nach". Und die "im Zuschauerraum hervorgerufene Heiterkeit signalisierte: wissen wir, kennen wir, ist ja witzig, ha ha. Aber genau das hätte man doch jetzt gerne genauer erklärt bekommen von den informierten Benutzern: was das Nichtgleiche, das Besondere, Andere der jeweiligen Nachrichtensendung ist". Goetz zitiert Walter von Rossum, der meinte, die Tagesschau verkaufe nur einen "Schrebergarten des Realen" anstatt "die Realität selbst" zu präsentieren. "Die Intervention dagegen kam von der Poesie der Bühne: der Chor der Stimmen aller Dolmetscher". Das fand Goetz "schön". "Ich wurde ein bisschen müde. Es war jetzt halb neun, der Theaterabend war genau an seiner Mittelstelle. Irgendein Break müsste jetzt kommen. Und welche neuen ARGUMENTE waren vorgesehen für den zweiten Teil?"

Ganz interessiert, aber nicht wirklich beeindruckt hat Petra Kohse im Auftrag der Frankfurter Rundschau (8.1.2008) diesen Abend verfolgt. Sie sah klugen Menschen beim Befolgen der Gesetze des Nachrichtenflusses zu. "Routine wird vorgetanzt, und manchmal schunkeln sie dazu." Als einzige Erfahrung nimmt sie die Erkenntnis mit, "dass es einem leichter fällt, sich auf die Menschen vor den Fernsehern zu konzentrieren, wenn acht verschiedene Programme flimmern, als wenn 22 Bildschirme gleichzeitig ein einziges Bild zeigen" und schliesst daraus: "Das Plurale lässt sich leichter ignorieren als das Chorische." Als bloße Feststellung scheint ihr das im Ergebnis dann aber doch eher dünn zu sein.

Für Doris Meierhenrich rangieren Produktionen von Rimini Protokoll, wie sie in der Berliner Zeitung (8.1.2008) schreibt, eigentlich jenseits der Kritik. Man könnte sie "nie einfach schlecht nennen": "Denn das Theater hat sich genau den Zwischenräumen verschrieben, die glatte Zuweisungen hinter sich lassen, und durch die die Zuschauer selbst zur Denkarbeit gerufen werden." Und so findet sie den "Stimmensalat" aus 22 Monitoren und den davor stehenden Experten denn zwar nicht in erster, wohl aber in zweiter Linie gewinnbringend. Zum einen werde im Gegensatz dazu die "je einzelne Situation" wichtiger, zum anderen komme einem irgendwann alles fragwürdig vor: "Das Misstrauen gegenüber den Boten zu wecken, ist der wichtigste Akt in diesem Hexenritt durch die Nachrichtenkanäle."

Eine irritierende Erfahrung" hat Peter Laudenbach gemacht, nachzulesen in der Süddeutschen Zeitung (7.1.2008). Die auf zwei Dutzend Monitoren "nach dem Zufallsprinzip vermischten Nachrichten scheinen einander zu kommentieren und zu parodieren, bis sich im Bilderstrom jedes Gefühl, es mit etwas Realem zu tun zu haben, auflöst." Trotzdem werde – dank der "Kopplung des Theaters der Politik an die Realität" – das Publikum davor bewahrt, "es sich in der banalen These gemütlich zu machen, das Fernsehen reproduziere nur selbstreferenziell seine eigene Wirklichkeit". Der Zuschauer komme sich irgendwann so vor "wie Niklas Luhmanns berühmter 'Beobachter zweiter Ordnung': Man sieht dem Fernsehen dabei zu, wie es die Welt beobachtet und in den eigenen Kommunikationsmodus übersetzt."

"So schlicht wie überzeugend", findet Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (7.1.2008) die Idee, die Haugs und Wetzels Versuchsanordnung zugrunde liegt: "Das Theater als Spiel- und Illusionsmedium par excellence knöpft sich die vollmundig aufs Faktische abonnierten Nachrichten vor und verrückt mittels Kontextwechsel die Perspektive." Der moderne Informationssucher bekomme in "Breaking News" "eine Alltagserfahrung in gesteigerter Dosis verabreicht – und erkennt, dass Marshall McLuhans These immer noch stimmt: Das Medium transportiert keinen Inhalt, sondern ist selbst die Botschaft." Frau Wahl vermutet aber auch, dass Rimini Protokoll "mehr wollte als ... Flimmern und Rauschen als postmoderne Kollektiverfahrung." Vom Nachrichten-Live-Empfang würden die Alltagsexperten jedoch "fast abendfüllend" zur Improvisation gezwungen, und so lebe die Inszenierung vor allem "vom Charme des Chaotischen".

Katrin Bettina Müller
merkt in der taz Berlin (7.1.2008) an, dass Performance noch "weniger wie eine Medienanalyse, sondern eher wie eine ungeordnete Materialsammlung" wirke. Vor allem technisch kämpfe der Abend "noch mit vielen Schwierigkeiten, sodass die Bilder dauernd ihren Kommentatoren weglaufen und zu viele Sätze im Lärm untergehen". Aber "trotz aller Lücken, die der skizzenhafte Abend bei der Premiere hatte", sei "eines schon überraschend deutlich": Indem Rimini Protokoll "über Nachrichten erzählen, also jenes Kerngeschäft der Massenmedien, das weit entfernt von der Öffentlichkeit des Theaters zu sein scheint, erzählen sie auch über das Theater selbst". Und schließlich erfahre man "viel über einseitige Perspektiven, darüber, wie die Auswahl der Nachrichten die Weltsicht steuert, und über verblüffend banale Strickmuster der TV-Inszenierung".

In der Zeit (10.1.2008) merkt Roland Müller über die technische Ausrüstung der Aufführung an: "Wer die 2000 Sender, die sich mit dieser Apparatur empfangen lassen, rund um die Uhr durchzappen müsste ... würde unweigerlich Geist und Seele ruinieren und als Wrack enden." Aber so weit, kritisiert Herr Müller, reichten die Gedanken dieses Schauspiels nicht. Es sei weder auf Erhellung von Inhalt und Machart des internationalen Nachrichtenwesens noch auf Rettung aus dem Infostrom aus. Dieses "Fernsehspiel" begnüge sich damit, "mit der Reizüberflutug zu kokettieren und die Fernsehrealität zu verdoppeln".

 
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