Der Elendsfluß der Welt

von Rudolf Mast

Hamburg, 23. Januar 2010. "Football is coming home" grölen sogenannte "Fans" rund um den Globus. Anlass und Berechtigung dazu haben jedoch allenfalls die Einwohner Englands: Denn dort wurde nicht nur das Lied, sondern auch der Fußball erfunden, und, der Logik gehorchend, nur dorthin kann er heimkehren.

Die schwarze Wahrheit unterm gelben Sack

von Simone Kaempf

Hamburg, 4. Dezember 2009. Dimiter Gotscheff und Heiner Müller sind selbstredend eine besondere Verbindung. Ihre Beziehung reicht weit zurück bis in die späten 60er Jahre, und irgendwann hat Gotscheff das Bild in die Welt gesetzt, dass er Müllers Texte immer wieder in den Gedärmen rumoren fühlt. Wenn es nicht gleich ein Müllerstück ist, montiert Gotscheff eben Müllersätze in Stücke wie in Ben Jonsons "Volpone" oder Alfred Jarrys "Ubukoenig", um das Ausmaß der Macht-, Mord-, Geld- und Staatsverhältnisse mit wohlgewählten Zitaten zu bereichern.

Männer unter sich

 von Michael Laages

 Hamburg, 19. November 2009. Seit Elfriede Jelinek sich diesen spielerischen, kleinen Text aus ziemlich weit entfernter Zeit vorgenommen hat, und seit sich deren Übersetzung durchaus als Nach-Dichtung lesen und inszenieren lässt, stößt Oscar Wildes "Bunbury" wieder auf stark gestiegenes Interesse in den Theater-Dramaturgien; und nachdem das Stück bis dahin in den Spielplänen ein eher kümmerliches Dasein gefristet hatte, vorzugsweise als Bewährungsprobe für Regie-Nachwuchs und Assistenten, nahm sich auch Falk Richter in Wien dieses Nebenwerks im Sprachkosmos der Nobelpreisträgerin aus Mürzzuschlag an.

Solo eines Selbstmitleids

von André Mumot

Hamburg, 15. November 2009. "Erzählen wir uns von Königen und wie sie traurig starben." Das schlägt Richard II. sich selbst vor. Wem auch sonst? Schließlich ist er, der ehemals so prunkvolle Regent, gerade entmachtet worden, sitzt im Kerker und hat nur noch die eigene Stimme, der er lauschen kann. Das tut er dann allerdings sehr ausgiebig und verzückt. Vor allem, weil ihm so klangvolle Verse einfallen, um seinen Kummer in Worte zu kleiden. "Auf nackte Erde schreibt weinend mit den Tränen das Wort Trauer", haucht er und stellt kurz darauf fest: "Ach, wär ich selbst nur so groß wie mein Gram."

Marx under construction

von Michael Laages

Hamburg, 31. Oktober 2009. Je öfter sich Theatermacher an Romanvorlagen versuchen, desto regelmäßiger drängt sich die Frage auf, ob das denn sein muss – denn Glücksfälle wie ehedem Frank Castorfs Dostojewski- und Bulgakow-Phantasien oder in jüngster Zeit "Rummelplatz", nach dem Roman von Werner Bräunig erarbeitet von Armin Petras sind ja eher rar. Da hilft es offenbar auch nicht viel, wenn die Romanvorlage aus fremdsprachiger Literatur-Moderne stammt, wie in Hamburg "Die Marx-Saga" des Spaniers Juan Goytisolo.

Die Stehpulte des Stemanns

von Katrin Ullmann

Hamburg, 3. Oktober 2009. Groß und Gelb wie der Mond ist er. Gleitet langsam vom Schnürboden hinab und verharrt mittig und zentral: Der Lautsprecher, das ist schnell klar, spielt die Hauptrolle an diesem Abend. Gegeben wird Lessings "Nathan der Weise" – am Hamburgischen Thalia Theater. Den Grund dafür gibt Intendant Joachim Lux: Er will Gotthold Ephraim Lessing, seine Stücke, seine "Hamburgische Dramaturgie" – kurz: seinen Einfluss – stärker ins Bewusstsein heben. Denn: "Lessing ist der Aufreger, der Stachel (nicht nur) in unserer Stadt."

Das Leben ist ein Pappkarton

von Michael Laages

16. September 2009. Als es ans Sterben geht (und der magisch-mystische "Knopfgießer" kommt, um den eher missratenen Lebensentwurf des Sterbe-Kandidaten "umzuschmelzen" zu etwas nützlicherem), da lässt Henrik Ibsen den faustischen Helden Peer Gynt ein immergültiges Bild finden für das Leben an sich – es gleiche einer Zwiebel. In immer neuen Häutungen müssten kurz vor Schluss die Hüllen und Verpackungen weggerissen werden, bis irgendwann (und unter Tränen, es ist ja eine Zwiebel!) "der Kern" zum Vorschein komme, das ICH, das Unverwechselbare und Einmalige, das, wofür gerade dieses Leben gut und gemacht war.

Verrat im Plattenbau

von Katrin Ullmann

Hamburg, 5. September 2009. Jonas P. Lang wollte schon immer Theater machen. Er hätte nicht Regisseur werden sollen, sagt allerdings seine Mutter einmal, lieber Biologielehrer. Doch Jonas wurde Regisseur, gründete eine eigene Theatergruppe und hatte Erfolg. Und der Erfolg hat seinen Preis. Diesen – einen Regiestuhl mit seinem Namen auf der Lehne – hat Jonas gerade verliehen bekommen, begleitet von einer Eloge voller Lügen. Höchst empört ist er darüber, ist schlechter Dinge und hat nun Magenschmerzen.

Geiseln des Schicksals

von Daniela Barth

Hamburg, 4. September 2009. Richtig spannend wird Theater, wenn es von der Realität – der wirklichen Wahrheit sozusagen – eingeholt wird: Während der letzten Proben zur Uraufführung vom "The truth about The Kennedys"- Projekt, dessen Premiere gestern die Spielzeit im Hamburger Thalia Theater endgültig eröffnete, verstarb der letzte Patriarch des Kennedy-Clans, Edward "Ted" Kennedy, der jüngste Bruder des ermordeten Präsidenten JFK.

Du bist Theater

von Simone Kaempf

Hamburg, 3. September 2009. Es gab also die singende Grundschulklasse, womöglich wars eine 2 b, die plattdeutsche Kleindarstellerin namens Frau Petersen, eine jugendliche Ausdruckstänzerin, eine verführerische Frau im geschlitzten schwarzen Kleid, ein Mann mit Schirmmütze, der in mehreren Sprachen deklamierte, eine lateinamerikanische Einwanderin, die "Schein oder Nicht-Schein" fragte, drei Schwarze, zwei Rollstuhlfahrer, zwei Seniorinnen, noch mehr Schulklassen, zwei Aktionsgruppen mit gesellschaftsrelevanter Botschaft. Eine repräsentative städtische Mischung eigentlich, wären da nicht auch noch die Clowns, plattdeutschen Bauerntölpel und Marlene-Jaschke-Verschnitte, von denen im Laufe des Abends etliche auftauchten und die dem Ganzen doch kaum Buntes verleihen konnten.

Denk ich ans Thalia, dann denke ich an...

von Daniela Barth

Hamburg, 9. Mai 2009. Die Nacht steht für das Irrationale, das Geheimnisvolle, die Vergänglichkeit, den Abschied. Sie kann idyllisch sein oder martialisch. In nächtlich-diffuser Dunkelheit mutiert manch' bei Tageslicht analytischer Diskurs zur sentimentalen (Nacht-)Schwärmerei, erblühen manch' abstruse Phantasien zur bizarren Realität. Die Nacht ist eine Gauklerin. Im Thalia Theater war sie gestern außerdem über fünf Stunden lang ganz prosaisch die Arbeitszeit von Theatermachern.

Im Regen stehengelassen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 25. April 2009. Die tatsächliche Rührung kommt erst ganz zum Schluss. Nach dem Applaus. Wenn Intendant Ulrich Khuon die Bühne betritt und eine kleine Eloge hält auf Armin Petras, den Regisseur des Abends. Vor über acht Jahren hat Petras die kleine Spielstätte des Thalia Theaters eröffnet, war hier über all die Jahre prägend, war das "künstlerische Rückgrat". Dass ein starker Autor einen starken Regisseur brauche habe er immer wieder gezeigt, und umgekehrt ein starker Regisseur einen starken Autor.

 

Mehr Mensch

von Simone Kaempf

Hamburg, 15. April 2009, 11 Uhr. Joachim Lux hat für seinen Start am Thalia Theater einen Wunsch: "Den Ball flachzuhalten"; es beginne etwas Neues, so Lux "das wird hoffentlich schön; das Alte war schön". Zu sagen, alles vorher war schrecklich, jetzt geht es erst richtig los, nein, das sei nicht seine Art. Und weil es auch keinen Grund dafür gibt, lautet das unausgesprochene Wort auf der Pressekonferenz im Malsaal des Thalia Theaters: Weiterentwicklung.

Wo die Kauflust rauscht

von Kartrin Ullmann

Hamburg, 21. März 2009. "Ich will es ein bisschen so, wie es sein soll, ich will es ein bisschen wie im Fernsehen", sagt Jess (Susanne Wolff) gegen Stückende. Da ist sie frisch verheiratet, glücklich und vor allem zuversichtlich. Dieses Ende ist der Beginn, ist der glückliche Anfang einer Beziehung, deren Liebe am (fehlenden) Geld scheitern wird. Tatsächlich erzählt der britische Dramatiker Dennis Kelly in "Liebe und Geld" die Geschichte von David und Jess nur ein bisschen rückwärts, das kapitalismuskritische Krisendrama ist voller Zeitsprünge. Sicher ist nur: Das Glück steht am Ende, der Schrecken am Anfang.

Célimènes fischteichgrüne Kontaktlinsen 

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. März 2009. Sie lieben, spielen und betrügen, sie lügen, lästern und begehren. Die Figuren in Molières "Menschenfeind" sind alles andere als integer, sie sind verlogen, durchtrieben und unmoralisch: Sie sind ein bitterböser Spiegel der Gesellschaft. Alceste, ein fanatischer Verteidiger von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, kann einfach nicht anders, er wird zum Menschenfeind. Zutiefst verachtet er Heuchelei und Lügen, Worthülsen und Schmeichelei.

Ein Ringkampf des Fleisches

von Simone Kaempf

Hamburg, 7. März 2009. Das Licht ist Schlafzimmer-verdunkelt. Die vielen Betten sind zerwühlt. Zigarettenenden glühen in der Dunkelheit auf. Die Zigarette danach, mit der dieser Thalheimer-Abend beginnt, ist im Sinne des Liebesreigens und Wechsels von einem Geschlechtspartner zum nächsten die Zigarette davor. Wenn es jetzt los geht, ist die Stimmung bereits erhitzt, und die Dirne und der Soldat vorne an der Rampe kommen so schnell zur Sache, dass gleich die erste Szene eher einer Vergewaltigung gleicht.

Bekannte Fratzen, gemischte Diskurse

von Michael Laages

Hamburg, 28. Februar 2009. Anno 1996 bemüht sich der auf hintergründige, oft entlarvende Interviews spezialisierte Journalist André Müller um ein Gespräch mit der deutschen Oberfeministin Alice Schwarzer. Das heißt: Er hat dieses Interview dem Wochenblatt "Die Zeit" versprochen und trifft sich nun mit ihr, um mit ihr "ins Gespräch" zu kommen. Vier Stunden lang. Der Versuch misslingt, das Gespräch wird erfolglos abgebrochen.

No way out

von Susann Oberacker

Hamburg, 7. Februar 2009. "Wizdoaf" hat ein Witzbold mundartlich auf eine schwarze Wand geschrieben. Gemeint ist Witzdorf, der Ort des Geschehens in Gerhart Hauptmanns Drama "Vor Sonnenaufgang". Das 1889 uraufgeführte Werk hat David Bösch im Hamburger Thalia Theater inszeniert.

Zwei Fäuste und kein Halleluja

von Daniela Barth

Hamburg, 16. Januar 2009. Mondlicht. Durch einen winzigen Spalt fällt ein gleißender Lichtkegel auf die stockdustere Bühne des Thalia-Theaters. Kleine, alte Hände schieben sich vor und baden darin. Minutenlang. Die Zeit steht still und wird zum Gemälde. Andreas Kriegenburg ist ein Bühnen-Poet, einer, der Illusionen hintupft mit scheinbarer Leichtigkeit, die derart kraftvoll sein können, dass einen vor Freude und Rührung schauert: Dass so was heute noch möglich ist. Kriegenburg ist einer, der sein theatralisches Zauber-Handwerk versteht und nicht scheut – der immer wieder mit Vergnügen seine Möglichkeiten ausschöpft, mit artifiziellen Kleinigkeiten Großartiges zu bewirken.

Ehekrieg im Wohnmobil

von Susann Oberacker

Hamburg, 14. Januar 2009. Kollege Stephan Kimmig hatte es an den Münchner Kammerspiele vorgemacht: Hatte dort eine fulminante Inszenierung von Tom Lanoyes Stück "Mamma Medea" hingelegt, die auch bei den Autorentheatertagen im Hamburger Thalia Theater gezeigt wurde. Besser geht's nimmer, dachte der geneigte Zuschauer damals. Nicht besser, aber auch nicht schlechter und vor allem ganz anders hat nun Jorinde Dröse dasselbe Stück auf der Studiobühne, dem Thalia in der Gaußstraße, inszeniert. Während bei Kimmig Sandra Hüller als Medea im Mittelpunkt der Inszenierung stand, serviert uns Jorinde Dröse Szenen einer Ehe.

Nabelschau im Holzkabuff

von Susann Oberacker

Hamburg, 14. Dezember 2008. Am Anfang ist Dunkelheit. Dahinein schlägt ein Herz, atmet ein Mensch. Die Klangkulisse steigert sich zu einem wilden Rhythmus, der an das Rattern eines Presslufthammers erinnert. So ohrenbetäubend beginnt in Hamburg Jette Steckels Inszenierung von Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." im Thalia in der Gaußstraße. Plenzdorf adaptierte in den 70er Jahren Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" von 1774, um die Geschichte eines Jugendlichen in der DDR zu erzählen. Die 1982 geborene Regisseurin Steckel adaptierte nun die Adaption, um eine Geschichte von heute zu erzählen. Und das ist ihr gelungen.

Ganz schön fett für Afrika 

von Simone Kaempf

Hamburg, 18. November 2008. Die Bausünde ist verschwunden. Regisseurin Corinna Sommerhäuser hatte in ihrer Vorab-Inszenierung bei der 8. Langen Nacht der Autoren im vergangenen Sommer noch einen großen runden Maschendraht-Verschlag auf der Bühne stehen. Mal saß dahinter im Wohnzimmer Moritz, seine Mutter und ihr Ex-Mann, mal hockte Mehdi wie ein Gefangener hinter Gittern, und oft rüttelten der algerische Flüchtling und der deutsche Mustersohn laut an den Stäben.

Wüstenritter in der Hochhaussiedlung

von Katrin Ullmann

Hamburg, 5. November 2008. "Später will ich ein Star werden mit Privatjets und Luxuslimousinen  – oder zumindest Multimillionärin. Oder einfach nur glücklich". Die junge Frau ist Anfang 20, hat viele Träume, Wünsche und Hochglanzvorbilder. Sie ist eine von uns und doch eine andere. Eine mit Migrationshintergrund, mit einer fremdartigen Herkunft und mehreren Heimaten. Sie ist eine der sieben Jugendlichen, die Anukamis Geschichte erzählen. In Nuran David Calis' jüngstem Stück "Einer von uns".

Oktoberfest, das war einmal

von Susann Oberacker

Hamburg, 1. November 2008. "Ich hab' doch nur ein Eis essen wollen…". Karoline ist ehrlich erstaunt, wohin sie ihre kleine Sehnsucht geführt hat. Denn nach der harmlosen Eisesslust steht sie am Ende der Geschichte vor den Trümmern einer Beziehung. Zu besichtigen ist solch menschliche Tragödie im Thalia Theater in Hamburg. Hier hat Stephan Kimmig Ödön von Horváths "Volksstück" "Kasimir und Karoline" inszeniert.

Erinnerung an den Sumpf

von Katrin Ullmann

Hamburg, 1. Oktober 2008. Eigentlich hat jeder eine. Und liebt sie wie keine andere, besucht sie oft, verbringt zeitvergessene Nächte, diskutiert sich heiser, philosophiert, trinkt, singt, tanzt. Es mag nach nassem Hund riechen, nach Klostein, zu viel Mensch und kaltem Rauch: Die Lieblingskneipe ist Rückzugsort und Ersatzzuhause, ist (über)lebenswichtig, unersetzbar und manchmal sogar Kult.