Schwarze Erziehung, brutale Ordnung

von Elena Philipp

Berlin, 8. Februar 2020. Was ist tief, dunkel und gefährlich? Ein Abgrund. Oder: die deutsche "Seele". Wer besitzt den Mut, hinein zu blicken, ohne zu blinzeln? Heiner Müller und Laibach! Hier der Dramatiker und Dichter, der Deutschlands düstere Deformationen in Worte fasste, dort Sloweniens Konzeptkunstklangkörper mit Hang zu Totalitarismen und Ambivalenz. Passt, fand die Journalistin Anja Quickert, die auch Geschäftsführerin der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft ist und nun Regisseurin von "Wir sind das Volk" im HAU.

Der "Was bin ich-Faktor"

von Christian Rakow

Berlin, 22. November 2019. Nachdem der letzte, vielgepriesene She-She-Pop-Abend mit seinem Titel Oratorium deutliche musikalische Akzente setzte und sogar in einem kollektiven Summen des Publikums gipfelte, hätte man hinter der Novität "Kanon" auch mehrstimmige Gesangsübungen vermuten können. Vielleicht etwas Kanon in D-Dur von Pachelbel oder "Bruder Jakob" oder so. Aber tatsächlich haben sich She She Pop den Kanon im kunsttheoretischen Sinne vorgenommen: als Bestand exemplarischer Werke. Es geht ihnen um die Sammlung herausragender, bleibender Theatererlebnisse.

Oh, erhabenes Zelluloid!

von Janis El-Bira

Berlin, 12. Juni 2019. Ein Kuss unter Teenager-Jungs und ein Kugelhagel umklammern diesen Abend. Der Kuss wird gespielt, die Schüsse kommen vom Band. Beide jedoch stammen aus einem anderen Kunstwerk, einem anderen Medium. "This is from Gus Van Sant's 'Elephant' – a film about teenage mass shootings in America", heißt es am Anfang und am Ende. Zu sehen ist von diesem "mass shooting" nichts, bloß zu hören. Und vom Rest von "Elephant" bleibt nur dieser wimpernzarte, sekundenkurze Kuss auf die Wange.

Reden in Scheinwerferkegeln

von Michael Wolf

Berlin, 9. Juni 2018. Vor zwei Jahren weinte Maryam Zaree bitterlich auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters. Sie spielt in der Premiere von Yael Ronens Denial die Tochter einer Iranerin, die von den Schergen der islamischen Revolution gefoltert wurde. Sie selbst kam im Gefängnis zur Welt, bevor die beiden in Deutschland Asyl fanden. Nie habe sie mit ihrer Mutter über die traumatische Vergangenheit sprechen können, jetzt sei es an der Zeit. Aber kaum erhob Zaree ihre Stimme, brach sie ihr schon wieder.

Auf Nimmerwiedersehen

von Christian Rakow

Berlin, 11. Juni 2019. Wer auf das malerische Küchenbühnenbild im Foto unten schaut, mit seinen blütenfrohen Tapeten samt Meisen im Geäst, der möge sich vorstellen, dass es geraume Zeit an diesem Abend im Theatersaal nach Gas riecht, dass fiese Feedbacks aus der Tonspur über die Szenerie fiepen, dass Sirenengeheul und anderes Gemeines am Gehörgang kratzt. Denn die auf den ersten Blick seidig zarte Ansicht ist auf Abgründigkeit und Schmerz angelegt.

Natürlichkeit ist eine Pose

von Christian Rakow

Berlin, 2. Mai 2018. Mit einer Zeichnung beginnt es: "Ich habe dich da auf dem Platz in der dritten Reihe gezeichnet", hebt Simon Will in seinem bergkristallenen, durch und durch tiefenentspannten britischen Englisch an, "und dann kam mir die Frau neben Dir dazwischen, die mit den lila Haaren, und also habe ich Euch beide gezeichnet. Ihr könnt die Zeichnung jetzt haben, am besten entscheidet Ihr selbst, wer sie kriegt."

Trinkröhrchen, Slipeinlagen, Dschihad

von Falk Schreiber

Berlin, 4. Mai 2019. Und wenn der Rohstoff einen Plan verfolgen würde? "Was, wenn das Öl etwas will?", fragt Lajos Talamonti verhältnismäßig früh in "Schwarze Ernte", der jüngsten Recherche von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura, die sich diesmal mit den Verflechtungen von internationaler Wirtschaft und islamischem Fundamentalismus am Beispiel Saudi-Arabiens auseinandersetzt. Talamonti jedenfalls ahnt, um was für einen Plan es gehen könnte: Vielleicht will sich die Natur der Menschheit entledigen und hat deswegen Öl im arabischen Wüstensand versteckt. Ein mythischer Gedanke, der überhaupt nicht passt zum trockenen, analytischen Theater, für das Kroesinger und Dura bekannt sind. Und der gerade deswegen eine beunruhigende Kraft entwickelt.

Wo das schlechte Gewissen einzieht

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 9. Februar 2018. Womit könnte das Theater als moralisierende Anstalt sich besser bloßstellen – als mit einem Brechtschen Lehrstück? Aber, so fragen She She Pop in ihrer neuen Arbeit "Oratorium" weiter, könnte diese Blamage nicht zu neuen Erkenntnissen führen, die Wir! Gemeinsam! Live! weiterverarbeiten können?

Heiterkeit is in the House

von Elena Philipp

Berlin, 29. März 2019. Liebe geht durch den Magen. Und auch eine Trennung muss man erst einmal verdauen: Ähnlichen Spruchweisheiten folgte das deutsch-britische Performancekollektiv Gob Squad offenbar bei der Suche nach einer theatralen Form für das Beziehungsende by Brexit. "I Love You, Goodbye" hätte eines langen Abends Reise in den Abschied werden sollen: Wäre alles nach Brexit-Plan verlaufen, hätte sich Großbritannien um Mitternacht des Premierenabends von der EU abgedockt. Doch bekanntlich kam alles anders, und so ist die fünfeinhalbstündige Performance in der Berliner Gob Squad-Homebase HAU nurmehr eine Probe für den historischen Präzedenzfall – im hysterisch humorvollen Hybridformat von Unterhaussitzung und Kochshow.

Am Puls der Zeit

von Esther Slevogt

Berlin, 18. Januar 2018. Zuerst wird der etwas aus der Welt gefallen klingende Titel erklärt. Er stammt nämlich aus dem neutestamentarischen Buch des Evangelisten Lukas. "Even the hairs of your head are all numbered", heiße es da in Kapitel 12, Vers 7, sagt der Co-Regisseur und Miterfinder des Abends Chris Kondek. Und dann: "Fear not!" Was hier natürlich bedeutet: die Behütung der Menschenwesen durch den Allerhöchsten ist so umfassend, dass wir nichts fürchten müssen. Im Laufe des Abends sollen wir dann erfahren, dass die Zähl- und Datenerhebungswut des Digitalzeitalters die Lage grundlegend verändert hat. Ins ausgesprochen Furchterregende nämlich.

Ein Chor erinnert sich

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 10. Januar 2019. Glamourös wird’s. Das bedeutet der rote Teppich, der draußen vorm HAU 1 ausgerollt ist, und das bedeuten die 13 Chorist*innen, die um kurz nach sieben in rotsamtenen Ganzkörperanzügen einem Minibus entsteigen und über den Teppich ins Theater schweben. Ihre langen, ebenfalls rotsamtenen Schals enden in schweifartigen Fransen – was schön aussieht und das spektakulärste Bild des knappen Abends vorwegnimmt. Rund ist er, meisterhaft einstudiert und offensiv charmant. Verstörend, wie – der Rede nach – einst Einar Schleefs Theater? Null.

Hallo Haribo

von Christian Rakow

Berlin, 10. Januar 2018. Es muss an die drei Jahre her sein, dass ich bei dem Bremer Talente-Festival "Outnow" zwei Männer in einem außergewöhnlichen Kleinkunstabend erleben durfte. Anarchisch, unterhaltungsversiert und zugleich meta-meta-raffiniert feierten und verballhornten sie Kabarett- und Varietétraditionen. Und es wollte mir scheinen, als treffe dabei eine politische Theaterkunst in der Nachfolge Bertolt Brechts auf den Nihilismus von Samuel Beckett, nur heiterer.

Abenteuerurlaub mit Familie Crusoe

von Esther Slevogt

Berlin, 19. Dezember 2018. Der französische Theatermacher Philippe Quesne ist vielleicht so etwas wie der Walt Disney des freien Theaters. Auch wenn er natürlich nie die hochgerüsteten Illusionsmaschinerien auffährt, mit denen der Disney-Konzern seine Welten baut. Die hinreißenden Theaterwelten von Philippe Quesne sind nicht weniger illusionär und verzaubernd, kommen aber mit viel weniger Mitteln aus: ein paar komischen Perücken, krude zusammengezimmerten Kulissen aus Pappmaschee, viel Musik und seltsam somnambul durch die Welt stapfenden Individuen, die immer ein bisschen zu trashig aussehen, um noch als echt durchzugehen. Und doch sehen sie meist aus wie Du und ich.

Utopieschleuder mit Unwucht

von Elena Philipp

Berlin, 10. Dezember 2017. Die Geburtsstunde des Haufen-Theaters ist eine zähe Angelegenheit. Erinnert der Szenenhaufen, den Showcase Beat Le Mot in ihrer Performance "Super Collider" auf die Bühne des Berliner HAU 2 kippen, doch etwas zu sehr an ihre eigene Beschreibung des titelgebenden Teilchenbeschleunigers: Darin tobe nicht das Leben, verkündet Veit Sprenger, während er sich in die Seile wirft, in die ihn die Bondage-Künstlerin Dasniya Sommer zuvor eingeknüpft hat. Ein Teilchenbeschleuniger, lässt der verschnürt pendelnde Performer wissen, ist "vor allem ein leerer Schlauch" – eine Kollision hat Seltenheitswert. So wie an diesem Abend die Momente, in denen es produktiv knallt. Und doch…

Die Zeitbombe tickt nicht ganz sauber

von Esther Slevogt

Berlin, 6. Dezember 2018. Der Wendepunkt besteht aus einem kleinen Ständer mit zehn Röhrchen. In diesen Röhrchen sollen sich Bakterien befinden. Unsichtbarkeitsbakterien zum Beispiel, aber auch ein Unsterblichkeitsbakterium. So richtig gut sind die Aufschriften nicht zu lesen, und wir müssen uns schnell entscheiden, hier im Kinderzimmer des achtjährigen Nerd-Kindes Hans Hövel, wo er zwischen Spielzeug, Puppen und Kinderbett an einem Serum mixt. Die ersten Zutaten, eine basische Lösung und rätselhafte Enzyme, sind bereits in dem kolbenförmigen Reagenzglas zu einer grünlich-schäumenden Lösung zusammen gerührt.

Der Wille zum schelmischen Konter

von Christian Rakow

Berlin, 27. Oktober 2017. Wer bei She She Pop noch den geselligen Schlager "Something Stupid" im Ohr hat, den einer ihrer Väter zum legendären Generationen-Abend Testament beisteuerte, der sollte sich hier ganz schnell ausstöpseln. Denn das ist schon ziemlich anders, was da in "The Ocean is Closed" auf der Hinterbühne des HAU1 auf einen zu rauscht.

Mehr Tempo, mehr Glück, mehr Macht

von Simone Kaempf

Berlin, 14. November 2018. Die Frauen hat er gewechselt wie seine Berufe. Franz Jung war KPD-Mitglied (und Abweichler), Schriftsteller, Dadaist, Überlebenskünstler, der die expressionistischen Zirkel aufmischte, eine kommunistische Splitterpartei gründete, sich verbündete und verkrachte. "Seine Vorliebe für den Berliner Sportclub Minerva blieb immerhin", heißt es einmal spöttisch eingeworfen an diesem Abend, der das bewegte, vergrabene Leben dieses Franz Jung, 1888 geboren und 1963 gestorben, am Berliner HAU ins Rampenlicht holt.

High on Fassbinder

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 28. Juni 2017. 17 Schauspieler*innen verbeugen sich zum Applaus, und jede*r von ihnen hat mindestens dreimal das Kostüm gewechselt. Gut, die Bühne ist nur ein nach hinten zur Leinwand hochgeklappter weißer Bodenbelag, und als Requisiten müssen ein paar Stühle und Sessel unterschiedlicher Machart reichen. Trotzdem ist hier gerade zwei Stunden lang eine Materialschlacht geschlagen worden, wie man sie sonst eher aus gut ausgestatteten Stadttheatern gewohnt ist.

Ein Fest der Verweigerung

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 29. Juni 2018. Das hat noch nie Spaß gemacht. Nüchtern dabei zu sein, wie andere einen Drogentrip erleben. Und wenn sie dann auch noch anfangen, dich darüber zu belehren, wie schön alles ist. Und dass du dich einfach mal entspannen solltest. "Relax" steht groß auf einer Leinwand, die irgendwann während des ersten Teils von "The Last Goodbye / Vibrant Matter" aus dem Bühnenhimmel fällt und die backsteinerne Hinterwand des HAU 1 verdeckt. Als das passiert, hat dieses Spaßbremsengefühl sich schon eingestellt im Kritikerinnen-Kopf – denn was Benny Claessens, der beim diesjährigen Theatertreffen für seine Rolle in Falk Richters "Am Königsweg" mit Tschingderassabumm den Alfred-Kerr-Preis verliehen bekam, nun im HAU inszeniert, ist eine einzige Feier des ironischen Bruchs.

Wahrheit erspielen

von Simone Kaempf

Berlin, 27. April 2017. In den letzten Minuten versagt die Übertitelung aus dem Arabischen. Vielleicht hat Regisseurin Laila Soliman die Übersetzung auch bewusst abgeschaltet, und am Ende spricht nur noch die Musikerin, die ihre Geige zupft und mit dem Fuß immer langsamer aufstampft. Die Botschaft ist an dem Punkt eh' unmissverständlich: in ihrem Ringen um eine historische Wahrheit haben die Frauen auf der Bühne keine Chance. Was bleibt, sind melancholisch-atmosphärische Klänge und die bange Frage einer der Frauen, wie man allein auf sich zurückgeworfen mit den widersprüchlichen Erinnerungen denn nun umgehen wird.