"Nur spielen reicht nicht mehr"

von Georg Kasch

6. Juni 2019. Urlaub, Seenplatte, Herzogtum: Wer an die kleine Stadt Neustrelitz im östlichen Mecklenburg denkt, hat selten zuerst das Theater auf dem Schirm. Dabei wird dort seit knapp 250 Jahren gespielt. Im Landestheater – außen 20er-Jahre-Klassizismus, innen Charme der frühen DDR – residiert ein Mehrspartenhaus mit Oper, Schauspiel, Ballett, Orchester und Bürgerbühnenformaten. Deutsche UNESCO-Stadttheaterlandschaft in der Nussschale. Und wie an vielen größeren Häusern zeigt sich auch hier der tägliche, unterfinanzierte Kampf um die kulturelle Vielfalt, um das Publikum, aber auch um Details wie Saumfassungen und Akzente im Klavierauszug.

Trommelfeuer der Erinnerung

von Christian Rakow

Berlin, 15. Mai 2019. An einschlägigen Berliner Orten wie dem Alexanderplatz oder dem Checkpoint Charlie stößt man auf wackere Händler, die mit Souvenirs einer versunkenen Epoche ihren Unterhalt verdienen. DDR-KFZ-Kennzeichen finden sich dort auf den Tischen, Matrjoschkas, Fähnchen und natürlich zuhauf Militärkram, Abzeichen, Offiziersmützen, Gasmasken. Als Objekte einer Erinnerungskultur haben sie längst ausgedient. Ihren zweifelhaften Wert beziehen sie aus der maximalen Distanz zum Herkunftskontext. Wer hier kauft, muss über die NVA oder die Rote Armee so wenig wissen wie über Trabis oder Demonstrationen am 1. Mai mit Arbeiterfähnchen. Die jeglicher Signifikanz beraubten Gegenstände funktionieren allenfalls noch als blasse Marker einer exotischen Andersheit. Eine eigene Sprache haben sie nicht mehr.

Etwas Besseres als den Theatertod finden wir überall

von Esther Slevogt

24. April 2019. So was nennt man wahrscheinlich Künstlerpech. Gerade erst wurde der Lebkuchenmann auf der Probe des Weihnachtsmärchens am Seil in die Höhe gezogen, da mahnt ein Techniker auch schon die gewerkschaftlich verordnete Ruhezeit an. Der Regisseur will weiterprobieren. Wenigstens diese Szene noch. Schließlich ist das hier ja kein Amt, sondern ein Theater. Aber er kann sich nicht durchsetzen. Die Bühne leert sich. Bloß der Lebkuchenmann zappelt noch in der Luft. Keiner fühlt sich zuständig, den Ärmsten aus seiner misslichen Lage zu befreien. Ruhezeit eben.

Soll man ihn freisprechen?

von Gabi Hift

Berlin, 10. Februar 2019."Reptil!", "Hersteller künstlicher, eitler und unnützer Bücher!" – so und noch ärger hat Bertolt Brecht über Thomas Mann gelästert. Vor 15 Jahren stand dieses Reptil im Zentrum eines Dreiteilers "Die Manns – Ein Jahrhundertroman", der so erfolgreich war, dass die Familie Mann seitdem als so etwas wie die deutsche Königsfamilie gilt. Und nun hat sich der Schöpfer dieses Dokudramas, Heinrich Breloer, für sein neues Projekt ausgerechnet den ausgesucht, der seinen ersten Helden so gehasst hat.

Der Sommer kurz vor dem Kometeneinschlag

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 6. November 2018. Der Regisseur Kirill Serebrennikow steht in Moskau vor Gericht, er soll als künstlerischer Leiter des Moskauer Gogol Center Geld veruntreut haben. Stichhaltige Beweise liegen nicht vor, die jetzt angelaufene Gerichtsverhandlung wurde lange hinausgezögert. Es riecht nach Schauprozess, und Serebrennikow ist längst zu einer Symbolfigur geworden. Der Hashtag #FreeKirill kursiert – zumindest im Westen, wo natürlich auch gerne Unfreiheit und Schurkentum auf Russland projiziert werden.

Einmal in dem tristen Leben einem Mann mich hinzugeben

von Gabi Hift

11. September 2018. "Siehst du den Mond über Soho?"– "Ich seh ihn, Lieber". – Keinen Pappmond, der von oben herunterfährt, sondern einen, der über dem Wasser aufsteigt, denn wir sind nicht im Theater sondern im Kino. Die Liebesleute, Mackie Messer und seine minderjährige Braut Polly, fahren Boot. Von einer Brücke schaut Brecht, gespielt von Lars Eidinger, auf seine Geschöpfe hinunter und erklärt seinem Begleiter, dem Filmproduzenten Nebenzahl, wie er sich die Szene vorstellt: "Am Ruder: sie", sagt er, und: "Ein oder zwei Monde genügen." Sofort geht pflichtschuldig ein zweiter Mond auf – da ist also hinter der Kamera jemand am Werk, dem dran liegt, Brechts Phantasien akkurat umzusetzen. Man kann ja dran zweifeln, ob Brecht das mit den zwei Monden so wortwörtlich gemeint hat, aber als gleich drauf eine Balletttruppe in weißen Gewändern auf dem Gehweg auftaucht und eine schreckliche Verliebt-im-Mondlicht-Choreographie aufs Pflaster zuckert, gibts nichts mehr zu zweifeln: das kann Brecht nie und nimmer gewollt haben!

Ich hasse diesen Heimatkram

von Elena Philipp

Berlin, 22. März 2018. Vater und Sohn im düsteren Wirtshaussaal. Die Mutter ist gestorben, letzte Gäste kehren dem Leichenschmaus den Rücken. Neben Tortenresten und einem Haufen Fotos sitzen der Seewirt Pankraz und sein Erbe Semi, trinken, rauchen – und steigen hinab in den Schacht der Erinnerung. Auf seinem Grund: alte Schuld.